Zahlen zur Berufskraftfahrer-Ausbildung

Diesel im Blut

Foto: Jan Bergrath
Meinung

Wohl coronabedingt ist die Zahl der Verträge zur dreijährigen Berufskraftfahrerausbildung um knapp 15 Prozent gesunken. Mittelständische Unternehmen lassen sich dennoch nicht abhalten, weiterhin junge Menschen für die Transportbranche zu gewinnen. Auch wenn es immer schwerer wird.

Es ist immer ein großer Vorteil, wenn eine Spedition einen Fuhrparkleiter hat, der den Beruf selbst von der Pike auf gelernt hat und diese Leidenschaft für den Lkw an sich an die junge Generation weitergeben kann. Thomas Schnelle, Fuhrparkleiter bei GÜBAU in Wolfsburg, ist so ein Beispiel. Er hat, auch wenn bei GÜBAU nun immer mehr LNG-Fahrzeuge in die Flotte kommen, den sprichwörtlichen „Diesel im Blut“. Von 1993 bis 1995 absolvierte Schnelle selbst seine dreijährige Lehre zum Berufskraftfahrer bei der Spedition Wandt in Brauschweig, ebenfalls eine der regionalen Säulen der konsequenten Fahrerausbildung. Dann zog es ihn schnell in die Ferne. „Ich wollte als junger Mann etwas von der Welt sehen und habe daher sehr viel ausprobiert“, so Schnelle.

Mit der Geburt seiner ersten Tochter und beginnenden gesundheitlichen Problemen entschied sich Schnelle 2017, vom Lkw zu gehen und eine Umschulung als Kraftverkehrsmeister mit Ausbilderschein zu absolvieren. Im September 2018 bekam er auf Anhieb seine heutige Stelle als Fuhrparkleiter bei GÜBAU und ist dort seither verantwortlich für die 34 eigenen Lkw, die im Wechselschichtbetrieb im Bereich der Automobillogistik eingesetzt sind, die 70 eigenen Fahrer und die derzeit insgesamt vierzehn BKF-Auszubildenden in drei Jahrgängen. „Gegen den Trend ist es uns wohl doch gelungen, auch im neuen Ausbildungsjahrgang seit August 2020 sechs neue jungen Menschen für uns zu gewinnen“, so der heute 44-jährige Schnelle nach Ansicht der aktuellen Zahlen zur Bkf-Ausbildung. „Auch wenn diesmal einige der Bewerbungen zeitlich sehr knapp kamen.“

Rückgang in allen Bereichen

Wie unsere jährlich weitergeführte Grafik zeigt, ist laut den Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge der dreijährigen BKF-Ausbildung von 3.593 im Jahrgang zuvor auf 3.062 um 14,8 Prozent gesunken. „Wir hatten letztes Jahr den Beginn der weltweiten Coronapandemie“, erinnert Martin Bulheller, Pressesprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). „Was im Zusammenhang mit einem immer kleiner werdenden Anteil junger Menschen, die sich überhaupt für eine Berufsausbildung entscheiden, dazu geführt hat, dass laut IHK-Statistik die Zahl aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bundesweit von 300.059 im Jahr 2019 auf 264.039 im Jahr 2020 zurückging. Dies entspricht einem Minus von zwölf Prozent.“

Foto: Grafik: ETM
Ausbildungszahlen im Überblick

Auch die vom DIHK ebenfalls ermittelte Zahl der abgeschlossenen Umschulungen der regulären beschleunigten Grundqualifikation sank nach vorheriger kontinuierlicher Steigerung von 17.487 im Jahr 2019 auf 14.954 Personen, die 2020 die Prüfungen bestanden haben.

Auch hier spielte offenbar die Corona-Lage eine große Rolle. An einzelnen Standorten konnte zeitweise kaum geprüft werden, zudem musste bedingt durch die Auflagen in kleineren Gruppen geprüft werden. „Ein richtiges Fass lässt sich damit zum Glück nicht aufmachen“, so Bulheller. Die Zahl der bestandenen Prüfungen bleibt mit rund 1.800 Absolventinnen und Absolventen mehr oder weniger gleich. „Freuen wir uns doch einfach darüber, dass der Anteil weiblicher Bkf-Azubis seit Jahren kontinuierlich steigt und bald Richtung zehn Prozent geht. Hier tut sich wirklich etwas in Sachen Gleichberechtigung. Und keiner berichtet darüber.“

Vier junge Nachwuchsfahrerinnen bei GÜBAU

Das ist allerdings angesichts meines letztjährigen Blogs „Frauen am Steuer“ nicht ganz richtig. Und nun berichten wir auch noch, dass unter den vierzehn Auszubildenden, darunter alleine sechs, die Schnelle im vergangenen Jahr neu eingestellt hat, gleich vier junge Frauen sind. Schnelle hat dazu mitten in der Corona-Krise sehr erfolgreich mit der IHK Lüneburg-Wolfsburg zusammengearbeitet - über online-Speeddating, wie das Beispiel der jungen Fahrerin Ann-Katrin Müller zeigt. Weil er sich über jeden Bewerber ein persönliches Bild machen will – und sei es, zunächst am Bildschirm. Dennoch: Zahlreiche Ausbildungsstellen blieben laut der IHK unbesetzt – auch wegen der fehlenden Möglichkeiten zur Berufsorientierung aufgrund der Corona-Krise. Für Schnelle kein Problem. „Drei von fünf Bewerberinnen oder Bewerbern haben nach meiner Erfahrung wirklich Lust auf den Beruf, und die bleiben meist auch dabei.“

So wie aktuell Vincent Arenhövel, der ebenfalls im Augst 2020 angefangen hat, durchlaufen die Azubis erst die Stationen Werkstatt und Disposition, bevor sie in Vollzeit vier Wochen lang bei der Fahrschule Rüdebusch in Brauschweig den Lkw-Führerschein machen. Für Arenhövel ist es mit 26 Jahren nach der ersten Lehre zum Metallbauer bereits die zweite Ausbildung. Zwischenzeitlich fuhr er für er für den Arbeiter Samariter Bund Transporter. „Ausbildungspaten“, also langjährige Lkw-Fahrer bei GÜBAU, führen den Nachwuchs langsam an den mobilen Beruf heran. Das hat sich bewährt. „Ich würde daher auch begrüßen, wenn der Lkw-Führerschein mit 17 Jahren im Rahmen des begleiteten Fahrens kommt“, so Schnelle. Hierzu ist auf politischer Ebene allerdings immer noch keine Entscheidung gefallen. Und für Arenhövel ist ein entscheidender Grund, seine Ausbildung bei GÜBAU zu machen, die kompetente Betreuung und das gute Betriebsklima. Dazu kommt noch das Thema des betrieblichen Gesundheitsmanagements, über das wir ausführlich in unserem Portrait über GÜBAU im Heft 7 des FERNFAHRER berichten.

Qualität der Bewerbung schlechter geworden

Auf der anderen Seite der A 2 macht sich Anthony Wandt, Geschäftsführer der Spedition Wandt, ebenfalls Gedanken über den leichten Rückgang der Ausbildungsverträge. Aktuell hat Wandt 45 Lkw und 60 Fahrer. Das Unternehmen bildet konsequent seit 1976 aus, hat aber auch die eigene Flotte parallel zum Ausbau rein logistischer Aktivitäten etwas verkleinert. „Grundsätzlich haben wir eine konstante Anzahl an Bewerbern“, so Wandt. „Diese ist in den letzten Jahren etwas zurück gegangen, aber sie reicht dennoch aus, um im Schnitt vier Auszubildende pro Jahr einzustellen.“ Innerbetrieblich haben sich Wandt und seine Schwester Aline, die den Personalbereich verantwortet, aber bereits die Frage gestellt, welche berufliche Besserstellung die klassischen dreijährigen Auszubildenden im Vergleich zur dreimonatigen Schnellausbildung tatsächlich haben. Auch diese Frage haben wir in einem Faktencheck beantwortet. Sie spielt eigentlich nur eine Rolle beim Thema Arbeits- oder Berufsunfähigkeit. Finanziell hat sie in der Regel keine Bedeutung oder Besserstellung.

„Auch ist die Qualität der Bewerbungen schlechter geworden“, so Wandt, „während auf der anderen Seite das Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein bei den Auszubildenden leider nachgelassen hat, auch wenn wir gerade ein paar gute Leute im Betrieb haben.“ Dass die Wertschätzung für den Beruf gerade auch in der Gesellschaft grundsätzlich gesunken ist, hat auch die Umfrage der RWTH gezeigt. Dazu sei der Betreuungsaufwand der Auszubildenden auf persönlicher Ebene anspruchsvoller und aufwendiger geworden, die Abstimmung mit der IHK dagegen schwieriger. „Auch die Ausbildung selbst entspricht nicht mehr den Anforderungen des Berufsbildes“, stellt Wandt fest. „Der Anteil rein administrativer und kaufmännischer Aufgaben hat im Vergleich zu den technischen Aufgaben im Alltag der Fahrer zugenommen.“

Branche wird nicht wahrgenommen

Auch Dachser hält nach eigenen Angaben an seiner Offensive zur Ausbildung fest. Bei Barth in Burladingen wiederum, macht sich Ausbildungs- und Fuhrparkleiter Michael Pfister Gedanken. Ein junger Mann wie Boris Sauter, der die duale Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, derzeit im Nahverkehr unterwegs ist, wird nun ebenfalls den Kraftverkehrsmeister machen. „Wir wissen es auch nicht so recht“, antwortet Pfister auf die Frage nach dem Rückgang. „Liegt es dieses Jahr an den ausgefallenen Schulveranstaltungen, den Ausbildungsmessen oder dem Homeschooling, wo die Berufe durch die verschiedenen Betreuer von der Arbeitsagentur für Arbeit vorgestellt werden?“

Zusammen mit den Barth Niederlassungen wurden laut Pfister bislang 80 Azubis ausgebildet, 50 haben diese Ausbildung auch erfolgreich abgeschlossen. Und er nennt einige der schon bekannten grundsätzlichen Probleme. „Für viele junge Menschen bietet der Beruf keine wirklichen Perspektiven. Ein ewiges Dilemma ist die Diskrepanz zwischen dem Arbeitslohn und dem Arbeitsaufwand beziehungsweise der Arbeitszeit.“ Was aber auch zu einem Teil miteinspiele, sei die Branche selbst. „Diese wird einfach von der Politik und den Nachrichten nicht wahrgenommen. Auch nach außen bekommen wir es nicht richtig hin, unsere Branche als Anreiz für junge Leute zu begeistern.“

Liegt es am Ende doch am Diesel im Blut?

In der Tat: Die seit Beginn der Corona-Pandemie anhaltende Debatte um die in der Not so systemrelevanten Lkw-Fahrer zeigt, dass vieles Lippenbekenntnisse sind, auch wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Fernsehen unlängst sogar persönlich bei den Fahrerinnen und Fahrern für ihren Einsatz bedankt hat. Kaufen, im wahren Sinne des Wortes, kann sich davon niemand etwas. „Wenn ein Automobilwerk den Schnupfen bekommt, kommt es sofort in den Medien“, klagt Pfister. „Unsere Branche hatte schon lange vor Corona die Grippe und keinen hat es interessiert.“ Rettet am Ende doch die familiäre Prägung das Gewerbe? Liegt es am Ende doch am Diesel im Blut? Die Geschichte von Joachim „Joe“ Dieterich scheint es zu belegen.

Als Kind schon hatte Joe seinen Vater auf dessen Touren begleitet und dann mit 17 Jahren in einer Fernverkehrsspedition in Herbrechtingen seine zweijährige Bkf-Ausbildung begonnen. "Mein jüngerer Sohn Jan kann es mit seinen 14 Jahren kaum erwarten, wenn ich am Freitag nach der letzten Tour mit ihm zusammen in unsere Waschhalle fahre", erzählt Joe. "Jede freie Zeit nutzt er, um mich zu begleiten. Das war genauso wie bei mir und meinem Vater Manfred, der vor zehn Jahren verstorben ist. Die Zeit mit ihm im Lkw hat mich geprägt." Auch Robin, der 15-jährige Sohn von Michael Pfister, ist laut Aussage seines Vaters bereits Feuer und Flamme für den Fahrerberuf. „Er ist momentan mit einigen Leuten aus der Fahrerszene in Kontakt, um Werbung zu machen. Aber selbst er sagt mittlerweile, es ist echt schwer, junge Menschen für den Beruf zu begeistern.“

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