Lkw-Fahrerinnen

Frauen am Steuer

Tina Thamm Foto: Jan Bergrath

Nur 1,9 Prozent aller 572.248 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Berufskraftfahrer im deutschen Transportgewerbe sind Frauen. Da ist noch Luft nach oben.

Nicht selten sind Fahrerinnen schon in der Berufsschule engagierter als ihre zukünftigen Kollegen. Sie finden auch meist genau die Stelle, die zu ihnen passt, und in der sie von ihren Arbeitgebern zudem meist als höchst zuverlässig beschrieben werden.

Hauptkommissar Beck aus Berlin hat eine ziemlich eindeutige Meinung: „Nach Auffassung der Polizei sind die Damen am Lenkrad weitaus vorsichtiger in ihrer Fahrweise als es die männlichen Geschlechtsgenossen sind. Sie sind nicht nur vorsichtig. Sie sind teilweise auch umsichtiger. Und nach unseren Erfahrungen fahren sie weitaus defensiver und haben auch nicht sportlich ehrgeizige Ambitionen.“ Es ist ziemlich genau das, was auch Clemens Stanzel, langjähriger Bereichsleiter für die dreijährige Ausbildung der Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer am Berufskolleg in Simmerath über seine jungen Schülerinnen sagt. „In den Fuhrparks gehen sie weitaus pfleglicher mit den Fahrzeugen um und fahren nicht selten auch noch wirtschaftlicher.“

Gut, die Aussage des Berliner Polizisten ist 56 Jahre alt und stammt aus dem Beitrag „Frau am Steuer“ der ZDF Drehscheibe vom 10. 9. 1964. Dort wo es ebenso heißt: „Selbst Fernlastzüge sind vor Frauen nicht mehr sicher.“ Einer Zeit, in der die Ehefrau eines leider unbekannten Fuhrunternehmers offenbar ohne das Wissen ihres Mannes den Führerschein der Klasse 2 machte und ihm diesen dann als Überraschung aufs Kopfkissen legte, um ihn zu unterstützen, weil Not am Mann, sprich: Fahrermangel war. Dabei zeigen es die Erfahrungen aus den deutschen Fuhrparks, dass die heutigen Berufskraftfahrerinnen schon in der Schule eigentlich die Nase vorn haben, wie Clemens Stanzel weiß. „Sie sind nicht nur im Unterricht konzentrierter, sondern haben in der Regel auch die besseren Noten.“ Ein ideales Thema also für eine sachliche Diskussion bei FERNFAHRER live am Donnerstag, dem 27. August. Siehe dazu den Terminhinweis.

Die reinen Zahlen – und die große Liebe zum Lkw.

Wie Nina Zimmermann und Miriam Schwarze vom Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) berichten, waren am 31.12.2019 nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 572.248 Personen als Berufskraftfahrer im Güterverkehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Lediglich 10.940 (1,9 Prozent) waren Frauen. Die DIHK-Ausbildungsstatistik weist für 2019 insgesamt 7.848 BKF-Ausbildungsverträge aus; 3.593 wurden 2019 neu abgeschlossen. 2019 waren es 575 weibliche Auszubildende (7,3 Prozent); 2018 waren es „nur“ 514, das bedeutet einen leichten Anstieg um 12 Prozent. Dazu gehört auch Juliane Ritter. Sie ist 31 Jahre alt und hat zwei Töchter mit elf und zwölf Jahren. In der Sendung 30 von FERNFAHRER Live hat sie bereits durch ihre kompetenten Aussagen zum Thema Abstandsverhalten auf der Autobahn das Herz vieler Zuschauer gewonnen.

Juliane Ritter Foto: Juliane Ritter
Juliane Ritter

Hals über Kopf hat sie durch einen guten Freund ihre große Liebe zum Lkw gefunden und sich entschieden, im Oktober 2019 ihre Anstellung beim Landkreis Marburg-Biedenkopf aufzugeben und stattdessen eine Ausbildung als Berufskraftfahrerin bei der Firma Kreiling Entsorgungsfachbetrieb in Gießen angefangen. Nach Ostern hat sie den C/CE Führerschein bestanden und fährt seitdem täglich im Nahverkehr zwischen Marburg und Wetzlar mit Absetz- oder Abrollcontainer. „Ich habe es nicht eine Sekunde bereut, diesen Schritt gegangen zu sein“, sagt sie, „auch wenn es mehr Stress und weniger Zeit mit meinen Töchtern bedeutet. Lkw zu fahren ist meine Berufung und das, was ich bis zur Rente machen möchte.“

Wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren?

Als Ergebnis einer breit angelegten Fahrerbefragung aus 2018 mit über 4.000 Kraftfahrern konnte der BGL zur Frage, wie sich Beruf und Familie vereinbaren lassen, folgendes Resümee ziehen: Danach beurteilen knapp 60 Prozent der Befragten die Vereinbarkeit von Familie und Freizeit, also dem Privatleben und dem Beruf als problemlos (10 Prozent) oder mit Einschränkungen (49 Prozent) möglich. Es ist laut BGL kein spezifisches Frauenproblem, wenn man in der Partnerschaft/Familienrolle gleichberechtigt ist. So sieht es auch Verena Balogi. Die vierfache Mutter wohnt mit ihrer Familie in Salzgitter und ist seit anderthalb Jahren bei der Spedition GÜBAU aus Wolfsburg beschäftigt, wie es in einem wunderbaren Blog von Flow Wolf ausführlich geschildert wird.

Verena Balogi Foto: Verena Balogi
Verena Balogi

Zur Anlieferung von VW-Teilen arbeitet sie im Drei-Schicht-Betrieb. Vor zwei Jahren, so heißt es, entschloss sie sich, die Umschulung zur Berufskraftfahrerin zu machen – sie wollte endlich ihren Traumberuf ausüben. An ihrem Job am Lkw-Steuer schätzt Verena neben der hohen Eigenverantwortung und dem Fahren ihr Team und ihren Fuhrparkleiter, Thomas Schnelle, der auch für die Ausbildung des Fahrernachwuchses verantwortlich ist. Der schätzt sie als „sehr durchsetzungsfähig“ ein. Bei vier Kindern kann es schon mal vorkommen, dass sie eher gehen muss. „Das ist hier kein Problem“, hat Verena geschildert. „Schichtende ist hier auch wirklich Ende. Ich kann gut planen und habe einen verlässlichen Tagesablauf.“

Die innerbetrieblichen Voraussetzungen für die Ausbildung von Fahrerinnen

Die innerbetrieblichen Voraussetzungen für die Ausbildung von Fahrerinnen sind genau die gleichen wie für männliche Azubis, sagt der BGL, allenfalls fehle es bei manchen Frauen etwas an der körperlichen Kraft, wie etwa beim Aufnehmen von Wechselbrücken, dem Abladen von Paletten oder beim Reifenwechsel, den aber heute auch kaum noch ein Fahrer selber macht. Dem kann man laut BGL durch ein modernes und gut gewartetes leichtgängiges Equipment begegnen, dem Einsatz von Hilfsmitteln und natürlich Wartungsverträgen für Reparatur und Reifenwechsel. Wobei es, so die grundsätzliche Meinung, vor allem wiederum die Frauen dem jeweiligen Fuhrparkleiter durch den erwiesenermaßen pfleglichen Umgang mit dem Equipment danken.

Fuhrparkleiter Thomas Schnelle jedenfalls ist davon überzeugt, dass sich für den Beruf begeisterte Frauen in der Transportbranche immer durchsetzen werden. „Fertig ausgebildet haben wir bislang eine Fahrerin“, so Schnelle. „Momentan befinden sich vier noch in der Ausbildung und zwei Frauen fahren fest bei uns. Ihre Stärken sind sicherlich, dass sie etwas penibler sind, was die Sauberkeit des Fahrzeugs angeht, und dass sie sich direkt an mich wenden, wenn mal etwas nicht so läuft. Ich denke auch, sie haben in der Ausbildung etwas mehr Ehrgeiz.“

Die Work-Live-Balance und die familiäre Situation

Auch bei diesem Thema sind die individuelle Situation und gerade die Familiensituation entscheidend. In der Tat werden laut BGL Frauen eher im Nahverkehr oder für Tagestouren eingesetzt, was sich allerdings mittlerweile auch für so manche Fahrer erweist, die aus dem Fernverkehr in den Nahverkehr wechseln wollen. Jeder hat seine bevorzugten Touren, so der BGL, abhängig vom individuellen Typ, Familiensituation, der „Work-Life-Balance“ und, ganz aktuell am Beispiel Corona, unvorhergesehenen Ereignisse. „Auch Männer mussten schon daheim bei den Kindern bleiben“, so der BGL. „Und unabhängig vom Geschlecht fahren manche Arbeitnehmer lieber Nachtschicht und manche lieber Nahverkehr.“

Christina „Tina“ Thamm, die wir bereits 2018 im Rahmen unserer Serie Profi im Profil als Tankzugfahrerin bei Talke in Hürth vorgestellt haben, fährt bereits seit 1979 Lkw, weil sie früh gemerkt hat, dass ein stationärer Job nichts für sie ist. Mittlerweile ist sie bei Talke eine von zehn Ausbildungsfahrern, zeigt jungen Fahrerinnen und Fahrern, worauf sie unterwegs achten müssen. Die Kinder sind längst erwachsen, und sie hat Freude am internationalen Fernverkehr, ist viel in Frankreich unterwegs. In der Ruhe liegt die Kraft "Dass man sich heutzutage als Fahrer oder Fahrerin überhaupt so oft aufregt, kann ich nicht verstehen. Daher fahre ich auf kurzen wie auf langen Strecken immer gelassen und immer vorausschauend."

Der Konflikt zwischen Männern und Frauen

Die nachfolgenden Fragen gehören mit zum Thema. Wie hoch ist der Anteil der Beschwerden von Fahrerinnen und um welche Probleme handelt es sich dabei? Gibt es einen erkennbaren Konflikt zwischen Männern und Frauen unterwegs auf Tour? Auch darauf hat der BGL die entsprechenden Antworten: „Eventuell gibt es noch den einen oder anderen ewig-gestrigen Frauenkritiker, so wie bei allen männerdominierten Berufen“, heißt es aus Frankfurt. „Und natürlich ist es unterwegs, etwa auf schlecht beleuchteten Parkplätzen mit schmutzigen sanitären Anlagen, nicht immer angenehm für Frauen.“ Insgesamt erfahren Frauen unterwegs aber auch viel Hilfsbereitschaft – sowohl von Kollegen als auch an der Be- und Entladestelle. „Nicht selten sind Frauen einfach charmanter und werden an der Rampe zügiger abgefertigt“, weiß der BGL zu Recht. Aber es gilt auch hier das grundsätzliche Prinzip. „Wie man in den Wald hereinruft…“

Tina Thamm, die allerdings in der Corona-Krise schon eine etwas angestiegene Form der männlichen Anmache in den sozialen Medien beklagt, hatte die grundsätzliche Problematik schon vor zwei Jahren auf ihre ureigene offene Art angesprochen: "Sage ich bei den typischen Männergesprächen an der Ladestelle nichts und mache einfach nur meine Arbeit, dann gelte ich als hochnäsig oder arrogant. Schließe ich mich den manchmal derben Witzen an, bin ich hinterher eine Schlampe." Aber das lässt sie kalt – wie vieles andere im Beruf.

Wie können schließlich noch mehr Frauen für den Beruf geworben werden?

Auch hier weiß der BGL: „In jedem Fall muss man viel mehr Werbung für unsere Branche machen, zeigen wie wichtig und vielfältig wir sind. Und es muss sich am Image etwas tun - überfüllte Parkplätze, kampierende osteuropäische Fahrer und vieles mehr wirken geradezu kontraproduktiv.“ Und trotz mancher aktueller Nackenschläge für das Transportgewerbe, die vor allem auf politischer Ebene gelöst werden müssen, passt es sehr gut, dass der BGL jetzt endlich den Förderverein PROFI - Pro Fahrer-Image tatsächlich eingetragen hat. „Der Berufseinstieg könnte zum Beispiel auch mit Teilzeitarbeit erleichtert werden“, so der BGL. Und wir brauchen gute weibliche Vorbilder, die andere Frauen überzeugen können, diesen Weg zu gehen. Wir denken daher, mit Christina Scheib eine tolle, authentische Botschafterin für Berufskraftfahrerinnen gefunden zu haben.“

Christina Scheib Foto: Christina Scheib
Christina Scheib

In der Tat ist die charismatische „Prinzessin“ Christina Scheib, vielen Fahrern natürlich aus der TV-Serie „Asphalt Cowboys“ bekannt, seit dem ersten April 2019 für den BGL als Botschafterin tätig und seit Februar 2020 fest beim BGL-Süd angestellt. Sie hat eine Mission und formuliert sie als Botschaft für alle Lkw-Fahrer: „Gebt nicht auf, wir sind wahnsinnig wichtig für die Gesellschaft!“ So hat sie es im Gespräch mit der Redaktion von Eurotransport gesagt und, extra für die weiblichen Fahrer, hinzugefügt: „Lebt eure Träume! Frauen sollen sich mehr trauen!“ Ihr Traum sei es schon immer gewesen, sich für Frauen einzusetzen – auch für die, die schon vor ihr „da waren“.

Terminhinweis.

Am Donnerstag, dem 27. August ab 17 Uhr sprechen wir bei FERNFAHRER Live über „Frauen am Steuer“. Über alle in diesem Blog bereits angesprochenen Themen. Mit folgenden wunderbaren Gästen: Miriam Schwarze und Nina Zimmermann vom BGL, Verena Balogi, Juliane Ritter, Christina Scheib und Tina Thamm. Und mit der bezaubernden Moderatorin Christina Petters. Ob der Autor des Blogs als einziger Mann in dieser Runde überhaupt zu Wort kommen darf, wird sich erst am Tag der Sendung erweisen. Wir freuen uns.

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