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Die Baustellen auf der Schiene Teurer Bahnstrom, schlechte Pünktlichkeit

Foto: DB AG/Daniel Korbach

Schiene stärken, Rückverlagerung auf die Straße verhindern – worauf es ankommt, erläutert Matthias Gastel, Verkehrspolitiker der Grünen mit den Schwerpunkten Bahn und Logistik, gegenüber der Fachzeitschrift trans aktuell.

trans aktuell: Herr Gastel, nach dem Baustellen- folgt der Preisschock. Der Preis für Bahnstrom ist bis zu dreimal so hoch wie vor einem Jahr. Das trifft auch die Güterbahnen und deren Kunden. Kommt es zu einer Rückverlagerung auf die Straße?

Gastel: Keiner kann ein Interesse daran haben, dass die Güter entweder wieder auf die Straße kommen oder mit einer Diesellok auf der Oberleitungsstrecke gefahren werden. Unternehmen haben in der Regel längerfristige Stromlieferverträge – auch die Güterbahnen. Das Erwachen kommt wahrscheinlich erst später, wenn die Verträge auslaufen. Etwas Entlastung wird die Senkung der EEG-Umlage bringen, die perspektivisch abgeschafft werden soll. Sollte die hohe Kostenlast bestehen bleiben, werden wir prüfen, die Abschaffung der EEG-Umlage zu beschleunigen.

Ist zu erwarten, dass der Strompreis so hoch bleibt?

Bei fossilen Energieträgern müssen wir uns darauf einstellen, dass sie auf Dauer teurer werden und wir nicht auf das alte Niveau zurückkommen. Knapp die Hälfte des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien.

Foto: Stefan Kaminski/Büro Gastel
Matthias Gastel: Das Bahnkapitel im Koalitionsvertrag trägt eine sehr deutlich grüne Handschrift, damit sind wir sehr zufrieden.

Dieser Anteil wird weiter steigen, das bringt perspektivisch Entlastung. Bei Strom aus regenerativen Quellen sind zwar die Investitionskosten hoch, aber die laufenden Kosten niedrig. Ist die Investition einmal getätigt, wird Ökostrom also preiswert. Die Nutzung der Bahn ist allein schon aufgrund ihrer hohen Effizienz von Vorteil, ihren ökologischen Vorteil spielt sie aber erst vollständig aus, wenn das Streckennetz elektrifiziert ist und Ökostrom zum Einsatz kommt. Es ergibt wenig Sinn, auf der Schiene mit Kohlestrom zu fahren.

Die Rolle der Bahn soll unter der neuen Ampelkoalition deutlich gestärkt werden. Da wären das Ziel von einem 25-prozentigen Güteranteil bis 2025 und der Vorrang der Schiene bei den Investitionen. Das sieht nach einer ziemlich grünen Handschrift im Koalitionsvertrag aus …

Das Bahnkapitel trägt eine sehr deutlich grüne Handschrift, damit sind wir sehr zufrieden. Es sind viele Punkte genannt, und es wird auch sehr konkret. Übrigens gab es hier kaum Konflikte innerhalb der Koalitionsparteien, wir haben eine sehr hohe Übereinstimmung festgestellt. Zu den konkreten Maßnahmen zählt die Einrichtung einer Beschleunigungskommission Schiene. Mein Ziel: Sie soll nach wenigen Sitzungen schon Ergebnisse vorlegen. Wir wollen keine zusätzlichen Gremien, die Handeln suggerieren oder ersetzen.

Was wäre denn ein mögliches Handlungsfeld für diese Kommission?

Ganz konkret die Antwort auf die Frage: Wie schaffen wir es, den Anteil der elektrifizierten Strecken deutlich zu erhöhen. Wir sind bei diesem Punkt in Deutschland extrem schlecht und haben erheblichen Handlungsbedarf.

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Im Koalitionsvertrag ist das Ziel formuliert, den Anteil der elektrifizierten Strecken bis 2030 auf 75 Prozent zu steigern. Wir wollen erreichen, dass bei einer Streckenelektrifizierung nicht immer ein Planfeststellungsverfahren erforderlich wird, es muss auch mal ein Plangenehmigungsverfahren reichen. Wir wollen auch die Planungs- und Genehmigungskapazitäten erhöhen sowie enger mit der Bauindustrie zusammenarbeiten. Wenn wir mehr in die Schiene investieren, kommt es ferner auf ein gut abgestimmtes Baustellenmanagement an.

Davon kann aktuell keine Rede sein, es gab reichlich Kritik am Baustellenmanagement der Bahn.

Was wir jetzt erleben, ist ein einziges Desaster an nicht abgestimmten Baustellen. Innerhalb meines Wahlkreises – auf der Strecke Stuttgart–Tübingen – gab es innerhalb von nur sechs Monaten drei größere Sperrungen durch Baumaßnahmen, die alle nicht miteinander abgestimmt werden. DB Netz stimmt sich nicht mit DB Station und Service ab. Hier müssen wir ansetzen. Ich höre aus der Bauindustrie: Die Deutsche Bahn macht zu viel Klein-Klein. Wenn eine Strecke schon gesperrt wird, sollte gleich alles gemacht werden, was anfällt: Elektrifizierung, Gleiskörper, Schotter, Gleise, Schwellen. Auf der Gäubahn Stuttgart–Zürich hatten wir während der vergangenen sieben Jahre in 20 Prozent der Zeit Sperrungen. Das kann nicht sein.

Die vielen Baustellen gehen massiv zu Lasten der Pünktlichkeit …

Sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr ist es so dramatisch wie noch nie. im Personenverkehr liegt die Pünktlichkeit bei 75 Prozent – und das, obwohl weniger Fahrgäste befördert wurden.

Sie selbst fahren lange Strecken ausschließlich mit der Bahn – auch zwischen Ihrem Wahlkreis und Berlin. Über die Pünktlichkeit der Züge führen Sie Buch – mit welchen Erkenntnissen?

Seit acht Jahren protokolliere ich jede Fahrt im Fernverkehr. Dabei lag die Pünktlichkeitsquote nur bei 70 Prozent. Ich bin eine Minute strenger als die Bahn – bei mir gelten schon fünf statt sechs Minuten Verzug als Verspätung. Viele Ursachen liegen im Organisatorischen. Kommt es zu einer umgekehrten Wagenreihung, geht die Völkerwanderung auf dem Bahnsteig los, weil man auf der falschen Position steht. Das System muss doch die Wagenreihung automatisch und korrekt an die Bahnhöfe übermitteln. Doch für die Bahn ist in vielen Teilen die Digitalisierung noch ein Fremdwort. Das gilt im Personen- wie im Güterverkehr.

Zur Person

  • Matthias Gastel ist Verkehrspolitiker der Grünen mit den Schwerpunkten Bahn, Güterverkehr und Logistik. Er vertritt den Wahlkreis Nürtingen/Filder im Bundestag. In der vergangenen Legislaturperiode war er der bahnpolitische Sprecher seiner Fraktion, damals noch in der Opposition. Erstmals in den Bundestag gewählt wurde er 2013.
  • Der 51-Jährige wurde in Stuttgart geboren, wohnt in Filderstadt und ist seit 1989 bei den Grünen, wo er seit 1994 im Stadtrat Filderstadt und im Kreistag tätig war.
  • Der Grünen-Politiker absolvierte Ausbildungen zum Groß- und Außenhandelskaufmann sowie zum Altenpfleger und studierte anschließend Sozialpädagogik sowie BWL an der FH. Vor seinem Eintritt in den Bundestag war er als selbstständiger Personaldienstleister beziehungsweise Wirtschaftsmediator tätig.
  • Gastel besitzt kein Auto und nutzt für seine Fahrten das Rad und den ÖPNV sowie auf seinen Fahrten nach Berlin die Bahn. In seiner Freizeit ist er gerne in der Natur unterwegs und treibt Sport.
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