Altersversorgung von Lkw-Fahrern

Reicht die Rente?

Jan Bergrath
Meinung

Nahezu ein Drittel der deutschen Lkw-Fahrer geht in den kommenden Jahren in Rente. Ihre Altersversorgung steht auf tönernen Füßen. Das ist unser Thema bei FERNFAHRER LIVE.

Noch ein letztes Mal setzt sich Wolfgang Dorn in einen Lkw der Spedition Leinsle, für die er zum Abschluss seines langen Berufslebens insgesamt 22 Jahre gefahren ist. Es geht nur um ein Foto. Denn der alte Mann, wie er sich selbst gern beschreibt, ist Ende Dezember letzten Jahres mit 67 Jahren in Rente gegangen. In den sozialen Medien ist er weiter aktiv, und nicht nur dort ist eine der häufigsten Fragen, die ihm gestellt wird, ob er das Lkw-Fahren an sich nicht vermissen würde? „Grundsätzlich nein“, antwortet Wolfgang. „Im Besonderen ja. Ich habe mir auch schon mal überlegt, je nach der weiteren Entwicklung, nochmal anzufangen. Aber zurzeit steht das nicht zur Debatte. Alles in allem ist Rente etwas Feines. Man bekommt Geld, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen.“

52 Jahre in Lohn und Brot

Wolfgang kann sich seinen Ruhestand allerdings auch leisten. Seit dem 1. August 1968 bis zum 31.Dezember 2020 hat er, von zwei Monaten abgesehen, als er den Lkw-Führerschein gemacht hat, immer in Lohn und Brot gestanden. „Ich habe also 52 Jahre immer eingezahlt, war allerdings auch in anderen Berufen tätig“, so Wolfgang. „Ich habe heute eine Bruttorente von über 2.300 Euro im Monat. Dazu muss ich fairerweise sagen, dass ich rund zehn Jahre knappschaftlich berechtigt war und zwei Jahre länger gearbeitet habe. Betrachtet man so manche Kollegen, dann fehlt es hinten und vorne, um vernünftig und adäquat den vorherigen Lebensstandard halten zu können. Und bei der derzeitigen Lohnentwicklung wird es sehr schwer, eine gute Rente zu erarbeiten.“

Rentenbescheid als Armutszeugnis

Das Thema Rente kann Burkhard Taggert, kürzlich 66 geworden, nicht so locker sehen. Seit März dieses Jahres ist der Mitbegründer der Kraftfahrerkreise (KfK) nun ebenfalls in Rente. „Es hat noch zwei Monate gedauert, bis ich meinen Rentenbescheid bekommen habe, obwohl ich schon im November 2020 den Antrag gestellt habe“, erzählt Burkhard. „Ich bin froh, dass ich es nun geschafft habe, obwohl ich noch weiterarbeite. Meine Frau kann frühestens in über zwei Jahren in Rente gehen, und bevor ich zuhause allein rumsitze, verdiene ich noch etwas dazu, da ich jetzt unbegrenzt dazuverdienen darf. Dann kann man noch etwas ansparen, etwa um den letzten Rest am Haus zu machen.“

Als er seinen Rentenbescheid bekommen hat, sei ihm irgendwie schlecht geworden, so sagt Burkhard. „Ich bekomme etwa 1.050 Euro brutto nach Abzug der Krankenversicherung und der Pflegeversicherung, und den Betrag muss ich auch noch versteuern. Dafür, dass ich seit meinem 18.Lebensjahr arbeite, ist das meiner Meinung nach schon ein Armutszeugnis für unsere deutsche Rentenversicherung. Dafür darf ich mein zusätzliche Altersvorsorge noch mit Steuerklasse 6 versteuern. Ich bin froh, dass immerhin das Häuschen bezahlt ist und ich nicht noch Miete zahlen muss.“

Lebensstandard nicht mehr zu halten

Dass der bisherige Lebensstandard für viele Lkw-Fahrer mit Beginn der Rente durch einen Verlust beim bisherigen Einkommen wohl nicht mehr zu halten sein wird, befürchtet auch David Merck, Landesbezirksfachbereichsleiter im Fachbereich Postdienste, Speditionen & Logistik von Verdi in Bayern, in der Ankündigung für die 59. Sendung von FERNFAHRER Live am 20. Mai 2021, in der wir über die aktuellen Entwicklungen bei der staatlichen Rente und die konkreten Vorschläge der Gewerkschaft, wie diese zu Gunsten der Fahrer wieder verbessert werden kann, sprechen. „Wenn man 45 Jahre lang in Deutschland durchschnittlich verdient hat“, rechnet Merck vor, „dann kommt man auf eine durchschnittliche Rente von rund 1.370 Euro. Viele Kraftfahrer werden allerdings deutlich weniger Rente bekommen.“

Vor allem bei den Fahrern, die früher etwa im internationalen Fernverkehr viele Nettospesen bekommen haben, statt in die Rente einzubezahlen, wird es sich sicher rächen, fürchtet der Gewerkschafter. Verdi setzt sich daher vor allem bei der Politik dafür ein, dass es wieder höhere Renten gibt. „Etwa dadurch, dass das Rentenniveau wieder angehoben wird oder dass man mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen kann.“

Die demografische Falle

Wünschen nach höheren oder früheren Renten steht die demografische Falle entgegen, der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs, der in die Kassen einzahlt. „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass derzeit bereits 45.000 bis 60.000 Fahrer fehlen“, befürchtet der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). „Am Anfang der Coronapandemie ging der Fahrermangel etwas zurück. Aktuell können aber schon wieder Fahrzeuge nicht eingesetzt werden, weil die Fahrer fehlen.“

Doch für die Zukunft sieht es noch düsterer aus: Nach der aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit mit Stand vom 30.09.2020 waren 571.385 Berufskraftfahrer im Güterverkehr mit Lkw sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon 11.314, also zwei Prozent, Frauen. „Nach wie vor gilt unsere anhand der Altersgruppe der Berufskraftfahrer über 55 Jahre und dem Renteneintrittsalter von etwa 60 Jahren getroffene Abschätzung, dass jährlich etwa 30.000 Berufskraftfahrer altersbedingt ausscheiden.“

Ein Drittel der Fahrer geht demnächst in Rente

Rund 15.000 bis 20.000 Prüflinge bestehen im Rahmen der dreijährigen Ausbildung oder der Beschleunigten Grundqualifikation den Lkw-Führerschein, was ich ausführlich in meinem Blog „Diesel im Blut“ beschrieben habe. Davon blieben aber nicht alle im erlernten Beruf. Die Zahl der über 55 Jahre alten sozialversicherungspflichtig beschäftigten Berufskraftfahrer liegt aktuell bei 184.203 Fahrer oder 32,2 Prozent. Heißt: gut ein Drittel der deutschen Fahrer geht also in absehbarer Zeit in Rente.

Deren Altersversorgung steht allerdings zum Teil auf tönernen Füßen. Nicht nur allein, weil ab dem Jahrgang 1947 das Renteneintrittsalter für die Regelaltersgrenze von 65 Jahren mit jedem Jahr erhöht wird. Wer Jahrgang 1958 ist, also heute 63 Jahre, geht erst mit 66 Jahren in Rente, für alle ab Jahrgang 1964 geht es erst ab 67 Jahren in den sicher „wohlverdienten“ Ruhestand. Und das bei einem Beruf, der, so wie wir es im FERNFAHRER 6/2021 beschreiben, einen immer höheren gesundheitlichen Tribut fordert.

Private Altersvorsoge

Auch Ingo Seekircher, 46, langjähriger Berufskraftfahrer der Spedition Wandt, fragt sich, ob er mit 67 Jahren noch körperlich in der Lage sein wird, als Lkw-Fahrer zu arbeiten. Finanziell macht er sich weniger Sorgen, da er sich bereits ein schuldenfreies Haus erarbeitet hat. Seit 1996 bekommt er eine zusätzliche Versicherung über seinen Arbeitgeber über die KRAVAG, die heute zur R+V Versicherung gehört. Dazu zahlt Ingo seit 1994 in eine eigene Lebensversicherung ein und hat vor drei Jahren seine Risterrente in eine private Altersvorsorge geändert. „Ich persönlich sehe rein finanziell der Rente entspannt entgegen. Aber derzeit macht mir der Job an sich noch viel Spaß. Viel mehr macht er sich Sorgen, was ihm im Falle einer Berufsunfähigkeit zusteht. Dieses komplexe Thema habe ich bereits im Blog „Nachts schlafen die Fahrer doch“ ausführlich besprochen.

Reine Entgeltumwandlung

Seit Juli 2020 wird durch verschiedene Verkehrsverbände über die SVG auch die sogenannte Mobilitätsrente angeboten. Ingos Arbeitgeber, Anthony Wandt, bietet sie nicht an, er lässt seinen Mitarbeitern die freie Wahl. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, sinkenden Rentenniveaus sowie anhaltenden Fachkräftemangels können den Beschäftigten der Verkehrsbranchen durch den Abschluss von Gruppenversicherungsverträgen besonders attraktive Konditionen bei Altersvorsorge sowie Kranken- und Unfallversicherung angeboten werden“, heißt es auf der Homepage. David Merck kann sich mit der Mobilitätsrente aus Sicht der Gewerkschaft allerdings nicht anfreunden.

„Es gibt ein Problem der Altersarmut im Spedlogbereich“, sagt Merck. „Lösen sollen es aber die Beschäftigten aus der eigenen Tasche. Das ist eine reine Entgeltwandlung, wo der Arbeitgeber nichts weiter dazu beträgt, außer die gesparten Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung, die er laut Gesetz weitergeben muss“. Eine Kritik, auf die wir in der Sendung konkret eingehen werden. „Besonders ärgerlich ist übrigens, dass wir mit den Arbeitgeberverbänden das Thema bundesweit tarifpolitisch bearbeiten wollten, dort aber nur auf Ablehnung stießen, und dann ohne unser Wissen die Mobilitätsrente abgeschlossen und verkündet wurde.“

Ein Blick in die Schweiz

Wie so oft, wenn es um spannende Themen mit einem Blick von außen geht, ist auch Heinz Mahn, Fahrer bei Dreier in der Schweiz, wieder mit dabei. „Die Rente ruht hier auf drei Säulen“, beschreibt er. „Die erste ist vergleichbar mit Deutschland und wird durch Steuern finanziert. Die zweite ist staatlich durch Steuerfreiheit unterstützt. Sie wird von Arbeitgebern und Arbeitnehmer gleich bezahlt. Das Geld wird angelegt und zur Rente entweder ganz oder als monatliche Rate gezahlt. Die dritte Säule ist eine private Versicherung, die mit dem eingezahlten Geld arbeitet. Sie ist freiwillig wird aber von jedem genutzt. Dort zahlt der Arbeitgeber ein. Ohne diese dritte Säule wäre die Rente zu klein.“

Auch in der Schweiz habe der Staat das Kostenproblem“, weiß Heinz. Man weiß nicht, wie man die erste Säule weiter finanzieren soll. So sind höhere Altersgrenzen ein Thema. In der Schweiz wird zwar Vermögen nicht hoch besteuert allerdings das Einkommen. Dazu zählen eigene Häuser oder Wohnungen. Die gesparte Miete wird als Einkommen gerechnet. Dazu kommen alle Vermögenswerte, also vom Sparbuch bis zum eigenen Auto. „So ist es auch hier nichts anders als in Deutschland“, meint Heinz.

Wer nicht rechtzeitig vorsorgt, schaut in die Röhre

Und er warnt aus Erfahrung: „Wer nicht rechtzeitig versorgt, der schaut am Ende in die Röhre. Wir hatten bei meiner alten deutschen Spedition so einen Fall. Unsere Spanien- und Italienfahrer bekamen immer gute Spesen. Zur Rente kam dann das böse Erwachen. Dazu kam dann noch ein Steuerproblem. Es waren zu viele Spesen gezahlt worden. Der Staat forderte die Steuern nach. Für meine damaligen Kollegen war es eine Katastrophe. Vom guten Leben auf praktisch null.“

Davon sind Burkhard und Wolfgang weit entfernt. „Wenn meine Frau auch in Rente geht, werde ich aufhören zu fahren“, erzählt Burkhard. „Ich habe ja in meinem Leben schon vieles gemacht. Aber irgendwie war die Fahrerei immer der Job, den ich machen konnte, wenn ich für andere Arbeiten zu alt war. Ich bin froh, dass der Druck weg ist und ich heute nicht mehr gezwungen bin, zu arbeiten. Ich freue mich schon auf die gemeinsame Zeit mit meiner Frau und dem Enkel. Die Jungs sind groß und stehen mit beiden Beinen auf der Erde. Sie haben sich eine gute Zukunft geschaffen und da muss ich mir keine Sorgen machen. Da habe ich nichts zu beigetragen. Ich war ja nie da.“

Und Wolfgang meint: „Wenn ich den jungen Leuten etwas raten soll, wenn Ihr unbedingt fahren wollt, dann macht eine Lehre als Berufskraftfahrer und schließt sie auch ab. Die Beschleunigte Grundqualifikation ist nur ein Abstieg in Raten. Das Berufsbild wird sich rapide ändern und dauerhaftes Lernen ist angesagt. Noch besser wäre allerdings: Lernt einen ordentlichen Beruf. Werdet Handwerker, die werden immer gebraucht, man verdient gut und kann sich sehr gut weiterentwickeln.“

Terminhinweis

Am Donnerstag, dem 20. Mai 2020, diskutieren bei FERNFAHRER Live Wolfgang Dorn, Heinz Mahn, Burkhard Taggart und Ingo Seekircher mit David Merck von Verdi über die Frage, was sich politisch und vor allem tarifpolitisch ändern muss, damit für die nachfolgenden Generationen der Berufskraftfahrer die Rente tatsächlich reicht.

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