Unfallforschung im Fokus

So passieren schwere Lkw-Unfälle

Foto: Polizei Verden
Meinung

Die Zahlen sind erschreckend. Bislang sind im Jahr 2020 bei Unfällen an einem Stauende 41 Lkw-Fahrer ums Leben gekommen. In den Innenstädten geraten immer mehr Radfahrer bei Rechtsabbiegeunfällen in Gefahr. Bei FERNFAHRER live gehen wir daher der Frage nach, wie eigentlich Unfälle entstehen. Und wie man sie bestmöglich verhindern kann.

Meine regelmäßigen Leserinnen und Leser wissen es. Seit Jahren beschäftige ich mich mit Lkw-Unfällen. Sowohl auf der Autobahn als auch in den Innenstädten. Von der Frage der Technik habe ich das Thema Autobahn ausgiebig behandelt. Lkw-Unfälle am Stauenden könnten durch einen Notbremsassistenten (NBA) verhindert werden. Entgegen aktuellen Berichten im Fernsehen können sie nicht in ältere Fahrzeuge nachgerüstet werden. Doch das ist leider nur eine „Trügerische Sicherheit“. Immer öfter passieren diese schweren Unfälle am Stauende auch mit Lkw, die einen NBA verbaut haben.

Zwei Unfallgründe auf der Autobahn

Das hat zwei Gründe: bei der Anfahrt eines abgelenkten oder müden Fahrer auf ein stehendes Hindernis, also einem Stau auf der Autobahn, „übersteuern“ viele Fahrer aus purem Reflex die lebensrettende Technik, meistens durch ein Ausweichmanöver. Bei zu geringem Abstand wiederum hat auch der beste NBA buchstäblich keine „Zeit“ mehr, um nach der Warnphase von mindestens 1,4 Sekunden einen Unfall zu verhindern. Über diesen technischen Aspekt haben wir bereits ausgiebig in der Sendung 24 von FERNFAHRER live mit dem Experten Dr. Erwin Petersen gesprochen. Mit dabei war Marvin Reichert, über dessen Unfall auf der A 27 ich ebenfalls geschrieben habe.

Traurige Tendenz steigend

Nun ist es Ende Oktober und nach meinen diesjährigen Recherchen sind bereits 41 Lkw-Fahrer an einem Stauende ums Leben gekommen. Im gesamten Jahr 2019 waren es 45 verstorbene Lkw-Fahrer. Es ist leider denkbar, dass die traurige Tendenz der letzten zehn Monate in dieser Hinsicht zu einem Rekordjahr führen wird. Doch woran liegt das? Liegt es am „Wild-West“ auf der Autobahn eines aus allen Fugen geratenen Güterverkehrs im größten Transitland Europas? Liegt es an den Gegenmaßnahmen der Politiker, die, wie nun in Hessen, die Überholverbote für Lkw ausweiten, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen? Führt nicht genau diese Maßnahme wiederum zu mehr Eintönigkeit im Lkw? Oder liegt es sogar daran, dass, so ein Vorwurf, vor allem ausländische, hier osteuropäische Lkw-Fahrer, die nach wie vor nach einer Videoabstandskontrolle nicht zu fassen sind, entsprechend rücksichtslos und gefährlich unterwegs sind?

Eintönigkeit ist eine Gefahr

Darüber sprechen wir am 29.10. ab 17 Uhr bei FERNFAHRER live mit dem renommierten Berliner Unfallforscher Siegfried Brockmann, dem langjährigen Leiter Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) e.V., der schon länger eine These für den Grund schwerer Lkw-Unfälle vertritt: „Der moderne Lkw-Arbeitsplatz ist grundsätzlich anachronistisch“, so Brockmann. „In jeder industriellen Umgebung wäre ein Maschinenführer mit so viel Gefährdungspotential längst undenkbar.“ Über mehrere Stunden haben die Fahrer im monotonen Kolonnenverkehr auf der Autobahn wenig zu tun. Aber im Ernstfall sollen sie schnell und perfekt reagieren. „Wissenschaftlich ist erwiesen, dass unter solchen Bedingungen die Aufmerksamkeit bereits nach 15 Minuten nachlässt“, so Brockmann. „Die Fahrer werden also entweder müde oder sie lenken sich ab. Beide Möglichkeiten sind schlecht für die Verkehrssicherheit.“

Unfallgefahr in den Innenstädten

Ich war bereits im Januar 2019 mit Brockmann im Arbeitskreis 6 zum Thema Lkw- und Busunfälle“ des Verkehrsgerichtstags in Goslar, wo seinerzeit um jedes Wort gekämpft wurde, um die Straßen sicherer zu machen. Und damals fand ich besonders wichtig, einerseits die Lkw-Fahrer auf die moderne Technik der NBA zu schulen und anderseits zu empfehlen, dass „insbesondere Radfahrende und Fußgänger durch geeignete Maßnahmen - auch in der schulischen Verkehrserziehung- über die eingeschränkten Sichtmöglichkeiten vom Fahrerplatz aus sensibilisiert und zu vorausschauendem Verhalten angehalten werden.“

Bei dieser Empfehlung ist es weitestgehend auch geblieben. Das kam auch zur Sprache, als wir in der Sendung 37 von FERNFAHRER live mit den Entwicklern über den von Mercedes-Benz Trucks in Wörth vorgestellten Active Sideguard Assist (ASGA) gesprochen haben. Im FERNFAHRER 12/2020, der am 7.11. erscheint, stellen wir diese Weltneuheit, die ab Mitte 2021 vom Band rollen wird, ausführlich vor.

Foto: Jan Bergrath
Daimler hat jüngst einen aktiven Abbiegeassistenten vorgestellt.

Neue Gefahren in den Innenstädten

Zwar steigt nun nach und nach die Zahl der freiwillig verbauten mittlerweile 15 vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) mit einer Allgemeinen Betriebserlaubnis (ABE) nachrüstbaren Abbiegeassistenten, die etwa verantwortungsbewusste Speditionen wie WTK Stratmann in Witten (siehe FERNFAHRER 11/20) in Ihrer Flotte einsetzen, doch nun gibt es in Städten, in denen die Politik und ein wachsender Teil der Bewohner den Lkw immer mehr als Feindbild sehen, neue Gefahren: „Die Zunahme der schweren Unfälle mit Radfahrern hat natürlich zunächst mit dem stark gestiegenen Radverkehrsanteil zu tun“, sagt Brockmann. „Aber auch mit den höheren Geschwindigkeiten.“

In der Tat: Auf breiten Fahrradstreifen mit guter Oberfläche kann leichter überholt und schneller gefahren werden. Bei 20 km/h beträgt der Anhalteweg des Radfahrers, über den ich mir persönlich als Radfahrer selbst nie Gedanken gemacht habe, selbst bei guter Reaktion bereits rund elf Meter. „Beim Abbiegekonflikt wird die Kollision also nicht nur wahrscheinlicher, sondern die Aufprallenergie auch größer. Neben dem Freihalten von Sichtachsen müssen die Kommunen deshalb Sicherheit durch getrennte Ampelphasen schaffen“, so Brockmann. Was mich an dieser Stelle beschäftigt: Gegen einen Radfahrer, der mit hoher Geschwindigkeit praktisch im rechten Winkel auf die Seite eines Lkw zufährt, wird wohl auch ein Abbiegeassistent letzten Endes machtlos sein.

Das Bündnis 90/ Die Grünen will Verbote für Lkw ohne „Assi“

Auch die rechtliche Frage muss im Grunde neu gestellt werden, wenn also Radfahrer mit großer Wucht in einen Lkw fahren, der vorher bereits weit in die Straße abgebogen ist, seitlich in den Lkw oder den Auflieger prallen, umfallen und erst dann überrollt werden. Angesichts, auch nach dieser mir neuen Erkenntnisse, fordern vor allem die Lkw-Fahrer, die nach jedem Abbiegeunfall zur Rechenschaft gezogen werden, endlich eine deutlich größere gegenseitige Rücksichtnahmen aller Verkehrsteilnehmer – so wie es ich es bereits 2019 in meinen Film „Augen Blicke“ gezeigt habe. Dagegen fordert aktuell das Bündnis 90/Die Grünen in einem Gesetzesentwurf, dass künftig für Lkw ohne Abbiegeassistenten das Befahren geschlossener Ortschaften verboten werden soll – obwohl es auf EU-Ebene einen verpflichtenden Einbau in Neufahrzeuge erst ab 2022 respektive 2024 geben wird. Das wird sicherlich spannend.

Terminhinweis:

Am Donnerstag, dem 29.10. 2020 ab 17 Uhr, diskutieren in der 41. Sendung von FERNFAHRER live der Berliner Unfallforscher Siegfried Brockmann mit den Lkw-Fahrern Wolfgang Dorn, Hannes Gläser, Marvin Reichert und der Fahrerin Juliane Ritter.

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