Stress im Straßenverkehr

Wild-West auf der Autobahn

Foto: Christian Bastam
Meinung

Immer öfter beklagen sich Lkw-Fahrer über die teils unzumutbaren Verkehrsbedingungen auf den überlasteten deutschen Autobahnen. Enge Baustellen führen zu Konflikten mit Pkw-Fahrern, Mindestabstände gelten nur als Empfehlungen, Überholverbote werden ignoriert und Parkplatzmangel führt sogar zu Handgreiflichkeiten. Das hat alles seine Gründe.

Es vergeht keine Woche, in der ich nicht von einem besorgten deutschen Lkw-Fahrer ein Foto zugespielt bekomme. So wie dieses hier von Christian Bastam von der A 6 zwischen Bad Rappenau und Heilbronn. Auf der rechten Seite hat sich ein Stau gebildet. Laut Christian ist an dieser Stelle ein Überholverbot für Lkw für eine rund zehn Kilometer lange Strecke vor einer Baustelle. Und doch rasen auf der zweiten und sogar der dritten Spur immer wieder Lastzügen zwischen den gelben Markierungen vorbei. „Vornehmlich sind es Fahrer aus Osteuropa“, so hat Christian beobachtet, „aber auch immer wieder deutsche Kollegen. Da wird gedrängelt und reingequetscht, wo es geht. Und von der Autobahnpolizei ist nichts zu sehen.“

Ähnliche Szenen habe ich selbst kürzlich auf der Rückfahrt von Sittensen auf der A 1 immer wieder erlebt, osteuropäische aber auch lokal ansässige Lkw-Fahrer, die sich gern schnell an den kilometerlangen Staus der Lkw auf der rechten Spur vorbeischmuggeln, um Zeit bis zur nächsten Ausfahrt zu sparen. Wohl wissend, dass mit einer Streife der Autobahnpolizei, die hier ordnend eingreifen würde, wohl nicht zu rechnen ist.

Immer noch nicht zu fassen

Und sollte ein Überholvorgang oder ein Abstandsverstoß eines Lkw aus Osteuropa nur per Video aufgezeichnet und deren Fahrer nicht an Ort und Stelle aus dem Verkehr gezogen und mit einer Sicherheitsleistung auf das zu erwartende Bußgeld belegt werden, dann ist der Käs eh gegessen. Immer noch gilt in fast allen Bundesländern das Problem, dass Lkw-Fahrer aus Osteuropa nachträglich nicht zu fassen sind, weil die Ermittlung des Fahrers oft an der auch bei uns geltenden dreimonatigen Verjährungsfrist scheitert. Immerhin, so kam in der Sendung 31 von FERNFAHRER live mit PHK Sven Krahnert heraus, dass in Sachsen doch viele osteuropäische Fahrer ihre Bußgelder bezahlen, weil sie Sorge haben, dass sie bei der nächsten Kontrolle etwa an der A 4 auffliegen könnten.

Die Nerven liegen blank

Viele Fahrer, das möchte ich an dieser Stelle betonen, „segeln“ auch weiterhin mit Ruhe und Gelassenheit durch den Verkehr, der Stress kann ihnen vermeintlich nichts anhaben. Bei anderen Fahrern liegen offenbar die Nerven blank. Der bewusst ausgestreckte Mittelfinger in die Kabine eines vorbeirauschenden Kollegen ist da noch eher harmlos. Erschreckend sind Meldungen über zunehmende Einzelfälle, bei denen Fahrer handgreiflich werden, so wie Ende Juli auf der A 6 ein deutscher und ein polnischer Fahrer, wie es das Online Magazin „Fränkischer“ beschreibt. Nach „Wild-West-Manier“ bekriegten sich die beiden nach einem Überholen im Überholverbot bis zum Einsatz von Tierabwehrspray, bis die Polizei die beiden Streithähne trennte und gegen beiden Fahrer ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren unter anderem wegen Gefährlicher Körperverletzung, Körperverletzung, Gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr, Nötigung, Beleidigung und Sachbeschädigung einleiteten.

Der Mittelfinger als Gruß im Straßenverkehr Foto: Privat
Stinkefinger am Steuer

Ebenfalls mit Einsatz von Pfefferspray endete laut „Merkur“ ein Vorfall auf dem Parkplatz Weyarn im Februar an der A 8, bei dem laut Polizei „einem deutschen Fahrer die Sicherungen durchbrannten“. Wörtlich heißt es: „Wie die Autobahnpolizei berichtet, beschwerte sich der deutsche Sattelzugfahrer aus Unterfranken gegen 19 Uhr bei dem hinter ihm stehenden Berufskollegen, dass er zu wenig Platz zum Ausparken habe. Nach einigem Hin und Her und verbalen „Freundlichkeiten“ gelang es ihm dann auszuparken. Zum Abschied verpasste er dem Kraftfahrer aus Bosnien-Herzegowina eine Ladung Pfefferspray ins Führerhaus.“ Diese beiden krassen Beispiele sollen hier genügen. Die Dunkelziffer dürfte wahrscheinlich höher sein.

Stress in der Baustelle

Immerhin: an der A 7 will die Autobahnpolizei Göttingen, deren Leiter wir im Oktober bei FERNFAHRER live als Gast haben werden, nach einer Serie von schweren Lkw-Unfällen nun stärker kontrollieren, wie die „HNA“ berichtet: „Täglich kommt es wegen der Fehleinschätzung von Verkehrsteilnehmern über die Breite ihrer Fahrzeuge und weil sie die im Streckenabschnitt geltenden Überholverbote ignorieren zu Verkehrsunfällen“, so ein Sprecher der örtlichen Autobahnpolizei. „Auch Geschwindigkeitsbeschränkungen, Hinweise auf reduzierte Fahrzeugbreiten auf der linken Fahrbahn und das Gebot, an engen Stellen versetzt zu fahren, werden leider immer wieder von Verkehrsteilnehmern ignoriert.“ Das passt ebenfalls ins Bild, das viele Lkw-Fahrer schildern: die Rücksichtslosigkeit von Pkw-Fahrern gegenüber den Lkw-Fahrern. Und deshalb machen wir dieses mannigfaltige Problem zum Thema der 34. Sendung von FERNFAHRER live am 3. September ab 17 Uhr.

Besonnene Kollegen zu Gast bei FERNFAHRER live

Es sind, wie es meine bisherigen Erfahrungen zeigen, besonders besonnene Kollegen, die wir diesmal eingeladen haben. Jeder von Ihnen hat mir im Vorfeld seine persönlichen Erlebnisse und Ärgernisse im Straßenverkehr geschildert, die ich hier kurz wiedergeben möchte, und die mit größter Wahrscheinlichkeit auch viele andere Fahrer erlebt haben:

Holger Brost etwa beklagt die Überholvorgänge großer Wohnmobile in Baustellen wie aktuell auf der A 45 und das zu knappe Einscheren anderer Lkw nach dem Überholvorgang, auch, dass er von Kollegen noch in der Einfahrt zur Baustelle überholt wird. Und immer wieder stellt er fest, dass laut Abstandsradar besonders gerne Lkw aus Tschechien mit Tempo 100 bis 105 auf gerader Strecke an ihm vorbeibrausen.

Markus Gödde ärgert sich über Kollegen, die trotz Baustellenbeginn in 200 Metern noch zum Überholen ansetzen und ihn dadurch nötigen, selbst stark abzubremsen, um ein Touchieren abzuwenden. Über Kollegen, die sich nach einem Überholvorgang zum Teil weniger als einem Meter vor ihm reinquetschen, sofort danach wieder auf die Überholspur gehen, um den nächsten Lkw zu überholen. Sowie Kollegen, die vor einer Mautstelle Zickzack fahren, um noch einen Lkw hinter sich zulassen.

Torsten Klein hat mir ebenfalls ein Bild geschickt. Es zeigt aus dem Rückspiegel hinter seinem Sattelzug einen vollbesetzten Pkw mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern mit einem Wohnwagen, die über 50 Kilometer mit einem Abstand von nicht mal zehn Metern hinter ihm auf der leeren Autobahn unterwegs waren. Bei einem Bremsmanöver wäre es sicher zu einem Auffahrunfall gekommen. Und er schildert ebenfalls den „Klassiker“ auf der A96 Lindau Richtung München im Autobahnkreuz Memmingen, wo Pkw-Fahrer in der Baustelle noch unbedingt überholen müssen, um dann kurz vor dem Kreuz zu bremsen und dann von der linken auf die rechte Spur zu wechseln, um wiederum Richtung Füssen weiterzufahren. Ganz krass findet er es in den Ballungsgebieten, besonders rund um Antwerpen und Brüssel, weil dort in kurzen Abständen Auf- und Abfahrten kommen, dass man da wirklich mit den Augen auf der Straße sein muss. „Nicht nur Lkw-Fahrer halten keinen Abstand“, ist sein Resümee, „Pkw-Fahrer genau so wenig.“

Foto: Torsten Klein
Verfolgt vom Wohnwagengespann (zum Vergrößern klicken)

Stress mit Pkw-Fahrern

Und dann ist da noch Frank Kirch, der ein Erlebnis der besonderen Art mit einem Pkw-Fahrer auf der A 553 bei Brühl hatte. Der hatte ihn überholt und wurde immer langsamer, Frank überholte ihn und scherte mit Abstand wieder ein. Von dem Moment an wurde er mit der Lichthupe beschossen, auf der Bundesstraße Richtung Wesseling schoss der Pkw an ihm vorbei vorbei und bremste ihn bis zum Stillstand aus. Der Fahrer sprang heraus, schlug auf seinen Lkw ein, riss erst die Fahrertür auf, er schlug auf Franks Bein ein, dann zog er ihn quasi aus seinem Lkw. „Er hatte seinen Sohn von etwa vierzehn Jahren und seine Ehefrau dabei“, schildert Frank. „Trotz Gutachten aus einem Krankenhaus in Hannover wurde ein Verfahren eingestellt, weil ich alleine war.“

Das erinnert stark an den Fall, den Burkhard Taggert bereits in der Sendung 30 von FERNFAHRER live geschildert hat, wo er vor Gericht dank seiner Dashcam belegen konnte, dass ihn in einer Baustelle ein Pkw-Fahrer bewusst ausgebremst hatte. Sonst wäre es Aussage gegen Aussage gewesen. Als Gast aus der Schweiz schildert Heinz Mahn noch den krassen Fall eines Pkw-Fahrers, der medial auch in Deutschland für großes Aufsehen gesorgt hat und berichtet einmal mehr, wie viel härter die Schweizer auch gegen Verkehrssünder vorgehen.

Im Gespräch mit einem Verkehrspsychologen

Bei FERNFAHRER live am 3. September ab 17 Uhr versuchen wir diesmal gemeinsam mit dem renommierten Bremer Verkehrspsychologen Thomas Pirke, dem Vorsitzender der Gesellschaft für Ausbildung, Fortbildung und Nachschulung e. V. aus Köln, einem bundesweit tätigen Anbieter verkehrspsychologischer Maßnahmen, die verschiedenen und vielfältigen Ursachen für Verkehrsdelikte zu ergründen. „Die Ursache liegt auf keinen Fall allein in der jeweiligen Verkehrssituation“, so Pirke. „Die mag belastend sein. Kraftfahrer geraten in Stress, weil sie sich über andere Fahrer ärgern, weil sie Termine nicht einhalten können oder ihre Freizeit verloren geht. Aber das sind allein keine Gründe, sich regelwidrig zu verhalten. Die meisten Autofahrer belegen dies auch in solchen Situationen mit ihrem regeltreuen Verhalten. Wer rast, drängelt oder Rotlichter übersieht, hat oftmals Probleme in anderen Lebensbereichen, die er mit ans Steuer nimmt.“

Abbild der gesellschaftlichen Situation

Denn das Verkehrsklima ist auch ein Abbild der gesellschaftlichen Situation. „Viele beobachten allgemein einen gesellschaftlichen Trend zu Egoismus und zu weniger Empathie und Solidarität“, so Pirke. „Regeln müssen auch vorgelebt werden. Wir müssen uns daher als Gesellschaft fragen, welches Verhalten wir dulden oder ächten wollen.“ Sanktionen, Bußgelder, Strafen und Führerscheinentzüge sind laut Pirke zwar eine Möglichkeit auf Verkehrsdelikte zu reagieren. Grundsätzlich benötigen regelverletzende Verkehrsteilnehmer auch Hilfestellung. „Anzustreben ist eine Kombination aus beidem. Regelbrecher müssen erstmal erkennen, dass sie ihr Verhalten verändern müssen. Jemand, der sich unempathisch verhält, wird in der Regel nicht von sich aus auf die Idee kommen, verkehrspsychologische oder andere Hilfen in Anspruch zu nehmen. Sanktionen können dazu einen Anstoß geben.“

So freuen wir uns einmal mehr auf eine ganz besondere Sendung.

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Jan Bergrath Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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