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Spediteur Reinert befürchtet ruinösen Wettbewerb

Warnung vor Freigabe der Kabotage

Foto: Reinert Logistics

Die temporäre Freigabe der Kabotage wird sich rächen - sagt Logistikunternehmer René Reinert im Gespräch mit der Fachzeitschrift trans aktuell und warnt vor den Folgen.

trans aktuell: Herr Reinert, wie geht es Ihnen und Ihrem Unternehmen in Zeiten von Corona?

Reinert: Persönlich gut, ich hoffe, das bleibt auch so. Seit Wochen versuche ich, mich zu schützen und mich an die Hygiene-Regeln zu halten. In der Firma hat sich seit Ausbruch der Pandemie eine Menge verändert, noch laufen die Geschäfte aber stabil. Ein Teil der Mitarbeiter in der Verwaltung arbeitet im Homeoffice.

Die Bundesregierung will Krisenszenarien vorbeugen. Beschlossen wurde bis 30. September eine Lockerung der Kabotage, um genügend Frachtraum vorzuhalten. Warum sind Sie dagegen?

Weil es genügend leistungsfähige deutsche Unternehmen gibt, die über große Fuhrparks verfügen und Engpässen vorbeugen sowie entgegenwirken können. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Flotten wird frei, weil die Automobilindustrie die Produktion einstellt, die Zulieferer das zu spüren bekommen und auch der Möbelhandel, zum Beispiel Ikea, seine Geschäfte dicht macht. Wir müssen die Versorgung in Zeiten von Corona also nicht auf dem Rücken ukrainischer Fahrer austragen, die dann statt fünf Wochen sieben Wochen unter den bekannten Bedingungen in Deutschland tätig sind.

Foto: Reinert Logistics
Logistikunternehmer René Reinert warnt vor einem ruinösen Wettbewerb durch osteuropäische Großflotten auf dem deutschen Binnenmarkt.
Würden die osteuropäischen Fahrer überhaupt zur Verfügung stehen?

Das ist unklar. Bezogen auf unser Unternehmen: Aktuell ist es so, dass ein Großteil unserer osteuropäischen Fahrer freiwillig bereit wäre, am Wochenende hier zu bleiben, ehe sich die Situation an den Grenzen entspannt hat. Zurzeit blühen den Fahrern, wenn sie mit ihren Privat-Pkw nach Hause fahren, an den Wochenenden Staus mit Wartezeiten von 20 Stunden und mehr. Auch ist nicht klar, ob sie dann in ihren Heimatländern in Quarantäne kommen. Hier brauchen wir unbedingt rasch Klarheit.

Wie gehen Sie selbst mit dieser Situation um?

Aktuell schichten wir Fahrzeuge um. Wir ziehen Fahrzeuge aus Bereichen, die zurückgehen, in Bereiche ab, in denen die Nachfrage steigt – wie zurzeit im Handel. Wir hatten bereits 770 eigene Lkw, aktuell sind es 600. Die Anpassung der Flotte hängt damit zusammen, dass der Markt – auch durch Kabotage – mit osteuropäischen Frachtführern überschwemmt wurde. Wenn ein ukrainischer Fahrer für 2,50 Euro pro Stunde für eine polnische Spedition in Deutschland fährt, haben wir keine Chance. Das erklärt meine Forderung, diesen ruinösen Wettbewerb nicht noch durch eine weitere Lockerung der Kabotage anzuheizen.

Sie sehen also keinerlei Engpass-Situation angesichts der Corona-Pandemie?

Auf keinen Fall wird es zu Versorgungsengpässen kommen. Wir haben innerdeutsch genügend Ressourcen, um auf die aktuelle Situation zu reagieren. Niemand weiß, welches Tor wir aufstoßen, wenn wir die Kabotage lockern. Es gibt riesige Flotten in Osteuropa, die mit supergünstigen Fahrern darauf warten, innerdeutsch tätig zu werden. Ich habe nichts gegen russische oder ukrainische Fahrer.

Aber?

Aber es ist ein ungleicher Wettbewerb. Die Rahmenbedingungen passen einfach nicht, weil sie zu völlig unterschiedlichen Bedingungen hier tätig werden. Das ist ein Problem für uns deutsche Unternehmen, die gläsern sind und sich an Recht und Gesetz halten. Wir bekommen Ärger, sobald wir die zehn Stunden Arbeitszeit überschreiten. Aber wer kontrolliert dann die großen osteuropäischen Flotten? Allen muss klar sein: Uns drohen Wildwest-Verhältnisse, davor kann ich nur warnen.

Was würden Sie mit Blick auf die Logistik selbst von der Politik fordern?

Zunächst Planbarkeit im Umgang mit den grenzüberschreitenden Pendlern. Das betrifft ja nicht nur Fahrer und Ladepersonal, sondern zum Beispiel auch Krankenschwestern und Pflegepersonal. Statt für eine Lockerung der Kabotage befürworte ich die ebenfalls auf den Weg gebrachte Lockerung der Lenk- und Ruhezeiten sowie des Arbeitszeitgesetzes. Das ist eine echte Hilfe und wir könnten flexibel auch am Wochenende die Versorgung am Laufen halten.

Gehen Sie davon aus, dass die Geschäfte in einigen Wochen wieder normal laufen werden?

Erst einmal erwartet uns noch eine Welle, deren Wucht wir noch nicht kennen. Wir müssen alle verhindern, dass sie noch größer wird. Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer der nicht bekannten Fälle höher sein kann als bisher angenommen. Jede und jeder steht nun in der Verantwortung. Die Risikoprävention muss in die Normalität übergehen. Das geht nur über Schutzmaßnahmen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, mit Schutzmasken durch die Gegend zu laufen und Handschuhe zu nutzen. Anders wird es nicht funktionieren. Das sind unausweichliche Konsequenzen. Es wird eine schwierige Zeit, aber wir werden es hinbekommen.

Zur Person

  • René Reinert ist 49 Jahre alt und Chef von Reinert Logistics mit Zentrale in Schleife. Das Logistikunternehmen mit neun Standorten beschäftigt aktuell 900 Mitarbeiter und betreibt 600 eigene ziehende Einheiten.
  • Reinert hatte sich 1990 mit einem gebrauchten Lkw selbstständig gemacht.
  • Der Unternehmer ist seit 2012 aktiv im Truckracing, größte Erfolge 2016 3. Platz FIA ETRC und Team-Europameister mit Jochen Hahn.
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