Digitalisierung

Das klassische Werkstattgeschäft ändert sich

Automechanika 2018 Foto: Andreas Beyer

Nutzfahrzeug-Werkstätten sehen sich mit einem schnell voranschreitenden Wandel konfrontiert – vom Schraubenschlüssel hin zur digitalen Diagnose. Dass diese Zukunftsmusik inzwischen Realität ist, zeigte das erste Truck Competence Symposium auf der Automechanika 2018.

Die Automechanika in Frankfurt am Main ist die wichtigste Fachmesse für Service und Nachmarkt. Nirgendwo sonst schlägt der Puls der Branche so stark, denn hier werden kommende Werkstatttrends einem breiten Fachpublikum vorgestellt. Dass die Digitalisierung das klassische Werkstattgeschäft verändert, zeigte sich auch während des ersten Truck Competence Symposiums "Trends im Nutzfahrzeug-Service", das der ETM Verlag im Auftrag der Frankfurter Messe veranstaltete. Bereits zu Beginn der Veranstaltung zeigte der Mercedes-Händler und -Servicebetrieb Josef Paul aus Passau, dass die digitalen Fahrzeugannahme Realität ist. Digital Vehicle Scan (DVS) heißt die dortige Lösung. Dabei handelt es sich um einen rund 13 Meter langen Inspektionstunnel, mit dem von der Mercedes A-Klasse über den Actros bis zum doppelstöckigen Setra-Reisebus digital erfasst und etwaige sichtbare Schäden protokolliert werden. 22 Kameras sowie ein Drive-over-Reader nehmen dazu in rund 30 Sekunden den Zustand des Fahrzeugs auf.

Automechanika 2018 Foto: Andreas Beyer
Wasner: "Die Zukunft der Annahme ist digital."

Digitale Fahrzeugdaten ermöglichen eine automatische Telediagnose

Ein Datenabgleich mit bereits gespeicherten Fahrzeugdaten ermöglicht nach Angaben von Bernhard Wasner, Geschäftsführer von Josef Paul, einen Vorher-nachher-Vergleich. Seiner Meinung nach ist dieses digitale Diagnoseverfahren erst der Anfang. Er erwartet Anwendungsbereiche nicht nur in der Vereinfachung von Reparaturprozessen, sondern auch für das gesamte Flotten- und Logistikmanagement. Der Trailerhersteller Schmitz Cargobull (SCB) hat diesen Trend ebenfalls für sich erkannt. "Mit Schmitz Cargobull Repair Systems haben wir uns auf die bevorstehenden Anforderung an Flottenkunden und Werkstätten eingestellt", sagte Benjamin Hellbusch, Leiter Serviceverträge bei Schmitz Cargobull Parts & Services. Dabei handelt es sich um ein browserbasiertes Managementportal mit einer Schnittstelle zum Prüfsystem der Sachverständigenorganisation Dekra. Innerhalb dieser Kooperation haben die beiden Partner die digitale Fahrzeugakte entwickelt, die alle für den Kunden relevanten Fahrzeugdaten enthält – von der Reparatur über die Wartung bis zu den abgeleisteten turnusmäßigen Fahrzeugprüfungen. Dass sich durch die Digitalisierung Werkstattaufenthalte aktiv planen lassen, davon berichtete Andreas Kiel (Bild oben), Sicherheitsbeauftragter bei Böhm Güterverkehr, der im Dialog mit WERKSTATT aktuell-Chefredakteur Thomas Rosenberger seine Erfahrungen mit Mercedes-Benz Uptime schilderte.

Automechanika 2018 Foto: Andreas Beyer
Jürgen Lumera, Experte für Augmented Reality bei Bosch Automotive Aftermarket.

Bei diesem Serviceangebot ermöglichen digitale Fahrzeugdaten eine automatische Telediagnose, um rechtzeitig auf kritische Fahrzeugzustände, Wartungsintervalle und Reparaturbedarfe reagieren zu können. Ein Dienst, der laut Kiel von Anfang an sehr gut funktionierte, tatsächlich Kosten sparte und während der Testphase fortwährend weiter optimiert wurde. Trotz des digitalen Workflows blieb der Kontakt zur Kundenbetreuung des Servicebetrieb stets menschlich. Dass der Mensch in der digitalen Servicezukunft immer noch eine entscheidende Rolle spielt, zeigte sich auch bei dem Vortrag von Jürgen Lumera, Experte für Augmented Reality (AR) bei Bosch Automotive Aftermarket. Bosch setzt bei seinem neu aufgelegten Schulungsprogramm auf die moderne Technik, bei der die Teilnehmer entweder via Datenbrille oder mit der Kamera eines Tablets den Umgang mit komplexen Baugruppen erlernen. Hierbei werden die Teilnehmer mit zusätzlichen Erläuterungen, 3-D-Objekten oder eingeblendeten Videos unterstützt. Dabei kann der Trainer die Endgeräte der Teilnehmer steuern und entscheiden, welcher Anwendungsfall auf den Geräten zu sehen ist. "Mit Augmented Reality haben wir die passende Trainingstechnologie, um den Teilnehmern die immer komplexeren Funktionen adäquat und zudem noch spannend zu vermitteln", so Lumera. Schulungen ließen sich so um bis zu 15 Prozent beschleunigen – eine Leistung, die die Jury des Automechanika Innovation Awards in der Kategorie "Alternative Drive Systems & Digital Solutions" mit dem ersten Platz honorierte.

ddd

Derzeit setzt Bosch diese Technik für Hochvoltschulungen ein. Dieses Segment hat auch für ZF Aftermarket Zukunftspotenzial. Neben neuen Antriebssträngen für E-Fahrzeuge setzt ZF deshalb nach Angaben von Rolf Hildebrand, Leiter Service Readiness, auf Schulungsprogramme für die Servicekräfte von morgen. Auch wenn beim Elektroantrieb die Anzahl der verschleißrelevanten Komponenten deutlich reduziert ist, hat diese Form der Mobilität Wertschöpfungspotenziale, die eine gut aufgestellte Werkstatt nutzen kann. Und auch hier bleibt der Mensch ein relevanter Faktor. "Auch in Zukunft wird eine rein digitale Diagnose den Werkstattprofi nicht ersetzen können", versichert Hildebrand. Das gilt auch für die Prüfung der ab Juni 2019 zum Einsatz kommenden vierten Generation des digitalen Tachografen. Das Kontrollgerät DTCO 4.0 aus dem Hause VDO Continental unterscheidet sich optisch kaum von seinem Vorgänger. "Lediglich durch die Anschlüsse auf der Rückseite zeigt sich, dass es sich um ein Gerät der neuen Generation handelt", berichtet Markus Weide, Lead-Instruktor Tachographenprüfung bei Continental Automotive. Neu für Werkstätten: Der Tachograf verfügt über eine Kurzstrecken-Mikrowellenübertragung und einen zweiten Anschluss für eine externe GPS-Antenne, die entsprechend kalibriert werden müssen. Ebenfalls neu ist das Plombierkonzept, das den Tachografen vor Manipulation schützen soll. Entsprechende Wartungsschulungen werden vonseiten Continentals empfohlen und müssen laut Weide alle drei Jahre aufgefrischt werden.

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