Automechanika 2018

Trends bestimmen Wachstum der Servicebranche

Bosch Automechanika 2018 Augmented Reality Foto: Bosch 8 Bilder

Die drei großen Themen Digitalisierung beziehungsweise Vernetzung, Elektrifizierung und Automatisierung haben auch die Servicebranche erfasst. Wir stellen ausgewählte Beispiele vor, die den Service nachhaltig beeinflussen werden.

"Vernetzung, Automatisierung, optimierte Antriebssysteme und Elektrifizierung werden großen Einfluss haben. Sie ebnen zum einen den Weg zum stress- und emissionsfreien sowie sicheren Fahren. Zum anderen machen sie neue Geschäftsmodelle im Aftermarket möglich", erklärte Manfred Baden, Vorsitzender des Geschäftsbereichs Automotive Aftermarket der Robert Bosch GmbH, während der Pressekonferenz zum Auftakt der Automechanika in Frankfurt. Er ist nur einer von vielen Unternehmenslenkern, die während der Nachmarkt- und Service-Leitmesse diese Meinung vertraten. Bis zum Jahr 2025 sind laut der Beratungsgesellschaft PwC weltweit mehr als 470 Millionen vernetzte Fahrzeuge unterwegs. Dadurch werde auch der Markt für Angebote rund um Software und Datendienste im Nachmarkt deutlich steigen und das Wachstum der Servicebranche mitbestimmen.

Bosch Automechanika 2018 Augmented Reality Foto: Bosch
Die erste Anwendung von Augmented Reality (AR) ist bei Bosch die Hochvolt-Schulung. Die Teilnehmer erhalten die Trainingsinfos über VR-Brillen.

Augmented Reality nutzt die Vorteile der Digitalisierung

"Mit innovativen Konzepten für die effektive und effiziente Wartung und Reparatur über den gesamten Produktlebenszyklus sowie vernetzten Lösungen für Diagnose und Werkstattprozesse unterstützen wir unsere Partner sowohl beim aktuellen wie auch beim künftigen Fahrzeugbestand", erklärte Baden. Diese Lösungen hätten das Potenzial, die Abläufe in der Werkstatt zu optimieren und so den Betrieben wertvolle Zeit zu sparen. Wobei diese Innovationen zunächst vielfach vom Pkw-Volumenmarkt getrieben sind, wovon zunächst wohl die baulich eng mit Pkw verwandten leichten Nutzfahrzeuge profitieren werden, und erst im Laufe der Zeit auf schwere Nutzfahrzeuge ausgerollt werden. Baden verwies hier insbesondere auf Bosch Connected Repair, die intelligente Vernetzung von Diagnosegeräten in der Werkstatt. Bosch Connected Repair verbindet Fahrzeugannahme, Fahrzeuginformationen und Testgeräte und schafft eine gemeinsame Datenbasis, die an alle angeschlossenen Geräte kabellos übertragen wird. Nach der einmaligen Anmeldung stünden die jeweiligen Fahrzeugdaten an allen PC-gestützten Systemen zur Verfügung. Das vermeide zeitraubende Doppelarbeit. Den Vorteil beziffert Baden auf rund zehn Minuten pro Fahrzeug. Daten wie Prüfprotokolle, Kommentare und Bilder werden dann auf einer digitalen Arbeitskarte gespeichert und sind jederzeit von den Mitarbeitern abrufbar.

Eine weitere Anwendung, die sich die Vorteile der Digitalisierung zunutze macht, ist die sogenannte Augmented Reality (AR). Mithilfe einer Datenbrille oder eines Tablet-PCs samt Kamera lassen sich entweder Mitarbeiter trainieren, indem beispielsweise Arbeitsanweisungen in das Sichtfeld projiziert werden, oder diese Anwendung macht auf dem jeweiligen Endgerät im Fahrzeug verborgene Bauteile für den Nutzer sichtbar und erlaubt so einen schnelleren Zugriff darauf. Ein Feldtest von Bosch habe gezeigt, dass sich auf diese Weise selbst einfachere Arbeiten um 15 Prozent beschleunigen lassen (siehe S. 16). Für diese Anwendung verdiente sich Bosch auch den Innovation Award 2018 in der Kategorie "Alternative Drive Systems & Digital Solutions". Die Schulungen sollen ab November verfügbar sein. Zunächst nutzt Bosch nach eigenen Angaben die Anwendung für Hochvoltschulungen. Eine weitere Anwendung der Digitalisierung ist die sogenannte Crowd-Intelligence beziehungsweise kollektive Intelligenz. Das nutzt Bosch für die Diagnose-Software Esitronic 2.0. Hier ist der Dienst "Erfahrungsbasierte Reparatur" hinterlegt. Erkennt die Diagnose einen bekannten Fehler, empfiehlt sie automatisch einen von Bosch-Experten erstellten Reparaturansatz, der von anderen Nutzern als gute Lösung bewertet wurde. Laut Dr. Hans-Peter Meyen, Mitglied des Bereichsvorstands Automotive Aftermarket der Robert Bosch GmbH, sind bereits mehr als 750.000 Anwendungsfälle hinterlegt. Auch Continental nutzt die Vorzüge der Digitalisierung.

Mit TruckOn europaweit Werkstattservice vereinbaren

TruckOn nennt sich eine markenunabhängige Online-Buchungsplattform, die Betreiber von Nutzfahrzeugflotten und Werkstätten zusammenbringen soll. Der Vorteil für Flottenbetreiber: Über TruckOn können sie europaweit den nächsten Werkstattservice vereinbaren. Die Vorteile der Plattform für Werkstätten: Sie zeigen online Präsenz, gewinnen Kunden über die Heimatregion hinaus und verbessern ihre Auslastung. Continental geht davon aus, dass sich so die vorgeschriebenen Ruhezeiten des Fahrers für den Service nutzen lassen, also Phasen, in denen der Lkw auf Tour ohnehin stillsteht. Hinzu kommen Werkstattbewertungen von Usern nach einem Fünf-Sterne-Schema, die den Kunden die Entscheidung für einen Servicebetrieb erleichtern sollen. Diese können außerdem die Suche über Filter eingrenzen, indem sie etwa die Art der Arbeit, eine Preisspanne dafür sowie Ort und Datum eingeben. Ab sofort können sich Werkstätten und Flotten unter TruckOn.com für den Dienst registrieren. Werkstätten zahlen dafür pro erfolgter Buchung eine Gebühr. Zudem gibt es die Möglichkeit, eine kostenpflichtige Professional-Mitgliedschaft abzuschließen, die Marketingleistungen umfasst. Bis Ende dieses Jahres ist hier noch ein beitragsfreier Abschluss möglich. Das Angebot startet zunächst in Deutschland, Italien und Spanien. Weitere Länder sollen im kommenden Jahr folgen. Aktuell stehen 30 Dienstleistungen zur Wahl, die Tachografen- und periodische Prüfungen von Lkw und Trailer sowie Reifen- und Batterieservice umfassen.

Diesen Dienst präsentierte Continental allerdings zur IAA Nutzfahrzeuge. Während der Automechanika fokussierte sich das Unternehmen auf Dienste für Pkw. Hierzu zählt ein Ferndiagnose-Dienst für den freien Markt. Herzstück der Carespia-Plattform ist ein Bluetooth- oder SIM-Dongle, der die Ferndiagnose erst ermöglicht und der in Zusammenarbeit mit dem Autoteile-Großhändler und Werkstattausrüster Matthies vertrieben wird. Continental stellt mit RVD (Remote Vehicle Data Platform) die technische Plattform. Der Pilotbetrieb mit 1.000 Dongles ist abgeschlossen, nun sollen noch Push-Nachrichten integriert werden, mit denen die Werkstatt erfährt, wenn ein Fehler im Fahrzeug auftritt. Sie kann anschließend dem Kunden einen Termin anbieten. "Produkte werden künftig Mittel zum Zweck sein, und nur Teilehersteller, die Produktkompetenz mit Services verknüpfen und damit ganzheitliche Servicelösungen anbieten, werden das Aftermarket-Geschäft gestalten", kommentierte Rolf Sudmann, Leiter des Aftermarket-Geschäfts für Antriebssysteme bei Continental. Außerdem zeigte Continental, wie sich per Sprachbefehl Serviceabläufe steuern und auf Reparaturinformationen zugreifen lässt, kurz: Alexa zieht in die Werkstatt ein. Ein Projekt, das das Unternehmen zusammen mit TecAlliance verfolgt. Es soll ermöglichen, dass der Mechatroniker für solche Tätigkeiten das Werkzeug nicht ablegen muss.Ebenfalls gut gerüstet für die Mobilität von morgen zeigte sich ZF auf der Automechanika.

Valeo Automechanika 2018 Digitalisierung Foto: Valeo
Per Connected Assistance von Valeo blickt der Techniker der Hotline dem Mechaniker sozusagen bei der Arbeit über die Schulter und kann Tipps geben.

Valeo-Experten schauen dem Mechaniker über die Schulter

"Wir sind frühzeitig in die Entwicklung der Automobiltechnologie eingebunden", attestierte Dr. Ulrich Walz, Leiter Produktion und Markt bei ZF Aftermarket, unlängst bei der Vorschau zur Automechanika in Friedrichshafen. Dies erlaube dem Unternehmen, vorausschauend neue Lösungsansätze für Produkte und Dienstleistungen für den Nachmarkt zu konzipieren und umzusetzen. Mit Blick auf die immer präsenter werdende Elektromobilität stellte der Getriebespezialist sein neues Schulungsprogramm für Hochvoltantriebe vor. Nach eigenen Angaben hat das Technologieunternehmen aus Friedrichshafen dafür spezielle Trainer in Deutschland, Großbritannien und China ausgebildet. Weitere sollen folgen für Werkstattpartner in Süd- und Westeuropa sowie Nordamerika. Die von diesem Fachpersonal durchgeführten Schulungen kombinieren dabei klassische Unterrichtseinheiten mit E-Learnings mit dem Ziel, Präsenzzeiten und die damit verbundenen Ausfallzeiten in den Werkstätten selbst zu reduzieren. "In unseren Hochvolt-Trainings können unsere Kunden und Partner frühzeitig alle Schlüsselqualifikationen erwerben, um das komplexe Themenspektrum der Zukunftstechnologien zu beherrschen", beschreibt Helmut Ernst, Leiter ZF Aftermarket, das Fortbildungsprogramm. Nebst Hochvoltschulung stellte ZF im Schulterschluss mit dem Engineering-Unternehmen In-tech das Umrüstungskonzept E-trofit vor, mit dem die beiden Partner künftig konventionelle Antriebsstränge von Bussen und Nutzfahrzeugen auf Elektrobetrieb umrüsten wollen. ZF Aftermarket bringt sich dabei als Systemlieferant ein und liefert für den Umbau mit der Niederflurportalachse AxTrax AVE und dem Zentralantrieb CeTrax die entsprechenden Komponenten. In-tech wird gemäß ZF entsprechend die Konfiguration der Steuerungstechnik übernehmen.

"Mit E-trofit haben Busbetreiber die Möglichkeit, innerhalb von nur vier Wochen ihre konventionellen Busse auf emissionsfreies Fahren umrüsten zu lassen", berichtete Ernst während der Pressekonferenz. Das damit verbundene Einsparpotenzial betrage allein beim Kraftstoff rund 100.000 Euro, bei einer Bus-Laufzeit von zehn Jahren. Diese Umrüstmöglichkeit will Ernst als Brückentechnologie verstanden wissen, so lange, bis Elektro-Lkw und -Busse eine entsprechende Marktabdeckung erreicht haben. Darüber hinaus wird ZF Aftermarket freien Werkstätten – nach unlängst abgeschlossener Pilotphase in Großbritannien – mit ZF Smart Service eine App-basierte Fahrzeugdiagnose zur Seite stellen. Herzstück der derzeit lediglich für Pkw angebotenen Diagnose-Lösung ist ein Dongle, der, angeschlossen an die OBD-Schnittstelle, via Bluetooth mit dem Tablet oder Smartphone des Werkstattmitarbeiters kommuniziert. Dabei sollen künftig grundlegende Wartungsaufgaben wie beispielsweise Ölwechsel, Bremsentausch oder das Zurücksetzen des Entlüfters und des SAS (Lenkwinkelsensor) durchführbar sein. Valeo will ebenfalls mit einer digitalen Anwendung Hilfe leisten. Über die Website www.valeoservice.com lässt sich nun das Portal Tech @ssist aufrufen. Dort können Mechatroniker nach detaillierten Informationen zu Valeo-Produkten, technischen Daten, Kompatibilitätshinweisen und Produktbildern suchen. Die Suche lässt sich über Fahrzeugmodell, FIN oder Produktnamen starten. Dieser Dienst zielt aktuell vorwiegend auf Pkw-Modelle ab; es sind aber auch leichte Nutzfahrzeuge enthalten, die auf dem TecDoc-Katalog basieren. Hinzu kommt das Programm Connected Assistance. Mit dieser Anwendung, einer kostenlosen App fürs Smartphone, können Valeo-Experten dem Mechaniker sozusagen über die Schulter schauen und in Echtzeit Informationen und Tipps geben. Dazu richtet der Mechatroniker die Kamera seines Endgeräts auf das fragliche Teil, berichtet Eric Schuler, President von Valeo Service.

CRRC CEO China E-Mobilität Foto: Thomas Rosenberger
Lin Donglin, CRRC CEO

China sucht in Frankfurt Kunden

Unternehmen aus aller Welt nutzen die Automechanika Frankfurt, um die Möglichkeiten von Geschäften in Europa auszuloten. Auch für Konzerne aus China scheint dieser Ansatz vielversprechend zu sein. So nutzte beispielsweise CRC – Chinese Railway Company –, der größte Hersteller von Schienenfahrzeugen weltweit, die Messe, um in Deutschland beziehungsweise Europa weiter Fuß zu fassen. Vorstand Li Donglin (im Bild) erklärte im Interview mit WERKSTATT aktuell, dass man aufgrund der Kompetenzen auf der Schiene große Erfahrung mit E-Motoren und dazugehörigen Antriebskomponenten habe. In China würde man auch schon Fahrzeughersteller wie FAW und Changan beliefern. Nun wolle man in Europa in die E-Mobilität auf der Straße einsteigen. Im Fokus: Kooperationen mit den führenden Fahrzeugherstellern. In England arbeite man bereits an einem Innovationscenter, das 2019 die Arbeit aufnehmen soll, um die chinesische Technologie passend für die europäischen Märkte zu machen. Ein weiteres bei Stuttgart soll folgen. Die Herausforderungen sind laut dem Konzernchef in China die gleichen wie in Europa: die Kosten für Batterien, der Aufbau von Ladestationen beziehungsweise Smart Grids, die Beschaffung von Strom aus regenerativen Energien sowie die Suche nach Konzepten, um älteren Batterien ein zweites Leben einzuhauchen. Der CEO hob die Unterstützung der E-Mobilität durch die chinesische Regierung als Erfolgsgarant der emissionsfreien Mobilität hervor, und er geht davon aus, dass auch die EU mehr tun muss, um das Klima zu wahren. Er rechnet daher mit einem schnellen Wachstum der Nachfrage und großen Chancen für sein Unternehmen.

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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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