Fahrernachwuchs

Durchaus positive Nachrichten

Foto: Jan Bergrath
Meinung

Die Zahl der neuen Verträge für die dreijährige Ausbildung zum Berufskraftfahrer ist im Vergleich zum starken Vorjahr etwa gleich geblieben. Auch lockt der Beruf mehr Frauen an. Die Gefahr der langfristigen demographischen Falle ist damit aber nicht aus der Welt.

Zugegeben, in diesen Zeiten, wo das Corona-Virus und seine Folgen für die Weltwirtschaft und die Logistik die Schlagzeilen selbst der Fachpresse beherrschen, fällt es schwer, über ganz normale Themen zu schreiben. Über das, was weiterläuft im Transportgewerbe, auch wenn sich nahezu alle in der Branche höchst wahrscheinlich aktuell überwiegend die Frage stellen, wie es tatsächlich weitergehen soll in naher und in ferner Zukunft. Die rasante Verbreitung des Virus sorgt derzeit für eine sukzessive Lahmlegung des gesellschaftlichen Lebens und noch nicht abzuschätzende Folgen auch für die Transportbranche. Ich klammere dennoch die möglichen Szenarien, die sicher auch beim Krisengipfel der Bundeskanzlerin mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) am 13. März in Berlin durchgespielt werden, hier bewusst aus.

Gutes aus der Vergangenheit

Die positiven Nachrichten, über die ich heute schreibe, kommen daher aus dem letzten Sommer, auch wenn sie immer erst im März des Folgejahres vom deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) veröffentlicht werden. Und das bedeutet diesmal: die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge für die dreijährige Ausbildung zum Berufskraftfahrer hat sich auf dem im Vergleich der letzten Jahre doch recht hohen Niveau etabliert, wenn man im positiven Sinne interpretiert, dass es nur 96 neue Verträge weniger gab als im Ausbildungsjahr zuvor. „2019 wurden mit 3.593 die zweitmeisten BKF-Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, nach 3.689 im Jahr zuvor“, freut sich der BGL. „Neue Rekorde gab es 2019 bei den insgesamt bestehenden Ausbildungsverträgen sowohl insgesamt mit 7.848, als auch was die Anzahl wie den Anteil weiblicher Azubis mit 575 bzw. 7,3 % betrifft. Noch schöner ließe sich diese Dynamik darstellen, wenn man die Anzahl der neu abgeschlossenen Verträge mit weiblichen Azubis separat pro Jahr ausweisen könnte.“

Foto: ETM
Die Ausbildungszahlen im Jahresvergleich

Erfreulich sei auch, so der BGL weiter, „dass der Anteil bestandener BKF-Prüfungen in 2019 mit 85,8 Prozent so hoch ist, wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr.“ Das sind hier zur Erklärung all die Azubis, die bereits vor drei Jahren ihre Ausbildung begonnen haben. „Man sieht also, dass die gemeinsamen Anstrengungen von Unternehmern, Verbänden, Bildungseinrichtungen und Straßenverkehrsgenossenschaften Früchte tragen.“

Stimmen aus der Transportbranche

Das bestätigt auf Nachfrage auch René Große-Vehne für die Große-Vehne Speditions GmbH aus Kornwestheim. Seit 2011 gehen dort die Zahlen stetig nach oben. „2015 hatten wir noch 57 Berufskraftfahrerauszubildende, 2019 waren es schon 108. Generell erhalten in diesem Bereich der Berufskraftfahrer rund 75 Prozent ihren Gesellenbrief“, so Große-Vehne. „Die Quote variiert von Jahr zu Jahr. Wir pendeln zwischen 15 bis 30 Prozent junger Menschen, die ihre Lehre nicht beenden.“ Anthony Wandt aus Braunschweig schreibt, dass er im letzten Jahr zehn BKF-Azubis einstellen konnte und bereits drei Anmeldungen für das kommende Ausbildungsjahr hat. „Die Betreuung der jungen Menschen ist allerdings aufwendiger als früher“, sagt der Geschäftsführer der Spedition Wandt. „Wir hätten noch zwei oder drei mehr einstellen können, haben uns aber dagegen entschieden.“

Auch Andreas Müller, Fuhrparkleiter der Müller Transport und Logistik Ulm GmbH, die wir im aktuellen Heft 4/2020 des FERNFAHRER ausführlich im Speditionsportrait beschreiben, berichtet vor Redaktionsschluss von einer hohen Nachfrage nach den zehn für das kommende Jahr 2020/21 erstmals neu geschaffenen Ausbildungsplätzen im reinen Werkverkehr der Drogerie Müller. Zuletzt waren nur noch vier Plätze zu vergeben.

Ausbildung vor allem im Mittelstand

Foto: Zufall Logistik
Nachwuchs bei Zufall Logistik

Die konsequente Fahrerausbildung ist vor allem eine Stärke des Mittelstandes, weil sie dazu schlicht die besseren Möglichkeiten haben. Auch bei der Zufall Logistics Group in Fulda werden derzeit drei junge Leute ausgebildet, wie Mohamed Anous-El Aloui (im Lkw) im zweiten Lehrjahr und Nico Schreiber im ersten Lehrjahr. „Die ZUFALL logistics group begegnet dem Mangel an qualifizierten Berufskraftfahrern auch dadurch, dass wir seit gut zwei Jahren selbst wieder in diesem Bereich ausbilden“, heißt es schriftlich aus Fulda. „Ziel des Unternehmens ist, diese Fahrer auch über ihre Ausbildung hinaus an ZUFALL zu binden: durch ein lukratives Beschäftigungsmodell, flexible Arbeitszeiten und moderne Fahrzeuge. ZUFALL möchte so Anreize für einen Beruf schaffen, in dem die Mitarbeiter eine sehr hohe Verantwortung tragen und mit zu den Aushängeschildern eines Unternehmens gehören.“

Mehr beschleunigte Grundqualifikationen

Foto: DIHK/ETM
Entwicklung in der beschleunigten Grundqualifikation

Auch eine zweite Zahlenreihe des DIHK, die in der fachlichen Bewertung immer etwas zurückstehen muss, weist seit Jahren ein kontinuierliches Wachstum auf – die Absolventen der in der Regel durch die Agentur für Arbeit geförderten Beschleunigten Grundqualifikation. Die Zahl wuchs kontinuierlich von 3.076 Teilnehmern (2009) auf 21.647 im vergangenen Jahr. Auch hat sich die Bestehensquote bei 20.942 Teilnehmern, die nun ebenfalls als EU-Berufskraftfahrer die Kennziffer „95“ in ihrem Lkw-Führerschein haben, auf einem hohen Niveau stabilisiert. Vor allem drei Gründe nennt der DIHK dafür: eine Optimierung der Aufgaben bei den Prüfungen bezüglich einer einfacheren Sprache mit dem Institut für Textoptimierung; weniger offene Aufgaben und zusätzlich dazu Mehrfachwahlaufgaben mit zwei richtigen Antworten. Oder anders gesagt: Man macht es den Prüflingen, davon viele mit einem Migrationshintergrund, leichter, die Prüfungen zu bestehen.

Fahrermangel aus Sicht der reinen Statistik

Die Corona-Krise, ich muss doch noch einmal darauf zurückkommen, verfälscht nun das Bild der reinen Statistik. Denn nach wie vor gehen auf Grund der demographischen Falle jedes Jahr rund 30.000 deutsche Fahrer offiziell in Rente, wie es der BGL ausgerechnet hat. Falls sie nicht als begehrte Aushilfen weiter fahren, um einerseits die Auftragsspitzen in den Unternehmen zu bewältigen, andererseits, um die in vielen Fällen doch eher knapp bemessene Rente aufzubessern. Das bedeutet: bei 20.942 neuen Fahrern mit der EU-Berufskraftfahrer-Lizenz und 1.833 neu ausgebildeten BKF-Azubis (gesamt 22.775 neuen Fahrern) gibt es nur noch einen theoretischen Mangel von rund 7.225 Fahrern im Jahr. Der wird zu einem auf das jeweilige Jahr gesehen schwer zu ermittelnden Anstieg der mittlerweile in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fahrern aus Ost- und Südosteuropa ausgeglichen. Diese kommen meist aus Polen und aus Rumänien. Nach der letzten Statistik des BAG arbeiten bereits knapp 20 Prozent ausländische Fahrer bei deutschen Transportunternehmen.

Warnung durch die IRU

Doch gerade diese Quelle wird über kurz oder lang versiegen, denn die IRU warnt bereits vor einem eklatanten Fahrermangel gerade in Polen, der dort wiederum durch Fahrer aus der Ukraine und Weißrussland ausgeglichen wird. Auch der derzeit größte europäische Frachtführer, Girteka aus Litauen, setzt auf seinen Lkw fast nur noch Fahrer aus den ehemaligen Ländern der alten Sowjetunion ein. Das betrifft ebenso die anderen Frachtführer des Baltikums, die vornehmlich in Westeuropa unterwegs sind. Mit allen Problemen, die das immer wieder beklagte Sozialdumping mit sich bringt.

Inwieweit nun das seit März in Kraft getretene Facharbeitereinwanderungsgesetz für die Transportbranche eine Entspannung bringt, bleibt abzuwarten. Denn aktuell melden die meisten Transportunternehmen wieder deutlich mehr Nachfragen von jobsuchenden Fahrern – was vor allem an der bereits Anfang des Jahres zu spürenden leichten Rezession der deutschen Wirtschaft lag, die durch die Corona-Krise nun mit großer Wahrscheinlichkeit verstärkt wird.

Ausländische Fachkräfte zu teuer?

Der politisch aktive Lkw-Fahrer Udo Soppkeck hat das Problem des neuen Gesetzes für die Branche auf den Punkt gebracht. Denn, so interpretiert er nach einem ausgiebigen Studium der Bedingungen, die Innenminister Horst Seehofer aufgestellt hat, wären ausländische Fachkräfte für deutsche Transportunternehmen schlichtweg zu teuer, wenn sie 45 Jahre alt sein müssen und im Monat, bei maximal 173 Stunden im Monat, 3.685 Euro brutto verdienen sollen. „Entweder sind dann alle Berufskraftfahrer aus Drittstaaten unter 45 Jahre alt“, so Skoppeck, „oder der Bruttolohn von monatlich 3.685 Euro muss für alle Berufskraftfahrer in Deutschland in einen neuen Bundestarifvertrag inklusive Allgemeinverbindlichkeitserklärung festgeschrieben werden.“

Vor allem ein qualitativer Mangel

Danach sieht es derzeit leider nicht aus. Und so trennt sich gerade, so ist es aus aktuellen Rückmeldungen der Branche zu hören, die Spreu vom Weizen. Manche Unternehmen bauen Fahrzeuge und damit auch Stellen ab. Durch das Raster fallen demnach aktuell die qualitativ weniger gut ausgebildeten Fahrer, darunter eben auch die, die 2019, in der Hochphase des Fahrermangels, noch eine Chance hatten. Und die, die sich immer wieder, auch in den sozialen Medien, gegen Weiterbildung aussprechen, die sie für nutzlose Zeitverschwendung halten.

Für die junge Frau auf dem Titelfoto hier oben ist das alles kein Problem. Lisa Zordel aus Neuenbürg im Nordschwarzwald hat ebenfalls 2019 den Lkw-Führerschein gemacht und fährt nun im Werkverkehr im elterlichen Betrieb einen der beiden für den Transport von lebendem Fisch von Vater Andreas aufgebauten Spezialfahrzeuge. Auch am Wochenende. Denn trotz drohender Versorgungskrise gilt – frischer Fisch geht immer.

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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