Marken
Themen
Artikel
Häufige Fragen
Videos
Who is Who
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Betrunkene Lkw-Fahrer aus Osteuropa

Das importierte Alkohol-Problem

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

Fünf stark betrunkene Lkw-Fahrer aus Osteuropa waren vergangene Woche auf deutschen Autobahnen unterwegs. Ein Problem, dass ich bereits vor über fünf Jahren zum ersten Mal thematisiert habe. Nun wird es eine zunehmende Gefahr für die Verkehrssicherheit, auf die die Kontrollbehörden endlich eine Antwort finden müssen.

29.08.2018 Jan Bergrath

Es ist eine Liste des Grauens: Sie beginnt am Donnerstag, 23. August, mit der Meldung, dass ein betrunkener Lkw-Fahrer aus Polen mit 2,7 Promille in Cloppenburg unterwegs ist. Auf der A9 wechselt am selben Tag ein alkoholisierter Pole mitten auf der linken Fahrspur einen Reifen. Am Freitag ist es dann, wie mir die Polizei Offenburg auf Nachfrage mittteilt, zunächst ein betrunkener Lkw-Fahrer aus Tschechien, der mit 2,5 Promille auf der A 5 erwischt wird. Und am Abend wird auf der A24 ein am Steuer Korn trinkender Pole mit 2,6 Promille aus dem Verkehr gezogen. Am Samstagabend schließlich leistet sich ein weißrussischer Lkw-Fahrer mit 2,2 Promille auf einem in Litauen zugelassen Lkw eine Verfolgungsjagd über die A1 und kann erst mit einem “Stopp Stick“ aufgehalten werden.

Für sich genommen, regional veröffentlicht, sind es lauter Einzelfälle, zusammengeführt wird daraus ein erschreckendes Gesamtbild. Der Vollständigkeit halber sei aktuell noch erwähnt, dass dann am Montag schließlich noch ein Lkw-Fahrer mit über zwei Promille auf der A7 unterwegs war. Nach meiner Rückfrage bei der Polizei Göttingen diesmal ein Deutscher.

Mit viel Glück ist nichts passiert

Zum Glück ist bei diesen neuerlichen Vorfällen kein Mensch zu Schaden gekommen. Anders war es Ende Dezember 2017 auf der A61 bei Viersen, als ein betrunkener Lkw-Fahrer aus der Ukraine mit ebenfalls 2,7 Promille in einem Streifenwagen raste. Eine Polizistin starb, eine weitere leidet bis heute an ihren schweren Verletzungen. Der Fahrer wurde kürzlich zu drei Jahren Haft verurteilt. Ich war bei beim Prozessauftakt in Mönchengladbach dabei und musste erkennen, wie schnell sich manche Fahrer aus Osteuropa offenbar in der Gruppe zum Trinken verleiten lassen. Anstatt nach seiner nächtlichen Fahrt durch Deutschland auf einem Parkplatz zu schlafen, zog dieser ukrainische Lkw-Fahrer mit zwei russischen Fahrern von Fahrerhaus zu Fahrerhaus, gemeinsam leerten sie einen Drei-Liter-Beutel Wodka. Was nach Absicht eines Gutachters schon eine gewisse Gewöhnung an Alkohol voraussetzt. Nach einem letzten Stück Käse setzte sich der volltrunkene Fahrer danach ohne Erinnerung ans Steuer.

Andere Fahrer, wie in diesem Fall, randalieren im Suff. Zwei Fahrer aus der Ukraine sind sogar im Suff erschlagen worden, wie ich in diesem älteren Blog beschrieben habe.

Traurige Biografien, zu wenig Kontrolldruck und Prävention

Bereits seit meinem Blog "Ernüchternde Bilanz" aus dem Jahr 2016 habe ich konkret auf die vielen Vorfälle mit betrunkenen Lkw-Fahrern aus Osteuropa hingewiesen. Seither ist in Sachen Prävention und Kontrolle nicht viel passiert. Man trifft dabei rund um die Autobahn auf teilweise schlimme Zustände – und Menschen, die bei längeren Gesprächen ihre traurigen Biografien preisgeben. Selbst zum Frühstück, wie das Bild zu diesem Blog auf einem zum Teil privaten Parkplatz einer internationalen Spedition belegt, greifen die dort unter üblen Zuständen mindestens sechs bis acht Wochen zwischen ihren Trucks hausenden Fahrer aus Rumänien bereits beim Frühstück zum mitgebrachten Fusel aus der Heimat.

Im Zuge der Diskussion des Europäischen Parlaments über das Mobilitätspaket hatte ich im Übrigen den Berichterstatter des Verkehrsausschusses, den Niederländer Wim van de Camp, dazu eingeladen, ein Wochenende mit mir auf dem SVG-Autohof Eifeltor zu verbringen und sich diese zum Teil wirklich demütigende Zustände anzusehen. Doch er zog es lieber vor, auf Einladung der IRU eine harmlose, von Lobbyisten betreute Nacht nahe Brüssel in einem modernen Lkw zu verbringen. Zum Glück wurde auch sein Vorschlag, dass Lkw-Fahrer in Zukunft alle Ruhezeiten wieder auf ausgewiesenen Sonderparkflächen im Lkw verbringen dürfen, vor der Sommerpause vom Plenum des Europäischen Parlaments mit großer Mehrheit abgelehnt.

Nur selten Alkoholkontrollen durch die Autobahnpolizei

In ihrer Freizeit können auch Lkw-Fahrer so viel trinken, wie sie wollen. Selbst im oder am Lkw auf einem Autohof. Deutsche Fahrer im internationalen Fernverkehr berichten mir, dass eigentlich jeden Abend auf den Rasthöfen unter den osteuropäischen Fahrern getrunken wird. Erst, wenn sich diese Lkw-Fahrer nach einem kurzen oder langen Wochenende in den Lkw setzen, hat die Polizei die Möglichkeit, einzugreifen. Das macht, so wie ich es im Internet verfolge, allerdings wohl nur die Autobahnpolizei aus Gau-Bickelheim entlang der A61 wirklich konsequent. Vor rund einem Monat kontrollierten sie dort 36 Fahrer, neun konnten ihre Lkw-Schlüssel erst wieder abholen, als sie nüchtern waren. Einer von ihnen hätte sonst wohl mit 2,54 Promille seine Tour über die A61 angetreten.

Die Dunkelziffer alkoholisierter Lkw-Fahrer dürfte mangels konsequenter Kontrollen wahrscheinlich erschreckend hoch sein. Immerhin, so schrieb mir der Leiter der Verkehrspolizei Mannheim, Polizeidirektor Dieter Schäfer, werde man auch rund um die A5 und A6 in der Nacht zu Montag vermehrt Stichprobenkontrollen durchführen. Auch andere Dienststellen machen nun offenbar immer mal wieder Stichprobenkontrollen.

Durch den über Jahre herbei gesparten Personalmangel bei der Polizei dürfte das allerdings nicht zu einer dringend nötigen, konzertierten bundesweiten Aktion gegen Alkohol am Lkw-Steuer führen, die sich herumspricht. Somit bleiben die Schlupflöcher schlicht zu groß.

BAG und Polizei schauen am Wochenende nur zu

Stattdessen, so belegt es erschreckend dieser relativ verklärende Report des Südkurier schauen Polizei und das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) offenbar nur weiter zu, wenn Lkw-Fahrer aus Osteuropa am Wochenende sogar “bis zu 48 Stunden“ auf Rastplätzen verharren. Dass die Polizei das nun schon länger existierende Verbot, die regelmäßige wöchentliche Ruhezeit im Lkw zu verbringen, weitestgehend nicht verfolgt, ist mir leider nur zu gut bekannt.

Beim BAG ist es etwas komplizierter: Seit Beginn der Kontrollen der Ruhezeit am Wochenende im September 2017 hält man am eigenen Kontrollkonzept fest.

Alkoholisierte Fahrer – Konsequenz des europaweiten Fahrermangels?

Monatelang im Lkw, von der Familie getrennt, das Wochenende über mit gleichgesinnten oder gleichgefangenen Kollegen an der Weiterfahrt gehindert – das sind mögliche Erklärungen für das häufige “Frustsaufen“ vieler Fahrer aus Osteuropa auf deutschen Rasthöfen. Immer wieder bekomme ich auch mit, dass sogar auf Speditionshöfen die dort in Containerunterkünften stationierten Fahrer im Suff in Streit geraten – und die Polizei gerufen wird. Was dann nicht immer als Pressemeldung an die Öffentlichkeit gelangt.

Für mich sind das alles leider auch Zeichen dafür, dass durch den eklatanten Fahrermangel in ganz Europa und eine mittlerweile starken Westwanderung der Lkw-Fahrer immer mehr Leute hinters Steuer geraten, die dort schlicht und einfach nicht hingehören. Wie sagte mir bereits vor genau fünf Jahren der Chef der lettischen Spedition Dinotrans unter anderem auf die Frage, warum er lieber Fahrer von den Philippinen einstellen würde als Fahrer aus Lettland: “Weil diese keinerlei Probleme mit Alkohol haben.“

Doch das ist eine andere Geschichte Die damalige Reportage unter dem Titel “Nomaden“ im FERNFAHRER 5/2013 war übrigens der Auftakt meiner Berichterstattung zum Thema Sozialdumping. Ziemlich genau fünf Jahre später muss ich feststellen, dass alles nur noch viel schlimmer geworden ist und sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass die zuständigen Behörden das importierte Alkohol-Problem aus Osteuropa einfach nicht in den Griff bekommen.

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
Kostenloser Newsletter
eurotransport.de Webshop
WhatsApp-Newsletter