Marken
Themen
Artikel
Häufige Fragen
Videos
Who is Who
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Neuer Actros mit Mirror-Cam

Daimlers innovativer Rückblick

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

Zwei Wochen vor der IAA Nutzfahrzeuge hat Daimler der Fachpresse seinen neuen Actros vorgestellt. Er besticht mit vielen inneren Werten, ist ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung und definitiv kein Lkw für Fahrer, die noch am Fuller-Getriebe hängen.

13.09.2018 Jan Bergrath

Diesmal also auf dem roten Teppich. Natürlich, denn dort, wo Daimler am 5. September in Berlin den neuen Actros vor rund 250 europäischen Journalisten vorgestellt hat, dem Theater am Potsdamer Platz, finden sonst die großen Musicalpremieren statt. So also auch für den neuen Star im Stuttgarter Schwerlastportfolio.

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath

Etwas zu martialische Musik ertönt, als das schwarz-weiße Tarntuch in die Höhe gezogen wird und den Blick auf das sattrote neue Flaggschiff freigibt, das nun auf der Nutzfahrzeug-IAA dem breiten Fachpublikum vorgeführt wird. Ein durchaus emotionaler Moment vor allem für Mercedes Lkw-Chef Stefan Buchner, der sogleich vom nur marginal geänderten Design ablenkt und vor allem die inneren Werte des Lasters betont. Und die haben es wahrlich in sich. Die fortschreitende Digitalisierung ist der nächste Schritt zur Teilautomatisierung.

Mercedes-Benz Actros 2018 IAA Premiere Premiere des neuen Mercedes-Benz Actros (2018) Erste Daten und Fakten zum Lkw-Flaggschiff

Tiefgreifende Änderungen im Cockpit

Über all die vielen Veränderungen im Cockpit berichtet mein Kollege Ralf Becker bereits ausführlich im aktuellen FERNFAHRER. Mein Focus richtet sich daher auf einen Punkt, der seit der Berliner Premiere in den sozialen Medien vor allem unter Fahrern sehr heftig diskutiert wird – die sichtbar fehlenden Außenspiegel. Denn mit der neuen Entwicklungsstufe des Actros setzt Daimler eine sogenannte Mirror-Cam ein, die sowohl den klassischen Hauptspiegel als auch den Weitwinkelspiegel ersetzt. Sie werfen ihr Bild auf zwei je 15 Zoll große Bildschirme, die innen an den A-Säulen platziert sind.

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath

Daimler verspricht sich neben deutlich mehr Sicherheit durch eine verbesserte Rundumsicht auch eine verbesserte Aerodynamik und damit einen niedrigeren Dieselverbrauch. Doch gerade dieses neue Spiegel-Konzept führte schnell zu allgemeinen ersten Irritationen und einigen ganz klaren Fragen, die ich an die Pressestelle von Daimler weitergegeben habe.

Die Angst vor dem Versagen der Technik

Aus den meisten Rückmeldungen auf Facebook geht vor allem eines hervor: Der neue Actros ist definitiv kein Lkw für Fahrer, die noch am Fuller-Getriebe hängen. Oder anders gesagt, er nimmt den Fahrern nun noch mehr Arbeit und vor allem „gedankliche Leistung“ ab, denn das erweiterte PPC (Predictive Powertrain Control) übernimmt nun auch im Überlandverkehr das, was der begeisterte Fahrer bei Daimler in Wörth im Profitraining gelernt hat – rechtzeitig die Strecke erkennen und entsprechend spritsparend schalten oder rollen lassen.

Doch der Weg in Richtung teilautonomes bis autonomes Fahren ist nicht mehr aufzuhalten. Zum Glück hat Buchner auf die nach wie vor in der Nutzfahrzeugindustrie kursierende Beschwörungsformel verzichtet, dass Lkw-Fahrer in der fernen Zukunft hinterm Steuer disponieren können. Auf Grund des akuten Fahrermangels werden eher die Disponenten ihre Büroarbeit ins autonom rollende Fahrerhaus verlagern.

Wie auch immer: Nach einer ersten Probefahrt als Beifahrer eines Entwicklungsleiters über Landstraßen in Brandenburg und einer eigenen Fahrt auf dem Gelände des Fahrsicherheitszentrums in Linthe bin ich überzeugt: Alle Vorbehalte werden verschwinden, wenn die ersten Fahrer sich vielleicht nicht mehr so vorkommen wie im herkömmlichen Fahrerhaus sondern im Leitstand eines Raumschiffes. Natürlich immer noch mit dem Lenkrad in der Hand. Für den Joystick fehlt derzeit noch die gesetzliche Grundlage. Wenn da nur nicht die Angst vor dem Versagen der Technik wäre.

Geringere Gefahr bei Fremdberührung

Denn Fahrer sind eher die Praktiker, sie gleiten (noch) nicht durch Zeit und Raum, sie haben es mit einfachen erdgebundenen Problemen zu tun. Entgegenkommende Lkw zum Beispiel oder Äste am Wegesrand. Woran schon seit Jahren herkömmlich Spiegel zersplittern. Und so ist eine der meistgenannten Sorgen, dass die beiden Kameras eine Fremdberührung nicht überleben. Die Gefahr, so heißt es aus Stuttgart, sei allerdings weniger groß als bei den Außenspiegeln aus Glas, da die Mirror-Cams deutlich kleiner sind als die Seitenspiegel. Zudem sind die Kameraarme in Fahrtrichtung und entgegen der Fahrtrichtung klappbar ausgeführt. Ein Sensor kontrolliert zudem, ob der Kameraarm in Fahrstellung, also komplett ausgeklappt ist.

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath

Wie steht es mit dem Toten Winkel?

Also gut. Doch wie sieht es mit dem Toten Winkel aus? „Die gesetzlichen Sichtfeldvorgaben werden durch das Kamera/Monitorsystem übererfüllt“, betont eine Pressesprecherin. „Vor allem die Rundumsicht, insbesondere die Sicht aus den Seitenfenstern, wird gegenüber den herkömmlichen Spiegeln erheblich verbessert.“ Darüber hinaus ist die Darstellung des Sichtfeldes in den Displays für die jeweilige Situation optimiert.

Das kann ich durch die ersten „Sichtproben“ bestätigen. Bei der Vorwärtsfahrt heißt das: es gibt weiterhin die klassische Aufteilung der Sichtfelder, analog zum herkömmlichen Spiegel. Beim Abbiegen nach links oder rechts besticht vor allem die automatische Auflieger-Nachführung bei der Vorwärtsfahrt. Das Bild auf dem kurveninneren Display schwenkt mit. Die Rückwärtsfahrt und das Rangieren werden durch eine spezielle Ansicht in den Displays der Mirror-Cam, einen größeren Weitwinkel-Bereich, unterstützt.

Was ist, wenn es regnet?

Eine weitere Frage lautet: Was passiert mit dem MirrorCam-System, wenn es regnet? Wenn Wassertropfen auf der Linse oder auf den Monitoren landen? Hier liest sich die Antwort eher grundsätzlich: „Der Gesetzgeber fordert eine Sicherstellung der Funktion in jeder Situation. Für den neuen Actros wird das durch unterschiedliche ISO-Normen für den Außenbereich (Kamera-Arm) und für den Innenraum (Displays) sichergestellt.“ Wer das nicht glauben mag, dem rate ich: Türe immer zu bei längeren Standzeiten. Gegen Wasser auf dem Display hilft ansonsten ein Papiertuch. Die Anmerkung, dass man mit verschmierten Arbeitshandschuhen auf Dauer die beiden Monitore im Cockpit verschmutzen könnte, lasse ich einfach mal stehen.

Mehr Sicherheit bei Nacht

Eine deutlich bessere Sichtbarkeit sei definitiv bei Nacht gegeben. „Bei Dämmerung und bei Dunkelheit passt sich das System automatisch den aktuellen Lichtverhältnissen an, so dass, je nach Umfeldbedingungen, immer ein möglichst optimales Bild angezeigt wird und somit immer eine optimale Einschätzung des Verkehrsgeschehens erfolgt.“ Für mich hier der größte Clou: Da die Monitore in der Kabine liegen, kann der Fahrer selbst vom Bett aus bei geschlossenen Vorhängen jederzeit das Geschehen rund um seinen Lkw verfolgen und, im Falle eines versuchten Ladungsdiebstahls, die Polizei informieren, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben.

Der befürchtete Blick ins Dunkle

Die am meisten genannte Sorge der Fahrer allerdings ist der mögliche Blick ins Dunkle – denn jede Technik kann ausfallen, so sehr die Techniker auch versichern, dass alles tausendmal erprobt wurde. Sollte also die Mirror-Cam durch Beschädigung, Unfall oder einen internen technischen Fehler tatsächlich ausfallen, erklärt Daimler, „dann gilt dieselbe gesetzliche Regelung wie bei einem kaputten Rückspiegel. Das Fahrzeug darf nicht weiter bewegt werden und der Service muss verständigt werden.“

Wie schnell ein Service-Fahrzeug vor Ort sein kann, hängt von vielen Faktoren ab – der Entfernung, dem Verkehr, der Zugänglichkeit und der Verfügbarkeit. „Hierzu kann keine klare Zeitangabe gemacht werden, ebenso wenig wie zum Thema der Kosten. Auch das hängt von vielen Faktoren ab, wie etwa dem möglichen Selbstverschulden oder Fremdverschulden, der Serviceleistung oder dem Servicevertrag.“

Wer sich nicht traut fährt weiter mit Glas

Kleiner Tipp daher am Rande: Der neue Actros verfügt nach wie vor über die Halterungen für herkömmliche Außenspiegel. Wer seinem Fahrer den ‚innovativen Rückblick‘ nicht zutraut, der kann den Actros weiterhin mit konventionellen Spiegeln bestellen. Und wer sich beim Kauf des neuen Flaggschiffs, dessen Preis und Liste der Sonderausstattungen zum Zeitpunkt dieses Blogs noch nicht feststanden, zusätzlich ein Paar Glasspiegel für den Notfall mitgeben lässt, der ist immer auf der sicheren Seite. Aber das ist dann reine Spiegelei.

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
Kostenloser Newsletter
eurotransport.de Webshop
WhatsApp-Newsletter