Alles über trans aktuell-Symposien
Rüdinger Spedition, Krautheim, trans aktuell-Symposium 21 Bilder Zoom
Foto: Thomas Kueppers

trans aktuell-Symposium bei Rüdinger

Prävention in der Praxis

Alles tun, um die Mitarbeiter und insbesondere die Fahrer bei Laune zu halten. Das ist laut Roland Rüdinger, Geschäftsführer der gleichnamigen Spedition, das Ansinnen seines Unternehmens. Rüdinger und weitere Vertreter der Branche referierten zum Thema "Safety First: Prävention in der Praxis".

Der Fahrermangel verknappt den verfügbaren Frachtraum derzeit so stark, dass ein krankheitsbedingter Ausfall des Fahrers oder auch ein längerer Werkstattausfall eines Fahrzeugs den Unternehmer in weitaus größere Nöte bringt als noch vor fünf Jahren. Wie dieses Risiko vermindert werden kann, zeigte das trans aktuell-Symposium "Safety First: Prävention in der Praxis" bei der Rüdinger Spedition in Krautheim.

Gastgeber Roland Rüdinger bekannte ganz freimütig: "Wir tun alles für die Gesundheit unserer Mitarbeiter und um sie bei Laune zu halten." Dazu gehöre grundsätzlich, für die Fahrer von Montag bis Freitag stabile Verhältnisse zu schaffen und sich auch nach dem Freizeitverhalten der einzelnen Fahrer zu richten – "denn man kann nicht alle Fahrer über einen Kamm scheren".

Bei der Rüdinger Spedition herrschen dafür beste Bedingungen: 17.30 Uhr ist etwa Feierabend-Beginn für die Fahrer, die die Nahverkehrssendungen der Kooperationen Elvis und Online-Systemlogistik verteilen, auch im Regionalverkehr mit Tagestouren von rund 300 Kilometern sind die Fahrer laut Rüdinger abends zu Hause. Im innerdeutschen Fernverkehr müssen die Fahrer zumindest einmal übernachten und im europaweiten Maschinentransport, der Spezialität des Unternehmens aus dem Hohenlohekreis, sind die Fahrer von Sonntag bis Freitag auf Tour – in dieser "Königsklasse" arbeiten erfahrene Fahrer mit viel Produktkenntnissen, die auch gerne unterwegs sind.

Jeder Fahrer hat seinen festen Platz in einer Abteilung

Jeder Fahrer hat also seinen festen Platz in einer Abteilung und wird entsprechend disponiert – der Wechsel in eine andere Abteilung bedarf der Zustimmung des Chefs. Zudem ist das Unternehmen mit eigenen Bussen im ÖPNV aktiv – wer dorthin wechseln will, bekommt den Bus-Führerschein vom Chef bezahlt. 

Heißgetränke sind für alle Mitarbeiter des Unternehmens gratis. Ebenso gibt es Brötchen für alle, die nach 17 Uhr arbeiten, Teamkleidung und Gutscheine für einen Physiotherapie-Besuch. In Ermangelung einer Kantine bietet Rüdinger donnerstags kostenfrei ein warmes Mittagessen, um die Kommunikation untereinander anzuregen; Fahrer erhalten zudem Benzingutscheine. Ein Rundumpaket also, denn, so Rüdinger, "Ladung gibt’s genug, Fahrer nicht".

Der Mittelständler aus Baden-Württemberg steht mit dem Mitarbeiter-Engpass nicht allein da: Auch die anderen Mitgliedsunternehmen der Ladungskooperation Elvis aus Alzenau haben diese Probleme. "Die Berufskraftfahrer werden immer älter, gleichzeitig geht die Zahl der Ausbildungsverträge zurück", sagte Christine Platt, Leiterin des Bereichs Purchasing bei Elvis. Ein entsprechender Aktionskreis aus Elvis-Mitgliedern will daher mit externer Unterstützung herausfinden, wie man etwa langfristig Fahrer an sich bindet.
Pauschal mehr Gehalt ist nicht die Lösung: Mehrere Umfragen von Berufskraftfahrern weisen laut Platt darauf hin, dass ein schlechtes Betriebsklima, Unzufriedenheit mit der Disposition sowie der Druck hinsichtlich der Lenk- und Ruhezeiten dazu führen, dass sich der Fahrer nicht mehr wohlfühlt und über einen Wechsel nachdenkt.

Alles eine Frage des Umgangs und der Wertschätzung

Direkten Einfluss auf die Zufriedenheit haben demnach die Vorgesetzten und die Arbeitsanweisungen. Wie geht man also besser mit dem Fahrer um, wie kann man die Anforderungen an ihn verändern? "Letztlich ist es eine Frage des Umgangs mit dem Menschen und eine Frage der Wertschätzung", sagte Platt. Statt nur über eine monetäre oder materielle Belohnung nachzudenken, sollten Firmen vielmehr eine emotionale Verbundenheit mit dem Mitarbeiter anstreben: Statt beispielsweise nur einen Bonus für unfallfreies Fahren auszuzahlen, gehöre auch das kurze persönliche Gespräch zwischen Fahrer und Chef dazu, aufgewertet mit weiteren emotionalen Maßnahmen wie einem symbolischen Scheck, einem Foto oder einem Aufkleber, der die Leistung auch nach außen sichtbar macht. 

Die Branche, so Platt, müsse im Gesamten eine andere Wahrnehmung herstellen: Vielleicht sei der Berufskraftfahrer heute nicht mehr der Kapitän der Landstraße, "aber er ist der Held des Alltags, ohne den es keine Zeitung auf dem Frühstückstisch und keinen Salatkopf bei Aldi gäbe". Und um diese Helden müssen sich die Unternehmen bemühen – auch in gesundheitlicher Hinsicht.

Dr. Frank Frebel, Geschäftsführer der Beratung Medical Sport Consulting aus Immenstadt im Allgäu, stellte dazu die sogenannte Ganzkörper-Vibrationsmethode vor, die auch die Rüdinger Spedition ihren Mitarbeitern anbietet. Dabei nutzen die Teilnehmer eine vibrierende Platte als Grundlage für verschiedene Übungen, die Erkrankungen am Bewegungsapparat verhindern oder lindern sollen. Vor allem Fahrer sind aufgrund des stundenlangen Sitzens davon betroffen. Das Gerät kostet laut Frebel etwa 200 Euro Miete im Monat, der Kaufpreis beläuft sich auf rund 8.000 Euro.

Mitarbeiter schulen Mitarbeiter in Sachen Gesundheit

Die Fahrergesundheit steht auch bei dem Logistikdienstleister Hellmann Worldwide Logistics aus Osnabrück im Fokus. Gesundheitsmanager Adam Pietzka berichtete von den verschiedenen Ansätzen des Unternehmens, darunter das Schulungskonzept "F(it) i(m) T(ruck)", das sich an die 130 Hellmann-Fahrer richtete. Dazu wurden vier Fahrer in Anatomie, körperfreundlichem Arbeiten und in pädagogischen Vermittlungsmethoden geschult. Ihre Erkenntnisse und praktische Übungen brachten sie ihren Kollegen näher. "Es ist jedoch ebenso wichtig, die Führungskräfte zu schulen, da sie den größten Einfluss auf die Mitarbeiter haben", erklärte Pietzka. Beim Kauf von Lkw achte Hellmann zudem auf ergonomische Standards.

Podiumsdiskussion über die Situation von Fahrern

Für Fahrer Udo Paffrath, der an der abschließenden Podiumsdiskussion teilnahm, sind das allerdings Luxusprobleme: "Bisher hat sich keiner meiner Arbeit­geber für so etwas interessiert." Den Namen seines aktuellen Arbeitgebers darf er nicht öffentlich nennen. Paffrath hat bislang durchweg schlechte Erfahrungen in der Branche gemacht und würde jungen Menschen nicht empfehlen, den Beruf des Fahrers zu ergreifen.

Warum Fahrer trotz schlechter Bedingungen erst spät oder gar nicht den Arbeitgeber wechseln, brachte Sigurd Holler, Gewerkschaftssekretär bei Verdi, auf den Punkt: "Sie haben nicht selten Angst vor Veränderung und ­kommen zu uns eher mit Beschwerden wie unpünktlicher Bezahlung." Um dem Beruf mehr Wertschätzung entgegenzubringen, versucht der Hersteller Iveco den Komfort für Fahrer stetig zu erhöhen. "Zu viel Luxus kauft allerdings niemand und im Fahrerhaus kann man nicht so viel machen, da es gesetzliche Vorgaben gibt", erklärte Manfred Kuchlmayr, Leiter der Iveco-Unternehmenskommunikation. Doch Iveco verwende zum Beispiel bestimmte Matratzen eines Zulieferers – mit Elektromotoren und Vibrationsfunktion. "Manche Fahrer schlafen darauf besser als zu Hause."

Grundproblem nicht fehlender Komfort, sondern fehlende Fahrer

Das Grundproblem der Branche ist allerdings nicht fehlender Komfort, sondern fehlende Fahrer. Das machte die gesamte Diskussion deutlich. Einer der Gründe stellt laut Roland Rüdinger die verrohte Situation an der Warenannahme dar – verstärkt durch das Geschäft mit Osteuropa. "Sie findet in sieben bis acht Sprachen statt und die Fahrer haben teilweise nicht einmal die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen", sagte Rüdinger.

Doch die Probleme liegen nicht nur bei der fehlenden Wertschätzung oder schlechten Arbeitsbedingungen, sondern auch in Bereichen, die viele erst einmal nicht im Blick haben. Thomas Kersten, Leiter Vertrieb und Marketing bei der Wolf Spedition aus Sinsheim, nannte ein solches Beispiel: "Früher durfte man mit einem Führerschein der Klasse B Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen fahren, das ist heute nicht mehr der Fall." Demnach fahre kaum einer mehr Stückgut.

Doch was, wenn zwar genügend Fahrer im Unternehmen vorhanden sind, diese aber viele Unfälle bauen, resistent für Schulungen sind und es schlichtweg nicht passt? "Sie müssen sich die Sinnfrage sehr früh stellen", riet ­Ralph Feldbauer Chef-Risk-Manager der Allianz Versicherung. Es bleibt am Ende eine betriebswirtschaftliche Abwägung des Unternehmers, die schadensbedingten Kosten in Relation zum Umsatz zu stellen. Insbesondere wenn kein qualifiziertes Personal zur Verfügung stehe.

Risk Management in der Flotte: neue Schulungskonzepte machen Eindruck

Viele Gründe sprechen für das Risk Management in der eigenen Flotte, allen voran die Gefährdung Dritter im Straßenverkehr zu verhindern – ein Grund mehr, durch gezielte Maßnahmen im eigenen Fuhrpark für mehr Sicherheit zu sorgen. Denn fehlende Sicherheit kostet weit mehr, als auf den ersten Blick anzunehmen ist: Wie Ralph Feldbauer, Chef-Risk-Manager der Allianz Versicherungsgesellschaft aus München, bei dem Präventions-Symposium bei der Rüdinger Spedition aufzählte, zieht ein Schadenfall zahlreiche direkte und indirekte Kosten nach sich und hat auch juristische Folgen.
Aus langjähriger eigener praktischer Erfahrung berichtete der Risk Manager des Versicherers, der eine Vielzahl von Kunden aus allen Wirtschafts- und Fuhrparkbranchen zum Thema Risikovorsorge berät, dass bei Unfällen verstärkt auch die Halterhaftung Thema der Kontrollbehörde und auch zunehmend im Fokus der Strafverfolgungsbehörden und der Justiz sei.

Das zwinge noch mehr als bisher zur Dokumentation: Wann und wo Fahrerschulungen zu welchem Themen und mit welchen Teilnehmern stattfinden, welche Anweisungen der Fuhrparkleiter gegeben hat. Mit der zunehmenden Digitalisierung werde diese Dokumentation leichter, weil automatisch und papierlos. Laut Feldbauer bedeutet die Digitalisierung auch einen Quantensprung hinsichtlich der Technologien rund um das Fahrzeug – die Themen Fahrsicherheitssysteme (FAS), Telematik und vernetzte Fahrzeuge würden in Zukunft weiter zusammenwachsen.

Telematik ist Chance fürs Risk Management

Vor allem die Telematik sei dabei eine Chance für das Risk Management, da zahlreiche Systeme im Fahrzeug präventiv wirken. Künftig wird es laut Feldbauer möglich sein, die Systemdaten auszuwerten und aktiv zu werden, bevor es  einen Schaden gibt – weil etwa die Anzahl und Art der Bremsvorgänge darauf einen Rückschluss erlauben. Vorstellbar sei, dass in Form eines Ampeleintritts auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht werde. "Entscheidend ist, die richtigen Kennkriterien zu finden und zu kombinieren", sagte Feldbauer und gemahnte gleichzeitig, dabei auch immer den Datenschutz vor Augen zu halten.

Neue Medien für den Unterricht

Mehr Spaß für die Fahrer bringen sicherlich die Neuerungen, die die Digitalisierung beim Präventionstraining hervorbringen wird, etwa durch die Kopplung von Frontalunterricht mit Anwendungen neuer Medien: Wenn  sich der Schadenfall künftig durch VR-Brillen auch durch andere nacherleben lässt, ist das Thema Prävention auf den Punkt gebracht. Diese neuen Wege in der Prävention geht auch das Unternehmen Bauking.

Das Baustoffunternehmen mit 134 Handelsstandorten in Nord-, West- und Ostdeutschland und einer Flotte von 180 Lkw arbeitet bereits seit 2009 mit dem Ausbildungszentrum Dehler & Partner aus Ingolstadt zusammen und hat in der Zeit die Anzahl und Schwere der Flottenschäden erheblich reduziert.

Andreas Lüer, der bei Bauking unter anderem das Versicherungsmanagement leitet, legt viel Wert darauf, die Fahrer richtig zu schulen. Und, wenn es denn mal zu einem Schaden gekommen ist, will er in einem Gespräch "die Ursache hinter der Unfallursache" finden. Bislang gibt es Frontalunterricht und die Schulung im Rahmen von Fahrten mit den Profitrainern. Eigentlich ganz gut. Wäre da nicht immer wieder das Problem, alle Fahrer zu einem Termin zusammenzubekommen. Und Lüer würde lieber vor einem Scha­den­ereig­nis schulen und dieses somit verhindern. Bauking, das zu dem irischen Konzern CRH gehört, will daher auf neue Schulungskonzepte mit Aha-Effekt setzen.

Online-Schulungen mit 3D-Anwendung

Für die rund 400 Einheiten starke Pkw-Flotte gibt es Online-Schulungen mit einer 3D-Anwendung; bei den Lkw-Fahrern sieht Lüer die Kombination von Telematik und einer Videoanalyse mit einem Ampelprinzip als beste Möglichkeit, um kritische Stellen beziehungsweise problematische Fahrmuster aufzudecken.

360-Grad-Filme im Onlineformat sollen die Einweisung verbessern und auf Gefahrenpotenziale – auch im Lager – hinweisen oder sogar Beinahe-Unfälle simulieren können. Dafür arbeitet Lüer mit einem Start-up der Uni Braunschweig zusammen. Weitere Mitstreiter sind willkommen. Denn Lüers Ziel ist, den Schulungen künftig ein bisschen den Habitus einer Spieleinheit zu verpassen, damit die Fahrer aktiv zum Mitmachen angespornt werden.

Franziska Niess

Datum

13. Dezember 2017
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