E-Lkw Jüngst Zoom
Foto: Ilona Juengst

E-Mobilität im Lieferverkehr

Abschied vom Diesel-Antrieb

Das Logistic Network Consultants (LNC) aus Hannover hat im Rahmen des Nanu-Projekts zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Befragung bei Logistikdienstleistern durchgeführt, um zu ermitteln, ob und wie der Einsatz von E-Lkw klappen könnte.

Die Idee hinter dem Projekt: Mittelschwere Lkw mit reinelektrischem Antrieb werden im Mehrschichtbetrieb eingesetzt, ein Batteriewechselsystem macht dabei lange Ladezeiten obsolet. Ein zusätzliches Plus ist der Einsatz in verkehrsarmen Nachtzeiten, der eine wirtschaftlichere Fahrweise ermöglicht.

Die Vorteile der Nutzung eines E-Lkw sahen auch die Befragten aus der Logistik. Für den Einsatz von E-Fahrzeugen in der Zustellung sehen diese laut der Studie vor allem in ausgewählten Branchen das höchste Potenzial: etwa in der Lebensmittelbranche, speziell der Bio-Lebensmittelbranche, dem Pharma-Großhandel, den Automobilen Ersatzteilen, dem Elektro-Großhandel, dem E-Commerce, speziell Textil, aber auch im Bereich Möbel- und Küchenmontagen.

Hemmnisse für den Einsatz von Elektrofahrzeugen

So, wie es nach Angaben der Akteure aber auch Gründe gibt, die gegen eine Nachtzustellung sprechen – etwa entsprechende Lieferzeitfenster der Kunden oder auch die Verfügbarkeit von Personal – bestehen auch noch Hemmnisse für den Einsatz von Elektrofahrzeugen. Als zentrales Argument wird neben den hohen Anschaffungskosten die geringere Reichweite im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen genannt – 250 bis 400 Kilometer sind nach Ansicht der Befragten notwendig, weil dies der durchschnittlichen Tourenlänge für die tägliche Stadtbelieferung entspreche.

Zudem bemängelten die Studienteilnehmer eine fehlende Modellvielfalt von Seiten der Hersteller. "Die wenigen Elektromobilitäts-Pioniere im Bereich der Logistikwirtschaft müssen sich bisher auf Umbauten von bestehenden Fahrzeugen beschränken", sagt André Niemann, Berater bei LNC. Dies könne nur für eine Übergangsphase zum Sammeln von Erfahrungen mit Elektromobilität sinnvoll sein. "Die teils erheblichen Umbaukosten sowie die Nutzung einer Fahrzeugarchitektur, die nicht auf Elektromobilität, sondern auf konventionelle Antriebe ausgerichtet ist, machen OEM-Lösungen erforderlich."

Neue logistische Konzepte und Strukturen notwendig

Doch das ist nicht der einzige Grund für die Zurückhaltung. "Aus den Befragungen ist auch zu erkennen, dass es hierbei nicht nur um die schlichte Ablösung eines Fahrzeugantriebs geht", sagt Niemann. Vielmehr seien für die Belieferung von Innenstädten auf alle Beteiligte abgestimmte neue logistische Konzepte und Strukturen notwendig.

Politik und Kommunen müssten demnach entsprechende Rahmenbedingungen für neue Logistikkonzepte im Wirtschaftsverkehr schaffen – laut Niemann "wird es vor allem darauf ankommen, dass eine Ausgewogenheit aus Beschränkungen und Anreizen besteht". An den Ablieferpunkten müssten zudem Voraussetzungen geschaffen werden, die eine Entzerrung der Verkehrsströme ermöglichen – also Möglichkeiten für Nachtanlieferungen oder Paketboxen. Auch auf der Kundenseite, also beim Einzelhandel und Endkunden, wird ein Umdenken erforderlich sein, sagt der Logistik-Berater: "Dass eine nachhaltige, ökologische Belieferung mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu anderen Kostenstrukturen führen muss."

Das Projekt

  • Die Idee des Nanu-Projekts: Mittelschwere Lkw mit rein elektrischem Antrieb werden im Mehrschichtbetrieb in verkehrsarmen Nachtzeiten eingesetzt. Um die Auslastung der Fahrzeuge zu erhöhen, wird ein Batteriewechselsystem verwendet.
  • Das Projekt wurde im Rahmen der Initiative Schaufenster Elektromobilität vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) und Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) gefördert.
  • Zur Umsetzung eines 24/7-Betriebes mit elektrischen Lkw sollten im Rahmen des Schaufensterprojektes drei Arbeitsfelder untersucht werden: 1. Organisation des 24-Stunden-Betriebes aus Sicht der Logistik, der Kunden und des Ordnungsrechts 2. Einführung eines Wechselakkusystems mit entsprechender Lade- und Wechselinfrastruktur für E-Lkw 3. Aufbau des Dispositionsgesteuerten Ladens im Zusammenspiel von Logistikdienstleister und Energieversorgungsunternehmen


 


André Niemann, Senior-Consultant vom Logistic Network Consultants (LNC), über die Notwendigkeit neuer Konzepte im Lieferverkehr  und den Einsatz von E-Lkw.
 


trans aktuell: Worin besteht die Notwendigkeit, die Belieferungsprozesse zeitlich neu zu ordnen?

 
André Niemann: Sowohl auf Unternehmensseite aus auch auf volkswirtschaftlicher Ebene hat es in den vergangenen Jahren starke Veränderungen bezogen auf die Belieferungsprozesse in urbanen Strukturen gegeben. Dazu zählen unter anderem der Einfluss des steigenden Online-Handels und der daraus resultierenden Liefermengen, die damit einhergehende steigende Kleinteiligkeit von Sendungen, regulatorische Maßnahmen bezogen auf Einfahrtsbeschränkungen in Innenstädte oder das steigende Verkehrsaufkommen und die damit einhergehende Limitierung der verfügbaren Verkehrsinfrastruktur. Die Notwendigkeit der zeitlichen Verlagerung beziehungsweise Neuordnung von Sendungsaufkommen in der Auslieferung ergibt sich zwangsläufig aus den oben genannten Aspekten.
 


Was spricht für die Nachtbelieferung sowie den Einsatz von E-Lkw – allein sowie besonders in Kombination?

 
Der Einsatz von E-Lkw führt in der Nachtbelieferung zu deutlich niedrigeren Lärmemissionen im Fahrbetrieb und bietet damit sowohl regulatorisch (Einhaltung gesetzlicher Grenzwerte) als auch politisch (höhere Akzeptanz) Vorteile gegenüber Lieferfahrzeugen mit konventionellem Antrieb.
Zusammengenommen entsteht durch den Einsatz von E-Lkw in der Nachtbelieferung eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Kombination.
 


Gibt es bereits konkrete Projekte, die Ihrer Ansicht nach beispielhaft für eine Nutzung sein können?

Es gibt derzeit vor allem getrieben durch die Schaufensterprojekte Elektromobilität eine Vielzahl auch vielversprechender Ansatzpunkte zur Elektromobilität. Bedauerlicherweise beziehen sich davon bisher nur wenige auf den Wirtschaftsverkehr. Aufgrund der Tatsache, dass es bisher keine verfügbaren Serienfahrzeuge ab einer zulässigen Gesamtmasse von 7,5 Tonnen gibt, lässt einen Ausblick auf eine künftige, flächendeckende Nutzung im Moment nur schwer zu.
 


Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus den Antworten der Studie?


Das Thema Elektromobilität im Wirtschaftsverkehr wird uns nach Meinung der Befragten in den nächsten Jahren sehr stark beeinflussen. Alle Beteiligten beschäftigen sich mit diesem Thema, weil es als die Basis der zukünftigen Innenstadt-Belieferung gesehen wird. Die konkrete Zurückhaltung insbesondere in der Logistikwirtschaft liegt im Wesentlichen in den noch unklaren zukünftigen Rahmenbedingungen sowie in der fehlenden Verfügbarkeit geeigneter Fahrzeuge.
 
 


Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Ansicht nach von den Beteiligten noch erfüllt werden?


Es muss für Verlader und Logistikdienstleister auch davon ausgegangen werden, dass eine Integration in neue Belieferungskonzepte notwendig ist und dass die Organisation und die Prozesse darauf neu abgestimmt werden müssen. Die Politik sowie die Kommunen werden regulatorische Rahmenbedingungen schaffen müssen, die neue Logistikkonzepte im Wirtschaftsverkehr ermöglichen. Dabei wird es vor allem darauf ankommen, dass eine Ausgewogenheit aus Beschränkungen und Anreizen besteht, die sich auch an den realen Gegebenheiten aller Beteiligten, beispielsweise der  Fahrzeugverfügbarkeit für Logistiker, Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen, Emissionsbelastungen und ähnliches, orientiert. Auch auf der Kundenseite, also beim Einzelhandel und Endkunden, wird ein Umdenken erforderlich sein, dass eine nachhaltige, ökologische Belieferung mit großer Wahrscheinlichkeit auch zu anderen Kostenstrukturen führen muss. Weiterhin werden an den Ablieferpunkten Voraussetzungen notwendig sein, die eine Entzerrung der Verkehrsströme ermöglichen, etwa für Nachtanlieferungen oder Paketboxen.

Ilona Jüngst

Autor

Datum

14. März 2017
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