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VDA-Geschäftsführer Dr. Marcus Bollig „Auf die Infrastruktur fokussieren“

Foto: JW

VDA-Geschäftsführer Dr. Marcus Bollig im Interview – Euro 7, Fördermittel und die Vorteile autonomer Lkw.

trans aktuell: Herr Bollig, Sie sind vor knapp zwei Jahren von BMW zum VDA gewechselt. Was hat Sie seither am meisten beschäftigt?

Herr Bollig: Wir haben natürlich sehr bewegte Zeiten momentan. Wir kümmern uns um viele Themen, die operativ dringend sind, wie das Thema Halbleiter, aber auch Dinge, die perspektivisch kritisch sind, wie das Thema Software Definied Vehicle. Und natürlich auch Themen, die von Extern kommen, wie das Gesetzgebungsverfahren zu Euro 7.

Wie ist die Sichtweise des VDA zu Euro 7?

Der jetzige Beschluss ist ein ausgewogener Kompromiss, der die Verbesserung der Luftqualität und den Schutz der Gesundheit mit der realisierbaren Belastung der Industrie sinnvoll verbindet. Die finanzielle Belastung der Verbraucher muss im Rahmen bleiben, gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass für die große Transformation der Industrie hin zu klimaneutralen Antrieben und Digitalisierung die Kraft und Budgets zur Verfügung stehen. Eine sehr sinnvolle Erweiterung bei Euro 7 ist die Reduzierung der Partikel durch Reifen- und Bremsenabrieb. Sinnvoll deshalb, da diese Emissionen perspektivisch mit zunehmender Elektrifizierung relevant bleiben. Gerade bei den schweren Nutzfahrzeugen ist Euro 7 aber sehr ambitioniert, etwa bei den Stickoxiden. Auch der Niedriglastbetrieb steht im Fokus, sodass auch bei Zyklen in der Stadt mit langen Leerlaufphasen die Fahrzeuge sauber bleiben.

Foto: Dominik Butzmann
VDA-Geschäftsführer Dr. Marcus Bollig.
Letztlich zielt alles auf eine Flottenumstellung auf alternative Antriebe – wie ist ein Hochlauf ohne Förderung wie die KsNI zu schaffen?

Die bisherige Förderung umfasste die Anschaffung der Fahrzeuge und den Aufbau der Ladeinfrastruktur – aus unserer Sicht ein wichtiger Impuls. Es ist bedauerlich, dass das nicht fortgeführt wird – und gerade jetzt, wo der Umstieg beginnt und die Spediteure durch zusätzliche Kosten belastet sind. Wir wünschen uns, dass solche Fördermaßnahmen künftig besser planbar werden. Aber dennoch sollten derartige Förderungen immer nur kurzfristiger Natur sein. Der generelle Hochlauf verläuft dynamisch, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind. Wir müssen uns daher darauf fokussieren, dass die Infrastruktur für Laden und für Tanken von Wasserstoff ausgebaut wird. Auch sinkende Strompreise und die CO2-Maut haben Rückwirkungen auf die Total Cost of Ownership. Das motiviert nachhaltiger als kurzfristige Maßnahmen.

Vorhanden sein muss auch der Zugang zur Energie. Sind wir da gut aufgestellt?

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist dringend voranzutreiben, national und europaweit. Mit dem Masterplan II des Bundes zur Ladeinfrastruktur haben wir ein wirksames Instrument. Entscheidend sind die Umsetzung und die Installation eines Monitorings, um jederzeit kontrollieren zu können, ob wir uns im Zielkorridor befinden. Dazu gehört auch der Ausbau Netzinfrastruktur, der muss vorauseilend vor einer Ladeinfrastruktur erfolgen, da die Zeiten für Planung und Bau deutlich länger sind. Ausreichend CO2-freie Energie ist natürlich ebenso von hoher Bedeutung.

Viele Hersteller bieten inzwischen auch Unterstützung für die Ladeinfrastruktur…

Wir brauchen das öffentliche Initialnetz für Lkw, und auch die Initiativen der Hersteller zum Aufbau von Ladeinfrastruktur sind sinnvoll. Beides muss sich ergänzen, um so in Summe die Voraussetzungen zu schaffen, dass Spediteure in die neue Technologie investieren.

Ihr Aufgabengebiet sind auch Fahrzeuge der Zukunft, wie autonomes Fahren. Wie weit sind wir da?

Wir werden mit autonom fahrenden Lkw den akuten Fahrermangel heute nicht beheben, wir brauchen auch zukünftig qualifizierte Fahrerinnen und Fahrer. Natürlich sind autonom fahrende Lkw eine wegweisende Technologie, in Summe werden so Prozesse und Abläufe emissionsärmer und effizienter. Das ist die Zukunft. Auch hier muss der Ausbau der Infrastruktur das autonome Fahren unterstützen, etwa durch die richtigen Kommunikationsnetze. Wann das autonome Fahren genau kommt, ist schwer einzuschätzen. Aber wir können durch Umstellung auf elektrische Antriebe und einer stärkeren Automatisierung die Arbeitsplätze hinter dem Steuer attraktiver machen. Denn das bringt ein besseres Fahrgefühl, mehr Komfort hinsichtlich Akustik und Schwingungen und eine allgemeine Entlastung des Fahrers.

Auf die Unternehmen kommt noch viel zu, beim Thema neue Antriebe die Frage der Werkstatt etwa, oder auch die Verarbeitung großer Datenmengen beim Thema Digitalisierung.

Die Transformation wird nicht beim Fahrzeug Halt machen, eine Befähigung muss auch im Umfeld stattfinden – das gilt im Werkstatt- und Servicebereich für die elektronischen Systeme und die Hochvoltkomponenten. Das gilt aber auch für eine Datenverarbeitung im Backend, um die Daten, die die Fahrzeuge generieren, sinnvoll analysieren und nutzen zu können, um den Betrieb zu optimieren. Da wird man also auch Kompetenz steigern und investieren müssen.

Das Missverständnis von Digitalisierung ist groß. Haben Sie ein positives Beispiel für die Datennutzung?

Es gibt viele positive Beispiele für die übergreifende Nutzung von Daten: die Verminderung von Standzeiten, das Heben von Effizienzen und andere betriebswirtschaftliche Vorteile. Auch die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander bringt Sicherheitsvorteile. Etwa, wenn über vorausfahrende Fahrzeuge Glatteis-Warnungen durchgegeben werden, oder die Warnung vor einem Stauende. Alles Dinge, die auch das Handling für die Fahrer deutlich verbessern werden.

Wir stehen aktuell am Anfang der Transformation, mit noch vielen offenen Fragen. Was raten Sie unschlüssigen Unternehmern?

Die Hersteller bieten aktuell schon hervorragende Produkte an, und der Zeitpunkt für die Umstellung auf Elektromobilität ist jetzt gekommen. Wir haben über die Einführung der CO2-basierten Lkw-Maut geredet – sukzessive werden sich die Randbedingungen für E-Mobilität immer weiter verbessern. Auf der kommenden IAA Transportation im September in Hannover kann man sich davon überzeugen, wie gut die Produktsubstanz ist. Da gibt es auch die Gelegenheit, sich mit allen Akteuren zu vernetzen und auszutauschen und potenzielle Produkte für den eigenen Fuhrpark im Detail anzuschauen sowie mit den Spezialisten zu diskutieren

Sind diejenigen im Nachteil, die als first movers sich zuerst mit den neuen Technologien beschäftigt haben?

Es ist immer die Frage, wie schnell auf der Seite der Kunden das Thema Emissionsfreiheit an Bedeutung zunimmt. Gerade die innovativen und fortschrittliche Unternehmen werden das von den Spediteuren jetzt schnell einfordern. Dann wird es hoch attraktiv sein, diese Unternehmen im Kundenkreis zu haben.

Viele kleinere Transportunternehmer sehen aber bei ihren – oft auch mittelständischen – Kunden noch keine konkrete Ansage in puncto Emissionsziele.

Mit dem eigenen Unternehmen zur CO2-Reduzierung beitragen zu können, ist zunächst einmal immer eine gute Motivation. Auch im Mittelstand wird bald die Anforderung präsent sein, in der Produktion und beim Transport CO2 zu reduzieren. Die Automobilindustrie hat den Anspruch, für den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte nicht länger nur Tank to Wheel zu betrachten, sondern über den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs, also von Cradle to Grave, zu optimieren. Das bedeutet für alle Beteiligten in der Lieferkette, sich auch an dieser Zielsetzung zu orientieren. Daher sind die Investitionen auch für den Mittelstand mit Blick auf die Zukunft strategisch sinnvoll.

Zur Person

  • Dr. Marcus Bollig führt seit Mai 2022 den Geschäftsbereich Produkt und Wertschöpfung im VDA.
  • Zu seinen Schwerpunkten gehören die Antriebe der Zukunft, Elektromobilität, vernetztes und automatisiertes Fahren sowie Security und Daten. Zusätzlich verantwortet er die Themen Homologation, Normung sowie Produktion und Logistik.
  • Vor seinem Wechsel zum Verband war Bollig 24 Jahre beim Fahrzeughersteller BMW in der Entwicklung, zuletzt als Hauptabteilungsleiter Prozess Antrieb.

Technischer Kongress

  • Der VDA feiert Jubiläum: Zum 25. Mal findet der Technische Kongress des Verbands statt, vom 20. bis 21. Februar im Berliner Congress Center (bcc) am Alexanderplatz.
  • Motto des diesjährigen Branchentreffs: „Innovativ. Digital. Nachhaltig.“
  • Der Kongress bietet mehr als 50 Fachvorträge und zwölf Themensessions zur Zukunft der Mobilität sowie zu den Herausforderungen der Branche.
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