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Über perfektes Timing beim Gründen

Rassillier startet mit Velocarrier durch

VeloCarrier, Raimund Rassillier, Geschäftsführer, Transgourmet, Stuttgart Foto: Franziska Nieß

Raimund Rassillier gründete einer der ersten Frachtenbörsen - und will nun seinen Lastenrad-Lieferdienst Velocarrier in möglichst vielen Städten etablieren.

Raimund Rassillier feiert im Mai 2018 ein 20-jähriges Jubiläum. Nicht das seines E-Cargobike-Lieferdienstes Velocarrier, den es erst seit zwei Jahren gibt. Er feiert den Beginn seiner Gründergeschichte. Denn im Mai 1998 gründete der damals 23-Jährige mit seinem Geschäftspartner Torsten Fauser eine Spedition für Schüttgut- und Entsorgungstransporte. Ihre Sendungen boten sie auf ihrer eigens dafür erstellten Frachtenbörse für Entsorgungstransporte an.

In einer Zeit, als in die meisten Haushalte die ersten Computer einzogen, tüftelten die jungen Männer bereits an einer webbasierten Lösung, um Leerfahrten von Entsorgungsfahrzeugen zu vermeiden. "Wir haben eine Nische gefunden und uns behauptet", erklärt Rassillier im Gespräch mit trans aktuell.

Die Idee kam dem gebürtigen Schwaben während seiner Tätigkeit bei der Firma Renz-Entsorgung in Reutlingen nach seiner Weiterbildung zum Verkehrsfachwirt. Zuvor hatte er beim Automobillogistiker Mosolf eine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert.

"Ich war in dieser Zeit an wenig Gehalt gewöhnt, daher war der Sprung in die Selbstständigkeit nicht so schmerzhaft", erklärt der heute 43-Jährige. Eine Portion Mut gehörte trotzdem dazu, doch Rassillier folgte damals schon seinem Motto: "Scheitern ist nichts Schlimmes." Man bereue es hinterher viel mehr, etwas nicht versucht zu haben.

Frachtenbörse für Kurierdienste

Gescheitert ist er mit der Frachtenbörse und seiner übergeordneten Firma Fara Logistic nicht. Bis heute zähle S+R Schüttgut- und Entsorgungslogistik mit Sitz in Tübingen alle großen deutschen Entsorger zu den Kunden. Doch damit ist seine Gründergeschichte nicht zu Ende. Denn im Mai feiert Rassillier ein weiteres Jubiläum. Vor 13 Jahren beauftragte er Informatik-Studenten aus Tübingen damit, eine weitere Frachtenbörse zu basteln. Die Nachfrage der Kurierdienste war extrem gestiegen, doch in die bestehende Plattform für Entsorgungsverkehre ließen sie sich nicht integrieren.

Auf www.kurierportal.com trafen sich daher KEP-Dienstleister und Versender. Innerhalb von sechs Monaten musste Rassillier das zuvor vierköpfige Team verdoppeln – so gut lief die Plattform. "Den Erfolg verdanke ich vor allem Google Adwords", gibt er zu. Für die Nutzung des Google-Werbesystems zahlte Rassillier 2005 drei bis fünf Cent pro Klick. Zum Vergleich: Drei Jahre später waren es bereits 80 bis 90 Cent.

Die Umsätze der Frachtenbörse steckte er vor allem in die Google-Werbung, was schnell zum Erfolg führte. Nach einem Jahr tummelten sich rund 1.000 Kurierdienste auf dem Portal, die monatlich knapp 20 Euro für die Nutzung bezahlten. Zusätzlich entwickelte das Team eine App, die Transporteure und Versender matcht. Im Nachhinein stellt Rassillier jedoch fest: "Wir waren der Zeit voraus." Die Zeit der Frachtenbörsen begann gerade erst, genauso wie die der Smartphones.

2012 verkaufte er die Plattform

Als andere Frachtenbörsen wie Timocom wuchsen, stand der Familienvater, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Tübingen lebt, am Scheidepunkt. "Wir hätten uns professionalisieren und vergrößern müssen, um mithalten zu können." 2012 entschied er sich daher für den Verkauf der Plattform. Da hatte er aber schon das nächste Kapitel seiner Gründergeschichte aufgeschlagen. Durch die Arbeit mit den Kurierdiensten kam er mit der Citylogistik in Berührung. "Das Kurierportal war im Grunde der Start von Velocarrier."

Zuerst hatte er Transporter für den Stadtverkehr im Auge, doch schnell entdeckte er das Potenzial von Lastenrädern. "2012 war die Akku-Leistung aber noch wenig beeindruckend." Das sollte sich bald ändern, sodass zwei Jahre später der Lastenrad-Lieferdienst als City-Logistiker startete – zunächst mit Blumenhändlern und unter dem Dach von Fara Logistic. Kurz darauf meldeten sich erste Werbekunden, um ihr Logo auf den Transportboxen zu platzieren. Die Geschäfte nahmen Fahrt auf und wanderten 2016 in die eigens gegründete Firma Velocarrier.

In der für ihr Umweltbewusstsein bekannten Universitätsstadt Tübingen fiel der Start leicht. Nachhaltigkeit allein führt laut Rassillier aber nicht zum Erfolg: "Es muss sich auch wirtschaftlich lohnen."

Der Lastenrad-Einsatz überzeugt immer mehr Logistiker

Von der Wirtschaftlichkeit des Lastenrad-Einsatzes sind mittlerweile auch immer mehr Logistiker überzeugt. "Wobei das schon einige Zeit gedauert hat", gibt Rassillier zu. Für Dachser transportiert Velocarrier seit Oktober 2016 in Stuttgart auf der letzten Meile. LSU Schäberle und Wackler aus dem Raum Stuttgart ziehen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt nach, ebenso wie der Lebensmittelhändler Transgourmet und die Siemens-Sparte Building Technologies.

In sechs weiteren deutschen Städten gibt es den Lieferdienst aber auch, darunter Mainz, Ulm und Bochum. Mit 34 Städten finden momentan Gespräche für einen möglichen Einsatz statt. Doch Rassillier will Velocarrier eigentlich nicht an Städten festmachen, sondern ein breitflächiges Angebot schaffen – auch im Ausland.

Bei den Fahrern handele es sich meistens um Studenten auf Minijob-Basis, die in Vier-Studen-Schichten eingeteilt sind. "Danke für die bezahlten Radtouren", habe einer der Fahrer mal an die Pinnwand im Tübinger Büro geschrieben. Kein Fahrermangel, dafür eine hohe Nachfrage, und auch die Organisation steht – doch es hapere bisweilen noch an den Rädern. Diese halten dem intensiven Einsatz oft nicht Stand.

Neue Räder von UM Products

Das soll sich mit den E-Car­gobikes des Herstellers UM Products ändern. Gemeinsam testen die beiden Unternehmen Räder, die ab der zweiten Jahreshälfte auch mit Tiefkühl-Aufbauten zu haben sind. "Ein Großteil der ersten Serie geht an uns", erklärt Rassillier. Die 50 Lastenräder kommen nach und nach zu den 50 bereits verfügbaren Exemplaren hinzu.

Wenn dieses Problem beseitigt ist, spricht für Rassillier nichts mehr gegen einen durchschlagenden Erfolg des E-Cargobike-Services auf der letzten Meile. "Bei Velocarrier stimmt das Timing. Die Zeit ist reif für neue Konzepte in der Innenstadt-Belieferung."
In seinem persönlichen Jubiläumsjahr hat Raimund Rassillier also allen Grund zum Feiern. Nur nicht in sportlicher Hinsicht. Der Fußball- und Basketballspieler beklagt den Abstieg seiner Lieblingsvereine, dem Hamburger SV und den Walter Tigers Tübingen, in die zweite Liga. "Aber dafür steigen wir mit Velocarrier in die erste Liga auf."

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