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Marktübersichten über Fahrerassistenzsysteme

Lkw-Unfälle wirkungsvoll vermeiden

Foto: Polizeipräsidium Mannheim

Stichprobenkontrollen bei Spedition Elflein und Assistenzsysteme: Was hilft gegen Unfälle durch Ablenkung oder Müdigkeit? Mit Marktübersichten.

Alle zwei Monate ein Auffahrunfall – das schien Rüdiger Elflein, Geschäftsführer des gleichnamigen Transport- und Logistikunternehmens schlicht zu viel. „Ich vermute, dass mindestens fünfzig Prozent der Unfälle durch Ablenkung der Fahrer verursacht wurden“, sagt er im Gespräch mit trans aktuell. Und so haben Mitarbeiter des Unternehmens mithilfe eines Fernglases von einer Autobrücke herunter in Fahrerkabinen seiner Lkw geblickt – stichprobenweise bei rund 50 Fahrzeugen. Was er gesehen hat, war erschreckend: „Etwa ein Drittel der Fahrer war entweder mit dem Handy oder sonstigem beschäftigt.“ Geschäftliche Mobiltelefone und Tablets seien fest in den Fahrzeugen installiert, aber viele Fahrer seien entweder mit einem Ohr am Telefon unterwegs gewesen, oder hätten gar Nachrichten per Whats App geschrieben.

Zahlen, die die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) nennt, stützen die Sorge des Unternehmers: 2018 passierten 6.228 Arbeits- und Wegeunfälle im Straßenverkehr, an denen ein Lkw beteiligt war. 2014 waren es noch knapp 5.600. Tödlich gingen im vergangenen Jahr sogar 84 Unfälle mit Beteiligung von Lkw aus. Ob Ablenkung die Ursache war, darüber lässt sich nur spekulieren. So nahm auch die DGUV das Thema Ablenkung in ihr Plakatmotiv mit dem Titel „Blöde Idee“ auf, das einen Lkw-Fahrer zeigt, der während der Fahrt am Computer arbeitet. Gregor Doepke, Kommunikationschef der DGUV sagt: „Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg zur Präventionskultur finden.“ Wichtig sei es, den Prozess zu beginnen.

Spedition Elflein kontrolliert

Rüdiger Elflein berichtet von knapp 20 ernsthaften Gesprächen, die auf die Stichprobenkontrollen folgten. Manche Fahrer waren echauffiert wegen der Aktion, aber „sehr viele Fahrer finden super, dass wir das machen“. Und: „Seitdem gab es keinen Auffahrunfall mehr.“ Außerdem kämen mittlerweile nur noch sehr wenige Beschwerden wegen zu dichten Auffahrens bei der Spedition an. Künftig möchte der engagierte Geschäftsführer regelmäßig drei bis vier solcher Kontrollen jährlich durchführen, jeweils an unterschiedlichen Stellen.

Dass sie Fahrfehler ausgleichen, versprechen mittlerweile zahlreiche intelligente Fahrerassistenzsysteme – einige lassen sich in der bestehenden Flotte in den Fahrzeugen nachrüsten (siehe Kasten auf dieser Seite), andere gleich beim Fahrzeugkauf mitbestellen (siehe Übersicht auf der nächsten Seite). Doch noch handeln Unternehmer hier auf freiwilliger Basis.

Durststrecke bis zu EU-Regelung 2022 und 2024

Ab 2022 wird sich das ändern, allerdings nur sukzessive. Denn die EU beschloss, dass ab diesem Zeitpunkt neue Lkw- und leichte Nutfahrzeugmodelle obligatorische Sicherheitsmerkmale zu erfüllen haben. Dazu gehören etwa die Warnung bei Müdigkeit und Ablenkung des Fahrers, intelligente Geschwindigkeitsassistenz und Rückwärtsfahrsicherheit mit Kamera oder Sensoren sowie Unfalldatenaufzeichnung, auch Blackbox genannt. Bei leichten Nutzfahrzeugen kommen noch Spurhalteassistent und crashtesterprobte Sicherheitsgurte dazu. Neue Lkw-Modelle müssen dann auch Abbiegeassistenten vorweisen. Ab 2024 sind die Assistenzsysteme dann für alle neuen Fahrzeuge Pflicht.

Finanzielle Mittel für die Anschaffung von Fahrerassistenzsystemen stellt das Bundesverkehrministerium (BMVI) durch das De-minimis-Programm oder die Aktion Abbiegeassistent bereit. Doch hier kritisieren der Bundesverband Möbelspedition und Logistik (AMÖ), der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung(BGL), der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK), der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) und der Bundesverband Wirtschaft Verkehr und Logistik (BWVL) gemeinsam, dass der Bund die Gelder für das De-minimis-Programm im kommenden Jahr um 40 Millionen Euro kürzt. Diese Mittel stammen aus der Mautharmonisierung und seien 2019 bereits im März abgeschöpft gewesen, teilen die Verbände mit. Das De-minimis-Programm beinhaltet künftig Fördermittel für Abbiegeassistenten nur noch dann, wenn das Fahrzeug mautpflichtig ist. Nur die übrigen Fahrzeuge können aus dem Topf der „Aktion Abbiegeassistent“ schöpfen – der 2019 ebenfalls schnell geleert war.

Alle Hersteller von Assistenzsystemen sehen jedenfalls großen Bedarf, sich dem Thema Fahrzeug-Sicherheit zu widmen. Jörg Lützner, Innovationsleiter Nutzfahrzeuge bei Continental Aftermarket, sieht zwei Ansätze bei Fahrerassistenzsystemen, nämlich: „Erkennung oder aktiver Eingriff.“ Entwicklungen von Continental sind meist nicht zur Nachrüstung geeignet, sondern gemeinsam mit Lkw-Herstellern für die Serienproduktion adaptiert. Das gilt genauso für den Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen.

Assistenzsysteme zur Nachrüstung

  • Knorr-Bremse entwickelt Fahrerassistenzsysteme für die Erstausrüstung von Lkw-Herstellern und auch Nachrüstsysteme. Notbremsassistent, Müdigkeitserkennung und Rückfahrkamera beispielsweise lassen sich nur direkt im Neufahrzeug bestellen.
  • Zur Nachrüstung bietet Axion – auch möglich als Erweiterung zum Abbiegeassistenten – ein Kamerasystem an, das eine 360-Grad-Rundumsicht aus der Vogelperspektive ermöglicht.
  • Ein solches Kamera-Monitor-System liefert auch Brigade, ebenso einen mobilen Digitalrekorder zur Nachverfolgung verschiedenster Vorkommnise und dem Fahrerverhalten.
  • Dometic bietet bei Rückfahrkameras ein breites Sortiment, bis hin zu einem System mit kleinster Kamera und einem Display, das bei allen Lichtbedingungen sehr gut zu lesen sein soll.
  • Dr. Matthias Feistel, Geschäftsführer von Luis Technology, berichtet von der Nachfrage nach Luis-Abbiegeassistenten: „Bis Jahresende werden mehr als 10.000 Fahrzeuge damit ausgestattet sein.“
  • Zusätzlich zum radarbasierten Abbiegeassistenten bietet Mekra Tronics einen kamerabasierten Tote-Winkel-Assistenten an und ein Kamera-Monitor-System zur 360-Grad-Rundumsicht.
  • Außer die in der Tabelle genannten unterschiedlichen Angebote von Mobileye integrieren die Systeme Mobileye Shield und Mobileye 6 Series zusätzlich ein Kollisionsvermeidungssystem.
  • Orlaco bietet ein digitales Kamerasystem namens Corner Eye mit Monitor als Abbiegeassistenten und eine Kamera als Rückfahrsichtset an, die sich mit fahrzeugbezogenen Displays verbinden lässt.
  • Basis der Turn Cam von Rosho ist eine intelligente Bildbearbeitung, welche den Nahbereich seitlich vom Fahrzeug überwacht. Die Warnung erfolgt optisch und optional zusätzlich akustisch.
  • Der Truck Warn Fahrerassistent G2 kombiniert Geschwindigkeits- und Verkehrszeichenassistenten. Außerden bietet der Hersteller eine Alarmanlage für die Fahrer- und Beifahrertüre.
  • Wabco bietet zusätzlich mit seinem sensorbasierten Tail Guard an, den Fahrer beim Rückwärtsfahren mit Warnung und aktivem Bremsen zu unterstützen – bis hin zum Stillstand.

Bei allen, was mittlerweile technisch möglich ist, warnt Dieter Schäfer, Leiter der Verkehrspolizeidirektion Mannheim: „Erfahrene Fahrlehrer bemängeln, dass in den neuen Lkw schon fast zu viele Systeme verbaut sind.“ Diese würden einerseits ein zu großes Vertrauen aufbauen und andererseits den Fahrern wegen der Komplexität Probleme bereiten. „Auch Übersteuerungsmöglichkeiten im Gefahrenfall bergen Tücken.“

Er begrüßt, dass nach den Fahrzeugherstellern Volvo, MAN und Scania nun auch Daimler ab 2020 serienmäßig den neuesten Notbremsassistenten (ABA5) in neue Lkw einbaut – als Serie in schweren Baureihen ab 18 Tonnen. Um diesen Sicherheitszugewinn nicht durch falsche Reaktionen zunichte zu machen, fordert er verpflichtend Einweisungsfahrten für die Berufskraftfahrer – für alle von ihm genutzten Fahrzeuge.

Download Marktübersicht Assistenzsysteme Fahrzeughersteller (PDF, 0,57 MByte) Kostenlos
Download Marktübersicht Assistenzsysteme zum Nachrüsten (PDF, 0,18 MByte) Kostenlos
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