Kärcher

Portalwaschanlagen sind Handarbeit

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In Illingen an der Enz fertigt Kärcher jährlich mehrere Tausend Reinigungsprodukte, darunter zahlreiche Portalwaschanlagen für schwere Nutzfahrzeuge und Busse. Wir haben die Entstehung eines Modells der TB-Baureihe begleitet.

Mit geübten Handgriffen komplettiert Kärcher-Mitarbeiter Waldemar Walter einen E-Motor und bereitet ihn für die Montage vor. Der Antrieb wird die Bürste einer Portalwaschanlage der Baureihe TB (siehe Kasten Seite 23) für schwere Nutzfahrzeuge beziehungsweise Busse rotieren lassen. Vor dem Montageplatz von Walter liegen nebeneinander auf Gestellen aufgereiht die Rahmenteile, die Seitenbürstenwannen und die Fahrfüße – alles massiver Stahlbau, schließlich benötigen ausgewachsene Lkw und Busse aufgrund ihrer Größe auch eine größere, stabilere sowie leistungsfähigere Waschanlage. Das 1982 errichtete Kärcher-Werk in Illingen ist ein reines Montagewerk und umfasst seit dem Umzug 1994 an den aktuellen Standort rund 11.000 Quadratmeter Fläche. Die Bauteile liefern andere Kärcher-Werke oder Lieferanten zu. Rund 120 Mitarbeiter fertigten in Illingen Reinigungsprodukte aller Baureihen, erklärt Ralf Mettke, Gruppenleiter Produktion im Werk Illingen.

Das Sortiment von Kärcher ist vielfältig

Insgesamt sind es 20 Produktlinien – vom kompakten mobilen Hochdruckreiniger über mobile Einbürsten­waschanlagen und Pkw-Portalwaschanlagen sowie Clean-Park-Anlagen bis zu Portal­waschanlagen für schwere Nutzfahrzeuge. Zu den Abnehmern der Waschanlagen für Nutzfahrzeuge zählen Speditionen, Busfuhrparks, Kommunen und Waschcenter. Auf Halde werden TB-Anlagen nicht gefertigt. Jeder Nutzfahrzeug-Portalwaschanlage liegt ein konkreter Kundenauftrag zugrunde. Die Wünsche der Käufer können recht unterschiedlich ausfallen. Zig Varianten innerhalb einer Baureihe sind die Folge. Die unterschiedlichen Ausführungen werden aber ­alle an einem Montageplatz ­produziert. Da heißt es Übersicht behalten. Stücklisten sind ein Mittel dazu. Zu jedem Auftrag gehören außerdem spezielle Set­wägen. Sie enthalten das spezifische Material für den jeweiligen Auftrag. Hinzu kommen Kleinteile in Kanban-Behältern, die der Monteur selbstständig nachbestellen muss. Dazu verfügt er über einen Scanner, der die Teilenummer, eine von insgesamt rund 13.000 im Werk, an die Logistik sendet. Die Logistiker rüsten die Werker anschließend mit neuem Material aus.Sobald Walter den Bürstenmotor komplettiert hat, setzt er ihn in das Seitenbürstenmodul ein, wovon zwei die „Seitenwände“ des Portals bilden. Bürstenwanne, Motor und Bürsten bilden das Bürstenmodul. Walter vervollständigt damit die Portaleinheit aus Oberteil und Fahrfüßen. Außerdem verlegen die beiden Monteure der TB-Station Kabel und Schläuche und setzen mechanische Bauteile sowie Antriebsriemen in das Portal ein.

Sonderausstattungen an der Tagesordnung

Je nach Auftrag gehören auch Sonderausstattungen zur Anlage. Das können Dachbalken mit Hochdruck-Spritzdüsen sein, aber auch eine spezielle Wasseraufbereitung. Der Kunde hat zudem die Wahl zwischen unterschiedlichen Bürsten. Hier geht es nicht nur um unterschiedliche Farben der Fasern, oft in den Hausfarben des Kunden, sondern auch um unterschiedlichen Bürstenbesatz. Im Nutzfahrzeugbereich greifen die Kunden laut Mettke vor allem zur röhrenförmigen „Spaghetti-Ausführung“, dem sogenannten PE-Besatz. Zur Wahl stehen aber auch die sogenannten Carlite-Bürsten, die mit etwa fünf Millimeter breiten Lamellen bestückt sind.Gleichzeitig zur Waschanlage entsteht in der Halle nebenan der passende Schaltschrank. Darin befindet sich die Steuereinheit. Außerdem benötigt die Portalanlage noch eine Wasser­einheit. Insgesamt produzieren die Mitarbeiter der Schaltschrankproduktion am Standort Illingen rund 250 verschiedene elektrische Bauteile einschließlich Fernbedienungen für Clean-Parks, Kartenlesern und Pincode-Steuergeräten.Damit bei der Verkabelung der Steuereinheiten nichts schiefgeht, arbeitet Kärcher mit vorkonfektionierten und beschrifteten Kabelsätzen. Die entstehen an der einzigen ­Maschine in der Illinger Fertigung. Die Produktion von Waschanlagen und Waschgeräten ist bei Kärcher nämlich fast vollständig Handarbeit.

Nach bestandener Prüfung gibt es den Prüfbericht

Zur Kabelfertigung gehört, dass die verschiedenfarbigen Kabel auf die richtige Länge zugeschnitten werden und zu beiden Enden eine eindeutige Beschriftung erhalten, sodass der Monteur beim Anschluss nichts verwechseln kann. An der Kabelmaschine steht Kärcher-Mitarbeiterin Susanne Gayer ihre Frau. Sie fertigt den Kabelsatz für einen Auftrag, der in der Maschine hinterlegt ist. Nachdem die Anlage alle Kabel auf das richtige Maß getrimmt, wo immer nötig Kabelhülsen aufgesetzt und beschriftet hat, packt Gayer sie einschließlich Zubehör in eine Tüte. Diese wandert dann in die Anlagenproduktion. Die Schaltschränke werden genauso wie die einzelnen Bauteile der Waschanlage vor der Auslieferung an die Kunden einer Prüfung unterzogen. Dazu zählt eine Hochspannungsprüfung genauso wie die Prüfung der Bürstenfunktionen. Getestet werden hier beispielsweise die Rotation der Bürsten und der Hub der Dachbürsten­einheit. Der Computer spuckt nach bestandener Prüfung einen Prüfbericht aus. Außerdem unterzieht der Monteur den Stahlbau einer Sichtprüfung. Er sucht unter anderem Fehler bei der Entgratung und Verschraubung sowie bei der Lackierung. Die vollständige Anlage prüfen die Mitarbeiter jedoch nicht. Denn sie geht als teilzerlegter Bausatz in einem Holzgestell an die Kunden und wird erst dort aufgebaut.

Eine Kärcher Portalwaschanlage bleibt Handarbeit

Sollte der Kunde vor Ort Veränderungen an der Anlage vornehmen, würde das Gesamtsystem noch einmal auf Herz und Nieren geprüft werden. Ansonsten beschränkt sich das Kärcher-Team – in Deutschland geht der eigenen Mannschaft auch ein Dienstleister zur Hand – auf die Errichtung der Anlage. „Der zeitliche Aufwand für die Montage lässt sich schlecht beziffern“, erklärt Produk­tionsleiter Mettke. Er hänge von vielen Variablen ab, etwa davon, ob eine ältere Anlage ersetzt werde und schon Laufschienen im Boden vorhanden seien. Das beispielsweise würde die Arbeiten deutlich beschleunigen. Eines aber bleibt immer gleich: Bis zuletzt bleiben die Fertigung und Errichtung einer Portalwaschanlage Handarbeit und das Produkt geübter Handgriffe.

Foto: Karl-Heinz Augustin
Das fertige Produkt wird erst beim Kunden aufgebaut. Diese TB dient der Erprobung am Hauptsitz WinnenDas fertige Produkt wird erst beim Kunden aufgebaut. Diese TB dient der Erprobung am Hauptsitz Winnenden.den.

Kärcher-TB-Portalwaschanlagen

Mit der TB-Baureihe, eingeführt im Jahr 2010, bietet Kärcher eine automatische Portalwaschanlage für Nutzfahrzeuge und Omnibusse an. Laut Kärcher sind die TB-Modelle besonders flexibel. So ließen sich die Waschprogramme auf die Bedürfnisse des Betreibers abstimmen, und die Grundanlage lasse sich aus dem umfangreichen Ausstattungsangebot nach Kundenwunsch aufrüsten, um sie entsprechend den unterschiedlichen Bedürfnissen von Kommunen, Speditionen, Busflotten und Waschcentern flottzumachen. Ebenso anpassungsfähig soll die TB auch im Hinblick auf den Einbau in vorhandene Waschhallen sein. Dazu ist sie in Höhe und Breite an die jeweiligen Gegebenheiten anpassbar.

Ein zusätzliches Maß an Flexibilität ermöglicht die Software der elektronischen Steue­rung. Es ist laut Hersteller möglich, die für alle gängigen Fahrzeugtypen (Lkw mit und ohne Anhänger, Sattelzug, Bus) hinterlegten Grundwaschprogramme beliebig mit Zusatzprogrammen wie Schaumvorreinigung zu ergänzen. Zusätzlich stehen Spiegel-, Ladebordwand- und Spoilerprogramme zur Verfügung. Zu den individuellen Hardware-Sonderausstattungen zählen unter anderem Rundumhochdruck mit schwenkbaren Dachbalken, wahlweise mit Vorsprüheinrichtung für eine Intensivvorreinigung, sowie eine Funkfernsteuerung, um den Waschablauf bei schwierigen Fahrzeugkonturen manuell zu kontrollieren.

Die TB gibt es in vier Waschhöhen von 3,60 bis 5,05 Metern. Sie kann in Schritten von 30 Zentimetern variiert werden. In der linken Portalsäule ist der Schaltschrank verbaut, in der rechten befinden sich die Reinigungsmittel sowie Dosierpumpen und Wasserverteiler. Die Technik der Baureihe ist laut Hersteller modular aufgebaut und wartungsarm ausgelegt. Alle Stahlteile sind feuerverzinkt oder wahlweise pulverbeschichtet. Im Vergleich zum Vorgängermodell soll die aktuelle Generation der TB einen um zehn Prozent erhöhten Fahrzeugdurchsatz ermöglichen. Gleichzeitig soll sie aber zehn Prozent weniger Wasser und Energie verbrauchen.

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