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Aktion gegen Ablenkung Tödliches Multitasking am Steuer

Foto: Jan Bergrath

Fahren und Textnachrichten tippen gleichzeitig? Die BG Verkehr startet eine Aktion gegen Ablenkung. Die Zahl der tödlichen Auffahrunfälle steigt derweil weiter.

Unfallforscher schlagen Alarm. Und der Präsident des Deutschgen Verkehrssicherheitsrates (DVR), Dr. Walter Eichendorf, verdeutlicht: „Ablenkung ist aktuell eines der drängendsten Themen der Verkehrssicherheitsarbeit.“ Nach seiner Auffassung reichen die bisherigen Kampagnen und bestehenden Regelungen nicht aus, um Lkw-Fahrer ausreichend für die Gefahren durch Ablenkungen zu sensibilisieren. Auch die Berufsgenossenschaft (BG) Verkehr merkt an, dass die häufigsten Unfallursachen auf Unaufmerksamkeit durch Ablenkung beruhen.

Ablenkung beim Gros der schweren Unfälle im Spiel

„Zurzeit fehlt es in Deutschland noch an einer verlässlichen Datenbasis“, räumt DRV-Präsident Eichendorf ein. Aber eine Studie aus den USA belegt, dass 68,3 Prozent der untersuchten Unfälle mit Sach- und/oder Personenschäden auf Ablenkung beruhten. Und im Frühjahr 2017 ergab eine Umfrage einer Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation, dass mehr als die Hälfte der Befragten während der Fahrt andere Tätigkeiten ausübten: 67 Prozent tranken, 63 Prozent aßen, 43 Prozent telefonierten, 31 Prozent rauchten und 16 Prozent verschickten Textnachrichten.

„Das Schreiben von Textnachrichten auf dem Smartphone ist nicht die einzige Ablenkungsquelle, aber eine besonders gefährliche“, unterstreicht die BG Verkehr. Denn dabei würden „der Blick von der Straße und die Hände vom Lenkrad genommen“. Und das mit gravierenden Folgen. Bis Ende November haben nach Zahlen der Initiative Hellwach mit 80 km/h in Deutschland bereits 65 Fahrer bei Lkw-Auffahrunfällen ihr Leben gelassen. Der bisherige Höchstwert lag 2020 bei 48 Toten. Unabhängig davon, welches hier jeweils Ursachen waren, Fakt ist: Gerade bei Auffahrunfällen spielt Ablenkung eine besonders wichtige Rolle.

Unzureichender Abstand und Monotonie

Keine Frage, „im Güterverkehr ist Ablenkung ein heißes Eisen“, schätzt die BG Verkehr ein. Denn besonders die Monotonie im Fernverkehr verleite manchen Fahrer dazu, während der Fahrt anderen Tätigkeiten nachzugehen. Erschwerend hinzu kommen häufig unzureichender Abstand und Müdigkeit, letztere auch aufgrund der Monotonie, wenn Fahrer das Gefühl haben, permanent hinter einer „Schrankwand“ herzufahren.

Wie gefährlich beide Varianten sind, macht Dr. Klaus Ruff, stellvertretender Präventionsleiter der BG Verkehr deutlich: „Die Reaktionszeit liegt auch ohne Ablenkung schon bei zwei Sekunden. Jede weitere Sekunde kostet bei einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern weitere 22 Meter.“ Und er fügt hinzu: „Wer am Steuer abgelenkt ist, nimmt Risiken nicht beziehungsweise nur verzögert wahr.“ Es ist zweifellos eine Gratwanderung zwischen (wachsender) Monotonie und (permanenter) Aufmerksamkeit. Da komme die „Idee der Ablenkung“ ins Spiel, wie es Verkehrspsychologin Dr. Anja Katharina Huemer von der TU Braunschweig formuliert. Der Fahrer wolle sich möglichst in einem „optimalen Erregungszustand“ halten. Die daraus resultierende Ablenkung durch andere Tätigkeiten werde zum besonderen Problem an einem Stauende bei geringen Abständen.

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Auch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) befasste sich mit diesem Unfallthema. Sie kam zum Ergebnis, „dass ungefähr ein Drittel der Fahrtzeit mit fahrfremden Tätigkeiten verbracht wird“. Bei der Befragung zeigte sich, dass all diese Nebentätigkeiten von den Fahrern „als wenig ablenkend“ beurteilt wurden. So stuften nicht einmal zehn Prozent diese Ablenkungen als gefährlich ein. „Das gefühlte Multitasking ist eine Illusion“, verdeutlicht Dr. Ruff. Denn je mehr Dinge unser Gehirn „gleichzeitig zu erledigen versucht, desto schlechter erfüllt es diese Aufgaben“, erklärt er.

Um all diese Erkenntnisse zu vermitteln, entwickelte die BG Verkehr eine Reihe von Informationsmedien – wie Animations- und Kurzfilme – die in den Mitgliedsunternehmen verteilt werden. Die Botschaft: Unternehmer und Fahrer sollen die Gefahren ernst nehmen und den entsprechenden Risiken vorbeugen.

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