Mario Klepp Zoom

Verfechter des Mindestlohns: Gewerkschafter aus Überzeugung

Wer Tarifflucht und Sozialdumping entgegen treten will, hat keinen leichten Job. Doch Mario Klepp sieht als neuer Verdi-Bundesfachgruppenleiter erste Erfolge.

Wer 500 bis 600 Leute als Stadionsprecher bei Laune hält, findet auch im Berufsleben Gehör. Die Erfahrungen als Moderator bei den Handballern der Fortuna Neubrandenburg kommen Mario Klepp etwa bei Betriebsversammlungen zugute. Nicht selten muss der neue Bundesfachgruppenleiter für die Bereiche Speditionen, Logistik und KEP bei der Gewerkschaft Verdi vor einigen hundert Mitarbeitern auftreten.

Zum Reden geboren

Mitunter ist die Stimmung ebenso auf dem Siedepunkt wie im Stadion. Klepps Aufgabe ist es dann, die Mitarbeiter der betreffenden Unternehmen  zu überzeugen, dass noch nicht alles verloren ist – auch wenn das betreffende Unternehmen zum Beispiel soeben erst schmerzhafte Einschnitte wie einen Personalabbau verkündet hat. "Bei solchen Terminen profitiere ich schon von meiner Tätigkeit als Stadionsprecher", sagt Klepp. Er ergänzt aber, dass auch Gewerkschafter, die am Wochenende nicht im Stadion stehen, erfolgreich verhandeln und argumentieren könnten. "Rhetorisch geschult sind wir alle."

Doch Schulungen sind das eine. Bei Klepp kommt die Berufung hinzu. Der 39-Jährige, der in Waren an der Müritz geboren wurde, ist Gewerkschafter aus Überzeugung: Schon während seiner Lehre zum Zimmermann engagierte er sich als Jugend-Ausbildungsvertreter.

Das Elternhaus war ähnlich geprägt: "Auch mein Vater war Betriebsrat", berichtet Klepp. Er hat wache Augen, einen sauber gestutzten Bart und trägt zum Gespräch mit trans aktuell ein weißes Hemd – passend zu seinem neuen Büro mit der Nummer 4C02, dessen Wände weiß getüncht sind und das durch große Fenster freundlich wirkt.

Mit Sozialpädagogik in die Gewerkschaft

Noch findet man keine Aktenberge auf dem Schreibtisch vor. Klepp will aber auch nicht im Chaos versinken – zumal er sein Büro ja erst im Juni bezogen hat, als er die Nachfolge von Werner Schäffer antrat, der in den Bereich Arbeitsmarkt bei Verdi wechselte. In Berlin ist Klepp inzwischen zu Hause. Das Wochenende gehört seinem elfjährigen Sohn Vincent. Der besucht das Sportgymnasium in Neubrandenburg und teilt die Handball-Leidenschaft des Vaters. Er spielt in der D-Jugend – logischerweise auch bei der Fortuna Neubrandenburg.

Doch zurück zur Jugend des Vaters: Es mag verwundern, dass Mario Klepp im Anschluss an seine Lehre Pädagogik an der Hochschule Neubrandenburg studierte. Auf Nachfrage erläutert Klepp aber, dass es sich um Sozialpädagogik handelte. "Der soziale Touch war also immer da."

Folgerichtig führte seine erste Station ihn zur Gewerkschaft IG Bau nach Hamburg, ehe er 2002 die Chance hatte, zu Verdi in die Heimat nach Neubrandenburg zu wechseln. Nach einer gewerkschaftlichen Ausbildung war Klepp dort für Jugend und Bildung und ab 2006 für die Sparte Spedition und Logistik zuständig. Insofern kennt er die Branche seit Jahren und ist ihr jetzt – nach einem kurzen Intermezzo bei der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätte – erneut verbunden. Damals war er der Kämpfer am Werkstor, nun verhandelt er mit den Chefs hinter den Kulissen.

Teilweise extrem niedrige Löhne

Und aus seiner damaligen Zeit als Gewerkschaftssekretär für die Speditionsbranche weiß der Arbeitnehmervertreter auch, wo der Schuh drückt. "Manche Fahrerkollegen in Mecklenburg-Vorpommern müssen heute mit 1.100 Euro brutto im Monat auskommen", berichtet Klepp. Das ist für ihn eine verkehrte Welt. Die Unternehmer müssten stärker die Auffassung vertreten, dass gute Arbeit etwas wert sein muss. Da sich diese Auffassung – auch wegen des Preiskampfs nicht durchsetzen könne – plädiert der Gewerkschafter für einen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro.

Zwar sind die Arbeitgeber mehrheitlich noch nicht bereit für diesen Schritt. Klepp glaubt aber, dass letztendlich alle Seiten davon profitieren würden. "Er stellt eine Schutzlinie für die Beschäftigten nach unten da", sagt er. Und den Unternehmen käme zugute, dass der Mindestlohn eine vernünftige Marktregulierung ermögliche sowie verhindere, dass immer jemand den Preis unterbietet.

Überhaupt liegt laut Klepp in der Logistikbranche einiges im Argen. Entsprechend groß sind die Herausforderungen für die nächsten Monate. An erster Stelle steht für ihn das Eintreten für faire Arbeitsbedingungen. Besonders groß sei die Not im KEP-Bereich, wo es aufgrund der Sub-Sub-Modelle besonders viele prekäre Beschäftigungen gebe.

Kämpfer an mehreren Fronten

Doch nicht nur mit den Unternehmen gelte es zu verhandeln, sondern auch mit Verbänden und Verladern. Was die Verbände angeht, kritisiert Klepp die OT-Mitgliedschaften, also den Verbandsanschluss ohne Tarifbindung. "Die ist uns ein Dorn im Auge, davon müssen wir wegkommen", betont Klepp. Mit Blick auf die Verlader spricht sich der Verdi-Mann für eine faire Vergabepraxis aus. Outsourcing von Logistikleistungen könne nicht gleichbedeutend mit Preisdumping sein. "Logistik muss sich lohnen – auch für die Beschäftigten."

Doch wie leidensfähig muss man in diesem Job sein – wo es gerade mit Blick auf Sozialdumping immer neue Schreckensmeldungen gibt? Klepp lächelt und lehnt sich erst mal zurück. Er sieht keinen Grund zur Schwarzmalerei. Der Verdi-Mann betont, dass es auch positive Signale gebe – wie das neu geschlossene Bündnis mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), das sich gegen eine Lockerung der Kabotage-Regeln ausspricht (siehe trans aktuell 15/2013). Oder die Tatsache, dass es auch Erfolge im Kampf gegen die OT-Mitgliedschaften gibt. Klepp lässt durchblicken, dass es Verdi in Gesprächen mit einem großen Kontraktlogistik-Dienstleister gelungen sei, diesen wieder zurück in das Tarifgefüge zu bringen. "Er hat erkannt, dass ihm gute Mitarbeiter etwas wert sein müssen."

Gewerkschaft verzeichnet Zulauf

Und schließlich sieht Klepp nicht zuletzt die steigenden Mitgliederzahlen bei Verdi als Bestätigung an. Zwar ist ihm bewusst, dass der Organisationsgrad besonders unter den Fahrern noch deutlich höher sein müsste. Doch das Interesse an der Gewerkschaft wächst – und das über alle Branchen hinweg.

Kann es sein, dass Verdi Zulauf hat, während Vereine und Parteien über Massenaustritte klagen? Zum Beweis zieht Klepp aktuelle Statistiken aus seinem Rechner. "Im ersten Halbjahr hatten wir über alle Bereiche hinweg ein Plus", sagt der Verdi-Logistikexperte. "Vielleicht ist es ja doch schick, Mitglied in der Gewerkschaft zu sein – auch wenn ein Prozent des Lohns auf den Mitgliedsbeitrag entfällt", sagt er.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

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Rathmann

Datum

4. September 2013
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