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Lebensmittel online: Briten bestellen für 11 Milliarden Euro

Lebensmittelhändler in Großbritannien organisieren auch den Online-Versand bis zur letzten Meile selbst.

Online-Bestellungen sind der Hoffnungsträger im britischen Lebensmittelmarkt. Denn generell schwächelt der Markt. Der Onlinehandel soll sich dagegen bis 2018 im Vergleich zu 2014 verdoppelt haben. 2015 kauften die Briten Lebensmittel für elf Milliarden Euro übers Internet. Die Händler setzen dabei auf sehr unterschiedliche Logistikkonzepte, bei denen eines auffällt: Trotz boomender Nachfrage für Haustürzustellungen werden Kep-Dienste bisher und wohl auch künftig kaum eingesetzt.

Tesco, der britische Einzelhandels-Marktführer der weltweit etwa 62 Milliarden Euro umsetzt, hat im Online-Handel zunächst Kapital aus seinem flächendeckenden Shop-Netz gezogen und Online-Bestellungen anfangs im Geschäft vor Ort gepickt, gepackt und verschickt. Das ist bis heute Teil der Tesco-Strategie. Die Idee des Geschäfts als Warenlager fürs Online-Shopping wurde sogar noch gestärkt durch die Idee von Click and Collect. 350 Tesco-Läden dienen auch als Abholpunkte online bestellter Ware. Mitarbeiter packen die Ware in diesen "Drive-Through"-Geschäften direkt in den Kofferraum des Käufers.

Spezialisierte Lager nötig

Die Effizienz dieses Konzepts ist aber im Vergleich zu spezialisierten Lagerhäusern schlechter. Denn in einem eigenen Lebensmittellager geht das Picken eines Auftrags viel schneller als im Geschäft, wo zu viele Picker zudem den Einkauf der anderen Kunden stören. Außerdem gibt es bei größerer Lagermenge viel weniger "Out of stocks" und den Kunden kann eine sehr viel größere Artikelvielfalt angeboten werden. Aus diesen Gründen betreibt Tesco inzwischen mehr als ein halbes Dutzend spezialisierter Lager für die Online-Aufträge.

Egal, wo gepickt wird, die Zustellung auf der letzten Meile erfolgt immer mit der eigenen Tesco-Transporterflotte. Deren Kühlaufbau trennt Trockenware, Kühl- und Tiefkühlgut. Die Kunden suchen sich bei der Bestellung ein Zwei-Stunden-Lieferfenster aus, das am Tag der Lieferung morgens per SMS noch auf eine Stunde reduziert wird. Wochentags liefert Tesco zwischen 8 und 23 Uhr, samstags zwischen 9 und 23 Uhr, sonntags zwischen 9 und 22 Uhr. Die Liefergebühr ist abhängig vom gewählten Zeitfenster und liegt zwischen zwischen 5 und 10 Euro. Lieferungen am Dienstag oder Mittwoch sind billiger als am Freitag. Wer für weniger als 40 Pfund bestellt, zahlt einen Zuschlag von vier Pfund.

Teure Spezialfahrzeuge im Einsatz

Kep-Dienste können diesen Job kaum besser machen, denn Synergien aus anderen Kunden sind kaum möglich. Fahrer und Auto sollen von weitem schon als Tesco erkennbar sein, um beim Kunden Vertrauen und Markenbindung zu verstärken, es gibt enge Zeitfenster und teure Spezialfahrzeuge für unterschiedliche Temperaturbereiche. Und das ist bei den anderen Anbietern ähnlich.

Der reine Online-Lebensmittelhändler Ocado unterscheidet sich nach außen hin logistisch nur im Detail. Hier gibt es von vornherein ein Ein-Stunden-Zeitfenster für die Auslieferung. Die Abholvariante stemmt Ocado mangels eigener Läden mit der reinen Paketshopkette Doddle. Die Lieferpreise liegen zeitfensterabhängig etwas niedriger und können bei Bestellung im Wert von mehr als 95 Euro für die Auslieferung an einem Mittwoch auch ganz wegfallen. Aber auch Ocado fährt mit einer eigenen geleasten Kühltransporterflotte. Das Besondere von Ocado liegt nach eigenen Angaben in der Software, die Online-Shop, zwei Zentral- und 14 Regionalläger sowie den Transport optimal steuern und verbinden soll.

Ocado im Einsatz für Morrisons

Besonders bei Ocado ist aber auch die Kooperation mit dem reinen Einzelhändler Morrisons. Und das ist logistisch das dritte Modell. Denn Ocado organisiert seit zwei Jahren das gesamte Versandgeschäft für Morrisons und damit im letzten Jahr mehr als 260 Millionen Euro umgesetzt.

Beide Firmen haben 2013 einen Vertrag über 25 Jahre abgeschlossen. Für 275 Millionen Euro hat Morrisons Ocoado damals ein komplettes Zentrallager abgekauft und least es je zur Hälfte an Ocado und die fürs Online-Geschäft gegründete Tochter Morrisons.com zurück. Ocado-Mitarbeiter machen dort die Aufträge fertig, die über die mit Ocado-Technik betriebenen Online-Shop Morrisons.com hereinkommen und die von einer Transporterflotte im Morrisons-Design ausgeliefert werden. Im Prinzip sind sich beide Seiten einig, dass Ocado Morrisons im nächsten Schritt noch eine Software zur Verfügung stellt, mit der – ähnlich wie bei Tesco – in den Geschäften von Morrisons Online-Aufträge gepickt und gepackt werden.

Kuriere liefern aus

Im Februar aber hat Morrisons eine Kooperation mit Amazon angekündigt. Danach wird Amazon von Morrisons hergestellte Produkte über seine speziellen Lebensmittel-Angebot Pantry und Prime now vermarkten. Die Logistik hinter diesen Angeboten ist vergleichsweise einfach, denn Amazon bietet im Prinzip bisher nur Trockenware an. Die können über herkömmliche Logistikpartner zugestellt werden. Lediglich im Prime now-Service gibt es ein paar Produkte wie Tiefkühlpizzen. Da Prime now jedoch ein Angebot ist, dass nur in wenigen ausgewählten Städten Ware innerhalb von zwei Stunden nach Bestellung ausliefert, setzt Amazon auch hier dem Vernehmen nach herkömmliche Kuriere und keine aktive Kühlung ein. Wie frische Produkte von Morrisons ins Pantry-Angebot passen sollen, das eine Zustellung am nächsten Tag vorsieht, darüber sind beide Unternehmen auch auf Nachfragen die Antwort schuldig geblieben. Spekulationen gehen dahin, dass Amazon doch noch Ocado kaufen könnte. Und dann könnte das einzige Betätigungsfeld für Kep-Dienste im britischen Lebensmittel-Onlinehandel, nämlich die Zustellung für Amazon auch dahin sein.

Den reinen Online-Lebensmittelhändler Ocado gibt es seit 15 Jahren. 13 Jahre schrieb das börsennotierte Unternehmen Verluste. 2014 war das erste Gewinnjahr. Für 2015 hat Ocado bei einem um 14 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz einen Gewinn von 15,7 Millionen (plus 65 Prozent) erwirtschaftet. 40 Prozent der bestellten Ware ist Kühl- und Tiefkühlkost. Die Zahl der durchschnittlichen Bestellungen pro Woche stieg von 167.000 auf 195.000. Der durchschnittliche Bestellwert sank leicht, liegt aber noch immer über 150 Euro.

Autor

Foto

Ludwig-Michael Cremer

Datum

20. Mai 2016
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