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Karlkristian folgt auf Karlhubert Dischinger: Generationswechsel bei Karl Dischinger

Die nächste Generation übernimmt die Geschäfte des Logistikdienstleisters Karl Dischinger aus Ehrenkirchen. Der neue Geschäftsführer Karlkristian Dischinger setzt auf eine neue Firmenstruktur, um das auf 850 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen besser steuern zu können. Im nächsten Jahr soll auch ein Beirat gegründet werden, dem unter anderem der scheidende Geschäftsführer Karlhubert Dischinger angehören wird.

trans aktuell: Herr Dischinger, in Ihrem Unternehmen schreiben alle in Kleinbuchstaben, doch nur einer auch in grüner Schrift: Sie. Am 17. August übergeben Sie den grünen Stift Ihrem Sohn Karlkristian. Können Sie einfach auf schwarze Tinte umstellen?

Karlhubert Dischinger (KHD): Der grüne Stift ist mein Symbol, er ist überall bekannt. Ich unterschreibe immer in Grün – ob als Unternehmer, als Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg oder früher als Präsident der IHK Südlicher Oberrhein. Mit der Farbe Grün – unserer Firmenfarbe – unterschreibe ich seit 1999, als ich die Kleinschrift in der Firma eingeführt habe. Damit wollten wir uns etwas vom Wettbewerb unterscheiden.

Steht die nächste Generation ebenfalls hinter grüner Schrift und Kleinschreibung?

Karlkristian Dischinger (KKD): Das wird weitergeführt, man ist damit schnell in aller Munde und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Ich wurde neulich bei einem Automobilzulieferer mit den Worten angesprochen: Ach, Sie sind ja der mit der Kleinschrift.

Tatsächlich geht es ja weniger um den grünen Stift, als vielmehr um die Firmennachfolge.

KHD: Der grüne Stift heißt Verantwortung. Ich gebe die Verantwortung ab und mache meinen Stuhl frei für meinen Sohn als meinen zukünftigen Chef. Ich schreibe dann auch nicht mehr in Grün – das darf bei uns nur der Chef. Da bin ich konsequent.

Wie groß ist der Respekt vor der Verantwortung?

KKD: Sehr groß. Das ist auch einer der Gründe, dass wir dem Unternehmen neue Strukturen geben, damit es für mich führbar und steuerbar ist. Es geht bei 850 Mitarbeitern nicht mehr, dass einer für jeden Bleistift unterschreiben muss. Karl Dischinger wird künftig von einer starken Management-Holding geführt, in der zentrale Funktionen angesiedelt sind. Darunter stehen die operativen Einheiten, die sich stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren werden.

Wer gehört dieser Holding an?

KKD: Sie besteht aus vier Personen. Meine Schwester Kerstin Sacherer verantwortet die Themen Personal und Qualitätsmanagement, Alexander Kiefer das operative Geschäft und Martin Thoma den Bereich Finanzen/Controlling. Ich trage als Geschäftsführer die Verantwortung für die gesamte Gruppe und für den Vertrieb.

Mit welchen Gefühlen sehen Sie beide der Übergabe entgegen?

KHD: Ich gehe sehr positiv gestimmt auf diesen Termin zu. Ich weiß, dass wir das können. Wir bereiten diesen Schritt seit fünf Jahren vor. Ich habe als IHK-Präsident zahlreiche Fälle miterlebt, bei denen in der Familie kein Nachfolger gefunden wurde, weil alle Angst vor der Verantwortung, der vielen Arbeit und damit verbundenen überproportionalen Arbeitszeit hatten. Ich habe auch Fälle miterlebt, bei denen der 80-jährige Senior seinem 50-jährigen Sohn sinngemäß sagte: Jetzt darfst Du auch mal Fahrrad fahren und klingeln. Das kann nicht gut gehen.

KKD: Ich weiß von Firmenübergaben, bei denen der Nachfolger ein größeres Büro, aber nicht mehr Verantwortung bekommen hat. Ich habe das große Glück, dass mich mein Vater machen lässt. Zugleich kann ich mir jederzeit seinen Rat holen, was ich zu schätzen weiß. Es wäre auch vermessen zu sagen: Hier bin ich, ich kann alles besser. Das ist definitiv nicht der Fall.

War klar, dass Ihr Sohn einmal die Firma übernehmen würde?

KHD: Ich habe keinem meiner drei Kinder gesagt: Du musst in die Logistik – weder Kerstin, noch Kareen oder Karlkristian. Auch, dass Karlkristian mein Nachfolger werden würde, war nicht von vornherein ausgemacht. Daher durfte auch keiner in der Firma Junior zu ihm sagen – um kein falsches Signal auszusenden.

KKD: Es war nicht immer klar, dass ich in der Logistik bleiben würde. Ich habe zunächst ein BA-Studium bei einem großen Logistikdienstleister absolviert und danach in dessen Zentrale in der Produktionsoptimierung beziehungsweise Kapazitätsplanung gearbeitet. Ich habe dort viel gelernt. Trotzdem wollte ich danach raus aus der Spedition und etwas ganz anderes studieren – in Richtung Restrukturierung und Sanierung.

Warum sind Sie trotzdem in der Logistik geblieben?

KKD: Weil ich die Chance hatte, mich bei Karl Dischinger in diese Richtung zu beweisen. Wir haben im September 2008 ein neues Büro im Baden Airpark in Rheinmünster bezogen, um dem Wachstum im Bereich Automotive Rechnung zu tragen. Zwei Wochen später kam die Lehmann-Pleite und der Umsatz brach um fast 40 Prozent ein. Es war absehbar, dass wir bis Juli 2009 weitere 30 Prozent Umsatz verlieren würden, weil wir eine Ausschreibung verloren hatten.

Dann überlegt man sich den Einstieg doch zweimal, oder?

KKD: Es hätte für mich keinen besseren und keinen schlechteren Zeitpunkt geben können, um bei Karl Dischinger zu beginnen. Keinen besseren, weil die Geschäfte nicht mehr weiter zurückgehen konnten. Keinen schlechteren, weil man gleich die weniger erfreulichen Momente miterlebt, wenn man sich von Mitarbeitern trennen muss. Im Anschluss habe ich mich jedoch nicht für Restrukurierung und Sanierung, sondern für einen Studiengang im Bereich Unternehmensführung entschieden.

Wollten Sie, Herr (Karlhubert) Dischinger in Ihrer Jugend denn in die Spedition?

KHD: Nein, ich wollte entweder General oder Missionar werden – als Logistikunternehmer bin ich nun quasi beides. Doch im Ernst: Bei mir hat sich die Frage der Firmenübernahme eigentlich nicht gestellt. Nach dem frühen Tod meines Vaters hat meine Mutter die Firma so lange allein geführt, bis ich soweit war. Mein erstes Ziel war, den Fuhrpark von 10 auf 20 Lkw zu verdoppeln, als ich 1975 als Geschäftsführer begonnen hatte. Dieses Ziel habe ich erreicht …

Gibt es in einer Unternehmer-familie denn auch mal Streit?

KHD: Wir sind eine ganz normale Familie. Auch bei uns gibt es Meinungsverschiedenheiten. Wir tragen sie aber auf einer sehr sachlichen Ebene aus. Da wir wissen, dass ein möglicher handfester Streit Auswirkungen nicht nur auf drei Familien Dischinger, sondern auf 850 Mitarbeiterfamilien hat, haben wir uns in Zusammenarbeit mit der Kanzlei Hennerkes, Kirchdörfer und Lorz aus Stuttgart eine Familienverfassung gegeben. In ihr sind zentrale Dinge geregelt, sie sagt auch: Nur einer darf führen.

Gab es schon mal Streit über den weiteren Kurs der Firma?

KHD: Nein, es gibt einen Konsens über die weitere Strategie – wenn auch nicht immer über den genauen Weg dorthin. Doch soll mein Sohn ja seinen eigenen Weg gehen. Schon als IHK-Präsident habe ich es bei Abschiedsreden vermieden zu sagen, dass jemand große Fußstapfen hinterlässt. Jeder soll seine eigenen Fußabdrücke machen, er soll bessere und größere machen. Darauf freue ich mich.

Als Vollblutunternehmer werden Sie sich nicht gleich komplett zurückziehen. Wo sehen Sie Ihre künftigen Aufgaben?

KHD: Ich bleibe an der Firma beteiligt, bin aber kein Geschäftsführer mehr. Ich werde mich im Einkauf einbringen, in der Werkstatt und mein Netzwerk pflegen, solange ich es noch habe. Außerdem planen wir, einen Beirat ins Leben zu rufen. Ich möchte keinen Beirat, der sich nur trifft, um das eine oder andere Gläschen Wein zu trinken, sondern einen, der das neue Management fordert – vergleichbar mit einem Verwaltungsrat in der Schweiz. Im Moment bin ich soweit, dass ich sage: Okay, ich bin dabei – aber ohne Stimme.

KKD:  Ich bin für eine Beiratsmitgliedschaft mit Stimme. Wir sollten das gleich institutionalisieren. Damit ist geregelt, dass bei der Übergabe auf die nächste Generation immer ein Familienmitglied mit Stimme im Beirat ist. Angedacht ist, dass der Beirat Mitte 2017 seine Arbeit aufnehmen kann.

Hat der scheidende Geschäftsführer bald mehr Zeit für Aktivitäten außerhalb der Firma?

KHD: Ich habe meiner Frau versprochen, dass ich künftig sonntagmorgens nicht mehr arbeite und samstags nur noch, bis der SC spielt. Während der Woche werde ich maximal einen Halbtagsjob haben, also nicht mehr als zwölf Stunden arbeiten – was nicht ganz ernst gemeint ist. Ich würde die freie Zeit gerne nutzen, um neben dem Reisen wieder mehr Fahrrad zu fahren. Ich habe mir auch vorgenommen, italienisch zu lernen. Ein Satz klingt wie eine ganze Oper, und die italienische Küche ist die zweitbeste – nach der badischen.

Und was macht der künftige Chef in der wenigen Freizeit?

KKD: Ich habe sehr viel Spaß im Round Table, das ist ein weltweiter Service-Club für junge Männer zwischen 18 und 40. Es geht nicht darum, für gemeinnützige Dinge den Geldbeutel aufzumachen und sich hinterher auf die Schulter zu klopfen, sondern darum, anzupacken. In Freiburg haben wir ein Kinderhaus unterstützt, indem wir geholfen haben, zu streichen und den Boden zu verlegen. Und natürlich schlägt mein Herz für den SC, der dieses Jahr wieder aufsteigt.

Zu den Personen

Karlhubert Dischiniger: 65 Jahre, verheiratet, drei Kinder, gelernter Speditionskaufmann, seit 1975 Geschäftsführer bei Karl Dischinger, Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL), ehemals Präsident der IHK Südlicher Oberrhein, Träger des Bundesverdienstkreuzes

Kerstin Sacherer: 41 Jahre alt, verheiratet, eine Tochter, BA-Studium bei
Kühne + Nagel, zehn Jahre Leitung der Niederlassung Sulz am Neckar, heute verantwortlich für Personal und Qualitätsmanagement

Karlkristian Dischinger: 31 Jahre alt, BA-Studium bei einem großen Logistikdienstleister, anschließend BWL-Masterstudium in Liechtenstein, bei Karl Dischinger seit 2009, seit fünf Jahren im Prozess der Unternehmensnachfolge

Ausbildung aus Überzeugung

110 der 850 Mitarbeiter bei Karl Dischinger sind Auszubildende. Das Unternehmen bildet in 17 Berufen aus. "Indem wir ausbilden, können wir unser Wachstum bewältigen", sagt Geschäftsführer Karlhubert Dischinger. Waren es voriges Lehrjahr rund 50 neue Azubis, dürften es im kommenden Lehrjahr etwa 60 sein – was einen neuen Ausbildungsrekord markieren würde. Die Übernahmequote liegt bei 97 Prozent, die Fluktuation ist gering. Neun von zwölf leitenden Angestellten sind Eigengewächse. Die Mitarbeiter schwärmen auf Messen, in Schulen und sogar in Kindergärten aus, um den Nachwuchs auf die Firma aufmerksam zu machen. Jährlich im Juni lädt der Logistikdienstleister die neuen Azubis mit ihren Eltern zur großen Vertragsunterzeichnung auf das Firmengelände ein. Rund 150 Menschen kommen dann zum Vesper mit Sektempfang zusammen. Doch auch für die ausgelernten Mitarbeiter gibt es Förderungen und Festivitäten – seien es Sprachkurse oder ein Fest am Samstag vor Weihnachten, bei dem jeder interessierte Mitarbeiter einen Christbaum erhält.

Einsatz für Berufskraftfahrer-Azubis

Die Nachwuchsarbeit liegt der Personalverantwortlichen Kerstin Sacherer besonders am Herzen. Vor allem beim Nachwuchs der Berufskraftfahrer (BKF) ist die Tochter von Firmenchef Karlhubert Dischinger gefragt: "Ich kümmere mich um die Katze, die Schule, den Fußball und vieles mehr", berichtet sie. Der Einsatz lohnt sich: So liegt die Abbrecherquote bei Karl Dischinger nicht bei 40 Prozent, wie im Branchenschnitt, sondern nur bei zehn Prozent. Über alle drei Lehrjahre sind rund 30 BKF-Azubis bei der Firma beschäftigt. Geschäftsführer Karlhubert Dischinger bedauert, dass viele Transportunternehmer die Ausbildung scheuen und die Berufsschule Kehl im neuen Lehrjahr ihre BKF-Klasse verliert.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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Matthias Rathmann

Datum

6. Juni 2016
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