Ausbildung, Intermezzo in Barcelona 3 Bilder Zoom

Austauschprogramm: Ein Modell macht Schule

Den Herbst in Katalonien statt in Baden-Württemberg verbringen? Sechs angehende Speditionskaufleute haben diese Chance beim Schopf ergriffen. Möglich macht's ein Austauschprogramm der Kaufmännischen Schule 1 Stuttgart.

Barcelona. Allein der Name ist Musik. Die Hauptstadt Kataloniens zieht jedes Jahr mehrere Millionen Besucher in ihren Bann. Der Architekt Antoni Gaudí und der Weltfußballer Lionel Messi sind daran auch nicht ganz unschuldig. Touristen schätzen neben ausgefallenen Bauwerken und den Spielen des FC Barcelona aber auch das milde Klima, die leichte Kost und allen voran die spanische Lebensfreude. Viva Barcelona.
Wer würde sich nicht gern in den Flieger setzen und den Sommer in der sonnenverwöhnten Stadt verlängern? Sechs angehende Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistung aus dem Raum Stuttgart sind in den Genuss dieses Privilegs gekommen. Sie sind von September bis Dezember weder in ihren Betrieben noch in der Kaufmännischen Schule 1 (KS1), ihrer Stuttgarter Berufsschule. Stattdessen haben sie ihre Koffer gepackt und sind dem Lockruf Barcelonas gefolgt.

Die Schulbank drücken in Barcelona

Doch zum Urlaub sind Lemonia Tsiotidou und Toygar Kayalar von Rhenus Freight Logistics aus Fellbach-Oeffingen, Carolin Morlock und Denis Schoch von der Wackler Spedition aus Göppingen sowie Uygar Iliksoy und Yannik Faix vom Logistikkonzern Kühne + Nagel aus Gärtringen nicht in Spanien. Die Azubis aus dem zweiten Lehrjahr müssen auch in Barcelona die Schulbank drücken, und nach dem Blockunterricht ruft Ende des Monats die betriebliche Praxis. Gearbeitet wird entweder bei der dortigen Niederlassung ihres deutschen Arbeitgebers oder bei einer Spedition vor Ort.
Der viermonatige Abstecher nach Barcelona ist Teil eines Austauschprogramms der KS1 mit der Asociación Hispano-Alemana de Enseñanzas Técnicas (Aset), das die Stuttgarter Schule vor zweieinhalb Jahren initiiert hatte. Der Vorteil an der Kooperation mit der Aset-Berufsschule: In der Einrichtung wird Deutsch gesprochen, die Lehrpläne sind aufeinander abgestimmt.

Die Schüler können ihre Ausbildung in Barcelona also ganz normal fortsetzen. Sie werden mit zwei Schulstunden Spanisch am Tag (außer freitags) nicht überfordert, sondern behutsam an die Praxiserfahrung im spanischen Betrieb herangeführt. Eine vergleichbare Schule mit deutschen Standards und der Möglichkeit einer dualen Ausbildung gibt es sonst angeblich nirgendwo in Europa – von der Aset-Schwesterschule in Madrid abgesehen.
Doch auch, wenn die Schüler eigentlich zum Lernen und Arbeiten am Mittelmeer sind – von Land und Leuten bekommen sie trotzdem eine Menge mit. Die beiden Kühne + Nagel-Azubis haben schon in der ersten Woche mit Messi und Co. im Barca-Stadion bei der Partie gegen Valencia mitgefiebert. Auch haben sie die nähere Umgebung erkundet, etwa Abstecher zum Strand sowie zur Promenade Las Ramblas unternommen, wo sie leckere, aber teure Tapas genossen haben.

Ein anspruchsvoller Unterricht

"Die Sagrada Familia haben wir uns auch gleich angeschaut", sagt Wackler-Azubi Denis Schoch. "Wegen der langen Schlangen aber nur von außen."Außerdem haben die sechs jungen Leute Gefallen an morgendlichen Bocadillos gefunden – jenen typischen belegten Brötchen, die mit Tomaten eingerieben wurden. Und was die Schule angeht: "Der Unterricht ist super, aber auch anspruchsvoll", erzählt Carolin Morlock. Doch man merke die eigenen Fortschritte. "Wir sehen, wie wir uns weiterentwickeln, wenn wir statt auf Englisch nun auf Spanisch nach dem Weg fragen", sagt Kühne + Nagel-Mitarbeiter Uygar Iliksoy.

Die Sprachkenntnisse sind ein positiver Nebeneffekt. Für noch wichtiger halten die Lehrer an der KS1 aber den Gewinn an Reife sowie an sozialer und interkultureller Kompetenz. "Das ist für uns noch viel wichtiger als die Fachkenntnis", betont Schulleiter Franz Scheuermann. Denn diese könne man auch in Deutschland erwerben. Bei der Entwicklung der Persönlichkeit könnten vier Monate im Ausland schon viel bewirken.

Ein unkomplizierter Charakter der Kooperation

Scheuermann lobte bei einem Treffen mit Lehrern und Schülern an der Aset-Schule auch den unkomplizierten Charakter der Kooperation. "Sie kommt ohne viel Bürokratie aus", betonte er. Die Chemie zwischen den Akteuren in Deutschland und Spanien stimme. Scheuermann hält solche länderübergreifenden Programme auch politisch für wichtig. "Europa kann nur zusammenwachsen und funktionieren, wenn wir uns besser verstehen." Das gelte gerade angesichts der Diskussion um Eurokrise und Rettungsschirme.
Das Zusammenwachsen gilt im Übrigen auch für die Betriebe. Teilweise habe man den Eindruck, dass die Pyrenäen eine nicht überbrückbare Barriere für die am Austausch beteiligten Unternehmen darstellen, sagt Aset-Schulleiter Lothar Sprenzel. "Und das, obwohl die Firmen den gleichen Namen tragen." Sprenzel hält das Programm für überzeugend und ist sich sicher, dass es noch Potenzial hat. Seinen Kollegen aus Stuttgart und ihm schwebt ein eigenes Berufsbild vor: der internationale Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung, der dann nicht nur vier Monate, sondern ein ganzes Jahr im Ausland umfasst.

Doch das ist  noch Zukunftsmusik. Die Lehrer sind erst mal froh, dass das Projekt in überschaubarer Zeit überhaupt so gut angelaufen ist. Erfolgte der Startschuss im Jahr 2010 mit nur einer Schülerin, waren es 2011 bereits zwei Azubis, die nach Spanien durften. Nun sind es schon dreimal so viele. "Und erstmals läuft das Projekt auch in umgekehrter Richtung", hebt Studienrat Patrick Wagner hervor, der das Projekt Partnerschulen an der KS1 leitet.

Fabian Vazquez von Rhenus Logistics aus Barcelona

Parallel zu den deutschen Azubis in Spanien ist aktuell auch ein junger Spanier in Deutschland: Fabian Vazquez von Rhenus Logistics aus Barcelona. Genauso wie in seiner Heimatstadt wird er auch in Stuttgart zur Schule gehen und wie in Barcelona bei Rhenus arbeiten, nämlich bei der Niederlassung in Fellbach.

Sollte das Austauschmodell weiter Schule machen, wäre es auch ein Schritt im Kampf gegen die mit 52 Prozent exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Junge Spanier könnten über die Aset-Schule nach Deutschland kommen und gegebenenfalls nach ihrer Ausbildung dort eine Stelle finden.

Marie Antonia von Schönburg würde sich das jedenfalls wünschen. Die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Außenhandelskammer (AHK) für Spanien in Barcelona berichtet, dass die Interessenten vor ihrer Einrichtung Schlange stehen. Doch nicht jeder komme für eine Vermittlung nach Deutschland infrage. "Bei vielen fehlt der Wille, alles stehen und liegen zu lassen, um für ein Jahr ins Ausland zu fahren", sagt sie. "Auch die fehlenden Sprachkenntnisse sind ein Problem." Durch die hohe Arbeitslosigkeit sei aber der Leidensdruck gestiegen, und immer mehr Spanier wollten nach Deutschland. Mit dem Goethe-Institut macht die AHK die qualifizierten Bewerber fit und sucht dann gezielt Kontakt zu den Betrieben.

Die Schülerzahlen beim Auslandsprojekt wachsen

Der Kontakt zu den Betrieben – der ist auch in Deutschland wichtig. Denn auch wenn sich die Schülerzahlen beim Auslandsprojekt stetig vergrößert haben, ist die KS1 damit noch nicht am Ziel. Dem stellvertretenden Schulleiter Uwe Peleikis sowie dem Leiter der Sparte Logistik & Touristik, Ulrich Kohler, schwebt eines Tages eine ganze Klasse nur mit Schülerinnen und Schülern der internationalen Ausrichtung vor. Die Weichen sind bereits gestellt: Seit diesem Schuljahr gibt es in der Stuttgarter Hasenbergstraße eine Schule nur mit Azubis, deren Betriebe sich für das Projekt interessieren. Das Fach Spanisch gehört fest dazu.

Noch haben die Lehrer aber keine Garantie, dass diese Schüler auch alle nach Spanien dürfen. Es sei noch viel Überzeugungsarbeit bei den Betrieben zu leisten. "Wir müssen weiter Klinken putzen und das Projekt bewerben", sagt KS1-Fachbereichsleiter Thomas Bartel.

Andrea Marongiu ist vom Sinn des Auslandsprojekts überzeugt

Auch der Verband Spedition und Logistik (VSL) Baden-Württemberg, der das Projekt unterstützt, will seine Mitglieder "stärker anschieben, damit sie sich daran beteiligen", wie Geschäftsführer Andrea Marongiu sagt. Auch er ist vom Sinn des Auslandsprojekts überzeugt. Man müsse alles dafür tun, um das Berufsbild so interessant wie möglich machen. Sonst schlage der Fachkräftemangel voll durch. Beim Berufskraftfahrer sei er schon deutlich zu spüren. Doch auch bei den kaufmännischen Berufen könnten sich die Betriebe nicht zurücklehnen. Denn der Speditionskaufmann konkurriert mit anderen interessanten Berufsbildern. Immerhin 348 Ausbildungsberufe gebe es in Deutschland.
Studiendirektor Peleikis sieht das nicht anders. Es gehe nicht nur darum, das Berufsbild aufzuwerten, sondern auch internationaler auszurichten. "Die Anforderungen an den Beruf sind gewachsen, darauf müssen wir reagieren", sagt er. Außerdem ist er überzeugt, dass junge Leute Spaß an dem Programm haben. Im Fall der sechs Azubis liegt er mit der Einschätzung richtig. Ihr Aufenthalt in Barcelona bei Gaudí, Messi und Co. hat nur einen Nachteil: Mitte Dezember geht er zu Ende. Dann müssen die Azubis wieder zurück.

Fünf Fragen an

Lemonia Tsiotidou ist angehende Speditionskauffrau. Die 18-Jährige lernt bei Rhenus Freight Logistics in Fellbach und ist für vier Monate in Barcelona.

trans aktuell: Frau Tsiotidou, verraten Sie uns doch mal ein paar Brocken auf Spanisch ...

Tsiotidou: Me llamo Lemonia.

Ich heiße Lemonia? Das klappt doch schon sehr gut.

Wir sind seit 27. August in Barcelona und haben jeden Tag zwei Stunden Spanisch, außer freitags.

Was ist das Schönste an Barcelona?

Für mich persönlich war das Schönste La Mercè – das größte Stadtfest in Barcelona zu Ehren der Schutzpatronin Mercè. Der Ausblick auf das Feuerwerk und die Fontänen war wunderschön. Bezogen auf das Austauschprogramm ist das Schönste die Tatsache, dass wir etwas ganz Neues lernen dürfen. Zum Beispiel müssen wir lernen, den Haushalt zu machen und die Wäsche zu waschen. Es ist auch ein anderes Leben, in einer WG zu leben und auf das eigene Auto zu verzichten.

Und was ist die größte Herausforderung in Barcelona?

Die Sprache. Hier sprechen sie Catalan und Spanisch. Die meisten Schilder sind auf Catalan. Dann kann man relativ selten etwas verstehen. Wir müssen jetzt noch fleißig büffeln, denn Ende des Monats ist der Blockunterricht vorbei, und es geht zum Arbeiten in den Betrieb – bei mir zu Rhenus in Barcelona.

Rhenus ist ein großer Konzern. Wie qualifiziert man sich als Azubi für das Austauschprogramm?

So viele haben sich bei unserer Niederlassung in Fellbach gar nicht dafür interessiert. Nicht jeder tut sich so leicht mit der Vorstellung, von heute auf morgen für ein paar Monate nach Spanien zu wechseln. Man muss Familie, Freunde und Gewohnheiten hinter sich lassen. Mein Kollege und ich haben gesagt: Wir machen es. Und wir profitieren sehr von dieser Erfahrung. Das ist das Beste, was ich für mich machen konnte.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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Rathmann

Datum

26. Oktober 2012
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