Zusatzbeleuchtung im Fokus

"Sie nehmen uns die letzte Motivation"

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

Eine Anweisung aus dem baden-württembergischen Verkehrsministerium an die Überwachungsorganisationen zum Thema Zusatzbeleuchtung sorgt bei betroffenen Fahrern und Spediteuren für pures Entsetzen. Kontrollbeamte greifen nun noch rigoroser durch als bislang. Kenner der Showtruck-Szene sehen bereits die Festivals in Gefahr. Von Motivation und Nachwuchsgewinnung ganz zu schweigen.

Die Stimmung im deutschen Transportgewerbe ist im Keller, nicht nur wirtschaftlich. Selbst gut aufgestellte mittelständische Speditionen klagen über die steigenden Kosten bei weiter sinkenden Umsatzzahlen, von guten Erlösen spricht kaum ein Geschäftsführer. Kunden wollen die jüngste Mauterhöhung nicht bezahlen, bei den Ausschreibungen der Großkunden orientiert sich das eigene Angebot zwangläufig am niedrigsten Preis, Qualität scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Dazu kommt der spürbare Mangel an qualifizierten und vor allem motivierten Fahrern. Der Arbeitsalltag im von vielen immer noch geliebten einstigen Traumberuf macht immer mehr Fahrern zu schaffen. Stress an den Rampen, hohe Baustellendichte, viele Staus und eine nach wie vor hohe Anzahl an Unfällen rauben den letzten Nerv. Ich kenne mittlerweile viele langjährige Lkw-Fahrer, die noch vor dem Rentenalter ausgestiegen sind und einer geregelten stationären Arbeit nachgehen, manche sogar als Disponent. Noch ist die Welle der Aussteiger gering. Aber sie könnte über kurz oder lang anschwellen. Gerade die Verbände aus der Logistikbranche sollten ein wachsames Auge darauf werfen und ihre warnende Stimme erheben – solange es noch möglich ist. Auch wenn es nur um das Thema "Licht" geht.

Eine Weisung aus Stuttgart

Grund für meine These ist eine aktuelle Weisung aus dem Verkehrsministerium Baden-Württembergs an die Überwachungsinstitutionen, die mir kürzlich zugespielt wurde, und die für massiven Unmut vor allem in der "Showtruck-Szene" sorgt. Sie beginnt wie folgt: "Seit geraumer Zeit sind zunehmend unzulässige lichttechnische Einrichtungen ("Beleuchtungseinrichtungen") an vielen Fahrzeugen festzustellen, wobei insbesondere Nutzfahrzeuge betroffen sind. Dies zeigt sich beispielsweise in zu vielen, falsch angebrachten, unzulässig verwendeten, falsch geschalteten oder nicht typgenehmigten Beleuchtungseinrichtungen. Hierzu zählen auch Leuchtstoffe und reflektierende oder fluoreszierende Mittel. Dieser Zustand ist auch im Hinblick auf die Verkehrssicherheit nicht länger tolerierbar und eskaliert trotz wiederkehrender Fahrzeugüberwachung nach § 29 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) und vereinzelten polizeilichen Verkehrskontrollen."

Damit werden alle Überwachungsvereine, aber auch die Kontrollorgane aufgefordert, die bisherige Duldung verschiedener lichttechnischer Einrichtung einzustellen. Was das genau bedeutet und welche rechtlichen Konsequenzen es hat, werden wir im FERNFAHRER 5/2019 erläutern. In meinem Blog beschäftige ich mich vor allem mit der emotionalen Seite dieser Weisung. Sie gipfelt in der Aussage, die ich nun immer wieder, von Fahrern wie auch von Unternehmern gehört habe. Sie lautet: "Sie nehmen uns die letzte Motivation."

Lampen oder Lohn?

Ich gebe zu, auch ich habe ein Faible für schöne Lkw. Als ich in den 80er-Jahren selber nach Irland und Italien fuhr, machten mich ein schwarzer Panther auf der weißen Fahrertür und zwei extra angebrachte gelbe Rückleuchten am Anhänger stolz wie Oskar. Dieses Gefühl kann man nicht vermitteln – entweder man hat es, oder man hat es nicht. Ich lasse mich daher auch nicht in den aktuell schwelenden Konflikt in den sozialen Medien hineinziehen, der zum Teil mit harten Worten unter dem Tenor „Lampen oder Lohn?“ geführt wird. Die weitaus meisten Lkw deutscher Unternehmen sind ziemliche karge Flottenfahrzeuge. Die Fahrer, die dort arbeiten, legen Wert auf andere Dinge. Wenn sie nach der Tour nach Hause gehen, machen sie das Licht aus. Feierabend.

Auf der anderen Seite gibt es Fahrer wie Sven Acker, der sein Glück bei einem Unternehmen gefunden hat, wo die Fahrer, die es möchten, ihre Lkw individuell gestalten können – und trotzdem gutes Geld verdienen. Sven lebt, wie viele andere Fahrer auch, seinen Beruf. Und ein zentraler Bestandteil davon ist nun einmal der „eigene“ Lkw. Er liebt seinen Lkw, er verbringt viel Freizeit mit Detailarbeit am Fahrzeug. Viele Unternehmer würden sich ziemlich glücklich schätzen, sie fänden heute noch solche Fahrer. Denn Leute wie Sven und viele andere sorgen dafür, dass ihre Lkw ständig top gewartet und gepflegt sind.

"Meine Leute sind jedes Wochenende auf dem Hof und warten Ihre Fahrzeuge", sagte mir ein anderer Unternehmer aus Norddeutschland. Nun schlägt er sich mit Gerichten herum, um Punkte abzuwehren, die ihm und seinen Fahrern drohen. "Ich könnte vor Wut explodieren!"

Ein Schlag ins Kontor

Und damit komme ich zum Punkt: Es sind heute nach meinen Erfahrungen und Recherchen gerade diese Unternehmen, die heute trotz Mangels immer noch Fahrer finden. Mit einem dieser Fahrer, Peter "Pepe" Pilarczyk von der Spedition Köhnen aus Grefrath, gehe ich kommenden Montag für die Serie "Profi im Profil" auf Tour. Peter ist Mitglied der „Actros Mafia“. Dieser von Fahrern gegründete Verein engagiert sich wie viele andere Fahrer-Initiativen sozial und sammelt Spendengelder. Beim Truck Grand Prix am Nürburgring wird er in diesem Jahr zum letzten Mal mit seinem edlen Actros sein. Nachdem eine Prüforganisation nach der Weisung aus Stuttgart proaktiv bei seinem Chef vorstellig wurde, weiß er, dass sein nächster Lkw keine Zusatzbeleuchtung mehr haben wird. Für Peter ein Schlag ins Kontor.

Ein "Freibrief" für die Polizei

Es gibt in der Tat mittlerweile Fahrzeuge aus der "Showtruck-Szene", die mit ihrer weit über jedes normale Maß auch noch blau, gelb oder rot nach vorne strahlenden Zusatzbeleuchtung wie Kirmeswagen aussehen. Da sage auch ich: Zuviel des Guten ruft in der Tat die Polizei auf den Plan. Nachdem ich mich 2016 intensiv mit dem fragwürdigen Wirken eines Polizisten aus Münster auseinandergesetzt hatte, worüber wir im selben Jahr beim Truck-GrandPrix ausgiebig diskutiert haben, dachte ich allerdings, das Thema sei erledigt.

Doch offenbar haben in letzter Zeit immer mehr Polizisten regelrecht Jagd auf Lkw mit Zusatzbeleuchtung gemacht – vor allem eben in Baden-Württemberg. Und dabei sind teilweise auch Lkw stillgelegt worden, die nur einen "einfachen" Lampenbügel mit vier zusätzlichen Scheinwerfern verbaut hatten. Eine Fahrschule droht gar ihre Lizenz zu verlieren, weil sie Prüfungen mit einem Lkw vorgenommen hat, der ein paar Lichter zu viel auf dem Dach hatte. Obwohl dort seit fünf Jahren immer wieder die amtlichen Prüfer mitgefahren sind. Während der Fahrt ohne Licht – klar.

Selbst der "Baumann-Schalter" wird nicht mehr akzeptiert

Selbst der nach einem Münsteraner Kommissar benannte "Baumann-Schalter", der dafür gesorgt hat, dass die vielen Lichter eben nur im Stand leuchten, werden nun nach der Weisung aus Stuttgart offenbar nicht mehr akzeptiert.

Viele dieser Lkw sind die Highlights der Truck-Festivals – und ich persönlich befürchte, werden diese Lkw auf Dauer alle von der Polizei ihrer Strahlkraft beraubt, dann ist es nicht so weit, bis auch die Festivals ihre schönsten Attraktionen dauerhaft verlieren. Ein Veranstalter vom Bodensee hat bereits die Konsequenz gezogen und sein für Pfingsten geplantes Festival abgesagt.

Ein Kompromiss muss her

Klar ist: Die Polizei kontrolliert gemäß Straßenverkehrszulassungsverordnung, rechtlich ist dagegen nicht viel zu machen. Nur gegen die Stilllegung vor Ort auf Grund der amtlicherseits vorgeworfenen Verkehrsgefährdung können sich Fahrer und Unternehmer zur Wehr setzen. Doch gerade hier entsteht der große Unmut. Während Lkw mit Zusatzbeleuchtung so gut wie nie in schwere Unfälle verwickelt sind und es auch noch keinerlei amtliche Statistik gibt, dass zu viel Licht am Lkw womöglich zu einer Verkehrsgefährdung führt, sind auf deutschen Autobahnen immer mehr Fahrzeuge mit gravierenden technischen Mängeln unterwegs, von denen wirklich eine Gefahr ausgeht.

Die Lkw mit zu viel Licht, die natürlich leichter zu erkennen sind, verlieren jetzt also ihren "TÜV". Zur selben Zeit sind unzählige Fahrzeuge unterwegs, die gar keinen haben, wie der belgische Hauptinspector Raymond Lausberg mit seinem Team schon vor drei Jahren herausgefunden hat. Hier wäre wirklich Not an einer klaren Gesetzesänderung mit der entsprechenden Weisung an die Kontrollorgane.

Letzen Endes, davon bin ich überzeugt, hilft nur ein Kompromiss, bei dem sich betroffene Unternehmen, Vertreter der Verbände und der Überwachungsorganisationen sowie Verkehrspolitiker an einen Tisch setzen, und diese Weisung aus Stuttgart auf eine vernünftige Formel herunterbrechen. Ich bin gerne bereit, diese Runde zu moderieren.

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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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