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Parkplatznot hat Folgen

Lkw auf Standstreifen sind gefährlich

Unfall, A40, Motorradfahrer, Siloanhänger, Parkplatz, Auflieger, Standstreifen Foto: Guenter Jungmann

Immer mehr tödliche Unfälle ereignen sich durch abgestellte Lastwagen auf dem Standstreifen. Auf der A40 raste ein junger Motorradfahrer in einen abgestellten Siloanhänger und war auf der Stelle tot. Ein Bosch-Projekt soll Abhilfe schaffen.

12.02.2018 Norbert Böwing

Die A40 verbindet das Ruhrgebiet mit den Niederlanden. Eine Strecke mit extremer Lkw-Taktung. Dass es dort viel zu wenige Lkw-Parkplätze gibt, ist nichts Neues (ein Video zum Thema Parkplätze finden Sie hier). Vor allem am Parkplatz Tomm Heide parken die Lkw regelmäßig verbotswidrig auf dem Mehrzweckstreifen. Obwohl die Polizei inzwischen versucht, mit sogenannten Platzverweisen Herr der Lage zu werden, ist die Situation oftmals chaotisch und brandgefährlich.

Innerhalb von nur sechs Wochen ereigneten sich dort in der Dunkelheit zwei tödliche Verkehrsunfälle. Ein junger Motorradfahrer raste in der Dunkelheit gegen einen abgestellten Siloanhänger und war auf der Stelle tot. Und ein Lkw-Fahrer prallte ungebremst auf den Lkw eines Kollegen. Auch er erlag seinen schweren Verletzungen noch am Unfallort.

"Fahrer sind die Unfallverursacher"

In die Ermittlungen ist auch das Verkehrskommissariat der Düsseldorfer Polizei eingeschaltet. "Eindeutig sind die Fahrer der dort abgestellten Lkw die Unfallverursacher. Die Situation dort ist wirklich extrem gefährlich. Kein Fahrer geht davon aus, dass sein Parkmanöver für andere verhängnisvolle Folgen haben kann, aber es ist nun mal so. Auch für uns als Polizei ist das eine höchst unbefriedigende Situation", beschreibt es Polizeihauptkommissar Gundolf de Riese-Meyer. "Natürlich sind parkende Lastwagen auf dem Standstreifen ein extremes Unfallrisiko. Weil sie meistens schlecht oder gar nicht beleuchtet sind, werden sie zu spät erkannt", erklärt er.

"Vor allem von Lastwagenfahrern, die im Zuge ihrer ganz normalen Fahrbewegungen ganz automatisch mal ein bisschen nach links oder rechts pendeln", ergänzt Norbert Todt, Unfallanalytiker bei Dekra in Duisburg.

Akuter Handlungsbedarf auf der A40

Todt sieht aufgrund der Situation auf der A40 einen akuten Handlungsbedarf. Und nicht nur er. Die beiden tödlichen Verkehrsunfälle am Parkplatz Tomm Heide haben auch den Verband Spedition und Logistik Nordrhein-Westfalen (VSL NRW) aufgeschreckt. Geschäftsführer Dr. Rüdiger Ostrowski: "Die Politik hat durch jahrelanges Wegsehen und Ignorieren der Tatsachen die Ursachen für diese unhaltbaren Zustände gesetzt. Das wachsende Transportaufkommen in den nächsten Jahren wird die Situation aber noch verschärfen."

Während Ostrowski vor allem von der Polizei ein "knallhartes Durchgreifen bei der Absicherung und Beseitigung der Gefahrenstellen" fordert, verraten aber schon die Zahlen die Ausweglosigkeit der Situation: Landesweit fehlen zwischen 3.700 und 5.000 Lkw-Parkplätze. Bundesweit schwanken die Schätzungen der fehlenden Lkw-Parkplätze zwischen 30.000 und 40.000. Prekär ist die Situation vor allem, weil eine Vielzahl von Parkplatz-Erweiterungen in der Pipeline stecken, sich aber in die Länge ziehen.
Auch die in beiden Fahrtrichtungen vorhandenen Lkw-Parkplätze auf der A40 in Höhe Tomm Heide sollen ausgebaut werden. Nur wann? Verschärfend wirkt sich aus, dass niemand Lkw-Parkplätze in seiner Nachbarschaft haben will. Und natürlich spielen auch die Kosten dafür eine erhebliche Rolle.

Unfallrisiko steigt unaufhörlich

"Keiner unterstützt eine solche Planung also wirklich ernsthaft. Die Gegner kommen mit Argumenten wie Kriminalität, Flächenverbrauch, Schmutz und Umweltverschandelung. Und währenddessen steigt das Unfallrisiko quasi unaufhörlich", bringt es Raststättenplaner Frank Schmid aus Willich auf den Punkt. "Davon betroffen sind vor allem Strecken mit zweistelligen Autobahnen. Nach dem Bundesverkehrswegeplan stehen sie hinten an. Grundsätzlich haben bei der Parkplatzplanung nämlich die Autobahnen 1 bis 9 Vorfahrt."

Dabei wissen alle Beteiligten, dass den Lkw-Fahrern oftmals kaum eine andere Möglichkeit bleibt, wenn sie es auf der Suche nach einem Parkplatz nicht auf einen Verstoß gegen ihre Lenk- und Ruhezeiten ankommen lassen wollen. "Ein echtes Dilemma. Nach dem Ablaufen der vorgeschriebenen Lenkzeiten können sie oft nur falsch parken oder weitersuchen und die Zeiten überschreiten", sagt Polizeihauptkommissar Christoph Becker von der Polizei in Münster, die gerade ihre Aktion Geisterparker gestartet hat.

Zwar stellen angrenzende Gewerbegebiete vielerorts eine Lösung dar, doch sind sie meistens nicht ausgeschildert. Und grundsätzlich, so räumt selbst die Polizei ein, ist es zu verstehen, dass vor allem ortsunkundige Lkw-Fahrer nur ungerne die Autobahn verlassen, um in der Fremde nach einem Parkplatz zu suchen.

Über Bosch-App Parkplätze buchen

Neben den überfüllten und kostenlosen Parkplätzen gibt es auch auf den Autohöfen kostenpflichtigen Parkraum, der ebenfalls stark gefragt ist. Über die europaweite Buchungsplattform Bosch Secure Truck Parking können Lkw-Fahrer und Speditionen dort jetzt Parkplätze mithilfe einer App online buchen und reservieren.

Der Autohof Thiersheim an der A 93 unweit der tschechischen Grenze hat Pilotcharakter. Lkw-Fahrer müssen dort nicht einmal mehr ein Ticket lösen oder mit Bargeld zahlen. An der Schranke befindet sich eine Kamera, mit deren Hilfe das Lkw-Kennzeichen automatisch gescannt und verschlüsselt an die Buchungsplattform gesendet wird. Und wenn der Parkplatz reserviert ist, kann der Lkw-Fahrer das Gelände kontaktlos befahren und wieder verlassen. Die Kosten dafür betragen zehn Euro, die später online abgerechnet werden.

Keine zeitaufwendige Suche mehr

Besonderheit des Bosch-Konzeptes ist es, dass die Fahrer nicht nur garantiert wissen, dass sie einen Parkplatz für die Nacht haben, sondern auch die integrierte Sicherheitsüberwachung. Vor allem aber gehört das zeitaufwendige Suchen nach einem Parkplatz für die Nacht der Vergangenheit an. Bosch-Projektleiter Dr. Jan-Philipp Weers: "Wir spüren bereits jetzt überall ein enormes Interesse von Disponenten und Fahrern. Auch viele Arealbetreiber haben sich bei uns gemeldet, weil sie eine zukunftssichere Lösung suchen."

Neben den positiven Signalen aus der Branche könnte Bosch Secure Truck Parking aber auch durch das staatliche Förderprogramm De-minimis beflügelt werden. Danach erhalten deutsche Speditionen seit Januar 2018 bis zu 80 Prozent der Parkgebühren zurück, wenn sie eine Sammelrechnung vorlegen. Und Auflagen der Förderung sind ausgerechnet die von Bosch in den Anlagen erfüllten Kriterien wie Videoüberwachung, Einzäunung und sanitäre Anlagen. Weers bewertet das Vorgehen positiv: "Die Aufnahme von Parkkosten in die Förderung zeigt, dass das sichere Parken längst nicht mehr nur eine ­Nischenforderung ist."

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