NFI übernimmt ADL

Doppeldecker werden amerikanisch

Foto: ADL

Die NFI Group übernimmt den schottischen Traditionshersteller Alexander Dennis Ltd. (ADL) und schmiedet so einen der größten globalen Bushersteller. Die Markenidentitäten sollen vollumfänglich erhalten bleiben.

Durch die Übernahme des schottischen Busherstellers Alexander Dennis Ltd. (ADL) durch die US-amerikanische NFI Group entsteht laut der ersten Mitteilung des nunmehr gesamtheitlich börsennotierten Unternehmens ein "unabhängiger, globaler Bushersteller mit marktführender Stellung in Großbritannien, Nordamerika und Hongkong sowie wachsender Präsenz in anderen Teilen des Asien-Pazifik-Raums ebenso wie in Lateinamerika und Kontinentaleuropa." Die bewährten ADL-Produkte und deren Erfolgsbilanz beim Einstieg in neue Märkte würden das NFI-Produktangebot ergänzen, das Geschäftsmodell diversifizieren und eine Plattform für internationales Wachstum, beschleunigte Technologieentwicklung und Innovation schaffen.

NFI übernimmt ADL zu einem Transaktionswert von 320 Millionen Pfund (ca. 405 Millionen US-Dollar oder 360 Millionen Euro) – dies entspricht einem impliziten Kaufpreis in Höhe des 7,3-fachen des bereinigten EBITDA von ADL für das Geschäftsjahr 2018 (UK GAAP). Trotzdem wird sich ADL weiterhin dem angelsächsischen Bilanzierungs-Recht verpflichtet fühlen. Die Chancen der Übernahme bringt NFI mit Sitz in Winnipeg (Manitoba, Kanada) so auf den Punkt:

  • Marktführerschaft, internationale Diversifizierung und Grundlage für weiteres Wachstums von NFI
  • Erweitertes Produktportfolio
  • Kosteneffiziente Plattform
  • Überzeugende finanzielle Argumente
  • Starke Kulturelle Übereinstimmung

Die weitgehend auf die britischen Inseln beschränkte Reisebus-Marke Plaxton stehe dabei nicht zur Disposition, auch sei ein "Austausch" von Modellen zwischen den einzelnen Märkten derzeit nicht geplant. "NFI erwartet in keiner Weise von ADL seine bisherige Arbeit auszulöschen und neu zu starten, noch wollen wir ADL vorschreiben, wie weiter vorzugehen ist," so ein Sprecher des Unternehmens auf Nachfrage. Zielsetzung der Übernahme sei weder Stellenabbau noch Rationalisierung, auch wenn die NFI-Pressemeldung ausdrücklich von "Möglichkeiten zur Optimierung der Fertigung, des Vertriebs und der Lieferkette" spricht. Auf Nachfrage von eurotransport.de schließt NFI Stellenstreichungen kategorisch aus.

Vier starke Marken in Nordamerika

NFI ist nach eigener Aussage der größte und am stärksten diversifizierte Linien- und Reisebushersteller und Anbieter von Transportlösungen in Nordamerika. Mit jetzt über 8.900 Mitarbeitern an mehr als 50 Standorten in zehn Ländern ist NFI ein weltweit agierender, unabhängiger Bushersteller, der eine umfassende Palette an Massenverkehrslösungen unter den Marken New Flyer (Stadtbusse), MCI (Reisebusse), ARBOC (Niederflur-Kleinbusse und Leichtbaubusse) und NFI Parts anbietet. NFI unterstützt zudem die Entwicklung moderner Infrastrukturen durch seinen Serviceanbieter New Flyer Infrastructure Solutions, der sich auf die Bereitstellung zuverlässiger Batterielade- und Mobilitätslösungen spezialisiert hat. Für das Geschäftsjahr zum 30. Dezember 2018 wies NFI Umsätze in Höhe von 2,5 Milliarden US-Dollar bzw. zusammen mit ADL ca. 3,3 Milliarden US-Dollar (auf Pro-forma-Basis) aus.

Mehr als 74.000 Fahrzeuge von NFI, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1930 zurückreichen, sind in Kanada und den USA derzeit im Einsatz, kurzfristig hatte MCI auch die Marke Setra in Nordamerika vertrieben. Mit dem Commuter-Modell seiner D-Klasse (D45 CRT LE) wagt sich das Unternehmen nicht nur an eine für die USA ungewohnte futuristische Formensprache, sondern auch an ein revolutionäres Konzept eines halbseitigen Low Entry-Bereiches im Überlandreisebus mit bis zu fünf Sitzplätzen.

Schottische Tradition im Doppeldeckerbau

Alexander Dennis Limited (ADL) ist ein weltweit agierender, unabhängiger Bushersteller, der Ein- und Doppeldeckerfahrzeuge der Marken Alexander Dennis und Plaxton anbietet. ADL blickt auf eine über 100-jährige Geschichte zurück und besteht in der heutigen Form seit 2004. Mehr als 31.000 Fahrzeuge des Herstellers sind in Großbritannien, Europa, Hongkong, Singapur, Malaysia, Neuseeland, Mexiko, Kanada und den USA im Einsatz. ADL beschäftigt über 2.500 Mitarbeiter, die Hauptverwaltung befindet sich nach wie vor in Schottland.

Seit der Gründung 2004 hat ADL seine Marktstellung nach eigener Aussage "mit beständigem Wachstum konsequent ausgebaut". 2018 erzielte ADL einen Umsatz von 631 Millionen britischen Pfund bei einer mittleren jährlichen Wachstumsrate von 10,5 Prozent seit 2010; und lieferte mehr als 2.500 Busse an einheimische Kunden und in internationale Märkte. ADLs Hauptaktionäre, darunter auch Colin Robertson und Michael Stewart, haben im Rahmen der Transaktion Anteile der NFI Group Inc. erhalten und bleiben somit am Unternehmen beteiligt. Sie sollen sich vor allem um die internationale Strategie des Unternehmens kümmern.

ADL und NFI mit ähnlichen Kulturen

ADL und NFI verfügen nach eigenem Bekunden über „ähnliche Unternehmenskulturen mit Fokus auf Qualität und Kundenorientierung", was in der Vergangenheit bereits durch ein Joint-Venture in Nordamerika unter Beweis gestellt worden sei, das von 2012 bis 2017 den Midibus Enviro200 als New Flyer MiDi lokalisiert und trotz geringer Gewinnmarge und kleinen Stückzahlen bis heute vertreibt. Klare Übereinstimmung herrsche auch im Blick auf Führungsstrategie, Marktaussichten und Erwartungen hinsichtlich der wachsenden Bedeutung von Elektrobussen. Hier verfügt vor allem ADL mit der langjährigen Kooperation mit dem chinesischen Hersteller BYD über eine große Erfahrung. Kürzlich kündigten beide Unternehmen einen Wasserstoff-Doppeldecker an.

Mit seinem global vertriebenen Doppeldecker Enviro hatte ADL erst vor kurzem den größeren Einstieg in Kontinentaleuropa geschafft und sich mit der BVG Flottenerneuerung einen Prestigeauftrag gesichert und will daher "über die nächsten Jahre" eine deutsche Vertriebs- und Serviceorganisation aufbauen.

"Durch transformative Übernahme zu einem Global Player"

"Mit dieser transformativen Übernahme wird NFI zu einem globalen Bushersteller", so Paul Soubry, NFI-President und Chief Executive Officer. "ADL ist der führende britische Bushersteller und der weltweit führende Hersteller von Doppeldeckerbussen. ADL verfügt über eine internationale Präsenz und ist für seine innovativen Produkte und sein Engagement für Qualität und Service bekannt. Wir freuen uns sehr, dass ADL Teil der NFI-Familie wird. Wir sind überzeugt, dass diese Transaktion unser Wachstum durch die Kombination unserer jeweiligen Stärken in den Bereichen Konstruktion, Vertrieb, Entwicklung neuer Produkte und Fertigung mit der Fachkompetenz von NFI in den Bereichen Operational Excellence, Insourcing, Stahlbau und Systemmanagement fördern wird."

NFI-Aufsichtsratsvorsitzender Brian Tobin, P.C. O.C., fügte hinzu: "ADL ist ein Unternehmen, das wir sehr gut kennen. Diese Übernahme bietet uns eine hervorragende Gelegenheit, NFI stärker zu diversifizieren und widerstandsfähiger zu machen und gleichzeitig unmittelbaren Mehrwert für unsere Anteilseigner/innen zu generieren. Die NFI-Unternehmensführung kann auf eine erfolgreiche Tradition bei der Umsetzung wertsteigernder Akquisitionen und eines sorgfältigen Kapitalmanagements verweisen, die sich mit der Übernahme von ADL fortsetzen wird."

ADL-Vorstandsvorsitzender Colin Robertson sagt: "Wir sind unglaublich stolz auf das Wachstum und die Erfolge, die wir in den letzten 15 Jahren bei Alexander Dennis erzielt haben, und ich freue mich über den Zusammenschluss der Teams von ADL und NFI – die Vereinigung zweier großartiger Bushersteller. Wir sind überzeugt, dass die Fusion die führende Position von NFI auf dem nordamerikanischen Markt stärken wird und dass wir das globale Angebot von NFI mit unserer vereinten technischen Fachkompetenz, unseren Partnerschaften mit Zulieferern, unserem Know-how in Bezug auf Elektrofahrzeuge und unseren After-Sales-Plattformen verbessern werden. Ich freue mich darauf, unseren soliden Erfolgskurs bei ADL fortzusetzen und in Abstimmung mit Paul Soubry und seinem Führungsteam das weitere internationale Wachstum von NFI zu fördern."

Keine Angst vor dem Brexit

Der womöglich bevorstehende Austritt des Vereinigten Königreiches (mit oder ohne Schottland) bereitet dem gewachsenen Unternehmen nach eigener Aussage wenig Kopfschmerzen: "ADL hatte bisher genug Zeit, sich vorzubereiten auf diverse unterschiedliche Brexit-Szenarien," so der Bushersteller auf Nachfrage. Die bisherigen Vorbereitungen zur Aufstockung von den wenigen EU-Importteilen sei im Nachhinein nicht nötig gewesen. Das Management beobachte die Entwicklungen natürlich sehr aufmerksam, allerdings sei man als Global Player "an die unterschiedlichen Zoll- und Handelsbedingungen und den Umgang mit diesen durchaus lange gewöhnt".

Generell sei ADL durch eine Reihe von Gründen von den möglichen Auswirkungen eines "harten Brexit" (ohne neue Vereinbarungen oder gar eine dauerhafte Zollunion mit der EU) abgeschottet:

  • Derzeit ist die EU kein großer Exportmarkt für ADL.
  • ADL arbeitet nicht nach dem „Just-in-time"-Lieferprinzip und verfügt auch über keine besonders komplexen Lieferketten.
  • Die internationalen Lieferketten des Unternehmens sind stark lokalisiert.
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