BVG ordert ADL-Doppeldecker

Berlin goes British

Foto: ADL

Alexander Dennis (ADL) wird eine neue Doppeldecker-Flotte für Berlin bauen: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben dem britischen Bushersteller den Auftrag zur Lieferung von dreiachsigen Enviro500-Doppeldeckern erteilt, nachdem erste Tests im Jahr 2015 positiv verlaufen waren und ADL bereits eine deutsche Vertriebsgesellschaft gegründet hatte.

Das sich extrem lange hinziehende Auswahlverfahren für die neue Doppeldeckerflotte für die Berliner BVG ist beendet und hat einen für viele Betrachter überraschenden Gewinner: den schottischen Aufbauer Alexander Dennis aus Larbert bei Edinburgh, der weltweit seine Doppeldecker verkauft. 2015 wurden nicht nur ein Bus der Briten, sondern auch zweiachsige Modelle von Scania und VDL mit einer oder zwei Treppen extensiv getestet. MAN Truck & Bus, in Nachfolge von Büssing aus Braunschweig und Salzgitter jahrzehntelanger Hauslieferant von Chassis und Komplettfahrzeugen, hatte zuletzt 2006 seine Lion's City DD des Typs A39 ausgeliefert, aber schon die volle Option von 600 Fahrzeugen wurde nicht komplett gezogen.

Derzeit laufen noch rund 400 Busse in Berlin, meistens in Euro 4 und 5, teilweise sind sie mit SCR-Katalysatoren nachgerüstet worden und auch weitergehend instandgesetzt. Dass MAN Truck & Bus noch einmal den enormen Aufwand betreiben würde, seinen Stadtlinienbus auf Kosten der BVG zu einem Doppeldecker aufzurüsten, war extrem unwahrscheinlich – zumal der Anlauf des neuen Lion's City alles andere als perfekt läuft. Immerhin fahren Neoplan-Ableger des Berliner Doppeldeckers noch in großer Stückzahl in Dubai. Die BVG kann mit der jetzt gefundenen Lösung auf eine serienreife Technik mit globalem Hintergrund zurückgreifen.

Drei Achsen, zwei Treppen, bis zu 128 Passagiere

Die ADL des Typs Enviro500 für Berlin werden 13,8 Meter lang und wie bisher schon 4,06 Meter hoch sein. Sie verfügen über drei Türen, zwei Aufstiegstreppen ins Oberdeck sowie 80 Sitzplätze, die Gesamtkapazität liegt laut Hersteller bei rund 120 bis 128 Personen. Mit einem Leergewicht von rund 16,5 Tonnen sind die Fahrzeuge mit dem traditionellen Aluminiumaufbau deutlich leichter als das bisherige MAN-Modell. Sie werden vollumfänglich auf die Anforderungen des Einsatzes in Berlin zugeschnitten und mit neuen Ausstattungsmerkmalen die Aufenthaltsqualität für Fahrgäste steigern – was das genau ist, wollte ADL noch nicht verraten. Die ersten neuen Busse werden 2020 in Berlin eintreffen.

Vereinbart ist zunächst die Lieferung von zwei Vorserienfahrzeugen. Nach einem erfolgreichen Test- und Erprobungsbetrieb ist dann die Abnahme von mindestens 70 Fahrzeugen zugesichert. In einem weiteren Schritt sollen nach aktueller Planung der BVG vorerst 200 Enviro500 auf Berlins Straßen unterwegs sein. Der aktuelle Beschluss des BVG-Aufsichtsrates lässt aus einem Rahmenvertrag die Bestellung von bis zu 430 Bussen zu, das ist auch die ungefähre Zahl der bisherigen MAN A39 Flotte. Das maximale Investitionsvolumen beläuft sich auf 220 Millionen Euro.

Erste Firmenpräsenzen in Europa

Erst 2017 lieferte ADL bisher seine ersten neun Doppeldecker für Kontinentaleuropa an die Schweizer Postbus aus. Zum gleichen Zeitpunkt gründeten die Schotten bereits Firmenpräsenzen in Europa, um auf die kommenden Lieferungen vorbereitet zu sein. Das ist man auch im Hinblick auf den bevorstehenden Brexit, der von der schottischen Regierung und Bevölkerung ja weitgehend abgelehnt wird. Nach ADL Aussage werde sowohl in Euro fakturiert, als auch geeignete Währungssicherungsmaßnahmen betrieben.

Die BVG betreibt rund 1.500 Busse, mit denen allein im vergangenen Jahr 441 Millionen Fahrgäste befördert wurden. Die Lieferanten Mercedes und MAN geraten dabei etwas in den Hintergrund durch große Bestellungen von Scania und VDL. Mehr als 400 Doppeldecker sind traditionell als „große Gelbe" im BVG-Linienbetrieb in Berlin unterwegs. Das ist die größte Flotte ihrer Art in Kontinentaleuropa und eine der größten Doppeldecker-Flotten weltweit. In London laufen derzeit rund 5.000 Busse von ADL für Transport for London (TfL), viele davon als Doppeldecker. Bis 2019 plant TfL rund 3.000 Doppeldecker zu elektrifizieren, seien es Hybride oder Batteriebusse. Seit 2018 werden hier nur noch Hybrid-Doppeldecker beschafft, die Hybrid-Quote beläuft sich derzeit auf rund 30 Prozent. Da wundert es kaum, dass ADL 2017 mit 528 ausgelieferten Doppeldeckern in Europa einen Marktanteil von 31,3 Prozent verbuchen konnte, 2016 waren es mit 931 sogar stolze 50 Prozent.

ADL bietet schon Elektrobusse mit BYD an

Dr. Sigrid Evelyn Nikutta, BVG-Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb sagt: „Die gelben Doppeldecker sind ein fahrendes Wahrzeichen Berlins. Diese Tradition wird jetzt mit den Bussen von Alexander Dennis weiterleben. Zugleich sind die Verträge so gestaltet, dass wir auf dem Weg zur Elektrifizierung unserer kompletten Busflotte bis 2030 die Abnahmemengen flexibel dem Angebot auf dem E-Busmarkt anpassen können." Bisher laufen nur vier Solaris-Elektrobusse mit Traktionsausrüstung von Bombardier, die ersten 15 eCitaro sind ebenfalls bereits bestellt. Zusammen mit dem chinesischen Hersteller BYD hat ADL den Vorgänger des Enviro 500 bereits elektrifiziert und setzt diesen in London ein.

Es ist denkbar, dass das von ADL bereits angekündigte Hybridmodell mit einer rein elektrischen Reichweite von rund 10 Kilometern für die BVG in einem ersten Schritt hoch interessant wäre, zumal die NOx-Grenzwerte auch in der Hauptstadt regelmäßig überschritten werden. Die rein elektrischen Versionen starten auch in anderen Märkten bereits 2019, diese „erfüllen aber noch nicht die härteren betrieblichen Anforderungen bei der BVG," so ein ADL-Sprecher. Nicht von ungefähr ist die BVG in Branchenkreisen als einer der anspruchsvollsten Kunden bekannt.

Colin Robertson, Vorstandsvorsitzender von Alexander Dennis, sagt: „Wir freuen uns, dass die BVG als führendes und innovatives europäisches Verkehrsunternehmen Alexander Dennis als alleinigen Lieferanten für die neuen Berliner Doppeldecker ausgewählt hat. Unsere modernen Enviro500 bieten Vorteile für die BVG, ihre Fahrerinnen und Fahrer ebenso wie für Fahrgäste, wie Alexander Dennis schon mit über 17.000 Enviro-Doppeldeckern bei Kunden in der ganzen Welt bewiesen hat. Diese neue Partnerschaft mit der BVG ist ein wichtiger Schritt in unserer europäischen Wachstumsstrategie."

ADL Doppeldecker laufen in der ganzen Welt

Der Enviro500 von Alexander Dennis ist ein weltweit verbreiteter dreiachsiger Liniendoppeldecker und biete laut Hersteller hohe Kraftstoffeffizienz dank einer leichten Aufbaukonstruktion aus Aluminium. Bereits im Oktober 2015 wurde ein Enviro500-Doppeldecker in Berlin im Linienverkehr erprobt. Alexander Dennis nahm in der Folge am mehrstufigen Ausschreibungsverfahren der BVG teil, in dessen Rahmen das Unternehmen als Lieferant für die neue Berliner Doppeldecker-Flotte ausgewählt wurde.

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind mit ihrem dichten Liniennetz, den modernen Fahrzeugen und einem breit aufgestellten Servicenetz Deutschlands größtes kommunales Nahverkehrsunternehmen. Netzdichte und Qualität des Berliner Nahverkehrs nehmen auch im internationalen Vergleich vordere Positionen ein. Das Verkehrsnetz der BVG besteht aus zehn U-Bahn-, 22 Straßenbahn- und über 150 Buslinien sowie sechs Fähren und sorgt für Mobilität rund um die Uhr. 14.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BVG-Konzerns bedienen mit rund 3.000 Fahrzeugen einen Ballungsraum mit über 3,5 Millionen Einwohnern und einem Einzugsgebiet von 892 km2 Berliner Stadtgebiet. Dabei nutzen im Jahr über eine Milliarde Fahrgäste die Busse und Bahnen der BVG.

Alexander Dennis ist der größte Bushersteller in Großbritannien und nach eigener Aussage weltweit führend in der Produktion von leichten, energieeffizienten Midi- und Doppelstockbussen. Alexander Dennis beschäftigt 2.500 Menschen direkt sowie weitere 1.500 indirekt in Tochtergesellschaften und Produktionspartnerschaften in Europa, Hongkong, China, Malaysia, Neuseeland, Mexiko, den USA und Kanada. Der Enviro500 wird seit 2002 gebaut. Inklusive unmittelbarer Vorgänger wie dem Trident auf gleichem Chassis (seit 1998) wurden bisher ca. 7.000 Busse produziert.

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