Herzkranke Lkw-Fahrer

Gefahr von innen

Medizinischer Notfall Foto: Alexander Hald

Immer öfter kommt es zu schweren Lkw-Unfällen, bei denen gesundheitliche Probleme bis hin zum Herzinfarkt der Auslöser waren. FERNFAHRER Live geht am Donnerstag, dem 2. Juli, mit der Ärztin Hanna Schüssler und betroffenen Lkw-Fahrern der Ursache auf den Grund und erörtert dabei auch die altbekannte Frage: Macht der Job krank?

Es war der 23. März dieses Jahres, als der Lkw-Fahrer Alexander Scheurer aus Aachen ein beklemmendes Gefühl im Brustraum spürte. Er war in Dortmund, sollte einen Container für die Niederlassung seines Transportunternehmens in Niederkrüchten aufnehmen. Er war 42 Jahre alt, und er sagte sich, wie er FERNFAHRER jetzt berichtet: „Nein, das kann doch kein Herzinfarkt sein. Dafür bin ich zu jung.“ Er entschied sich trotzdem, die Tour zu fahren, die ganze Zeit begleitet von der Sorge, dass es ihn vielleicht mitten auf der Autobahn treffen könnte. Als er bei der Firma eintraf und sich im Büro meldete, rief der Niederlassungsleiter sofort den Notarzt, Alexander kam mit Blaulicht ins Krankenhaus Erkelenz. „Durch die Leiste wurde mir ein Katheter gelegt.“ Er bekam einen sogenannten Stent, röhrenförmige Gefäßstützen in Gitterform, die aus Metall oder Kunstfasern gefertigt werden. Stents werden in Gefäße oder Hohlorgane eingesetzt, um diese zu stützen oder offen zu halten.

Nach acht Wochen wieder auf Tour

Erst, nachdem er auf der Intensivstation wieder aufgewacht ist, hat Alexander gemerkt, dass er riesiges Glück gehabt hat. Nach Klinik, Reha und zwei Wochen Urlaub darf Alexander acht Wochen später, genau seit dem 11. Mai, schon wieder fahren. „Natürlich habe ich Angst, dass es wieder passiert“, sagt er. „Und mir ist auch klar geworden, dass ich wahrscheinlich mit dem heutigen Stress auf der Autobahn nicht mehr klar komme.“ Damit ist er nicht allein. Erschreckend: Schon vor zehn Jahren, in der Ausgabe 12/2010, hat FERNFAHRER in der Reportage „Macht der Job krank?“ (siehe PDF im Anhang) genau über diese Problematik berichtet.

Darin heißt es: Das größte Problem scheint aber in der Tat im Druck zu liegen. Termindruck belegt in der offenen Frage nach Frustration im Job zwar nur den dritten Platz, jedoch kristallisieren sich in der restlichen Umfrage immer wieder Aspekte heraus, die sich als Folge von Druck jeglicher Art in Kontext stellen lassen. Das sind: Konflikte mit dem Gesetz, Stress mit der Disposition, Abwertung an den Entladestellen, Kleinkrieg auf der Autobahn und zu guter Letzt Probleme in der Familie. 44 Prozent der Fahrer gaben an, dass ihr Job in irgendeiner Weise Auslöser für Familienprobleme ist oder war. An der Gesundheit geht das nicht spurlos vorüber, was sich anhand diverser körperlicher Auswirkungen bemerkbar macht.

Nach 40 Jahren plötzlich das Aus

Auch Thomas Limmer, vielen Fahrer auch bekannt als „Tom Straight“ auf Facebook und seit vielen Jahren Mitorganisator des Truck Festivals der Franken-Strolche in Lichtenfels, weiß heute, dass der Herzinfarkt, den er 2019 hatte, „zum Glück ein Schuss vor den Bug war“. Auch er war trotz Warnzeichen des Körpers am Montagmorgen noch losgefahren. „Ich konnte in der Nacht nicht mehr im Bett liegen“, hat er es beschrieben. „Wenn ich ohne Probleme sitzen kann, dann kann ich auch eben noch die Tour ausladen.“ Das klingt nach hartem Mann. Die Tour, das weiß er heute, hätte auch im Straßengraben enden können. Zu spät aber immerhin rechtzeitig ging er zum Arzt, der schickte ihn sofort ins Krankenhaus.

Sein Schicksal haben wir bereits im FERNFAHRER veröffentlicht, in der Reportage „Herzinfarkt am Steuer“. Tom wurde von einem auf den anderen Tag aus dem Beruf gerissen. Er darf gar nicht mehr fahren. „Ich habe damals einen Defibrillator implantiert bekommen“, sagt er. Ein wie ein Herzschrittmacher eingebauter Defibrillator erkennt schwere Herzrhythmusstörungen, die zum Herzstillstand führen können. Er beendet selbstständig nach Erkennen dieser Rhythmusstörungen mit einem Stromstoß innerhalb des Herzens diese Symptome. Danach sollte das Herz wieder im normalen Rhythmus schlagen.

Immer wieder gesundheitliche Probleme am Steuer

Es vergeht bald keine Woche, bei der nicht „gesundheitliche Probleme“ die Ursache für schwere Unfälle sind – auf der Autobahn, auf der Landstraße, an der Abladestelle. „Viele Fahrer in meinem Alter haben jahrelang Raubbau am eigenen Körper betrieben“, so Thomas, „das rächt sich nun. Der Beruf ist nicht unbedingt stressfreier geworden. Zudem müssen viele ältere Fahrer bis ins hohe Alter weiterfahren, weil die Rente nicht zum Leben reicht.“

Offensichtlich reichen die innerbetrieblichen Vorsorgemaßnehmen der überwiegend kleinen und mittelständischen deutschen Transportunternehmen nicht aus, um der Gefahr eines Herzinfarktes vorzubeugen, die Gesundheitschecks, die Lkw-Fahrer ab 50 Jahren alle fünf Jahre machen müssen, sind für viele ein notwendiges Übel, und bei den verpflichtenden Modulschulungen alle fünf Jahre hat der Kenntnisbereich der gesunden Ernährung und der Prävention keinen guten Stellenwert.

Unter dem Titel „Hanna und die herzkranken Männer“ diskutieren wir daher am 2. Juli ab 17 Uhr bei FERNFAHRER live mit Dr. med. Hanna Schüssler aus Köln, die sich auch für die Ernährungsmedizin als einen ihrer Schwerpunkte entschieden hat. Schüssler klärt unter anderem mit Alexander Scheurer und Thomas Limmer die drängenden Fragen, wie man als Fahrer einen Herzinfarkt rechtzeitig erkennen und ihm vorbeugen kann. Auch Sven Fritzsche vom Kraftfahrerkreis Chemnitz-Zwickau ist mit dabei: Er leidet seit Jahren unter Schlafapnoe und scheut sich nicht, in der Öffentlichkeit über diese vielfach unterschätzte Gefahr für die Verkehrssicherheit zu sprechen. Abgerundet wird der Kreis der Teilnehmer durch den Unternehmer Mario Bruns von Heide Logistik aus Kirchlinteln, der in der Vergangenheit zwei Todesfälle durch Herzinfarkt in seinem Unternehmen beklagen musste und über die Schwierigkeit berichten wird, die Angehörige mit der Versicherung haben können.

Update: Hier gibt's das Video zur Sendung.

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