Herzinfarkt im Lkw

Aus dem Leben gerissen

Foto: Thomas Limmer
Meinung

Lars Rempt starb einsam mit nur 33 Jahren am Rande einer Autobahn. Kevin Hudson kam zufällig an der Unfallstelle vorbei und hat geholfen. Danach hat der 27-jährige Lkw-Fahrer ein beeindruckendes Video gemacht.

Es ist die letzte Szene eines bewegenden Videos, das der 27-jährige Berufskraftfahrer Kevin Hudson aus Rheine produziert und ins Netz gestellt hat. Sie hat mich persönlich berührt. Kevin fährt jede Nacht Linie von Osnabrück nach Schlitz bei Fulda. Am 10. Februar, nach dem Schneechaos auch in Nordrhein-Westfalen, kommt er auf der A 33 nahe der Ausfahrt Steinhagen noch einmal an dem Sattelzug vorbei, der in der Dämmerung immer noch rechts am Rand der Autobahn steht. Die Polizei hatte das Fahrzeug erst am Donnerstag abschleppen lassen, um bis dahin Spuren zu sichern. Kevin hupt mehrmals laut, während er vorbeifährt. „Ein letzter Tribut an Lars“, beschreibt er am Telefon. Er ist immer noch betroffen, was er am Abend zuvor erlebt hat. „Ich musste dieses Video einfach machen. Denn ich war der einzige an diesem Abend, der angehalten hat. Alle anderen sind weitergefahren.“

Herzinfarkt mit 33 Jahren

Lars Rempt, gebürtig aus Ebersdorf bei Coburg, war ein begeisterter Lkw-Fahrer. Sein Vater Maik ist ebenfalls Lkw-Fahrer. Lars fuhr seit 2016 für Uwe Mülzer Transporte aus Rietberg. Bis zu diesem Termin ein Zwei-Mann-Betrieb. Dahinter steckte eine persönliche Verbindung. Vor allem in der Festival-Szene war Lars beliebt. Thomas Limmer von den Franken-Strolchen hat das Foto von Lars vor seinem schwarz-grünen DAF beim Festival in Lichtenfels gemacht. Adrian Gutowski hat Lars und seine Lebensgefährtin Stefanie Kraus bei einem Festival in Fulda auf einer Wiese vor seinem markanten DAF fotografiert. Im Netz gibt es weitere Bilder eines lebenslustigen jungen Mannes. Stefanie, die mit ihm acht Jahre zusammen war, fährt selbst Lkw in der lokalen Entsorgungsbranche. Mit zehn Freunden waren sie die „VIP-Trucker“. Am Telefon kann sie es immer noch nicht begreifen, was am 9. Februar passiert ist.

Foto: Adrian Gutowski
Lars Empt und Stefanie Krause auf dem Truckertreffen in Fulda.

Eine ganz normale Tour

Lars war auf Grund des Schneechaos erst am Dienstag früh um fünf aus Bayern losgefahren, hatte seinen Planenzug mit dem mittlerweile neuen silbergrauen DAF, den er seit Juni 2020 fuhr, bei Osnabrück laden lassen, drei Kunden für Aldi in Bayern. „Lenk- und Ruhezeiten waren absolut sauber“, sagt sein Chef Uwe Mülzer, das hat die Polizei überprüft. „Er wollte wenig später seine Pause machen.“ Lars hat, so beschreibt es Stefanie, immer für den Job gelebt. „Wir hatten erst kurz vorher noch telefoniert. Lars hatte nur von einem Kribbeln im Hals erzählt. Ansonsten war er kerngesund.“ Erst spät in der Nacht hat sie erfahren, dass Lars auf der A 33 bei Steinhagen gegen 18 Uhr am Steuer mutmaßlich einen Herzinfarkt erlitten hat und den Lkw im letzten Moment noch in die Schneeverwehung gelenkt haben muss. Dort starb er – mit nur 33 Jahren. „Ein Freund hat noch am Telefon mitbekommen, wie er in den Schnee gefahren ist“, schildert Uwe Mülzer. Auch er kann es nicht fassen.

Kevin wird zum Ersthelfer

Mit seinen 27 Jahren ist Kevin Hudson ein junger Mann mit einer klaren Einstellung. Nach vier Jahren im Fernverkehr fährt er jetzt lieber Linie. Er hat zwei Kinder, er bevorzugt die Regelmäßigkeit der Touren. Im Lkw lässt er immer die Dashcam mitlaufen. Am Montag, dem 8. Februar, sind auch die Lkw von Busse + Zerbe am Standort Bissendorf auf Grund der Straßenverhältnisse ebenfalls stehengeblieben. Kevin bricht erst am Dienstag gegen 17 auf Richtung Süden. „Zwei Lkw waren rechts im Graben“, erzählt er. Dann fällt ihm, etwa 20 Minuten später, beim dritten Lkw auf, dass etwas nicht stimmt. Er hält mit Warnblinkanlage auf der Höhe der etwas nach rechts abgewandten Kabine an. Er hupt, er bekommt aber keine Reaktion. Der Verkehr kann langsam an seinem Lkw vorbeifahren. Ihm fällt auf, dass das Licht aus ist, aber der Motor läuft. Er öffnet die Tür und erkennt den leblosen unbekannten Kollegen, im Sitz etwas nach rechts gekippt. „Er hat wahrscheinlich ihm letzten Moment versucht, einen Unfall zu vermeiden, indem er den Lkw noch nach rechts gezogen hat.“ Davon ist Kevin überzeugt.

Foto: Kevin Hudson
Kevin Hudson fährt jeden Nacht Line Osnabrück nach Schlitz bei Fulda.

Dramatische Szenen auf der Autobahn

In seinem Video schildert Kevin mit klaren Worten, was er erlebt hat, nachdem er zunächst einen ersten Notruf abgesetzt hat. Vier Lkw sind einfach weitergefahren, der Fahrer eines Kleintransporters hat zwar kurz angehalten, aber nicht geholfen, wie versprochen. Erst ein fünfter Fahrer hält an und hilft. Dann war aber auch schon der Rettungswagen da. Sie konnten nur noch den Tod feststellen. „Wir haben dann mit mehreren Leuten den leblosen Körper von Lars aus dem Lkw geborgen.“ Kurz danach ruft Kevin seinen Chef an, erzählt, dass er die Tour nicht mehr zu Ende fahren kann. „Er hat das verstanden“, sagt Kevin. „Ich bin dann die nächste Ausfahrt raus und zurück zum Standort gefahren.“ Wenig später hat er sein Video produziert, dass sehr oft geteilt wird. Stefanie Kraus hat mittlerweile Kontakt mit Kevin. „Er war der einzige, der gehalten hat, auch wenn er Lars nicht mehr helfen konnte. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Fahrer mit gesundheitlichen Problemen

Mit Lars Rempt sind in diesem jungen Jahr bereits sechs Lkw-Fahrer aus gesundheitlichen Problemen im Lkw verstorben. Die meisten waren älter. Ab 50 Jahren aufwärts. Bereits im letzten Jahr habe ich eine Hintergrundreportage dazu geschrieben, wenig später haben wir zusammen mit der Kölner Ärztin für Allgemeinmedizin, Dr. Hanna Schüssler, eine sehr aufwühlende Sendung bei FERNFAHRER LIVE gemacht – in der auch Thomas Limmer, einer der Mitorganisatoren der Franken-Strolche, der selbst einen Herzinfarkt überlebt hat, zu Gast war. „Es gibt eindeutige Anzeichen für einen nahenden Herzinfarkt“, warnt Schüssler. „Man muss sie rechtzeitig erkennen. Es muss dringend etwas getan werden, um gerade die Lkw-Fahrer, die oft unterwegs sind, besser in gesundheitlichen Fragen aufzuklären.“

Beerdigung in Ebersdorf

Stefanie kann nachts nicht schlafen, tagsüber hat sie zu tun, um die Beerdigung am Freitag in Ebersdorf vorzubereiten. Dort, wo seine Eltern wohnen. Mittlerweile hat sie die persönlichen Dinge von Lars bekommen, eine kleine Kette und einen Ring. Den trägt sie jetzt. „Lars hatte immer wieder von Verlobung gesprochen“, erzählt sie. Trotz des Schicksalsschlags klingt ihre Stimme gefasst. Die unglaubliche Anteilnahme aus dem Kollegenkreis gibt ihr die Kraft. Uwe Mülzer wird mit dem neuen DAF zur Beerdigung fahren, danach wird der Lkw weggehen. Uwe wird als selbstfahrender Unternehmer alleine weitermachen.

„Ich werde die Urne mit Lars` Asche in seinem Lkw selber zum Friedhof fahren“, sagt Stefanie. Sie rechnet mit über 30 Freunden und Kollegen, die Lars die letzte Ehre erweisen werden und mit ihren Lkw kommen wollen. Auch Kevin wird natürlich nach Ebersdorf fahren. Ehrensache. Eins geht ihm nicht aus dem Kopf. „Vielleicht hätte man Lars noch retten können, wenn vor mir jemand die Situation richtig eingeschätzt und einen Krankenwagen gerufen hätte.“

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