Lkw-Unfälle am Stauende

Wer stoppt den Wahnsinn?

Foto: BeckerBredel

Bis Mitte Februar 2021 sind sechs Lkw-Fahrer bei einem Unfall am Stauende verstorben, ein weiterer Lkw hat zwei Kleintransporter regelrecht zerquetscht. In einer größeren Runde von Experten und Fahrern suchen wir bei FERNFAHRER LIVE nach einer Lösung.

Das Foto von der A 6 bei Homburg/Saar zeigt ein Schlachtfeld. Am 12. Februar war es laut einem Bericht der Saarbrücker Zeitung zu einem folgenschweren Unfall gekommen: Kurz vor acht Uhr am Freitagmorgen kam es zwischen den Anschlussstellen Waldmohr und Homburg in Richtung Saarbücken zu einem Unfall zwischen zwei Lkw. Die Lkw befuhren hintereinander die A 6, so heißt es. Wegen der Baustelle bei Homburg kam es zu einem Rückstau. Der vordere Lkw-Fahrer bremste am Stauende. „Der nachfolgende Lkw fuhr aus Unachtsamkeit auf den bremsenden Lkw auf. Dieser wurde durch den Aufprall quer zur Fahrbahn verschoben. Alle Insassen wurden verletzt, konnten aber eigenständig die Fahrzeuge verlassen. Sie wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.“ Gegen den Fahrer des auffahrenden Lkw wurde mittlerweile ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Köperverletzung eröffnet.

Eine erschreckende Bilanz

Vier Tage später kommt es an der nahezu selben Stelle auf der A 6 wieder zu einem Lkw-Unfall am Stauende. Doch das Szenario ist anders. Es hatte sich bereits ein Stau gebildet. In diesen rast ein Lkw-Fahrer aus Ungarn. Mit einem Actros, der 2018 zugelassen wurde, wie mir die Polizei auf Nachfrage gesagt hat. Der Aufprall ist so heftig, dass die beiden Kleintransporter am Heck des davor stehenden Lkw vollkommen zerquetscht werden. Die beiden Insassen versterben. Damit gibt es bereits Mitte Februar eine erschreckende Bilanz: Sechs Lkw-Fahrer sind in diesem jungen Jahr allein bei einem Lkw-Stauendeunfall verstorben, 48 waren es im gesamten Jahre 2020. Drei mehr als noch 2019. Dutzende Fahrer wurden leicht- oder schwer verletzt. Es kracht mindestens einmal am Tag. Mittlerweile fahren dazu immer öfter Lkw nahezu ungebremst in die Warnanhänger von Wanderbaustellen. Es ist der tägliche Wahnsinn.

Trügerische Sicherheit

Bei jedem dieser schweren Lkw-Unfälle kommt die Frage auf, warum Notbremsassistenten, die ja bereits seit November 2015 in alle seither neuen Lkw eingebaut werden müssen, nicht mehr dieser Unfälle verhindern? Ich habe versucht, diese Frage aus meiner Sicht bereits im letzten Jahr im Magazin FERNFAHRER 05/2020 unter dem Titel „Trügerische Sicherheit“ zu beantworten. Weil es eben diese beiden unterschiedlichen Szenarien gibt: fährt ein Lkw mit zu geringem Sicherheitsabstand hinter einem anderen her und bremst dieser abrupt ab, dann ist die Zeit für den Notbremsassistenten, seine auf den letzten Meter genau berechnete Bremskaskade nach der akustischen Warnung einzuleiten und erfolgreich zu bremsen, einfach zu kurz.

Und steuert ein Lkw auf einen Stau zu, weil die Fahrer etwa abgelenkt oder übermüdet sind, dann „übersteuern“ viele Fahrer im Reflex die lebensrettende Technik. Meistens durch ein plötzliches Ausweichen, seltener aber nachgewiesen, durch einen Kick-Down. Weil sie, ohne eine praktische Einweisung, schlicht nicht darauf vertrauen, dass diese Technik wirklich im letzten Moment eingreift. Bei Daimler kommt das Problem dazu, dass bislang vor allem osteuropäische Flotten den Active Brake Assist (ABA) in der Serie gekauft hatten, der allerdings, absolut nach der geltenden EU-Verordnung, den Lkw lediglich auf 70 oder 60 km/h abbremst. Erst mit der Einführung des New Actros gibt es den ABA 5 seit Januar 2020 in Serie.

Abstand und Ablenkung werden immer öfter zum Problem

Erst vergangene Woche hat die Polizeiinspektion Rotenburg/Wümme an der A 1 laut ihrer Pressemeldung durch die Autobahnpolizei Sittensen wieder Lkw auf Abstand und Ablenkung kontrolliert. Die Bilanz: Mit einem zivilen Fahrzeug stellten die Polizeibeamten insgesamt sieben Fahrzeugführer fest, welche während der Fahrt das Mobiltelefon bedienten. In weiteren acht Fällen unterschritten Lkw-Fahrer erheblich den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 50 Metern. Stellenweise wurde dieser auf gerade einmal 20 Meter zum Vordermann reduziert. Dass bei einer gefährlichen Verkehrssituation hier keine Zeit mehr zum Reagieren bleibt, liegt auf der Hand und war den meisten Fahrern laut Polizei auch bewusst. „Scheinbar werden die damit verbundenen Gefahren jedoch unterschätzt und teilweise auf die leichte Schulter genommen“, warnt die Polizeiinspektion.

999 Mal kann es gut gehen, beim 1.000sten Mal gibt es genau diese eine Konstellation, bei der es letztendlich kracht. Es ist für mich erschreckend, das dieselbe Polizeiinspektion aus Rotenburg schon seit 2012 vor diesen Gefahren warnt, wie ich seinerzeit in meinen Bericht „Wenn Blicke töten“ geschildert habe. Offenbar hat sich das Problem durch den wachsenden Verkehr nun deutlich verstärkt und im Grunde mit jeder neuen Baustelle nur räumlich verlagert.

Die BG-Verkehr warnt ebenfalls eindringlich

Auch die BG-Verkehr warnt bereits seit einem Jahr mit den damals verfügbaren Unfallzahlen aus dem Jahr 2018 vor diesen steigenden Gefahren des zu geringen Abstands und der zunehmenden Ablenkung, wie es Dr. Klaus Ruff, der stellvertretende Leiter der Abteilung Prävention der BG-Verkehr, auch in unserem Trailer für die 53. Sendung von FERNFAHRER LIVE am 25. Februar ab 17 Uhr deutlich macht.

Zwar habe sich 2018 die Zahl von Lkw-Unfällen mit Personenschäden aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit der Lkw-Lenker seit 2010 nahezu halbiert und liegt bei 2.176 Fällen. Dagegen blieben Unfälle aufgrund zu geringen Abstands mit 4.586 Fällen fast unverändert. Fehlverhalten beim Abstand ist mit 21 Prozent die häufigste Ursache von Lkw Unfällen. Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren folgen mit 16 Prozent. Auf Platz drei liegt das Nichtbeachten von Vorfahrt oder Vorrang (11%), gefolgt von nicht angepasster Geschwindigkeit (10 %). Erfreulich: Alkohol ist nur in 1,6% der Lkw-Unfälle im Spiel.

Es fehlt eine offizielle Statistik

Ein Problem aus meiner Sicht: während die Unfallzahlen mit Lkw auf den Autobahnen etwa nach Einschätzung des BGL nach einem weiteren Unfall auf der Südtangente in Karlsruhe leicht rückgängig sind, fehlt eine offizielle Statistik über das für mich gesonderte Phänomen der reinen Lkw-Unfälle am Stauende – und wie viele davon einen Notbremsassistenten verbaut hatten. Das wird von der Polizei selten aufgenommen, auch die Staatsanwaltschaft interessiert es nicht, dass weiterhin trotz der Assistenten der Fahrer in der juristischen Verantwortung bleibt. Allein Dr. Erwin Petersen von der Landesverkehrswacht Niedersachsen, mit dem wir bereits in der 24. Sendung von FERNFAHRER LIVE über die Technik der Notbremsassistenten gesprochen haben, kann verlässliche Zahlen aus Niedersachen zur Verfügung stellen:

Bei den 155 bis 190 Lkw-Unfällen mit schwerem Personenschaden auf niedersächsischen Autobahnen von 2016 bis 2019 sind zu etwa 36 Prozent schwere Güterkraftfahrzeuge auf andere Fahrzeuge, vorwiegend Sattelzüge, aufgefahren. Bei rund 26 Prozent dieser Auffahrunfälle war der auffahrende Lkw mit einem Notbremsassistenten ausgestattet. Bei der Mehrheit (ca. 60%) der Auffahrunfälle ohne wie auch solcher mit AEBS-Ausstattung hat das kollidierte Vorausfahrzeug (permanent oder nach eigener Verzögerung bereits) gestanden.

Wahrscheinlich ließen sich diese Zahlen in einem bestimmten Rahmen auf Deutschland hochrechnen und natürlich steigt der Anteil der Lkw aus Osteuropa auf den wichtigsten Transitstrecken praktisch im Verhältnis zu deren Mautanteil an. Ich selbst kann hier immer wieder nur auf die täglichen Meldungen in den Medien hinweisen. Und auf die traurige Tatsache, dass sich letzten Endes bis heute niemand koordiniert um die Frage kümmert, wo die menschlichen Gründe dieser Unfälle zu finden ist, wie die Kontrollen verstärkt werden müssen und wie dieser tägliche Wahnsinn endlich zu stoppen ist. Denn so kann es einfach nicht weiter gehen.

Terminhinweis

In der 53. Sendung von FERNFAHRER LIVE öffnen wir daher drei weitere Fenster, um in einem möglichst großen Kreis an Experten und Fahrern gemeinsam nach dieser Lösung zu suchen. Mit dabei sind: Dr. Klaus Ruff, stellvertretender Leiter der Abteilung Prävention der BG-Verkehr, Hans-Dieter Otto, Spediteur und Mitglied des Vorstands des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), Dr. Werner Andres und Roger Schwarz vom BGL, Dieter Schäfer von der Initiative „Hellwach mit 80 km/h“. Sie diskutieren mit den langjährigen Berufskraftfahrern Lars Borck, Holger Brost und Frank Kirch, die diese unhaltbaren Zustände auf den deutschen Autobahnen jeden Tag erleben müssen.

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