Bus-Blog zu Schulbussen

Schulbusse – eine Klasse für sich?

Foto: Thorsten Wagner
Meinung

Zu den eher unangenehmen Erinnerungen vieler Schüler gehört der Transfer in Schulbussen, der hierzulande weitgehend ungeregelt vonstatten geht. Können wir von anderen Ländern lernen? Oder sind spezielle Schulbusse die Lösung?

Sicher hat jeder seine eigenen Schulbuserinnerungen. Schön werden die wenigsten sein. In meiner hessischen Gesamtschule hielten die Niederflurbusse älteren Baujahres rund 500 Meter von der eigentlichen Schule entfernt, was zu einem Massensprint nach der letzten Stunde und oft zu unschönen Szenen auf dem Schulhof führte. Grund für die Hatz? Wer zuerst da war, bekam noch einen Sitzplatz. Und wer zuletzt kam, musste auf die zweite Fuhre warten – und die kam dann erst 20 Minuten später.

Schülertransport in Deutschland ist hochkomplex und unterentwickelt. Warum eigentlich? Vielleicht weil hier alle möglichen Erwartungen aufeinandertreffen, die weder gleichzeitig zu erfüllen, noch zu bezahlen sind? Eltern wollen ihre Kinder möglichst sicher in modernen Bussen aufgehoben wissen. Unternehmer wollen nicht ihre besten Fahrzeuge den Unbilden der kreativen Schüler aussetzen. Landkreise und Kommunen möchten die Beförderungsleistung so billig wie möglich von zuverlässigen Unternehmern einkaufen. Und besondere technische Vorgaben für "den Schulbus" gibt es hierzulande eh nicht – mal von dem kleinen Zusatzschild abgesehen, das montiert werden muss. Da gesellen sich Reise- und Überlandbusse aus den 80er und 90er Jahren neben die zweite Garde der ausgemusterten Niederflurbusse und im möglicherweise besten Fall kommen aktuelle ÖPNV-Busse zum Einsatz, die auf normalen Linien im Einsatz sind. So lernen die Kids gleich noch, wie man sich zur Oma von nebenan anständig benimmt. Eine perfekte Lösung ist das aber wohl auch nicht in Stoßzeiten.

Die Gurte-Frage: Sicherheitsgewinn und Zeitverlust

Immer wieder sind auch Gurte ein Thema. Vor allem die ersten beiden vorgenannten Kategorien verfügen oft nicht über solche (mal ungeachtet der Tatsache, ob die Schüler sie überhaupt anlegen würden). Erst langsam sind die Reisebusse ab Baujahr 2000, die verpflichtend mit Gurten ausgerüstet sind, im "schulfähigen Alter" – böse gesagt. Da kommt es schon mal vor, dass eine beflissene bayerische Elternbeiratsvertreterin bei einem deutschen Hersteller anfragt, ob man denn nicht gewillt sei, den örtlichen Schulbus als Sponsoring-Maßnahme mit Gurten nachzurüsten. Was natürlich ohne massiven Eingriff in die Festigkeit von Gerippe und Sitzen schlichtweg nicht möglich ist. Auf die Nachfrage, ob denn den Eltern derartiger Sicherheitsgewinn nicht einiges wert sein müsste, die unvermeidliche Antwort: "Aber nein, kosten dürfe das alles natürlich nichts!" Abgesehen davon gibt es eine Anschnallpflicht nur im Fernverkehr. Der bdo gibt zu bedenken: "Eine zusätzliche Anschnallpflicht über den jetzigen Stand im Fernverkehr hinaus würde den Busverkehr in vielen Bereichen rein praktisch nicht mehr durchführbar machen. Die Zeitverluste beim An- und Abfahren würden es – insbesondere auch in Stoßzeiten bei der Schülerbeförderung – quasi unmöglich machen, Angebote in bekannter Weise aufrecht zu erhalten."

Nun sind deutsche Busse generell nicht unsicher, beileibe! Auch der bdo wehrt solches Ansinnen vehement ab: "Die in Deutschland zugelassenen und eingesetzten Busse entsprechen durchgängig sehr hohen Sicherheitsstandards – das gilt für die Fahrzeuge für die Schülerbeförderung wie für alle anderen Busse. Dieses hohe Sicherheitsniveau wird zudem in den UN/ECE-Regelungen kontinuierlich weiterentwickelt," so ein Sprecher. Es gebe keinerlei Hinweise oder Zahlen, "dass in anderen Ländern – etwa Frankreich oder USA – mehr Sicherheit vorherrscht".

Vorbild USA und Frankreich?

Denn in diesen Ländern gibt es die technische Gattung der Schulbusse. Die in den USA haben weltweiten Kultstatus erlangt, auch wenn nicht ob ihres technischen Premium-Standards, sondern wegen des ikonischen Aussehens. Wie kam es dazu? Wie so oft erst nach einer Serie schwerer Unfälle mit Schulbussen in den 30er Jahren. Daraufhin organisierte Frank W. Cyr, Professor an der Columbia University, im April 1939 ein Symposium in New York City mit Schulvertretern aus allen Bundesstaaten und der Industrie. Am Ende der mehrtägigen Konferenz wurden erstmals Minimalanforderungen an die Konstruktion, zur Herstellung und zum Betrieb von Schulbussen in den USA festgelegt und Empfehlungen dafür abgegeben. An diesen Anlass wurde auch die typische chromgelbe Farbe National School Bus Chrome festgelegt, die aber in den Jahren abgewandelt wurde. Die Busse, die wegen der robuster Vorkriegs-Leiterrahmenbauweise nicht barrierefrei sind, besitzen keinerlei Luxus, dafür aber viele Sitzplätze, die mit Gurten ausgerüstet sind. Soeben vermeldet der Zulieferer Haldex, dass man New Flyer, einen der Hersteller der gelben Busse, jetzt auch mit ESP-Systemen beliefert. Und das im Jahr 2019, wo ESP seit rund fünfzehn Jahren zum europäischen Standard gehört!

Ähnlich sieht es auch in Frankreich aus, wo die als "Ecolier" bezeichneten Überland-Busse jeweils die Varianten von Serienmodellen mit der größten Sitzplatzzahl darstellen, die ansonsten so gut wie unverkäuflich sind. Frankreich legt besonderen Wert auf die Sicherheit in Schulbussen, steht man doch noch unter dem Eindruck des schlimmsten Unfalls 1982 in der Nähe von Beaune, wo 43 Schüler auf dem Weg ins Ferienlager bei einem infernalischen Autobahnunfall getötet wurden. Bis heute dürfen in Frankreich an den ersten Ferientagen keine Busse mit Schülern mehr Departement-übergreifend fahren. Bei der Recherche zum Thema stößt man dann auf eine solche Horror-Liste, die zum Glück keinen Hinweis auf einen reinen Schulbusunfall enthält.

Bezahlbare Sicherheit oder nur "sicher bezahlbar"?

Sicherheit ist unabdingbar, das ist klar. Aber finanzielle Überlegungen kommen ebenso schnell ins Spiel hierbei. Der bdo gibt zu bedenken: "Überlegungen zur Sicherheit spielen im Busverkehr natürlich immer eine zentrale Rolle. Die privaten Busunternehmerinnen und Busunternehmer in Deutschland stehen ganz klar dazu. Gleichsam muss aber auch gewährleistet bleiben, dass der Aufwand dafür in einem Rahmen bleibt, der wirtschaftlich für die Aufgabenträger oder Besteller noch in irgendeiner Form darstellbar ist, sodass Angebote überhaupt weiter bestehen bleiben oder gemacht werden können." Das ist sicher in den ländlichen Gebieten sehr oft der Fall, wo sich der Busverkehr ohnehin in den seltensten Fällen rechnet. "Denn nur dann kann der Busverkehr seine soziale Funktion gewährleisten. Und nur dann können die Sicherheitsvorteile des Busses gegenüber Autos zum Tragen kommen." Also besser sozial im Bus als mit Helikoptereltern gut geschützt im Zwei-Tonnen-SUV zur Schule? Ein Trend, der immer öfter auf dem Land zu beobachten ist und sicher nicht zu begrüßen ist. Würden dezidierte Schulbusse hieran etwas ändern? In Zeiten, zu denen nicht mal konventionelle Busse staatlich gefördert werden?

Ein türkischer Diskussionsbeitrag

Der bdo sieht den reinrassigen Schulbus eher kritisch: "Ob dies möglich bleibt, wenn für Schulbusse gesonderte Vorgaben bestünden und Fahrzeuge in kleiner Stückzahl gefertigt werden müssten, um nur bei der Schülerbeförderung zum Einsatz zu kommen, kann von uns nicht abschließend beurteilt werden. Es gibt jedoch Grund zum Zweifel."

Grund zum Nachdenken gibt jetzt der türkische Hersteller Temsa, der sich als erster Hersteller hierzulande traut, einen Hochbodenbus des Typs LD mit dem Kürzel SB wie "Schoolbus" für einen veritablen Kampfpreis anzubieten (siehe Fahrbericht in lastauto omnibus 4/2019, die am 9. März erscheint). Was ihn sonst noch auszeichnet? Bis zu 59 Sitze und 19 Stehplätze beim 12-Meter-Wagen und maximal 63 Sitze und 5 Stehplätze in der 13-Meter-Version. Ach ja, der Kassettenlift in der breiten Treppe hinter doppeltbreiten Türen ist serienmäßig an Bord, samt Wechselpodest versteht sich! Nettes Detail am Rande: Unter den immer noch recht komfortablen Sitzen sind massive Bügel verbaut, die den dort abgelegten Ranzen vom Wegrutschen abhalten – wie im Flieger. Freilich muss auch hier gespart werden: So ist der 320 PS starke FPT-Motor kein Dynamikwunder und die recht laute Hinterachse kommt aus China, statt aus Friedrichshafen oder Schweinfurt. Nichtdestotrotz begeben sich erste Unternehmer in Niederbayern mit dem Wagen sogar auf Wochenendtour mit voller Skiausrüstung. Es soll funktionieren! Allerdings fehlt in der Klasse 2 jegliche Systeme wie ACC, LGS oder auch ein Notbremser.

Als vollwertige Alternative zu Intouro, Crossway und Co. drängt sich der Türke also nicht unbedingt auf, aber in seiner avisierten Nische sollte er sich doch pudelwohl fühlen. Das geht sogar rein elektrisch, siehe den Weiler Bissen in Luxemburg. Zwar ist es hier ein chinesisches Modell, das als Schulbus läuft, aber konzeptionell ist es eine perfekte Kombination – kurze Strecken zu festen Zeiten und besonders junge und schützenswerte Lungen (nicht, dass dies nicht jede Lunge wäre!).

Wäre es nicht einmal Zeit für einen Probelauf für den "deutschen Schulbus"? Oder zumindest für eine ernsthafte Diskussion über ihn? Ich denke schon!

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