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Recaro: In jedes Fahrzeug gehört ein Sitz

Johnson Controls beliefert seine Kunden europaweit mit Sitzen der Marke Recaro. trans aktuell schildert, wie Produktion und Lieferkette funktionieren.

Keine Logistik ohne Lkw, kein Lkw ohne Sitz, kein Sitz ohne Logistik. Auch Johnson Controls, Hersteller von Sitzen und Sitzelementen der Marke Recaro, ist darauf angewiesen, dass bei Beschaffung und Transport alles glatt läuft. Während die Sitze für Pkw und Motorsport zum Großteil im schwäbischen Kirchheim angefertigt werden, ist seit 2012 Polen der Produktionsstandort für Lkw-Sitze und in einem weitaus kleineren Rahmen Bus-Sitze. Wie die Pkw-Kollegen fordern auch die Kunden aus dem Nutzfahrzeugbereich von ihrem Sitzhersteller eine funktionierende Lieferkette.

Nutzfahrzeug-Sitze werden in Polen hergestellt

Hergestellt werden die Sitze für Nutzfahrzeuge seit 2012 im Werk Skarbimierz in Polen, in dem 215 Mitarbeiter im Drei-Schicht-Betrieb beschäftigt sind. Johnson setzt bei der Herstellung der Sitze für den Lkw-Bereich auf ein modulares System aus einzelnen Komponenten. "Bei den Lkw-Sitzen haben wir eine größere Anzahl von Gleichteilen, vor allem im Metallbereich", sagt Frank Schmidt, Leiter der globalen Produktion von Recaro.

Basis ist die Sitzstruktur

Basis ist die Sitzstruktur aus Metall, die vor Ort im Werk Skarbimierz gefertigt wird. Kernstück eines jeden Lkw-Sitzes ist aber die Schwinganlage, die mit dem Sitzunterbau verschweißt wird. Sie sorgt in Verbindung mit der Elektronik für den Komfort der Lkw-Fahrer  auf den langen Fahrtstrecken.  Schäume, Bezüge, Kopfteile – ein Großteil des Ressourcing stammt aus Osteuropa, etwa aus Polen und Tschechien. Von Zulieferern aus Deutschland kauft Recaro zum Beispiel Umformteile. "Die Komplexität der Sitze ist sehr hoch", sagt Schmidt. Bis zu 600 Einzelteile stecken in jedem der Lkw-Sitze. Klimatisierung, elektrisch verstellbare Seitenwangen, Leder- oder Teillederbezug – theoretisch sind 11.000 Sitzvarianten möglich.

Sitzunterbau ist Werkstückträger

"In der Fertigung ist der Sitzunterbau quasi der Werkstückträger – er läuft von Anfang an auf dem Band durch und gibt die Taktzeiten vor", erklärt Produktionschef Frank Schmidt gegenüber trans aktuell. Der Takt liegt bei rund 90 Sekunden pro Arbeitsplatz. Die Anlage in Polen ist laut Schmidt zwar sehr modern und weist einen hohen Automatisierungsgrad auf. "Die Sitzproduktion ist aber ab einem gewissen Punkt immer Handarbeit." Nach dem Schweißen und Lackieren des Sitzunterbaus durchlaufen die Sitze die Montagesequenzen sowie die Qualitätssicherung und stehen nach einer durchschnittlichen Durchlaufzeit von sechs Stunden zum Versand fertig. 900 Sitze können pro Tag gefertigt werden.

Logistikteam organisiert Beschaffung und Transport

Die Beschaffung wie auch den Transport zu den Kunden organisiert ein Logistikteam im Werk Skarbimierz – "die wissen, welchen Bestand sie vor Ort brauchen", sagt Schmidt. Meist habe der Bestand eine Reichweite von acht Tagen im Vorgriff für den Abruf der Kunden. "Im Pkw-Geschäft ist die Produktionssequenz deutlich schneller, während sich Lkw-Kunden mehr Zeit lassen." Gesteuert wird alles über ein MES-System (Manifacturing Execution System), das die Kundenaufträge in interne Aufträge umwandelt. "Das sorgt dafür, dass alle logistischen Prozesse sauber gesteuert sind und der Kunde am Ende das Produkt bekommt, das er auch geordert hat", sagt Schmidt.

Dann gehen die Sitze getrennte Wege: Die beiden Produkte Recaro C 7.000 (Premium) und C 6.000 (Standard) werden als Nachrüstsitze für den Aftermarket gebaut und an Großhändler geliefert. In Kartons verpackt (einer pro Palette) gehen sie als Komplettladung oder auch als Stückgut in den europäischen Markt. Die anderen Sitze sind für die Fahrzeugbauer Scania (Topline-Ausstattung) sowie ­Renault Trucks bestimmt, für die ­Recaro seit vergangenem Jahr Lkw-Sitze liefert. Scania lässt die Sitze direkt in Polen abholen und zum Werk in das 1.200 Kilometer entfernte Södertälje in Schweden verbringen. Für Renault Trucks organisiert Recaro die Logistik bis ans Band im Werk Blainville.

Spezielle Transportgestelle für die Sitze

"Für den Transport zu den OEM haben wir spezielle Transportgestelle entwickelt, um die bis zu 45 Kilogramm schweren Sitz optimal transportieren zu können", sagt Frank Schmidt. Jeweils zwei Transportgestelle passen in einem Standardtrailer neben- beziehungsweise über­einander. So können im Falle von Renault pro Lkw-Ladung 160 Sitze transportiert werden.

Alle zwei Tage macht sich ein Lkw zu dem französischen Lkw-Bauer auf. Zwei Tage sind die Sitze anschließend unterwegs – 1.700 Kilometer beträgt die Distanz. Den Dienstleister dafür sucht ebenfalls das Logistikteam in Polen aus. In der Normandie angekommen, werden die Sitze zunächst in ein standortnahes Just-in-Sequence-Center verbracht, das über eine IT-Verbindung zum Kundenwerk verfügt. Wird die Sitz-Sequenz benötigt, wird sie direkt ans Band von Renault Trucks geliefert.

Integrierte Produktion plus Baukastensystem

"Mit der langen Distanz von Polen aus sind wir sicherlich die Vorreiter am Markt", sagt der Recaro-Produktionschef, "das Konzept der integrierten Produktion plus Baukastensystem läuft einfach gut und vernünftig."


DAS UNTERNEHMEN

Ihre Ursprünge hat die Firma Recaro in dem 1906 in Stuttgart gegründeten Unternehmen Reutter, das sich zuerst auf Karosserien, später auf Fahrzeugsitze und Sitzkomponenten spezialisierte. Seit  2011 ist die Recaro Automotive Seating Teil des US-Konzern Johnson Controls, der damit  Lizenznehmer der Marke Recaro im automobilen Umfeld ist. Zur eigentlichen Recaro-Gruppe, der Eigentümerin der Marke und Lizenzgeberin, gehören heute die Sparten Aircraft und Child Safety. Für Recaro Automotive Seating sind derzeit mehr als 900 Mitarbeiter in der Zentrale Kaiserslautern und den weiteren Standorten Kirchheim/Teck, Skarbimierz (Polen), Zilina (Slowakei) Auburn Hills (USA), Lerma (Mexiko) und Higashiomi (Japan) beschäftigt. Recaro Automotive Seating produziert derzeit pro Jahr weltweit rund 200.000 Fahrzeugsitze, davon rund 50.000 für Nutzfahrzeuge.

DIE ENTWICKLUNG

In Kaiserslautern befinden sich die Zentrale von Recaro Automotive Seating sowie das Testing Center. Hier entwickeln die Mitarbeiter neue Sitze und Sitzkomponenten. Bevor es zu einer Serienproduktion kommt, werden die neuen Produkte in jeder Hinsicht getestet – etwa auf Komfort, Ergonomie und Sicherheit. »Die Vorgabe für unsere Sitze ist Langlebigkeit und Robustheit«, sagt Dr. Andreas Diehl, Director Engineering bei Recaro Automotive Seating. Deshalb werden die Sitze auf einem speziellen Prüfschlitten 1,5 Millionen simulierten Fahrkilometern ausgesetzt. "Das entspricht der Laufleistung mancher Lkw«, sagt Diehl, »das müssen die Sitze aushalten." Erst dann dürfen sie in der hauseigenen Crashanlage den endgültigen Belastungstest angehen.

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Recaro

Datum

22. August 2014
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