PIN; Citylogistik, München Zoom

Citylogistik: Flexibel, ökologisch und beweglich

Angesicht wachsender Staus in den Metropolregionen sind neue Auslieferkonzepte nötig. Anläufe gab es schon viele. Der neueste heißt Green City Cargo. Aus dem Netzwerk-Projekt heraus sollen innovative Lösungen für den Münchner Großmarkt und darüber hinaus entstehen.

Angesicht wachsender Staus in den Metropolregionen sind neue Auslieferkonzepte nötig. Anläufe gab es schon viele. Der neueste heißt Green City Cargo. Aus dem Netzwerk-Projekt heraus sollen innovative Lösungen für den Münchner Großmarkt und darüber hinaus entstehen.

Deutsche Staustadt Nummer eins ist Stuttgart

Nach Peking und Neu-­Delhi trifft es nun Paris. Tagelang leidet die französische Hauptstadt unter Smog. Dann zieht die Stadtverwaltung Mitte März die Notbremse und verhängt Fahrverbote. In den Top Ten der Stau-Metropolen rangiert Paris aber noch hinter der deutschen Staustadt Nummer eins: Stuttgart.

220 Kilometer weiter südlich ist die bayerische Metropole München seit kurzem Teil des Netzwerks Green City Cargo. Gestartet von Florian Janz, Geschäftsführer der Logistik Akademie Janz in Dornstadt, ist es deren Ziel, den Stückgutverkehr in den Städten zu drosseln. Dazu sollen die Lieferungen mit einem Gewicht zwischen 30 und 1.000 Kilogramm vor der letzten Meile in Zwischendepots oder Sub-Hubs gebündelt und dann mit kleineren oder gar CO2-neutralen Fahrzeugen ans Ziel gebracht werden.

Citykonzept in München

Janz hat 17 Partner eingeladen, im Rahmen eines vom Bund geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekts (www.zim-bmwi.de) am Beispiel des Münchner Großmarkts konkrete Konzepte zu entwickeln. "Leider sind viele Versuche mit Citylogistik in der Vergangenheit gescheitert, weil oft nur ein Partner den Hut aufhatte und so ein Ungleichgewicht entstand", sagt Janz. Das soll jetzt anders werden.

Bedarf nach grüner Citylogistik ist vorhanden

"Den Bedarf nach innovativer, grüner Citylogistik haben wir in jeder Großstadt", erklärt Janz, der als Schnittstelle die Projektpartner mit Christopher Harjo berät, bündelt und bei der Antragstellung unterstützt. "Viele Mittelständler lassen Förderchancen ungenutzt verstreichen, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen", berichtet er. Im Bayerischen sitzen Kooperationspartner von Green Logistics World, dem zweiten Netzwerk, das Florian Janz aufgebaut hat – so konnte er auf Bestehendes aufbauen.
Welches Einsparpotenzial die Innenstadtlogistik bietet, zeigt eine Studie aus dem niederländischen Breda. Die Stadt mit ihren 180.000 Einwohnern hat belegt, dass eine bessere Bündelung der bisherigen 1.900 ­Lkw-Verkehre für den Einzelhandel diese auf weniger als zehn Prozent schrumpfen ließen, Denn nur diese Sendungen müssten per Lkw ausgeliefert werden. Bei mehr als 40 Prozent der Artikel handelt es sich um Kleinstsendungen.

Viele Akteure und neue Technik im Einsatz

Die neuen Ansätze klingen auch die Partnerstadt München vielversprechend, weil sie viele Akteure und neue Technik einbeziehen. "Die Stückgut-Speditionen fahren meist vormittags in die Innenstädte und Fußgängerzonen, weil sie sich an Lieferzeitbeschränkungen halten müssen. Nicht alle Güter brauchen aber einen Lkw, oft ist ein Fahrrad viel besser", sagt Janz. Dafür baut Zweiradspezialist KTM ein sogenanntes Neigefahrrad für schwergewichtige Radler zum Lastendrahtesel um.

Entscheidend ist die erste Meile

"Geht es bergab, bei ­Nässe und Kopfsteinpflaster, mit viel Gewicht, wird es mit herkömmlichen Modellen schnell kritisch", erklärt Roland Nagl, Technikexperte und zweiter Vorsitzender von Green Logistics World den Grund für die Sonderanfertigung. Damit das Rad preislich unter den üblichen 5.000 bis 8.000 Euro bleibt, soll es neben Kurierdiensten auch Freizeitradler begeistern. Entscheidend für KTM sei dann nicht die letzte, sondern die erste Meile – wird der innere Schweinehund überwunden, bleibt das Auto stehen.

Laut Harjo sind rund 70 Lastenfahrräder auf dem Markt. Bei den allermeisten vermisst er das sichere Be- und Entladen sowie den Einsatz bei jedem Wetter. Für die Allwettertauglichkeit soll der Zelt- und Outdoor-Hersteller Vaude sorgen. "Die Tuttlinger arbeiten an einem leichten stabilen, wärmenden Verdeck mit kleinem Scheibenwischer", ergänzt Nagl. Für eine passende Gepäckaufnahme sollen die Mitarbeiter der Behindertenwerkstätten IWL sorgen.

Sub-Hub-Lösung mit Fahrradkurier

"Die Lkw fahren oft halbvoll los, um sie die Lieferzeiten einzuhalten", sagt Janz. Für Nachlieferungen von der drittgrößten Großmarkthalle Europas zum Kunden fährt oft ein extra Lkw abends oder am Wochenende los, dabei wäre eine Nummer kleiner möglich und sinnvoll. "Wenn wir das über eine Sub-Hub-Lösung mit Fahrradkurier abbilden könnten, wäre das viel praktischer", sagt Janz.

Der Obst- und Gemüsehändler Fruitique sowie die Speditionen Gassner und Interkep sind die Partner bei der Umsetzung, die Sendungen eines bestimmten Innenstadtbezirks in die Testphase einbringen.

Mitte März trafen sich die Projektpartner für weitere  Schritte, jetzt liegen die ersten Ergebnisse vor: Lösungen für intelligente City-Hubs, klimaneutrale City-Cargo-Bikes und Mini-E-Trucks der Firma Performance für Sendungen auf Standardpaletten sowie ein mobiles Lern- und Info-System für Kurierfahrer. Dabei handelt es sich um eine Koproduktion der Unternehmen Didact, Softproject, Mikanda und LAS. Im Zentrum stehen drei Versionen.

Passende Sub-Hubs muss München noch ausweisen

Passende Standorte für die Sub-Hubs muss die Stadt München noch ausweisen – die erst die Kommunalwahl verdauen muss. Doch dann steht dem Siegeszug des Lastenfahrrads vielleicht nichts mehr im Weg – bis zur letzten Meile.


Die Fahrzeuge

Fahrzeug 1: Cargobike

Modulares Neigefahrrad mit Verdeck und Gepäckhalter für Kurierdienste und Freizeitradler. Die Firma Zehentmeier und KTL-Vertragshändler sind für Reparaturen zuständig.

Beteiligte Unternehmen: Zweirad Zehentmeier, KTM Bycicle, Vaude, IWL Werkstätten

Fahrzeug 2 : Mini-Elektro-Truck

Sehr kleiner E-Truck mit 0,90 x 1,30 Meter-Ladefläche, passt für eine Europalette. Beladung: in der Höhe bis 1,60, Gewicht bis 300 Kilogramm. Kann die Poller in Fußgängerzonen passieren.

Beteiligte Unternehmen: Performance, Hochschule Landshut, Kompetenzzentrum Leichtbau, Zentrum für Brennstoffzellen-Technik Duisburg, IWL-Werkstätten in München

Fahrzeug 3: Mini-Logistik-Box als Sub-Hub

40-Fuß-Seecontainer mit seitlicher Tür und Wechselbrücken als Sub-Hub ausgebaut (siehe Variante 1) mit Kühlkammer, Technikeinheit und Parkplatz für E-Bikes, E-Trucks und Stapler.

Beteiligte Unternehmen: CIMC Silvergreen, Zentrum für Brennstoffzellen-Technik, Gruber Stahlbau

Konzeption: City-Cargo-Service

Das Institut für Produktionsmanagement und Logistik an der Hochschule München, Softproject aus Ettlingen und Mikanda aus Hayingen zeichnen sich für Konzept, Regelwerk, Schnittstellen und App-Entwicklung verantwortlich.

Die Varianten

Variante 1: Cargo Box

Die Spedition am Rand fungiert als Hub oder Sub-Hub (mobiler Umschlagpunkt/Lager). Ein 20- oder 40-Fuß-Container wird zur Mini-Logistik-Box in der Innenstadt, ausgestattet etwa mit Brennstoffzelle zur Stromversorgung, Lastenrädern, kleinem Stapler und Kühlsystem für verderbliche Ware. Der Lkw stellt die Wechselbrücken daneben ab. Fahrrad- und E-Truck-Kuriere bringen die Ware von dort zum Endkunden und nehmen Retouren mit, die in der Wechselbrücke auf Entsorgung warten. Die Erprobung des Konzepts nimmt die Spedition Gassner und der Münchner Stadtkurierdienst Interkep vor.

Variante 2: Großmarkt als Standort für Sub-Hubs

Handelsunternehmen am Großmarkt fungieren als Verteilerzentrum für strategisch positionierte Sub-Hubs, die von Lkw bedient werden. Den Weitertransport übernehmen Lastenfahrräder und Mini-E-Trucks. Als Partner an Bord sind der Großmarkt-Händler Fruitique, der bisher seine teils prominenten Innenstadtkunden mit eigenen Lkw ansteuerte. Fruitique liefert die Kühlware – frisches Obst, Gemüse und Südfrüchte – im Großraum München an 160 Kunden, darunter sind ein Stand am Viktualienmarkt, diverse Restaurants und Hotels sowie die Kochschule von Promikoch Alfons Schuhbeck.

Variante 3: Der Empfänger entscheidet

Hierbei bestimmt der Empfänger, ob die Ware per Lkw direkt zu ihm gebracht oder umweltfreundlich per Lastenfahrrad über einen Sub-Hub angeliefert wird.

Portrait

Autor

Foto

PIN

Datum

29. April 2014
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.