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Calais: "Unser Fahrer hatte Angst"

Nacht für Nacht versuchen Flüchtlinge in Calais Lkw auf dem Weg nach England zu kapern, weil sie sich auf der Insel ein besseres Leben erhoffen. Seine Fahrer gut darauf vorbereiten, kann er kaum, sagt Maintaler Express Logistik-Chef Markus Grenzer. 

Die Situation in Calais ist schrecklich – und zerfahren. Rund 9000 Flüchtlinge leben derzeit im von den einheimischen Franzosen Dschungel genannten Camp. Sie wollen dort nicht bleiben. Lieber nach England. Sie hoffen, dass das Leben dort besser ist. Vielleicht haben sie Freunde oder Verwandte im Vereinigten Königreich und wollen deshalb auf die Insel. Vielleicht, weil in England keine Meldepflicht besteht. Vor allem nachts stoppen sie Lkw, um so auf die Fähre nach Dover zu gelangen. Doch mit ihren Aktionen gefährden sie sich selbst und andere.

"Einer unserer Lkw wurde erst kürzlich von einer Gruppe Flüchtlinge gekapert", erzählt Markus Grenzer, Geschäftsführer und Inhaber der Maintaler Express Logistik mit Sitz im hessischen Bruchköbel. Er war nachts unterwegs. Äste lagen in der Kurve der Autobahn-Abfahrt Richtung Hafen. Der Fahrer musste stark abbremsen. Er sah die Leute auf sich zu rennen und hörte im nächsten Augenblick, wie sie zwischen Zugmaschine und Trailer aufs Dach des Trailers kletterten. Zwölf Personen hatten sich Zugang verschafft. Sie schnitten Löcher in das Planendach. Die Polizei, die alle paar Hundert Meter stationiert ist, war schnell vor Ort. Schoss Tränengas in den Auflieger. Ein paar Flüchtlinge rannten darauf hin weg, ein paar wurden in Gewahrsam genommen. Doch sie werden schnell wieder frei gelassen und zwei Tage später versuchen sie erneut ihr Glück. Bei der Kontrolle im Hafen wurden in den Kisten mit der Ladung zwei weitere Flüchtlinge entdeckt.

Per Alternativ-Routen in Richtung Calais

"Wir versuchen mittlerweile andere Anfahrten in Richtung Calais zu nehmen", sagt Grenzer. Es gibt Alternativrouten mit Fähren über Zeebrugge, Rotterdam und Hoek van Holland nach England. Die Verbindungen sind aber weniger hoch frequentiert. Es gibt dort jeweils nur ein bis zwei Abfahrten pro Tag. In Dünkirchen gibt es alle zwei Stunden eine Abfahrt, allerdings sind die Schiffe oftmals ausgebucht, "so dass man teilweise erst das zweite oder dritte Schiff erwischt", erzählt er. Da die Überfahrt mit zwei Stunden ebenfalls länger dauert, kommt es häufig zu Problemen mit den gesetzlich vorgeschrieben Lenk- und Ruhezeiten der Fahrer oder vorgegebene Termine lassen sich nicht einhalten. In Calais sind es je nach Saison rund 22 Abfahrten pro Tag. Die Fahrzeit beträgt 90 Minuten, Lkw samt Ladung ist wesentlich schneller in Dover. Daher ist das die attraktivste Route. "Wir fahren Calais an und kommen in der Regel auf das nächste Schiff", erzählt Grenzer. Viele Unternehmen versuchen, über andere Häfen zu fahren. Je früher einer planen kann, desto früher kann er einen Platz buchen – dementsprechend schnell sind die Schiffe aber ausgebucht.

Bleibt noch der Eurotunnel. "Hier ist es genauso schlimm wie in Calais", sagt der Transportunternehmer. Flüchtlinge springen auf die Lkw. Sie versuchen sich in jeden noch so kleinen Raum zu quetschen, oben unter dem Dachspoiler an der Zugmaschine, wo ein bisschen Platz ist, oder auf dem Ersatzreifen. Manche legen sich auf die Hinterachse des Trailers. "Unser Fahrer berichtete, dass die entdeckten Personen Jugendliche waren – nicht älter als 16 Jahre." Sie seien schlank und wendig. Sie müssen sehr verzweifelt sein und haben scheinbar nichts mehr zu verlieren. "Ich habe für alle drei Seiten Verständnis. Flüchtlinge, Fahrer und Frachtführer werden derzeit gleichermaßen alleine gelassen", betont er.

Aggressionen steigen

Die Verzweiflung der Lkw-Fahrer ist deshalb auch entsprechend groß. "Unser Mann war total geschockt und hatte ein paar Tage daran zu knabbern", sagt Grenzer. Die Aggressionen steigen, die Flüchtlinge werfen mit Stöcken und Steinen nach den Lkw, zwingen sie so zum Stehenbleiben. "Unser Fahrer hatte Angst. Es sei Wahnsinn, was da los ist", erzählte er. Dennoch habe er seine Tour wie geplant fortgesetzt. Nachdem er in England entladen hatte, fuhr er direkt weiter nach Griechenland. Dort, im Hafen von Patras, warten ebenso tausende von Flüchtlingen, wie und wo es mit ihnen weitergeht. Die Situation ist katastrophal für alle Beteiligten.

Vorbereiten kann Grenzer seine Leute auf die Übergriffe kaum. "Man kann immer nur hoffen, dass dabei keiner zu Schaden kommt", sagt er. Er rät den Fahrern, möglichst tagsüber nach Calais zu fahren, sofern es der Anliefertermin zulässt. Da ist das Problem zwar das gleiche, nur sehen sie früher, ob Hindernisse auf der Fahrbahn liegen. Schafft man es unbehelligt in den Hafen, wird jeder Lkw genau kontrolliert. Doch selbst dann sei man nicht sicher. Es kam schon vor, dass die Flüchtlinge auf der Fähre von einem zum nächsten Lkw wechselten.

100 Kilometer vor Calais nicht mehr tanken

Grenzer hat seine Fahrer angewiesen, hundert Kilometer vor Calais nicht mehr zu tanken oder anzuhalten. Doch selbst wenn sie zuletzt im 200 Kilometer entfernten Brüssel oder noch weiter im Landesinneren ihren Tankstopp einlegen, gibt es keine Garantie, dass nichts passiert. "Das war vor zwei Jahren. Einer unserer Fahrer war kurz in der Tankstelle und hat nicht gemerkt, dass Flüchtlinge in den Auflieger kletterten", erzählt Grenzer. Eine weitere Person, vielleicht ein Schleuser, muss dabei gewesen sein, denn die Plastikplombe an der hinteren Tür wurde wieder verklebt. "Das war so gut gemacht, dass der Fahrer keinen Verdacht schöpfte." Die Kontrolleure in Dover entdeckten neun Flüchtlinge.
Die Sache wurde richtig teuer, sowohl für das Unternehmen als auch den Fahrer. Derzeit müssen Transportdienstleister und Fahrer in England pro entdecktem Flüchtling jeweils 2000 Pfund (2200 Euro) zahlen. "Wir können nicht beweisen, dass wir nicht Geld von den Flüchtlingen genommen haben, um sie nach England zu bringen, daher sind die Strafen entsprechend hart und es bleibt nicht mehr nur bei Verwarnungen", erläutert der Maintaler-Chef. Kann er jedoch nachweisen, dass er Vorkehrungen getroffen hat, um die Mitnahme von Flüchtlingen zu vermeiden, wird die Strafe herunter gesetzt.

Schaden von 2.500 Euro

Der Schaden am Lkw kommt noch dazu. Im jüngsten Fall rechnet Grenzer mit 2.500 Euro. Natürlich könnte er das seiner Versicherung melden, die bei Vandalismus aufkommt. "Aber das heißt, dass wir mit den Prämien hoch gesetzt werden und am Ende doch alles selbst bezahlen", sagt er. Das Planendach wurde nun erstmal notdürftig geflickt. Die Kratzer an der Zugmaschine und das verbeulte Dach ließ er noch nicht reparieren. Immerhin wurde die Ware, Veranstaltungsmaterial für ein Champions-League-Fußballspiel, nicht beschädigt.

Checklisten für die Überprüfung der Lkw

"Wir können unseren Kunden schlecht sagen, dass wir für sie nicht mehr nach England fahren", erläutert Grenzer. Möglicherweise würden diese dann auf anderen Relationen zum Beispiel nach Spanien oder Italien auch ein anderes Unternehmen beauftragen. Der Kunde wäre im schlimmsten Fall komplett verloren. Grenzer: "Da wir hauptsächlich im Adhoc-Markt tätig sind, können wir häufig leider keine Alternativroute nach England wählen, da diese schon ausgebucht sind." Oftmals lautet die Vorgabe, die Ware in England am frühen morgen zuzustellen, so dass die Fahrer die Nacht durchfahren müssen.
Grenzer gibt seinen Fahrern nun Checklisten mit, anhand derer sie ihr Fahrzeug überprüfen müssen. Sie tragen ein, wo und wie lange sie Pause gemacht und dass sie kontrolliert haben, ob das Fahrzeug weiterhin verschlossen ist. "Wir versuchen schon, unsere Fahrer fit zu machen", betont Grenzer. Dennoch: Die Situation ist schrecklich und total zerfahren. Und das nicht erst jetzt. 2015 haben laut einem Spiegel-TV-Bericht 84000 Flüchtlinge versucht, auf die andere Seite des Ärmelkanals zu gelangen – meist ohne Erfolg. Seit der Schließung des Rot-Kreuz-Camps in der französischen Kleinstadt Sangatte im Jahr 2002 gibt es in der Region um Calais illegale Lager, in denen Migranten auf eine Einreisemöglichkeit nach England warten. Die französische Regierung hat immer wieder angekündigt, den Dschungel aufzulösen. Doch was soll mit den rund 9000 Menschen passieren?

Zur Info: England hat einen Sicherheitsleitfaden herausgebracht, den Sie hier finden.

Autor

Foto

Maintaler

Datum

26. Oktober 2016
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