Volvo 9900 Special Edition 18 Bilder Zoom
Foto: Jacek Bilski

Volvo 9900

Entspanntes Fahren durch VDS Lenkung

Der Reisebus Volvo 9900 ist ein guter Bekannter. Dank seiner Theaterbestuhlung eilt ihm ein legendärer Ruf voraus. Als Spezial Edition rollt er mit weiteren innovativen Ideen vor.

Es gibt Fahrzeuge – vor allem Reisewagen – die protzen gerne mit Design, Drehmoment und Technik. Solche Busse machen sich immer gut im Prospekt und auf Messen, doch viele Kunden bevorzugen die eher leisen Töne und das Bodenständige. Genau in diese Kategorie passt der Volvo 9900 hervorragend. Er ist so etwas wie die graue Eminenz des Reisebusmarktes, auch wenn er nicht allzu weit weg von einer völligen Erneuerung sein dürfte. Die Umsturzrichtlinie ECE R66.02 wird das nötig machen. In Mexiko hat Volvo schon einen durchaus ansehnlichen neuen Reisebus präsentiert, der auch weltweit geschätzte technische Anlagen vorweist.

Theaterbestuhlung verleiht besonderen Charme

Die Gene des aktuellen Modells, das Mitte 2013 mit Einführung von Euro 6 seine letzte Erneuerung erfuhr, lassen noch viel von der Verwurzelung in alter Drögmöller-Tradition aus der Zeit Heilbronner Busproduktion erahnen. Da wäre als auffälligstes Merkmal die nach hinten ansteigende Theaterbestuhlung des Innenraumes zu nennen, die dem Dreiachser, der neben 13 Meter Länge auch in der beliebten 13,8-Meter-Variante zu haben ist, einen ganz besonderen Charme verleiht. Eine derartige Erhöhung der Übersicht für den Fahrgast kommt einer kostengünstigen Bauweise nicht gerade entgegen, einen Hublift für Rollstühle macht sie gar unmöglich, da der Boden nach hinten stetig ansteigt. Vorne müssen sich die Fahrgäste zudem nach den Servicesets hochrecken, während es hinten mit der Kopffreiheit eng wird.

Vor der letzten Sitzreihe schrumpft die Stehhöhe von rund 2,2 Meter vorne auf nur mehr 1,66 Meter zusammen. Zudem ist die hintere verglaste Dachluke so unglücklich positioniert, dass man beim Erklimmen der Stufe gerne mal schwungvoll gegen die Kunststoffeinfassung der Luke rempelt. Dagegen wissen die exklusiv von Kiel gefertigten, fast sportlich geschnittenen Sitze zu gefallen. Die Gangbreite von nur 35 Zentimetern wiederum fällt negativ auf. Ein weiteres Relikt der deutschen Herkunft ist die Fahrertür, die mittlerweile fast völlig ausgestorben ist. Hier wirkt sie sehr nützlich, auch wenn die Sicht durch die breite A-Säule etwas eingeschränkt wird. Zudem fehlt hier ein geeigneter, massiver Griff zum Hochziehen. Immerhin umgeht der Fahrer so den etwas durch den Schalthebel eingeschränkten Durchgang zur Rechten. Liebenswert sind diese Reminiszenzen an vergangene Zeiten allemal.

Dynamisch abgerundete Front birgt Unterfahrschutz

Mehr als das ist die kongeniale Verstellung des Lenkrads über ein kleines Fußpedal. Chapeau! Ansonsten tut der Reiseriese mit drei Achsen alles, um äußerlich frisch und modern aufzutreten. Die überarbeitete Front schafft das ausnehmend gut, sie ist dynamisch abgerundet und birgt einen seltenen Unterfahrschutz namens FUPS hinter der nach oben aufschwingenden Bugmaske – Volvo verteidigt auch im Busbereich seinen Sicherheitsnimbus immer erfolgreicher. So bieten die Schweden heute neben Notbremsassistent und vorausschauendem Abstandstempomaten auch ein rudimentäres Head-up-Display für die effektive Auffahrwarnung. Dieses nützliche Feature bietet derzeit kein anderer Hersteller. Auf einen Müdigkeitsassistenten sowie LED-Scheinwerfer muss der Kunde allerdings noch warten; die Bi-Xenon-Lampen tun derweil ihr Bestes. Wie auch die Zusatzbeleuchtung an der Dachkante, die allerdings wegen der starken Fallung der oberen Seitenwand nicht direkt bis an die Karosserie heranleuchtet.

Im schicken Heck mit den betonten, abgerundeten Ecksäulen und der vergrößerten Heckscheibe sorgen vier Sensoren für den Parkpiloten ebenso für beste Übersicht wie die zusätzlichen Kameras für das optionale Axion-360-Grad- Kamerasystem. Das setzt die gewonnenen Bildinformationen auf einem hochkant im Cockpit montierten Monitor aus der Draufsicht ab. Nach einer gewissen Eingewöhnung ist diese Hilfe gerade beim Rangieren hilfreich. Links vom Cockpit verrichtet das optionale I-Coaching System seinen Dienst unaufdringlich und teilt dem Fahrer mittels LED-Dioden mit, ob sein Fahrstil gerade aus dem Ruder läuft. Hilfreicher wäre allerdings eine dauerhafte Anzeige im Display, in welchem Gang sich das Zwölfgang- I-Shift-Getriebe gerade befindet. Gespannt waren wir auf die Lenkung des Volvo. Das Lenkrad hat zwar leider immer noch keine Multifunktionstasten, denn es fehlt die Elektronikstruktur aus den schweren Lkw. Dafür ist sie aber mit der elektrischen Lenkunterstützung Volvo Dynamic Steering (VDS) ausgerüstet. Erstmals ließ sich das System auch auf einer längeren Autobahnetappe testen.

Elektromotor direkt mit Lenkspindel verbunden

VDS basiert auf einem konventionellen, mechanischen Lenksystem, bei dem eine Lenkspindel mit einem Lenkgetriebe verbunden ist. Das konventionelle, hydraulische Servosystem erzeugt die Kraft, die der Fahrer benötigt, um die Vorderräder zu bewegen. Das Volvo-System verwendet zusätzlich einen elektronisch gesteuerten Elektromotor, der direkt mit der Lenkspindel am unteren Ende der Lenksäule verbunden ist. Innerhalb einer einzigen Sekunde werden rund zweitausend Regelungsvorgänge vorgenommen, was dazu führt, dass das System weitgehend unbemerkt und sanft arbeitet. Bei höheren Geschwindigkeiten unterstützt der Elektromotor die Lenkung automatisch stärker und kompensiert Stöße und andere externe Krafteinwirkungen, die beispielsweise durch Unregelmäßigkeiten des Fahrbahnbelags wie Schlaglöcher oder Spurrillen verursacht werden, sehr effizient.

Die Wirkung des Systems ist deutlich spürbar. Nicht nur in Kurven oder Kreisverkehren ist die starke Servounterstützung willkommen, auch das Rangieren geht beinahe wie im Kleinwagen von der Hand. Aber Achtung! Das starke, selbstständige Rückstellmoment der Mechanik ist nicht zu unterschätzen, hier bedarf es der Eingewöhnung eines Tages, um die Fuhre nicht ins Wanken zu bringen. Dabei helfen jetzt aber auch die neuen, adaptiven FSD-Dämpfer von Koni, die dem Volvo endlich gute Manieren beigebracht haben und den Vorderwagen merklich beruhigen. Doch zurück zum VDS: Die beachtlichste Wirkung ist tatsächlich auf der Autobahn zu bemerken, wo selbst tiefste Spurrillen so gut wie gar nicht zu spüren sind, so sauber bügelt das System sie weg.

Viele Einstellmöglichkeiten verhelfen zu entspanntem Fahren

Nach drei Stunden Fahrt vom Volvo-Sitz in Ismaning nach Stuttgart sind keinerlei Verspannungen oder Überanstrengung im Schulter- und Halsbereich zu registrieren. Sein Übriges tut der Isri-NTS2-Fahrersitz mit mannigfachen Einstellmöglichkeiten. Wir sind ernsthaft versucht, dem Arbeitsplatz den Preis der "Aktion entspannter Fahrer" zu verleihen. Da verzeihen wir der Lenkungselektrik auch gerne ein paar hörbare Techno-Beats ohne spürbare Auswirkungen. Etwas angespannter dürfte dagegen der Diesel im Heck zu Werke gehen, der sich im Zuge der Emissionsreduzierung einem deutlichen Downsizing vom D13-Motor zum D11 unterziehen musste. Zwar liegen immer noch maximal 460 PS an der Kardanwelle an, aber diese sind nur noch mit 2.200 Newtonmeter gepaart, was im Dreiachserbereich eher am unteren Rande der Wettbewerberleistungen rangiert.

Der unbeladene 13-Meter-Wagen lässt sich zwar durchaus zügig auch in hügeligem Geläuf bewegen, aber mit Fahrgästen und womöglich sogar in der 13,8-Meter-Version wird es schon etwas eng mit der Schweden-Power. Zu Hilfe kommt dem Antrieb das fein abgestufte I-Shift-Getriebe mit Direktgang-Auslegung. Es wirkt dem zeitweisen Mangel an Drehmoment geschickt entgegen. Dabei hat es an Kultiviertheit deutlich zugelegt. Noch 2013 mussten wir der Box "robustes" Gebaren bescheinigen. Auffallend vor allem, dass sich die Wahl des richtigen Ganges vom Stand weg immer mit hoher Intelligenz vollzieht. Bei Reisetempo dreht der Motor aber stolze 1.400 Umdrehungen. Der errechnete Verbrauch des 16,4 Tonners von durchschnittlich 26 Litern lässt darauf schließen, dass ein regulärer Reisebetrieb schnell über die 30-Liter-Marke kommen kann.

Raffinierte Kombination von zwei Solarpanelen

Der brave Volvo-Reisebus, der seit der Euro-6-Umstellung rund 400 mal gebaut wurde, weiß aber noch mit ein paar anderen innovativen Ideen zu überraschen, die man ihm nicht zugetraut hätte. Damit ist weder das in gewagtem rotem Leder gehaltene und mit Carboneinlagen garnierte Interieur oder die integrierte Waschanlage mit 100-Liter-Tank gemeint. Vielmehr ist es die raffinierte Kombination von zwei Solarpaneelen auf dem Dach mit jeweils 300 Watt maximaler Nennleistung mit einem 3.000-Watt-Sinus-Wechselrichter.

Der ist wiederum mit einer Lithium-Ionen-Batterie gekoppelt, um bei längeren Standzeiten die 24-Volt-Bordelektrik oder externe Geräte auch ohne laufenden Motor betreiben zu können. Wenn man jetzt nun noch eine milde Hybridisierung des Antriebsstrangs einbinden würde, könnte der Volvo sogar als einer der ersten europäischen Reisebusse mit einem alternativen Antriebskonzept durchgehen. Aber das wäre dem braven Schweden mit deutschen Genen dann wohl doch zu viel Glamour.

Nordisch by nature

Sexy geht anders – das ist klar. Und etwas schwachbrüstig ist das Volvo-Flaggschiff obendrein mit seinem kleinen Motor, der für Heavy-Duty-Einsätze eher weniger geeignet ist. Trotzdem ist der Volvo 9900 mit seinem nordisch inspirierten Longlife-Design und der exklusiven Theaterbestuhlung (nur Van Hool bietet Ähnliches) ein interessanter Kandidat in der Dreiachser-Klasse. Gerade mit den nun verbauten Sicherheitssystemen, die sogar mit einem rudimentären Head-up-Display aufwarten, und der sehr entspannenden VDS-Lenkung ist der Schwede in seiner Stammdisziplin gut unterwegs. Man darf gespannt sein, wann der Hersteller der Lenkung auch den aktiven Eingriff des Spurassistenten erlauben wird.

Die Zeit wäre reif dafür! Das kann man auch zu den löblichen Ansätzen zur Gewinnung von sauberer Energie sagen, realisiert mit den beiden Solarpanels auf dem Vorderwagendach und gespeichert in einer Lithium-Ionen-Batterie. Ein ordentlich geschnürter Schuh würde aus dem System, wenn nun noch Bremsenergie rekuperiert würde!

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 06/2017.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

12. Mai 2017
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Koordinator des CompetenceCenters Transport-Logistik und zuständig für die Entwicklung und Pflege… Profil anzeigen Frage stellen
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Rechtsanwältin Judith Sommer ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. Seit über 10 Jahren berät und… Profil anzeigen Frage stellen
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