Fahrbericht: Mercedes Econic 1828 NGT

Citysattelzug mit starkem Gasmotor

Mercedes Econic 1828 NGT Foto: Augustin, Daimler 11 Bilder

Der als Kommunalfahrzeug entwickelte Mercedes Econic ist auch als sauberer und leiser Citysattelzug unterwegs – mit einem 279 PS starken
Gasmotor und vollautomatischem Getriebe.

Gas muss sein – dieser Überzeugung sind jedenfalls die Lkw-Hersteller, die sich mehr und mehr mit dem Problem konfrontiert sehen, dass viele Städte und Kommunen Diesel-Lkw als Lieferfahrzeuge aus ihrem Hoheitsgebiet verbannen. Ein Gasmotor gilt in diesem Zusammenhang als Königsweg. Gas, gemeint ist selbstverständlich Erdgas, ist – wenn auch nicht flächendeckend – weit verbreitet, damit betriebene Motoren laufen recht leise und produzieren sehr geringe Schadstoffmengen. Sie lassen sich, sofern verfügbar, auch mit Biogas betreiben. Selbst die Technik, also das Umrüsten bereits vorhandener Dieselmotoren auf Gasbetrieb, ist bestens bekanntes Know-how. Im Fall Econic NGT (Natural Gas Technology) handelt es sich um den im Hubraum vergrößerten Reihensechszylinder aus der Baureihe 900, der als Gasmotor (OM 906 LAG) rund 6,9 Liter statt 6,4 misst. Die wichtigsten Zutaten sind ein Druckminderer, der das auf 200 bar komprimierte Gas auf drei bis acht bar Einspritzdruck reduziert, eine Multipoint-Einspritzung, ein auf 10,5 zu 1 reduziertes Verdichtungsverhältniss und je sechs Zündkerzen und Zündspulen. Ganz stolz sind die Mercedes-Mannen auf ihr so genanntes Lean Burning-Verfahren, das eine Verbrennung mit magerem Gemisch möglich macht und gegenüber üblichen Gasmotoren mindestens 20 Prozent Kraftstoff spart. 

Üblich heißt hier, das solche Motoren nur mit einem festen Mischungsverhältnis von Luft und Kraftstoff perfekt arbeiten. 14 Kilogramm Luft zu einem Kilogramm Diesel heißt die Regel(stöchiometrisches Verhältnis), von dem der Econic-Sechszylinder also eine Ausnahme macht. Schon das Lean Burning-Verfahren rückt den Gasmotor beim Verbrauch nah an den Diesel. Mit Blick auf den Energieinhalt – ein Kilogramm Gas hat den Gegenwert von 1,2 Kilogramm Diesel – und den Preis von 90 Cent pro Kilogramm schlägt er den Diesel deutlich. In einem Prospekt rechnet Mercedes gar 50 Prozent Kraftstoff-Kostenersparnis bei einem als Kommunalfahrzeug eingesetzten Gas-Econic vor. Diese Rechnung allerdings basiert auf den höheren Dieselkosten vom vergangenen Jahr. Etwas eingeschränkt zeigt sich die Reichweite. Das Gasreservoir von 640 Liter (acht Tanks à 80 Liter) entspricht rund 140 Liter Diesel, womit die Reichweite auf 300 bis maximal 400 Kilometer begrenzt ist. Klarer Fall: Der Econic NTG ist kein Sattelzug für Langstrecke, sondern ein Citysattel für die Verteilung in Ballungszentren und Innenstädten.    205 kW oder 279 PS leistet der Gasmotor bei 2.200/min, nur 1.000 Nm bei 1.400/min misst das maximale Drehmoment. Der Gasmotor verlangt in der täglichen Praxis also nach höheren Drehzahlen als ein vergleichbarer Diesel. Dies gilt erst recht, wenn er in einem Sattelzug mit 32 Tonnen Gesamtgewicht zum Einsatz kommt. Trefflich kaschiert das serienmäßige Automatikgetriebe diese relative Schwäche.  Es stammt vom Spezialisten Allison, trägt die Bezeichnung 3500 TC-418 und kommt als Planetenradgetriebe samt Drehmomentwandler und Wandlerüberbrückung als waschechtes Lastschaltgetriebe daher. Einher damit geht eine Drehmomentverstärkung beim Wandlerbetrieb, der die Kräfte des Motors verdoppelt (Verstärkungsfaktor: 1,98). Der Wandler und dessen verstärkende Wirkung sind auch die Gründe, dass dem Sattelzug die sechs Gänge mit einer Spreizung von 4,59 bis 0,65 durchaus reichen. Die Schaltungen ohne Zugkraftunterbrechungen und die fahrleistungsbetonte Programmierung des Getriebes sind die übrigen Zutaten, damit sich der Sattelzug auch zügig bewegt.  Und das macht er – zumindest nach außen – erstaunlich leise. Selbst wenn der Fahrer ordentlich Gas gibt entweichen nur 74 dB(A) in die Umgebung. Ein dieselbetriebener Axor gibt bei gleichen Bedingungen 83 dB(A) von sich.  Innen sind die Unterschiede wesentlich kleiner, doch die weichere Verbrennung und der andere Klang des Gasmotors  ergeben ein nie störendes Geräuschniveau. Ganz ungewöhnlich sind die tiefe Sitzposition und der niedrige Einstieg auf der Beifahrerseite. 420 Millimeter misst die bequeme erste Stufe, nur weitere 320 Millimeter sind es dann bis auf den durchgängig ebenen Boden im 1.900 Millimeter hohen Fahrerhaus. Bedienung und Einrichtung fallen etwas einfach und spartanisch aus, der Federungskomfort geht dank luftgefederter Achsen in Ordnung. Bestens sind hingegen die Sichtverhältnisse – auch dies prädestiniert den Econic NGT für die City. Ausschlaggebend aber sind der geringe Lärm und der geringe Schadstoffausstoß.

Fazit

Keine Alternative zum Axor Als Sattelzug will der Econic kein Ersatz für einen Axor oder Atego sein, muss sich aber daran messen lassen und schneidet erstaunlich gut ab, wenn es um den Verteilerverkehr in der City geht. Schon beim bequemen Einstieg über die Falttüre auf der Beifahrerseite macht der Econic Punkte gut. Das innen 1.900 Millimeter hohe Fahrerhaus – es gibt auch eine Variante mit 1.485 Millimeter –  bietet mehr Raum und mehr Bewegungsfreiheit als Axor oder Atego, die Innengeräusche sind – zumindest im Fall Gasmotor – geringer. Anders als seinen beiden Brüder ist der Econic aber nicht keinesfalls für lange Streckentauglich. Dafür fehlt es an Fahrkomfort und erst recht an Motorleistung.  

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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