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MAN Lion City 13 Bilder Zoom
Foto: Jacek Bilski

MAN Stadtbus im Test

Mehr Effizienz für den Lion's City

Kurz vor seiner finalen Ablösung wird der MAN Lion's City noch mal auf höhere Effizienz getrimmt. Ob und was das dem bekannten Stadtbus bringt, klärt unser Test.

Einer ist immer der Letzte und manchmal kann man es ihm nicht mal verdenken. In den letzten Jahren haben alle Hersteller ihre Stadtbuspalette erneuert oder ihr zumindest ein deutliches Facelift verpasst. Angefangen beim Mercedes Citaro, der kunstvoll in einer dreistufigen Launch-Choreografie erneuert wurde, bis hin zum Otokar Kent glänzen die neuen Modelle auf Messen und Straßen Europas. Dieser MAN Lion's City, der zum Test angerollt ist, glänzt zwar ebenfalls, nur ist das nicht seiner Innovationsfreude zu verdanken. Vielmehr mussten ein weiteres Bugmasken-Redesign und die nicht ganz unbekannte Idee der verglasten Seitenwände im Stehperron-Bereich ausreichen, um dem Oldie etwas Glamour einzuhauchen. Der Stadtbus steht wohl 2018 vor seiner endgültigen Ablösung – und das parallel durch einen Elektrobus und eine Dieselvariante. Viele Verkehrsbetriebe warten schon händeringend auf die Stromer. Das Grunddesign des Solowagens ist seit 2004 unangetastet, die Grundstruktur des Fahrzeuges seit 1997 weitgehend gleich.

Die letzten strukturellen Versuche, dem Konzept etwas mehr Innovation einzuhauchen – wie ein 20,5 Meter langer Vierachser oder eine preis­bewusst konstruierte Low-Entry-Familie – kamen nicht über den Prototyp-Status hinaus oder werden vom mitteleuropäischen Kunden weitgehend ignoriert. Ein Schicksal, das dem MAN-Busbereich namens Neoman Bus GmbH aus München von 2006 bis 2010 ebenfalls zuteil wurde. Galgenfrist statt Innovationsfreude war sein Schicksal – fünf verlorene Jahre in der Produktstrategie das betrübliche Ergebnis.

Ein altes Konzept kann keine Riesensprünge machen

Trotzdem ist die technologische Weiterentwicklung nicht ganz am Bestseller des Konzerns vorbeigegangen, Euro 6 und gesteigerte Effizienz­wünsche der Kunden sei es gedankt. Zudem waren die robusten und kraftvollen Motoren schon jeher ein starkes Argument für den Löwen aus München mit erkennbaren Braunschweiger Genen. Was lag also näher, als die äußerlichen "Nettigkeiten" mit einem regelrechten Effizienzpaket zu krönen? Neben dem Abspecken von bis zu 200 Kilogramm bei Gerippe und Bauteilen geht es hierbei vor allem um verbrauchsrelevante Bauteile wie einen zweistufigen Luftpresser oder eine Motorabschaltung. Ein echtes Stopp-Start-System wird dagegen dem Nachfolger vorbehalten bleiben. Um den Erfolg dieser Maßnahmen auch objektiv abzusichern, beauftragte MAN zur Busworld den TÜV Süd, um Vergleichswerte nach SORT und im echten Verkehr zu errechnen, allerdings wurde zum Vergleich ein Solobus nach EEV-Standard von 2012 herangezogen. Zur Erinnerung: Bis EEV kam MAN mit der AGR-Technologie im Busbereich ohne SCR zurecht, was allerdings den Verbrauch etwas ungünstiger aussehen ließ. Die vom TÜV ermittelten Werte von rund zehn Prozent Verbrauchsminderung dürften also vor allem auf das Konto der SCR gehen. Der Gesamtverbrauch von 43,6 Liter auf 100 Kilometer, den unsere lastauto omnibus-Runde auf der schweren Linie 42 in Stuttgart ergab, liegt der SORT-Runde der TÜV-Prüfung mit 44,5 Litern sehr nahe, obwohl der Wagen mit rund zwei Tonnen mehr beladen war als bei der SORT-Runde im Münchener Flachland. Auch wenn der erste Test eines MAN-Euro-6-Wagens knapp unter 40 Litern lag, ist dieser Wert gerade im Vergleich mit einem Solo-Hybridbus des Hauses mit 37,8 Litern durchaus plausibel.

Fazit: Mit einem rund 20 Jahre alten Konzept kann man auch mit erstklassigen Motoren keine Riesensprünge machen. Da muss man schon Grundlegendes an Konzept und Struktur verändern – so wie Mercedes, dessen erster Citaro-Euro-6-Testwagen sogar den MAN Hybrid leicht unterbieten konnte. Der Verbrauch des Testwagens geht unter diesen Umständen durchaus in Ordnung – sensationell ist er dagegen nicht, was aber auch nicht zu erwarten war. Selbstverständlich ist ein ­Tagestest immer nur eine von vielen Parametern abhängige Momentaufnahme, die einen Dauerlauf über Wochen und Monate im echten Betrieb nicht ersetzen kann. Zudem sind Stadtbus-Tankanlagen sehr spezifisch und ihre Betankung zuweilen trickreich.

Produktion der Türen in die eigenen Händen geholt

Aber wenden wir uns den erfreulichen Themen zu, die es natürlich auch gibt beim braven Arbeitstier aus Polen, dessen Fertigung gerade vollends von Posen nach Starachowice verlagert wird. Da wäre das ZF Ecolife-Sechsgang-Getriebe mit Step-3-Software, dessen Sortieren sehr gekonnt und vor allem weitgehend sanft und unmerklich vonstatten geht. Die eine oder andere Pendelschaltung auf den Stuttgarter Hügeln dürfte auf das Konto der Prozessoren des aufgespielten Eco-Schaltprogramms gehen, das doch wohl besser fürs Flachland geeignet und auf extrem frühes Schalten ausgelegt ist. Insgesamt ist die Performance der Box aber gut, mittlerweile greifen 60 Prozent der MAN-Kunden zum neuen Seriengetriebe.

Ein anderer erfreulicher Punkt gehört zu den Themen, die in vielen Stadtbussen zu einen der ärgerlichsten gehören: die Türen. MAN hat sich seit Langem wieder dazu entschlossen, die Produktion der Türen in die eigene Hand zu nehmen, um die Bauteile leichter, robuster und unanfälliger zu machen. Als hervorstechendstes Merkmal wären da die separaten Antriebe über den Drehsäulen zu nennen, sie sind schmutzsicher gekapselt, alle Kabel- und Schlauchführungen sind knickfrei. Das Ergebnis: merklich leiser und schneller laufende Türen, zudem sind gerade die Schwenk-Schiebeversionen um bis zu 15 Kilo leichter als die bisher verwendeten Türen. Leider war es das auch schon wieder mit den guten Nachrichten, gerade wenn es um die Cockpitgestaltung und das Fahrverhalten geht.

Alter Lion's City bereitet keine Freude mehr

Viele Fahrer dürften sich an dem "Pille" genannten Armaturenträger mehr als sattgesehen haben, zudem ist das Display zwischen den klassischen Lkw-Rundinstrumenten einfach nicht mehr zeitgemäß. 2004 leitete MAN mit dem Schwenk weg vom VDV-Brett aus Kostengründen eine weitgehende Zersplitterung in der Branche aus. Ablagen sind Mangelware im altbacken und kantig wirkenden Kommandostand, das Seitenfenster bewegt sich nur mit deutlichem Kraftaufwand. Das alles kann man gerne verkraften, alleine die Untermalung der starren Vorderachse (MAN war nach dem legendären Metrobus der 60er-Jahre wieder zurück zur Starrachse gewechselt) mit meist heftigem Poltern und Klappern schon auf normalen Kanaldeckeln ist nicht mehr zeitgemäß, wobei der Wagen ansonsten eher über gute Geräuschwerte verfügt. Zumal ein Stadtbus in der Überlandversion ein Stadtbus auch schon mal die eine oder andere Kurve mit über Tempo 60 nehmen können muss, ohne dass dabei ein wirklich unsicheres Fahrgefühl aufkommt. Zudem spürten wir bei solchen Geschwindigkeiten deutliche aus dem Antriebsstrang rührende Vibrationen im Cockpit, die MAN auch nach nochmaliger Prüfung nicht plausibel erklären konnte. Alles in allem ist das Fahren im Lion's City der alten Bauart keine reine Freude mehr. Auch für automobile Spätzünder wird es irgendwann einfach Zeit, für immer Abschied zu nehmen und der neuen Generation Platz zu machen. Die reift immerhin schon lange genug in München.

Spar-Paket in Serie

Zur letzten Busworld in Kortrijk hat MAN ein Paket an Effizienzmaßnahmen vorgestellt, das neben einer Gewichtsreduzierung von rund 200 Kilogramm weitere technische Maßnahmen enthält: einen zweistufigen Voith-Luftpresser mit selbsttätigem Leerlaufsystem, die neue ZF-Getriebesoftware, eine Motorabschaltung an der Haltestelle nach vier Minuten, Reifendrucküberwachung, Alufelgen und anderes. Auf Wunsch ist auch ein rudimentäres Fahrerbeeinflussungssystem namens Ribas zu bekommen. Das Paket wird in Serie verbaut und kostet keinen Aufpreis. Dass im lastauto omnibus-Test gegenüber dem letzten Euro-6-Wagen trotzdem ein höherer Verbrauch ausgewiesen wird, kann verschiedene Gründe haben: Neben Wetter-, Verkehrseinflüssen und unterschiedlicher Fahrweise der Tester kann auch das Tanksystem der Stadtbusse hier Einfluss haben. Zerklüftete Kunststofftanks lassen es nur näherungsweise zu, das Durchflussmessgerät durch Nachtanken abzugleichen.

Höchste Zeit!

Der MAN Lion's City ist einer der meistverkauften, aber auch ältesten Stadtbusse Europas. Das ist an sich im bodenständigen Business kein Kardinalfehler, aber einige Dinge sollten heute einfach eine Selbstverständlichkeit sein wie etwa eine komfortable und sichere Vorderachse oder ein wettbewerbsfähiges Cockpit. Effizienzpakete sind schön und gut, aber warum hat es in München nicht schon vor Jahren für eine echte Modellpflege gereicht? Nach zehn Jahren weitgehendem Stillstand muss der Nachfolger hieb- und stichfest passen im ersten Anlauf – man darf also gespannt sein auf 2018.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 07/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Datum

29. Juni 2016
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Jan Bergrath beobachtet und beschreibt seit über 25 Jahren als freier Fachjournalist die… Profil anzeigen Frage stellen
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