Ukraine-Krieg Der Hilfskonvoi

Maintaler Ukraine Foto: Maintaler 10 Bilder
Meinung

Sieben Sattelzüge waren unter Koordination von Maintaler aus Bruchköbel vergangenes Wochenende unterwegs, um Hilfsgüter an die polnisch-ukrainische Grenze zu bringen.

Die Bilder der von russischen Bomben zerstörten Häuser der Stadt Charkiw im Osten der Ukraine gehen Helmut Huhn aus dem hessischen Hammersbach nicht mehr aus dem Kopf. Vier Jahre lang war Huhn, 61, für die Spedition Maintaler aus Bruchköbel im Auftrag der UEFA mit Eventmaterial für die Heimspiele von Schachtar Donezk in der Campions League unterwegs, wie ich im Oktober 2020 im Magazin FERNFAHRER berichtet habe. Damals schwelte der Konflikt um die Region Donbass in der Ostukraine bereits. Der erfolgreiche Fußballverein der Ukraine musste in die Stadien von Charkiw und Kiew ausweichen. Für Huhn, selbst Fan von Eintracht Frankfurt, zählen diese Touren zu den schönsten Erinnerungen seiner vielen Fahrten quer durch Europa.

Seit dem 24. Februar herrscht in der Ukraine Krieg – seit der russische Dauerpräsident Waldimir Putin, der inzwischen zu einem neo-imperialistischen Diktator mutiert ist, seine über Monate zusammengezogenen Truppen völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschieren ließ und trotz aller verhängten Sanktionen eine brutale Zerstörung über das demokratische Land bringt. Laut UN sind Stand heute bereits 1,5 Millionen auf der Flucht. Am 5. März steht Huhn zusammen mit seinem Chef, dem Transportunternehmer Markus Grenzer, auf einem Baugelände an der polnisch-ukrainischen Grenze und erzählt im Trailer zur 78. Sendung von FERNFAHRER LIVE, dass ihm seine Bekannten vor Ort die Echtheit der Bilder bestätigt haben. „Jetzt sind wir mit sieben Sattelzügen gekommen, um die notleidenden Menschen mit den wichtigsten Dingen wie Babynahrung, medizinischen Produkten und Schlafsäcken zu unterstützen.“

Ein tolles Team aus fünf Fahrern und zwei Unternehmern

Helmut hat keine Sekunde gezögert, als ihn sein Chef, Markus Grenzer, gefragt hat, ob er bereit sei, in Zusammenarbeit mit der „Freunde helfen Konvoi gGmbH“ mit sieben Sattelzügen in die 1.225 Kilometer entfernte Stadt Przemyśl an der polnisch-ukrainischen Grenze zu fahren. Zunächst waren nur drei Lkw geplant. Am Freitagmorgen um drei Uhr startete das Team mit Helmut, Markus Grenzer, dessen Mutter Gabriele, den anderen Fahrern Stanislav Kristofik, Sascha John, Wolfgang Frey, Detlef Simisch und dem selbstfahrenden Unternehmer Patrick Bloidt aus Mainz in Bruchköbel. Auf der Hinfahrt im Konvoi gab es in der Nacht zu Samstag Probleme, einen geeigneten Parkplatz finden – und nur wenige Stunden Schlaf ohne eine Dusche. Da die Hilfstransporte in die Ukraine aktuell von den Lenk- und Ruhezeiten ausgenommen sind, wie das Bundesamt für Güterverkehr (BAG), mittlerweile auf seiner Homepage veröffentlicht hat, forderte die Tour den Fahrern natürlich alles ab. „Vor Ort am Samstagvormittag war dann alles perfekt organisiert“, so Markus Grenzer. Er rät anderen Hilfskonvois, die auf Tour gehen wollen, unbedingt rechtzeitig mit einer Hilfsorganisation zusammenzuarbeiten und sich um eine feste Abladestelle zu kümmern. Nur an Kleidung besteht laut Grenzer kein Bedarf, dringend benötigt werden derzeit vor allem medizinische Produkte, Hygieneartikel und Verbandsmaterial.

Dreh- und Angelpunkt der Hilfslogistik ist derzeit Lwiw (Lemberg)

„Maria, eine ukrainische Spediteurin, hatte schon in der Vergangenheit mehrfach mit dem Freunde helfen Konvoi zusammengearbeitet“, so Grenzer. „Sie aus dem Skiurlaub direkt zurück in ihre Heimat gefahren. Sie hat 35 eigene Lkw. Zusammen mit Ihrem Mann hat sie mit zehn Lkw den jeweils etwa sechsstündigen Rundlauf nach Lemberg über ein Gelände eines Bauunternehmens in Przemyśl aufgebaut. Das Entladen von unseren Lkw direkt auf die ukrainischen Lkw hat knapp eine Stunde pro Lkw gedauert.“ Das Gespräch zeigt aber auch die Ungewissheit, ob und wie die Hilfsgüter in den nächsten Tagen und Wochen an die Menschen kommen. „Noch sind die Straßen bis zur Höhe von Lemberg frei“, so Helmut, „und die ukrainischen Kollegen werden die Güter unermüdlich weiter transportieren, solange der Westen der Ukraine noch nicht besetzt ist.“

Die Spendenbereitschaft in Deutschland jedenfalls ist riesengroß, ähnlich wie im letzten Juli nach der Hochwasserkatastrophe an Ahr und Erft, setzten einmal mehr auch mittelständische Transportunternehmen alle verfügbaren Lkw in Bewegung, um Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen. Die Deutsche Bahn hat eine Schienenbrücke gestartet. Der Lebensmittelkonzern Edeka, der zunächst mit einer etwas umstrittenen Werbebotschaft in den eigenen Farben Gelb-Blau, den Farben der Ukraine, davon sprach „Freiheit ist ein Lebensmittel“ schickte tatsächlich über Landesgesellschaften die versprochenen Produkte auf Tour. „Es ist einfach unbeschreiblich, wie viele engagierte Menschen auf dieser Strecke und an der Grenze zur Ukraine unterwegs waren“, so Patrick Bloidt. „Aus ganz Westeuropa haben wir Menschen kennengelernt, die sich solch eine Reise zugemutet haben. An unserer Abladestelle habe ich Jungs aus meinem Dorf getroffen. unglaublich. Aus Dänemark, Schweden, Italien, Spanien kamen Hilfstransporte.“

Massive Probleme für die Lieferketten und die Logistik

Bis zum 25. Juni sollen die Hilfstransporte für die Ukraine bundesweit vom Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen befreit sein, heißt es aus dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV). Ein Ende des Kriegs ist Stand heute trotz der massiven wirtschaftlichen Sanktionen nicht absehbar. Die Folgen für die Lieferketten sind schon heute spürbar, allein etwa für die Automobilindustrie. Kabelbäume, die mittlerweile in der Ukraine für VW gefertigt werden, kommen nicht mehr nach Deutschland, Pkw können nicht mehr gebaut werden, die Produktion steht still. Voraussichtlich binnen zwei Wochen drohen dann auch andere Konsequenzen, wenn andere Werke ihre Teile nicht mehr just-in-time an die Bänder liefern können.

Auf besonders brutale Weise zeigt sich jetzt auch die Abhängigkeit einiger Güterströme von den internationalen Komplettladungstouren der großen litauischen und polnischen Flotten. Wie ich gerade erst in dem Artikel „Gleicher Lohn für Lkw-Fahrer“ zum Kompromiss des EU-Mobilitätspaketes geschrieben habe, ist es weiterhin legal möglich, dass deren Fahrer aus Belarus und der Ukraine im Rahmen ihres neuen Rückkehrrechts bis zu zwei Monate auf Tour in Westeuropa bleiben können. Jetzt sollen nach vorsichtigen Schätzungen etwa 100.000 ukrainische Fahrer im Zuge des Krieges zu einem großen Teil freiwillig in die Heimat zurückgekehrt sein, um für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen. Zumindest die litauischen Frachtführer Girteka, Hoptrans und Transimeksa haben über LinkedIn angekündigt, wo es nötig ist, die Familien ihrer Fahrer aufzunehmen und spenden ebenfalls für die Unterstützung der Menschen in der Ukraine.

Deutsche Fahrer helfen gestrandeten Fahrern aus Russland und der Ukraine

Als ich Ende Februar in Bremerhaven einen ukrainischen Lkw-Fahrer getroffen und über dessen „Rückkehr ins Ungewisse“ berichtet habe, waren die heutigen Entwicklungen und vor allem die Rückwirkungen der Sanktionen auf die russischen und ukrainischen Fahrer, die vor dem Ausbruch des Krieges nach Westeuropa aufgebrochen sind, kaum auszudenken. Am vergangenen Wochenende hat dann der Lkw-Fahrer Christoph Brinker drei russische Fahrer nahe seiner Arbeitsstelle in Plettenberg entdeckt und Hilfe vermittelt. Das Team von Eurotransport TV wird das Thema aufgreifen. So wie die Lkw-Fahrerin Juliane Ritter mit großem Zuspruch die Gruppe SOS Nothilfe für Trucker aus dem Osten ins Leben gerufen hat. Welche Fahrer aus welchen Ländern nun tatsächlich keinen Diesel oder kein Bargeld wegen ihrer gesperrten Kredit- oder Tankkarten bekommen, lässt sich nicht eindeutig sagen.

Spenden für den Diesel

Am frühen Sonntagabend war das Team von Maintaler wieder zurück am Standort in Hessen. Nur Patrick Bloidt war unterwegs auf dem Autohof Stollberg Niederdorf stehen geblieben, um in der Nähe am Montag für Mainz eine Ladung aufzunehmen. „Ein wenig Geld muss ich schon verdienen“, so Bloidt. „Zumindest hatte mir der Pächter dank der Aufkleber die Parkgebühren erlassen und mich zum Kaffee eingeladen. „Die Kosten für den Transport sind durch Spenden für den Diesel zu einem Teil bereits gedeckt“, so Markus Grenzer. „Doch das ist zweitrangig. Es zählte für uns allein der Wille, den Menschen dort zu helfen. Es war allerdings auch schwer, dort wieder wegzufahren. Zum eigenen sicheren Zuhause und zum eigenen Kind.“

Und Helmut Huhn ergänzt: „Natürlich waren wir alle am Ende etwas erschöpft. Es gab eine gewisse Leere angesichts der Erfahrungen und den Bildern des Krieges an sich. Allerdings hat uns unterwegs die gemeinsame Aufgabe auch zusammengeschweißt. Wir brauchen wohl noch zwei bis drei Tage, um die Erlebnisse zu verarbeiten.“

Terminhinweis:

Helmut Huhn und Markus Grenzer sind am Donnerstag, dem 10. März ab 17 Uhr, in der 78. Sendung von FERNFAHRER LIVE zu Gast. Das ursprünglich angekündigte Thema der maroden Brücken in Deutschland ist deshalb in den Mai verschoben. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), Oliver Luksic, bleibt uns aber zu diesem aktuellen Thema weiterhin als Gast erhalten. Ebenfalls geladen sind Patrick Bloidt und der Berufskraftfahrer Christoph Brinker, die beiden im neuen Verband BLV-Pro aktive sind. Für den BGL kommt dessen Berliner Repräsentant Jens Pawlowski. Im BMDV wurde mittlerweile ein Krisenstab eingerichtet. Mit Luksic wollen wir die dann aktuelle Lage in der Ukraine und ihre bereits deutlich spürbaren Auswirkungen auf die internationale Logistik einordnen.

Und bereits am Dienstag, dem 8. März, spreche ich ab 21 Uhr mit Helmut Huhn in der zehnten Folge der „Audio-Call-In-Sendung „Spätschicht“ auf der Facebookseite von KRAVAG Truck Parking.

FERNFAHRER hilft!

Das Magazin FERNFAHRER hat zusammen mit Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, eine Spendenaktion auf den Weg gebracht. Unter fernfahrer.de/spenden gelangt man direkt auf die Aktionsseite und kann dort auf verschiedenste Art – Kreditkarte, Paypal, Überweisung, Amazon Pay etc. – ganz unkompliziert seinen Wunschbetrag direkt an Unicef spenden. Jeder Euro hilft!

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