Tag der Verkehrssicherheit

Der Weg ist das Ziel

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

In Osnabrück begutachten Experten, Politiker und Spediteure den ersten Actros mit dem Active Sideguard Assist. Und sie debattieren, wie sich die Zahl der Totwinkel-Unfälle mit Lkw weiter senken lässt. Eine gelungene Veranstaltung – leider ohne die Zielgruppe.

Der Bischof hatte bereits seinen Segen gegeben, der Domplatz in Osnabrück war für den „Tag der Verkehrssicherheit“ gebucht – doch dann machten die weiterhin geltenden Corona-Regeln den Veranstaltern, der „Allianz für Sicherheit, einem Bündnis des Gesamtverbandes Verkehrsgewerbe Niedersachen (GVN) e.V. und des Kompetenznetzes Individuallogistik (KNI), einen Strich durch die Rechnung. So fand die inhaltlich gelungene Veranstaltung auf dem Gelände des regionalen Mercedes-Benz Partners Beresa statt. Die geladenen Gäste konnten dabei den ersten, als Serien-Lkw in Wörth vom Band gelaufenen Actros 2653 mit dem Active Sideguard Assist begutachten. Letzterer wiederum wurde im September 2020 in Wörth vorgestellt.

In der 37. Sendung von FERNFAHRER Live hatten wir die Weltneuheit des ersten radarbasierten Abiegeasaistenten, der in letzter Sekunde selbständig bremsen kann, ausgiebig vorgestellt. Vorbildliche Osnabrücker Logistiker und Spediteure wie Overnight haben schon acht Lkw mit dieser lebensrettenden Technik bestellt. Im September werden sie ausgeliefert. Auch die städtische Feuerwehr zeigte eine Nachrüstlösung von Daimler. Kommunalfahrzeuge in Osnabrück werden ebenfalls nach und nach freiwillig mit Assistenten ausgestattet.

Vorbildliche Friedensstadt

Überhaupt bemühen sich die ortsansässigen Transportunternehmen in der Stadt des Westfälischen Friedens (1648) schon seit Jahren um einen vernünftigen Ausgleich der Interessen von Schwer- und Radverkehr. Der Unternehmer Siegfried Serrahn ist dabei mit seiner unermüdlichen Kontaktpflege in die Politik, zu Organisationen und Verbänden bundesweit bekannt geworden. Das zentrale Anliegen bringt auch der gute kurze Beitrag im NDR zur Geltung – womit die breite Öffentlichkeit dann doch nicht ausgeschlossen war. Karsten Fischer von der Spedition Koch stellt darin noch einmal die Gefahr des „Toten Winkels“ vor – und die Sorge des Fahrers vor zu vielen Spiegeln, in die er nicht gleichzeitig blicken kann.

Unfälle durch Fehlverhalten

Denn bei einem Unfall reicht es, wenn ein Sachverständiger belegen kann, dass der Lkw-Fahrer den Radfahrer hätte sehen müssen – und wenn auch nur für eine Sekunde. Eine Gefahr, für die Radfahrer offensichtlich keinen Blick haben. Was ich kürzlich im FERNFAHRER 7/2021 ausgiebig beschrieben und was wir mit der DEKRA-Unfallforscherin Stefanie Ritter und weiteren Gästen als „Konfliktzone Kreuzung“ ausgiebig diskutiert habe. Immerhin, so Serrahn, der mich vom Bahnhof abgeholt hatte, sei die Zahl der Radfahrerunfälle in Osnabrück auch durch bauliche Maßnahmen vor allem am Wallring und den Einsatz von Trixi-Spiegeln Ampelkreuzungen zurückgegangen. Was leider Unfälle durch eine Mischung aus Fehlverhalten und Missverständnissen nicht ausschließt.

Wie Anfang Juli 2020 bei einem besonders tragischen Unfall. Ein Sattelzug aus Kroatien stand auf der Linksabbiegespur, eine 49-jährige Radfahrerin hatte sich auf der Straße neben ihn gestellt - statt den sicheren Radweg zu nutzen. Trotz der noch roten Ampel für den Linksabbiegerfahrstreifen fuhr der Lkw dann plötzlich an und zog nach rechts in Richtung des linken Geradeausfahrstreifens herüber. Dieses bemerkte die 49-Jährige offenbar und versuchte nach links in Richtung der begrünten Mittelinsel zu fahren, um so aus dem Gefahrenbereich zu gelangen. Die Osnabrückerin wurde dabei vom Lkw angefahren und letztendlich tödlich verletzt. Unklar bleibt jedoch weiterhin, auf welchem Weg sich die Frau der Lkw-Front genähert hatte. Das Verfahren steht allerdings noch aus.

Der Active Sideguard Assist muss gesetzlich vorgeschrieben werden

„Mit einem Active Sideguard Assist wäre dieser Unfall sicher vermieden worden“, sagt Serrahn, als wir an der Unfallstelle vorbeikommen. Das ist auch die Einschätzung von Kurt Bodewig, dem Präsidenten der Deutschen Verkehrswacht, als Gast in Osnabrück. „Ich bin davon überzeugt, dass mit dem selbstbremsenden Abbiegeassistenten ein wichtiger Schritt in Richtung Vision Zero unternommen wurde“, so der ehemalige Bundesverkehrsminister. „Wir müssen das jetzt politisch begleiten lassen, also dass es, wenn es erprobt wurde und dann State of the Art ist, auch gesetzlich vorgeschrieben wird.“

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Anwesend auf Einladung von KNI und GVN waren u.a. Kurt Bodewig (li.), Frank Henning, Rolf Meyer, Anna Kebschull, Heiner Koch, Norbert Bökamp und Walter Eichendorf.

Die politische Diskussion

Vor der angekündigten Podiumsdiskussion „mit den besten Referenten, die wir zum Thema Verkehrssicherheit anzubieten haben“ unter der souveränen Leitung von Rolf Meyer, dem Aussichtsratsvorsitzenden von Meyer & Meyer, in der neuen Ausstellungshalle der Beresa gab es zunächst einige politische Grußworte: vom in der Region nach wie vor verhafteten Parlamentarischen Staatssekretär Enak Ferlemann aus dem Bundesverkehrsministerium, über den Landespolitiker Frank Henning bis zur Landrätin Anna Kebschull, auf die ich hier aber nicht näher eingehen möchte. Ein Punkt jedenfalls bewegt die Osnabrücker Logistiker und Politiker besonders – einen möglichst baldigen Lückenschluss der der BAB 33 zwischen Paderborn zur BAB 1, um, so Meyer, „den innerstädtischen Bereich der Stadt Osnabrück insbesondere bei Störungen der umliegenden Autobahnnetze zu entlasten.“

Der ADFC und die Sprache der Polizei

Meyer beklagt leider, wie andere Praktiker aus der Logistik, dass eine Zusammenarbeit mit dem ADFC „schwierig sei“. Kein Wunder, hatte der ADFC doch ausgerechnet zum bundesweiten „Tag der Verkehrssicherheit“ eine eindeutigere Sprache der Polizei bei der Unfallaufnahme gefordert. Kernaussage: „Wer so schreibt, als wäre das Kraftfahrzeug das handelnde Subjekt, verschont die Person im Auto vor dem Blick des Lesers – und damit vor der Schuldfrage.“ Das Thema der „gegenseitigen Rücksichtnahme“, um sich nicht selbst durch stures Beharren auf die Straßenverkehrsordnung in Gefahr zu bringen, ist bei den Zweiradlobbyisten immer noch nicht angekommen. Die Polizei Osnabrück, die ebenfalls mit ihren ranghöchsten Beamtinnen geladen war, bedankte sich laut Hasepost mit entsprechenden Kontrollen. Grundsätzlich sei die Zahl der Verkehrsunfälle coronabedingt um dreizehn Prozent zurückgegangen – vor allem durch weniger Verkehr.

Debatte um Vison Zero

Bei der spannenden Podiumsdiskussion mit den Spediteuren Rolf Meyer, Heiner Koch, dem KNI-Mitglied und Vorsitzenden der GVN-Bezirksgruppe Osnabrück-Emsland, Kurt Bodewig, Prof. Dr. Walter Eichendorf, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrat sowie Dr. Erwin Petersen, Vizepräsident der Landesverkehrswacht Niedersachsen, bereitete allen Experten, dass neue Verkehrsarten wie Pedelecs, E-Roller und Lastenfahrräder stetig zunehmen, große Sorgen. Trauriges Beispiel ist ein recht aktueller Unfall in Köln, bei dem eine Radfahrerin auf einem Familienlastenrad, einem 4.700 Euro teuren „Urban Arrow“, der eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreicht, von einem Lkw mitten auf dem Radweg getroffen und auf die Straße geschleift wurde. Ob hier ein Abbiegeassistent hätte helfen können, ist fraglich.

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Unfallstelle in Köln. Der Radweg liegt außerhalb der Reichweite eines Abbiegeassistenten, beim Rechtsabbiegen des Lkw kommt es zwangsläufig zu Missverständnissen.

Denn der Radweg war zunächst sehr weit weg von der Straße, und beim Abbiegen fuhr der Lkw in einem ungünstigen Winkel. Ob die Fahrerin den Lkw überhaupt als drohende Gefahr wahrgenommen hat, muss nun ebenfalls geklärt werden. Wie bereits andere Urteile belegen, reicht es zu einer Verurteilung des Fahrers, wenn ihm nachgewiesen wird, dass er die Radfahrerin für einen kurzen Moment hätte sehen müssen. Selbst falsch eingestellte Spiegel führen heute zu einer Verurteilung des Fahrers.

Mehr Schulungen gefordert

Das Problem: Gerade für mittelalterlich geprägte Innenstädte wie Osnabrück sei es sehr schwierig ist, adäquate Möglichkeiten für eine Regulierung der Verkehrsströme zu finden. Auf die Frage nach Lösungsansätzen für diese Problematik favorisierte Prof. Dr. Eichendorf die Möglichkeiten sogenannter Cityhubs, bei denen Lieferungen verschiedener Paketdienste außerhalb der Stadt gebündelt und von einem einzigen Dienstleister in der Stadt zugestellt werden. In Osnabrück ist bereits eine Umsetzung mit einer Zustellung per Lastenfahrrädern geplant. Dr. Petersen wies noch einmal auf die Wichtigkeit von Schulungen und Trainings für alle Verkehrsteilnehmer. Kommunen müssten außerdem stärker darauf hinwirken, dass Umleitungsempfehlungen in Navigationssystemen nicht mehr durch Innenstädte leiten, wie dies in Osnabrück mit der B68 der Fall ist.

Die verstärkte Nutzung digitaler Überwachungsmöglichkeiten wurde ebenso andiskutiert. Doch auf eine Zuschauerfrage, dass gerade auf den Autobahnen in Niedersachen wie auf der A2 Überholverbote für Lkw kaum vor Ort kontrolliert würden, verwies die anwesende Polizei auf den vorherrschenden Mangel an Kapazitäten zur Überwachung. „Für die Allianz für Sicherheit war diese Veranstaltung der Auftakt zu einer langen Kette von Veranstaltungen, die rund um das Thema Verkehrssicherheit geplant sind“, so Rolf Meyer. „Für uns Logistiker ist ja bekanntlich der Weg das Ziel.“ Der Segen des Bischofs hält bis dahin sicher an.

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