RampenGuide

Ran an die Rampen!

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

Müssen Lkw-Fahrer wirklich so respektlos an den Rampen behandelt werden, wie sie es oft beklagen, und wann finden ineffektive Wartezeiten, die gut geplante Touren platzen lassen, ein Ende? In der 62. Sendung von FERNFAHRER LIVE diskutieren wir über Lösungen und stellen dabei den RampenGuide des ETM-Verlags vor.

Zu den negativen Erfahrungen, die Ingo Seekircher, langjähriger Berufskraftfahrer der Spedition Wandt aus Braunschweig, immer wieder bei den Kunden macht, zählt das Abladen einer kompletten Ladung in einem Hochregallager. „Hier müssen die Fahrer selber entladen und dann auch noch die unterste Lage der Folie entfernen, da die Anlage sonst die Paletten nicht annimmt“, sagt Seekircher. Dann sind da natürlich noch die Zentrallager des deutschen Einzelhandels, wo die Fahrer an einigen Standorten die blauen Warnwesten des Betreibers tragen müssen – statt die eigenen. Oder die Lagerstandorte, an denen sich die Fahrer laut Seekircher an einem Automaten mit Namen und Geburtstag anmelden müssen. „Noch härter ist es allerdings in den Distributionszentren eines amerikanischen Onlinehändlers“, klagt Ingo. „Da wirst du zwar abgeladen, du musst aber den Lkw verlassen und zusammen mit 30 anderen, meist osteuropäischen Fahrern warten, bis der Lkw entladen ist. Das kann schon mal drei Stunden dauern.“

Verpasste Zeitfenster, geplatzte Touren

Diese Einschätzung der Zustände an vielen Rampen der verlandenden Wirtschaft deckt sich mit anderen Fahrermeinungen, die meine Kollegen von EurotransportTV zum Thema „Lange Wartezeiten an der Rampe“ eingefangen haben. Es überwiegt der Frust über eine gewisse Hilflosigkeit, über eine oft respektlose Behandlung und immer wieder über unkalkulierbare Wartezeiten, die sorgsam geplante Touren platzen lassen. Zeitfenster, die verpasst wurden, weil ein Stau dazwischenkam, übervolle Lager, deren Mitarbeiter am Ende sogar einen kompletten Lkw wieder vom Hof schicken, weil kein Platz ist.

Und über allem schwebt die mangelnde Wertschätzung für die Berufskraftfahrer, die allergings grundsätzlich das Problem des deutschen Straßentransportgewerbes sind. Hielten doch die Frachtführer seit Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 die Versorgung der Bevölkerung durch ihren unermüdlichen Einsatz und mit freizügig ausgesprochenen Ausnahmengenehmigung für das Lkw-Sonntagfahrverbot aufrecht, müssen sie diesen Sommer an den Wochenenden wieder Ausweichstrecken über Landstraßen nutzen, damit dieselbe Bevölkerung unbeschwert in den Urlaub fahren kann.

„Mit uns kann man´s ja machen“

„Es kann an einer Rampe schnell gehen, es kann aber auch zwischen einer und zehn Stunden dauern“, sagt etwa Pascal Carvalho über die nervenden Wartezeiten in die Kamera. „Wir sind auch schon wieder weggeschickt worden, weil kein Platz im Lager war.“ Dann fügt er hinzu: „Mit uns kann man´s ja machen.“ Das stimmt allerdings nur bedingt. Über viele Jahre hat sich die Transportbranche selbst in dieses derzeit schwer lösbare Dilemma manövriert, indem die Frachtführer viele zusätzliche Dienstleistungen ihrer Fahrer an die Auftraggeber in den Preis einer Fracht mit einkalkuliert haben – oder diese dem Kunden zugestehen mussten. Die Folge ist mittlerweile eine dauerhafte Ausnutzung der maximal möglichen Einsatzzeiten der Fahrer von 13 bis 15 Stunden.

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Würden sich alle Fahrer an die gesetzlichen Arbeitszeiten halten und nicht in vielen Fällen den Tacho beim Abladen auf Pause stellen, die Lage wäre womöglich eine andere, wie der Fahrer Dirk Frenzel ganz klar betont: „Ich kann ja nicht drei Stunden länger arbeiten, weil ich zuvor drei Stunden an einer Rampe warten musste.“

Ich persönlich bin seit Jahren der festen Überzeugung, würden sich alle Fahrerinnen und Fahrer konsequent an die gesetzlichen Vorgaben halten und damit zu einer Verknappung der zur Verfügung stehenden Einsatzzeiten der Lkw sorgen, hätten die Verlader längst die internen Abläufe an ihren Rampen umorganisieren müssen. Das langsame Umdenken beginnt leider erst mit dem deutlich zunehmenden Fahrermangel.

Diese Konsequenzen sind nun in Großbritannien zu spüren, wobei der Brexit für die aktuelle Ausnahmesituation gesorgt hat. Was bei uns in Deutschland passiert, wenn das am 9. Juli 2020 in Brüssel verkündete Mobilitätspaket ab Februar 2022 in der nächsten Stufe greift, ist bislang nur abzuschätzen.

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Die Macht haben die Verlader

Auch der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) mahnt in letzter Zeit immer wieder an, dass sich der Fokus der Kritik von der Politik, die etwa im Rahmen des Mobiltätspaketes ihre rechtlichen Möglichkeiten derzeit ausgeschöpft hat, nun auf die Verlader selbst richten sollte. Denn sie diktieren auf Grund ihrer Marktmacht eben nicht nur den Frachtpreis, sondern auch die Bedingungen an den Ladestellen, sprich: den Rampen.

Dass sich hier zumindest im Mittestand der Speditionen etwas ändert, zeigt das Beispiel der Spedition Wandt, die sich seit diesem Jahr auch dem „RampenGuide“ des ETM-Verlages angeschlossen hat. Zum Thema Wartzeiten und Zeitfenster betont Geschäftsführer Anthony Wandt ganz klar: „Es fehlt mit Sicherheit das Verständnis dafür, dass der Fahrer ein Teil des Prozesses ist. Der Prozess hört aber nicht an der Rampe auf, sondern es ist ein ganzheitlicher Prozess. Der Fahrer sollte in diesen Prozess integriert werden.“ Wie Wandt dieses im Unternehmen umsetzt, zeigt der Film auf Eurotransport TV.

Schon über 1000 Teilnehmer am RampenGuide

Eine vielleicht entscheidende Rolle zur langfristigen Verbesserung der Situation für die Fahrer wie auch für die Unternehmer könnte dem RampenGuide zufallen, den Thorsten Gutmann, Leiter digitale Entwicklung, in einem Kurzinterview vorstellt. „Wir haben den RampenGuide entwickelt, weil es kein anderer gemacht hat“, sagt Gutmann. „Wir haben unsere Reichweite und unsere Truck-Stops-App genutzt, damit Fahrer die Rampen bewerten können. All diese Informationen, die wir sammeln, geben wir anonym an die Rampeninhaber weiter. Wir wissen von ganz vielen, dass sie diese Informationen haben wollen. Denn bislang haben sie in der Regel immer nur ihr eigenes Personal befragt.“

Diskussion bei FERNFAHRER LIVE

Am Donnerstag, den 8. Juli 2021, bringt FERNFAHRER Live ab 17.00 Uhr Lkw-Fahrer, Unternehmer und den Entwickler des RampenGuide zusammen. Thorsten Gutmann stellt sich dabei den Anregungen und Fragen von Holger Dechant, dem Geschäftsführer der Universal Transport-Gruppe aus Paderborn, der das Projekt früh unterstützt hat, sowie dessen Fahrer Ronny Knoblauch, der auch im Bereich der Schwertransporte von Windradflügeln oft Probleme mit den Ladestellen hat. Anthony Wandt kommt mit seinem Fahrer Ingo Seekircher. Aus der Sicht eines Kühlzugfahrers berichtet zusätzlich noch Jan Lindemann. Auch Dirk Frenzel aus dem Bericht von EurotransportTV hat die Teilnahme zugesagt.

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