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JansBlog

Initiative „Hellwach mit 80 km/h“

Foto: Verkehrspolizei Mannheim
Meinung

Die Verkehrspolizeidirektion Mannheim beteiligt sich nach einem tödlichen Lkw-Unfall vor dem Kreuz Walldorf an einer neuen Präventionsinitiative.

22.05.2018 Jan Bergrath

Am 12. Februar 2018 um 14.18 Uhr rast auf der A 5 bei Kilometer 592 der polnische Fahrer einer deutschen Spedition mit über 80 km/h in ein Stauende. Ungebremst schiebt er zwei Autos auf einen Tankauflieger. In den beiden komplett zerstörten Pkw sterben vier Menschen. Ein Video zeigt das verheerende Ausmaß des Unfalls.

Staufalle Kreuz Walldorf

„Die Ermittlungen laufen noch, der Fahrer kann sich nicht an den Unfall erinnern“, berichtet Polizeidirektor Dieter Schäfer. Er leitet die Verkehrspolizeidirektion Mannheim, in deren Zuständigkeitsbereich auch das Kreuz Walldorf gehört. Dort sind jeden Tag rund 25.000 Lkw unterwegs. Einen Notbremsassistenten hatte der Volvo FH nicht, die Kontrolle der Tachodaten ergab keinen Verstoß gegen die Lenk- und Ruhezeiten.

Schäfer vermutet, dass der Fahrer schlichtweg in die dortige Staufalle geraten ist: Vor dem Kreuz Walldorf gibt es, aus Karlsruhe kommend, auf dem dreispurigen Teilstück der A5 eine lang gezogene Rechtskurve. Auf der rechten Spur zur A6 bildet sich hier ein nicht zu erkennender Rückstau, während der Verkehr auf den beiden Spuren Richtung Frankfurt oft normal fließt. „Beim peripheren Sehen nehmen Fahrer dann wahr, dass die gesamte Strecke frei ist“, erklärt Schäfer. Lkw-Bremsspuren auf dem Asphalt zeigen deutlich das Gefahrenpotenzial.

Gestiegene Unfallzahlen in Baden-Württemberg

Nach dem schweren Unfall hat die StuttgarterZeitung den alarmierenden Anstieg der Lkw-Unfälle thematisiert. „Laut Renato Gigliotti vom Innenministerium lag die Zahl der Lkw-Unfälle auf Autobahnen in Baden-Württemberg 2015 bei 2687 – im vergangenen Jahr schnellte sie auf 3439 hoch. Das ist eine Erhöhung um 28 Prozent. Besonders bitter ist, dass auch mehr Menschen ihr Leben lassen mussten. 2016 starben 92 Menschen bei Unfällen mit Lkw (über alle Straßenarten hinweg); vergangenes Jahr waren es 111 Personen.“

Und immer wieder ist es das Kreuz Walldorf. So wie am 21. Februar, wie dieser Filmbericht zeigt. Gleich vier Lkw sind hier, diesmal auf der A6, ineinander gerast. Der MAN des Unfallverursachers hatte ebenfalls keinen Notbremsassistenten, der erfahrene deutsche Fahrer kam noch einmal glimpflich davon, Übermüdung oder bewusste Ablenkung waren auch hier nicht ermittelt worden. Seine Firma spricht von „Augenblicksversagen“, einem juristischen Fachbegriff.

Eindeutige örtliche Unfallverteilung

Beim Blick auf die örtliche Unfallverteilung liegen die Schwerpunkte eindeutig auf der A6 vor und nach dem Walldorfer Kreuz in Fahrtrichtung Ost und auf der A5 in Fahrtrichtung Nord. „Hier verzeichnen wir auf den Teilstücken eine Zunahme der Unfälle um bis zu 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, sagt Schäfer. Eine Folge der Einrichtung der Dauerbaustelle zwischen Rauenberg und Sinsheim sowie der chronischen Überlastung der A6. Dazu kommt nun noch die Baustelle auf der A5 Richtung Frankfurt unmittelbar hinter dem Kreuz Walldorf – und somit eine erhöhte Unfallgefahr für die nächsten Jahre.

Hellwach mit 80 km/h

Nach einem Fachvortrag vor Spediteuren aus dem Wirtschaftsraum Mannheim/Ludwigshafen wurde als erste Maßnahme die Aktion „Hellwach mit 80 km/h“ gegründet. Siehe dazu diesen Filmbeitrag.

Für das Container-Logistikunternehmen Contargo, das täglich mehrere Hunderte Lkw an Ihren Containerterminals auf die Straße bringt, war es eine wichtige Herzensangelegenheit, ihren und Fahrern anderer Unternehmen größere Sensibilität für diese Gefahrenquelle im Berufsalltag mitzugeben. Es folgte ein Fachforum am 16. April 2018 auf Einladung von Konrad Fischer, Managing Director der Contargo GmbH & Co. KG. „Das Ergebnis ist die Präventionsinitiative „Hellwach mit 80 km/h“, erzählt Schäfer, die unter seiner Beratung die unterschiedlichsten Todsünden zum Thema Stauende zusammenfasst.

Wichtige Kernbotschaften

Die Kernbotschaften der Initiative sind:

  • Kein Lkw-Fahrer fährt absichtlich auf ein Stauende auf.
  • Plus 9 km/h bedeuten zwei Pkw-Längen mehr Bremsweg.
  • Schon ein 5,5-Tonner zerstört bei einem Aufprall mit 70 km/h zwei Pkw mit tödlichen Folgen für die Insassen.
  • Eine Sekunde Ablenkung bei 80 km/h sind 22 Meter Blindflug.

„Ziel ist es, proaktiv die „Todsünden“ im Fahrerhaus zu vermeiden, die durch Ablenkung die Gefahren heraufbeschwören“, so Schäfer. „Hierzu wird es eine aktive Selbstverpflichtung der beteiligten Unternehmen, deren Fahrern sowie eingesetzten Transportunternehmern geben, die fahrerfremde Tätigkeiten und die Nutzung elektronischer Geräte während der Fahrt klar verbietet. Wie die Autobahnpolizei die Einhaltung kontrolliert, darüber berichtet FERNFAHRER in der Ausgabe 7, die am 2. Juni erscheint.

Positive-Image-Kampagne

Gleichzeitig soll eine positive Image-Kampagne den Berufsstand der Lkw-Fahrer in ein anderes Licht rücken. Dafür wird eine Comic-Figur, genannt Max Achtzig, ins Leben gerufen, der, so Schäfer, „als beliebt, zuverlässig, sozial kompetent und humorvoll gilt.“ Ein Starter-Kit mit Aufklebern und Flyern, das die Contargo GmbH & Co. KG zusammen mit ihren Partnern mit 10.000 Euro finanziert, bildet den Auftakt. „Auf dieser Basis soll sich die Kampagne weiter entwickeln, schließlich ist die Initiative modular und als „open house“ angelegt. Das bedeutet, dass sich jedes Logistikunternehmen in der Region mit einer aktiven Selbstverpflichtung der Initiative anschließen kann – aber auch Verbände, Institutionen und Organisationen, die ein institutionelles Interesse an der Minimierung der Unfallfolgen haben.

Bekannte Unternehmen beteiligen sich bereits

Beteiligte bislang sind neben der Contargo GmbH & Co. KG auch die Graeff Spedition GmbH & Co. KG, Rhenus Port Logistics Mannheim GmbH & Co. KG, Fa. Transportbeton Mannheim, IHK RN Handel, Verkehr, Dienstleistungsgewerbe, Hartmann Versicherungsmakler GmbH und natürlich die Verkehrspolizeidirektion des Polizeipräsidiums Mannheim. Und auch die Mannheimer Versicherung AG findet die Aktion sehr gut und wird diese in geeigneter Form unterstützen.

Reicht die Selbstverpflichtung?

Ich persönlich finde diese Maßnahme eine sehr gute Idee, und ich hoffe, dass sie weitere Nachahmer findet. Es sind schon mehrere Hundert Lkw, die jeden Tag im Großraum Mannheim und Ludwigshafen laden oder entladen. Und wenn sich jeder Fahrer vornimmt, immer hellwach zu sein, ist das ein erster Ansatz. Gegen bewusste Ablenkung am Steuer, die auch von der Monotonie des Berufs herrührt, hilft nur eigene Disziplin der Fahrer. Bei einer stichprobenartigen Kontrolle der Autobahnpolizei auf der A5 waren 95 von 100 Fahrern voll konzentriert.

Leider bestehen bleibt aber das Problem des deutlich zu geringen Abstandes, dass ich in meinem Blog "Nicht zu fassen" beschrieben habe. Nach dessen Veröffentlichung haben mir einige Polizeibeamte bestätigt, dass ausländische Abstandssünder in Deutschland tatsächlich kaum zu belangen sind.  

Vor allem aber müssen sich die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer, die dem Zeitdruck durch Staus oft machtlos ausgeliefert sind, endlich verbessern. Und der eklatante Mangel an Parkplätzen muss dringend behoben werden, damit es nicht durch plötzliche Müdigkeit am Steuer trotz Einhaltung der Ruhezeiten zu weiteren schweren Unfällen kommt. Eine bessere Beschilderung, die den Fahrer rechtzeitig vor Staus warnt, könnte als „Weckruf“ funktionieren, das ist ebenfalls eine gute Idee vom Polizeidirektor Dieter Schäfer. Ich werde das Thema jedenfalls im Auge behalten.

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