Von Helsinki bis Hammerfest

Unterwegs auf einsamen Straßen

Foto: Felix Jacoby 19 Bilder

Wie fährt es sich auf den Europastraßen des hohen Nordens? ­Eindrücke von einer Reise von Helsinki nach Hammerfest.

Der europäische Norden ist ein herrliches Revier für weite Touren mit dem Lastwagen. Einsamkeit und landschaftliche Pracht faszinieren Fernfahrer, denen es auf den Straßen Mitteleuropas oftmals viel zu voll geworden ist. Im vergangenen Herbst haben wir vom FERNFAHRER deswegen eine besondere Langstrecke unter die Räder genommen, um dem Lebensgefühl dort nachzuspüren. Der Ausgangspunkt ist Helsinki, die Hauptstadt Finnlands. Mit den umliegenden Orten kommt die nordische Metropole auf rund 1,5 Millionen Einwohner.

Verblüffend große Lastzüge

Parken mit dem Lastzug ist schwierig. Am ehesten geht es in der Nähe des Containerterminals, wo es einen kleinen Truckstop an der Straße Seilorkatu gibt. Wer sich aber hier oder vom Platz eines Kunden die Mühe macht, ins Zentrum zu fahren, wird mit einem schönen Wochenmarkt belohnt, dem Kauppatori, der ganzjährig am Hafen von 6.30 Uhr bis 16 Uhr von montags bis samstags geöffnet hat. Herrlich, hier in einem der Cafés zu sitzen, im Winter mit Heizung. Allerdings sind die Möwen hier ziemlich frech und räuberisch.

In manchen Wintern fällt das Thermometer bis unter minus 30 Grad. Davon zeugen auch die gigantischen Eisbrecher, die nahe dem Zentrum ihre Heimat haben. Ein Erlebnis für sich sind die Abende an den Wochenenden. Dann widerlegen die Finnen eindrucksvoll das Klischee der drögen Nordländler. Es wird munter gefeiert und getrunken. Wer dabei aber gern öfter den Standort wechselt, muss sich immer wieder mit teils unnötig arroganten Türstehern herumärgern.

Güter auf die Straße, Personen auf die Bahn

Doch unsere Neugier gilt eher den einsamen Strecken des Nordens. Und so geht es he­raus auf der Europastraße 75 Richtung Lahti. Bis Heinola gleicht die Strecke noch einer typisch europäischen Autobahn. Verblüffend groß sind dagegen die Lastzüge, die man dort zu sehen bekommt. Erst kürzlich haben wir darüber ausführlich berichtet. Die Finnen haben in den letzten Jahren sogar den kombinierten Verkehr Lkw/Bahn reduziert. Dafür werden jetzt mehr Autoreisezüge für Pkw angeboten, um die riesigen Distanzen dieses Landes zu überwinden. Hier gehören also eher die Menschen als die Güter auf die Bahn, keineswegs dumm …

Auf den ersten paar Hundert Kilometern gibt es zahlreiche Raststätten und Truckstops. Lobenswerterweise gehört es bei den Restaurants entlang der Straßen zum Standard, für mehr oder weniger zehn Euro ein leckeres Mittagsbuffet anzubieten, nicht sehr üppig, aber immer mit mehrerlei Alternativen und gesundem Grünzeug dabei. In Lahti stehen noch zwei Funkmasten mit 150 Meter Höhe als denkmalgeschützte Monumente. Sie erinnern samt einem dazugehörigen Rundfunkmuseum an die Zeit, als die Landbevölkerung noch per Lang- und Kurzwellenradio mit Informationen und Unterhaltung versorgt wurde.

Bei Heinola ist die vierspurige Straße erst mal zu Ende. Jetzt geht es bis auf ein paar Stücke nahe den größeren Städten weiter nördlich nur noch zweispurig weiter. Radarkontrollen werden angekündigt, doch die Lastzüge fahren mit ihren massigen Gewichten meist eher 80 km/h als ständig am Begrenzer. Die Landschaft ist über Hunderte von Kilometern ziemlich gleichförmig, unzählige Seen und Wälder wechseln sich ab. In der warmen Jahreszeit können Stechmücken eine echte Plage sein.

Von der Polizei ist wenig zu sehen, aber wenn man Ärger bekommt, sind die Strafen deutlich saftiger als in Mitteleuropa. Die nördlichste Großstadt der EU ist Oulu. Sie gilt als Zentrum der Informationstechnologie und der Papierindustrie. Legendär ist hier die jährliche Weltmeisterschaft der Luftgitarrenspieler. Manchmal sind die Finnen auf nette Art etwas eigenwillig. In den riesigen Einkaufszentren der Stadt kann man sich die Zeit auch bei hässlichstem Wetter mit Bummeln und Schlemmen vertreiben. Etwa 100 Kilometer weiter nördlich zweigt die Straße E 75 rechts von unserer Route Richtung Rovaniemi ab zur schwedischen Grenze, und kurz davor rechts weg nach Norden ist die weitere Route jetzt als E 8 bezeichnet.

Hier ist das obere Ende der Ostsee erreicht, wo bei Tornio der wilde und ungezähmte Fluss Tornionjoki in das Meer mündet. In den Stromschnellen wird noch eine uralte Methode des Fischfangs praktiziert. Von fragilen Stegen aus holen die Einheimischen ihre Beute mit Netzen an langen Stäben aus dem Wasser. 80 Kilometer weiter, bei Juoksenki, überquert die Straße den Polarkreis. Das ist der Breitengrad, an dem die Sonne an einem Tag im Sommer nicht untergeht und an einem Tag im Winter nicht aufgeht.

Foto: Felix Jacoby

Achtung, Rentiere!

Obwohl der Verkehr hier nur noch extrem dünn ist, muss man sehr auf der Hut sein, denn immer öfter sind Rentiere zu sehen. Bevor es Straßen und Brücken gab, waren sie sogar die Zugtiere für den Gütertransport auf Schlitten. Für Pferde waren die Winter einfach viel zu extrem. Die Rentiere hier sind alle Zuchtnachfolger mit wenig Scheu vor Menschen und Fahrzeugen. Und so verwundert es auch nicht, dass die hiesigen Vertreter ihrer Gattung oft Ohrmarken tragen und nicht selten als Wurst oder Steak auf dem Speiseplan der Nordländler landen.

Einsames Lappland

Immer einsamer wird es in Lappland, Finnlands nördlichster Landschaft. Pro Quadratkilometer leben hier im Schnitt nur noch zwei Menschen. Einer der größten Arbeitgeber ist die Automobil- und Reifenindustrie, die hier verborgene Testzentren für den extremen Wintereinsatz betreibt. Richtung Hammerfest könnte man jetzt den direkteren Weg über die Staatsstraße 93 nehmen, aber der Weg entlang der nordnorwegischen Fjorde ist einfach zu verlockend. Die Grenze bei Kilpisjärvi ist eine EU-Außengrenze, weil Norwegen nicht zum Staatenbund gehört. Der Grenzort wie die Zollstation wirken aber gleichermaßen verschlafen. Nahe Skibotn mündet die E 8 in die E 6, die auf mehr als 3.000 Kilo­meter Länge vom südschwedischen Trelleborg bis an die russische Grenze bei Kirkenes führt.

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Dramatisch schön sind die Landschaftsbilder hier. In weiten Bögen werden Fjorde umfahren. Nur wenige winzige Küstenorte bieten entlang der Strecke die Möglichkeit zum Tanken und Einkaufen. Alta liegt in der Provinz Troms og Finnmark und hat 12.000 Einwohner. Viele Touristen kommen extra im tiefsten Winter hierher, um Hundeschlittenabenteuer und das hier häufige Polarlicht zu erleben.

Die letzte Etappe nach Hammerfest führt über eine einsame Hochebene von bezaubernder Schlichtheit und über die nördlichste Hängebrücke der Welt über den Kvalsund. Vor Hammerfest, genau wie Alta zum Ende des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Wehrmacht fast vollständig zerstört, bleibt das Meer dank des Atlantiks eisfrei, weswegen hier nicht nur die Fähren der Hurtigruten, sondern auch riesige Fischereischiffe anlegen. Das Wappen der Stadt wird von einem Eisbären verziert, und von Mitte November bis Mitte ­Januar ist von der Sonne nichts mehr zu sehen. Von hier aus betrachtet, wirkt die Hektik mitteleuropäischer Straßennetze plötzlich unglaublich weit entfernt.

Mehr Fahrererlebnisse aus fernen Ländern haben wir in der Rubrik Abenteuer gesammelt.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Fernfahrer 06 2020 Titel
FERNFAHRER 06 / 2020
2. Mai 2020
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