Frans Slenders und sein DAF 2600

Alte Liebe rostet nicht

Foto: Richard Kienberger 8 Bilder

Die schönsten Liebeserklärungen findet man dort, wo Partner vielleicht zum „alten Eisen“ gehören, aber noch verdammt viel Vitalität drin steckt. Fast ein halbes Jahrhundert währt der Zusammenhalt zwischen dem altgedienten Fahrensmann Frans Slenders und seinem treuen Gefährt. Eine Beziehung, in der Alter durchaus relativ erscheint, wenn man die beiden Langzeitpartner so sieht.

Mit der flinken Behändigkeit eines Eichhörnchens klettert Slenders hinter das Bakelit-Lenkrad seines DAF. Respekt, denn beide sind im sprichwörtlich besten Alter. 75 Jahre alt ist der ehemalige Kraftfahrer, sein DAF 2600 bringt es immerhin auch schon auf stolze 48 Jahre, aber die beiden Niederländer sind fit wie 1970. Damals rollte der fabrikneue Motorwagen aus Eindhoven das erste Mal auf große Fahrt – mit dem jungen, tatenhungrigen Frans Slenders hinter dem Volant.

Damals ein Raumwunder

Mit einem Dreiachs-Anhänger im Schlepp ging es auf Tour. „Von Oktober bis Januar habe ich hier in Holland Zuckerrüben direkt am Feld geladen, so viel, wie eben auf die Pritschen passten“, berichtet der aufgeweckte Senior über seine ersten Monate mit dem damals topmodernen FA 2600. Den Rest des Jahres schleppten Slenders und sein DAF tonnenschwere Betonverkleidungen und Stahlteile durch die Lande. „Manchmal dauerte der Arbeitstag 22 Stunden und auf der Ladefläche lagen nicht selten bis zu 30 Tonnen“, erinnert sich Slenders an die wilden 70er. Lenk- und Ruhezeiten oder Gewichtskontrollen? Damals nicht wirklich ein Thema – zumindest, wenn alles gut ging. Was der Truck tragen konnte, war das Limit und Tour war Tour, ganz gleich, wie lang es dauerte, erklärt der 75-jährige Ex-Kraftfahrer die Arbeitsphilosophie der frühen 70er-Jahre. Immerhin saß er schon damals am Steuer einer Truck-Legende. Denn zu seinem Debüt auf der RAI Amsterdam 1962 stellte der DAF 2600 die versammelte Fernverkehrs-Konkurrenz in den Schatten. Mit seiner tiefen Gürtellinie und üppiger Verglasung bot das neue Großraumfahrerhaus nicht nur perfekte Übersicht, sondern auch ungeahnte Platzverhältnisse. Bis heute gilt der 2600 als Urvater der Großraumfahrerhäuser. Auch wenn man es sich heute kaum vorstellen mag: In der dynamisch nach vorne geneigten Hütte mit Hochdachansatz herrscht für damalige Verhältnisse geräumiger Platz. Zwei Schlafliegen schlängeln sich um die Sitze im
Küchenstuhlformat. Nur auf der Fahrerseite verfügt das Gestühl über eine hydraulische Federung. Beides war zu seiner Zeit keine Selbstverständlichkeit. Aber der Sechsundzwanzighunderter, wie die Holländer die klassische DAF-Typenbezeichnung deklinieren, konnte mit diesem Komfort-Plus aufwarten.

Der 11,6-Liter-Motor ist ständig präsent

„Damals“, erinnert sich Frans, während er den Motor vorglüht, „war diese Kabine somit die beste auf dem Markt!“ Wobei das Leben auf Langstrecke im DAF aus heutiger Sicht durchaus kurios erscheint. In den stahlgerahmten Schlafliegen halten Lederriemen die dünne Matratzenauflage. Klima, Standheizung und andere heute selbstverständliche Komfortextras waren vom 2600er so weit weg wie Oslo von Neapel. Dafür war der 11,6-Liter-Motor, der gerade grummelnd seine Arbeit aufnimmt, ständig präsent. Akustisch gibt der damals hochmoderne Sechszylinder ein deutliches Zeichen seiner Betriebsamkeit. Mit kernigem Dieselschlag rapportiert er seine Arbeitsfreude. Im Sommer heizte der Reihenmotor unter der nur spärlich gedämmten Motorkiste das Fahrerhaus zusätzlich auf. „Gegen Motorlärm und Hitze half eine über den Tunnel geworfene Decke“, erinnert sich Frans, „und im Winter war man dankbar für etwas Zusatzwärme!“ Standheizung gab es nicht, nachts froren die Fahrer mit dem Kühlwasser um die Wette.

50 Jahre vom DAF 2600 zum DAF XF 530

Die Klimatisierung des alten DAF ist simpel: Die schuhschachtelgroße Dachluke und alle Fenster auf, so streicht wenigstens der Fahrtwind durch die außen wie innen aus Stahlblech gefertigte Kabine. Während sich der Sechszylinder mit kleinen schwarzen Euro-0-Abgaswölkchen zur Ausfahrt warm läuft, riskiert Frans Slenders einen Ausflug in die Neuzeit. Als Sparringspartner für die beiden Transport-Senioren ist DAF-Demofahrer Niek Vervoort mit einem ganz besonderen Truck angetreten: der Nummer 001 der europaweit auf 250 Exemplare limitierten XF-Sonderserie zum 90-jährigen Firmengeburtstag. Heute reicht die Hochdachkante des rüstigen Zweiachsers seinem Jubiläums-Enkel XF 530 gerade mal bis knapp über die Scheibenwischer. Doch der Einstieg in das prestigeträchtige Topmodell gestaltet sich um Welten einfacher als der akrobatische Aufschwung in die historische Kabine. Statt Blech, Stahl und Bakelit-Schalterchen umschmeicheln im geräumigen Fahrerhaus mit Hochdach mild duftendes Leder in verschiedenen Brauntönen und hochwertige Materialien den komfortbestuhlten Arbeitsplatz. Wer aus dem 2600 ins XF-Cockpit wechselt, erlebt die Zeitreise durch 50 Jahre Lkw-Entwicklung auf beeindruckende Weise: Stehhöhe und Raumgefühl in der opulenten XF-Kabine erscheinen phänomenal.

Alle 5.000 Kilometer das Motoröl selbst wechseln

Frans Slenders kennt und schätzt die Vorzüge der hochwertigen Fernverkehrskabine durchaus. „Wenn ich ehrlich bin, so einen hätte ich heute auch lieber!“, schmunzelt der erfahrene Kollege. „Früher war das Lkw-Fahren um so viel härter“, sagt Slenders, während er auf dem Komfortsitz das Hightech-Equipment des XF inspiziert. „Wir fuhren ohne Telefon, aber dafür mit vier verschieden gefüllten Geldbörsen auf Europa-Tour. Samstags musstest du regelmäßig Lkw und Hänger mit der Fettpresse abschmieren und alle 5.000 Kilometer selber das Motoröl wechseln.“

Während ihn das LED-Display im XF mit dem traditionellen beflügelten DAF-Logo begrüßt, erklärt Frans die ganz persönliche Lovestory zwischen ihm und seinem 2600er. 1970 schaffte Slenders’ Chef den 2600 neu an und übergab ihn an seinen jungen Fahrer Frans. 10 Jahre und 100 Fernfahrten später wurde der DAF ausgemustert und Frans wechselte auf ein neues Modell. Sein treuer Weggefährte ging an einen Bauern in der Gegend, der damit Heu und Sporttauben transportierte. So blieb der alte Arbeitskamerad immer in Sichtweite, bis Slenders senior und sein ebenfalls Lkw-vernarrter Sohn Roland sich nicht länger zurückhalten konnten. 1996 kauften die beiden das stählerne Stück Familiengeschichte zurück. Die alte Liebe hatte damals aber durchaus Rost angesetzt, nach zwei Jahren intensiver Renovierung in der heimatlichen Garage stand der flotte 70er-Truck aber fast besser als neu auf den schmalen Reifen. Und jetzt wartet er mit geduldigem Standgasgrummeln auf seinen Fahrer, um endlich Fahrt aufzunehmen. Während der neue Jubiläumstruck in edlem „Jamaicablue“ mit einem Tastendruck am Schalter für das automatisierte Traxon-Getriebe startklar ist, verlangt der 2600er mehr Hingabe. Frans pumpt mehrmals am gehstocklangen Metallgestänge der Handbremse neben dem Fahrersitz. Erst wenn sich die Bremse mit einem Druckluftstöhnen löst, spannt er feinfühlig den ersten Gang des unsynchronisierten Getriebes vor. Dann zart die Kupplung kommen lassen und ein paar der 230 Pferdchen mobilisieren – schon legt sich der durchgängig zwillingsbereifte Hängerzug arbeitsam ins Zeug.

Der 2600er will fleißig geschaltet werden

Im Vergleich zum komfortfokussierten Arbeitsplatz im XF geht es im Cockpit des 2600 richtig zur Sache. Frans Slenders beherrscht das blitzschnelle Pedalspiel zwischen doppelt getretener Kupplung und kurzem Gasstoß mit der Souveränität eines Weltklasse-Organisten. Beim flinken Hochschalten durch die 12 verfügbaren Gänge knurrt und kratzt es kein einziges Mal aus der ZF-Box. Und der 2600er will fleißig geschaltet werden. Üppige Gangsprünge, wie es sich sein 530 PS starker Enkel erlaubt, kann sich der 2600 mit für heutige Verhältnisse schmalbrüstigen 825 Newtonmeter Drehmoment einfach nicht leisten. Er verlangt nach Drehzahlen, die allein akustisch, ohne Blick auf die Instrumente, ein klares Signal zum Gangwechsel setzen. Mit viel Schalt- und Pedalarbeit bringt Frans Slenders seinen alten Freund bemerkenswert schnell auf Tempo 80 – das im betagten Niederländer wie eine rasante Fahrt über das alte Landstraßenpflaster erscheint. Ganz einfühlsam mit zartem Druck auf das stehende Bremspedal und unter Verwendung der lautstark protestierenden Motorbremse bringt Frans den Hängerzug ebenso gekonnt wieder zur Räson. Die Hängerstreckbremse, die mit einem schweren Metallhebel an der Lenkradsäule aktiviert wird, bleibt heute ungenutzt. Damals, mit nicht ganz legalen 30 Tonnen Ladung und gerade mal 230 PS, waren selbst sanfte Anstiege noch eine echte Herausforderung für Fahrer und Fahrzeug. Der XF 530 wirkt dagegen unfassbar souverän: Mit seinem Predictive Cruise Control und üppig eingeschenkten 2600 Newtonmeter bügelt er jede Anhöhe ungerührt platt.

Vom Kühlergrill bis zum Kotflügel dominiert solides Blech

Bei allen kraftfahrerischen Anstrengungen während der Fahrt verwöhnt die Servolenkung des alten DAF mit damals ungekannter Leichtigkeit. Mit zwei Fingern und vielen Umdrehungen lässt sich am großen, bakelitschwarzen Lenkrad der Kurs des Hängerzuges kontrollieren. Einen Tempomaten habe er sich am meisten gewünscht, ruft Frans Slenders gegen den kernigen Schlag des 11,6-Liter-Motors an. Das unkomfortable, weil dauerhaft durchgestreckte Gasbein ersetzte der findige DAF-Liebhaber durch eine Reihe verschieden langer Holzstöcke, die – eingeklemmt zwischen Pedal und Armaturenbrett – als analoger Tempomat den Motor unter Dampf hielten.

Heute muss der DAF aber nicht mehr schwer arbeiten, sondern nur noch historisch schön sein und seine Geschichte erzählen: wieso die überschaubare Bordelektrik mit einem Dutzend Schmelzsicherungen über die Runden kam, das Innenbeleuchtungskonzept gerade mal aus einer kleinen Innenrundleuchte bestand und die einzeln zu schaltenden Scheibenwischermotoren servicefreundlich neben den küchenspritztütenähnlichen Luftdüsen saßen. Und warum man am ganzen 2600 nur eine Handvoll Kunststoffteile entdeckt. Damals dominierte solides Blech – vom Kühlergrill über das Cockpit bis zum Kotflügel. Nacktes Metall ist im Super-Space-Cab-Haus des hochgeschossenen Enkels nirgends zu entdecken. Während die Oldie-Mannschaft mit Hitze, Lärm und Schaltarbeit beschäftigt ist, gleitet das Lkw-Raumschiff scheinbar schwerelos über die Straße. Ein gedämpftes Wort reicht, um zu kommunizieren. Um Klimatisierung, Gangwahl, Fahrtempo bis hin zur Abstandskontrolle kümmert sich der „Truck of the Year 2018“ ganz alleine. Demofahrer Niek, 32, gibt nur noch den Kurs am Multifunktionslenkrad vor. Knapp 25 Liter Durchschnittsverbrauch signalisiert das Infodisplay bei der drehzahlreduzierten Fahrt im großen Gang. Sein Lkw-Opa 2600 nahm sich trotz 300 PS weniger Motorleistung gut und gerne 36 bis 40 Liter zur Brust. Dafür musste der alte Kämpfer auch richtig ranklotzen. Der Verbrauch war damals egal. „Man hat am Samstag vollgetankt und fertig“, weiß Frans noch genau. „Das hat niemand aufgeschrieben …“

Nach einer romantischen Fahrt über Alleen vorbei an alten Bauernhäusern zum Fotoklassiker an der Windmühle klingt das Gipfeltreffen der Truck-Elite aus. Der XF schaltet sich mit diskretem Leerlaufsäuseln nach kurzer Zeit automatisch ab. Sein kongenialer Ahne von 1970 will per Hebelzug dekomprimiert werden und macht mit seinem letzten, schmatzenden Auspuffseufzer verdient Feierabend. Ihre Fahrer Frans und Niek sind beide begeistert. Der eine vom ehrlichen Charme des stählernen Stars, der andere von der Hightech-Faszination des modernen preisgekrönten Nachkommen. Nach dem Rendezvous der Generationen kehren beide wieder zu ihren treuen Trucks zurück – alte Liebe rostet nicht, und die junge Liaison hat ganz genau so Bestand!

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