Abbiegeassistenten

Eine Frage des Geldes

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath
Meinung

Als grüner Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg unterstützt Winfried Hermann auch einen Feldversuch zur Erprobung von nachrüstbaren Abbiegeassistenten. Doch während der Fördertopf des Bundesverkehrsministers längst ausgebucht ist, sucht der VSL noch interessierte Transportunternehmer.

Ein Minister bringt in der Regel Glanz auf jede Messe. Nicht anders auf der NUFAM in Karlsruhe, die mit einem Besucherrekord von 26.000 Zuschauern letzten Sonntag endete. Deren Schirmherr, der grüne baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann, war natürlich ebenfalls zu Gast. Er debattierte zunächst mit Unternehmern und führenden Verbandsmitgliedern aus dem Südwesten Deutschlands, die sich gerade als BGL-Süd neu aufgestellt haben, am Stand der SVG unter anderem über grüne Logistik und die Zukunft des Kombinierten Verkehrs.

DEKRA ist Sicherheitspartner des Bundesverkehrsministeriums im Rahmen der "Aktion Abbiegeassistent"

Danach ging es beim geführten Messerundgang zunächst weiter zum Stand des DEKRA. DEKRA ist Sicherheitspartner des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) im Rahmen der "Aktion Abbiegeassistent". Dort informierte er sich bei Friedemann Bausch, Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH und Ralph Weickgenannt, Leiter DEKRA Niederlassung Karlsruhe, unter anderem über die DEKRA-Aufklärungskampagne zu Assistenzsystemen und die Gefahren des „Toten Winkels“ anlässlich der IAA 2018 in Hannover, die Begutachtung von Nachrüstsystemen bei Abbiegeassistenten für die Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) und die bundesweite Schul-Kampagne zum „Toten Winkel“ durch die Niederlassungen.

Karlsruhe geht auf Nummer Sicher

In dieser Hinsicht ist Karlsruhe der ideale Standort für die NUFAM. Denn laut einer Auswertung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) ist Karlsruhe die aktuell fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands. Und wie Ihr Oberbürgermeister, Dr. Frank Mentrup, auf der NUFAM mit Stolz berichtete, ist Karlsruhe seit Juli 2019 ebenfalls Sicherheitspartner des BMVI, denn das Amt für Abfallwirtschaft (AfA) investiert jährlich rund fünf Millionen Euro in die Modernisierung des eigenen Fuhrparks. Dies geht mit der Verpflichtung einher, noch vor dem verbindlichen Einführungsdatum auf EU-Ebene ab 2024 den eigenen Fuhrpark mit entsprechenden Abbiegesystemen nachzurüsten. Aktuell sind 13 städtische Fahrzeuge mit einem Abbiegeassistenten ausgestattet, davon acht Abfallsammelfahrzeuge, die seit 2018 im Einsatz sind, sowie fünf weitere Lkw des AfA und des Tiefbauamtes. Die Anschaffung von zehn weiteren Fahrzeugen dieser Art befindet sich derzeit in der Vorbereitung.

Bislang nur eine Million Euro abgerufen

Auch das Karlsruher Amt für Abfallwirtschaft nimmt damit am Förderprogramm des BMVI mit einem Gesamtvolumen von zehn Millionen Euro teil. Zu meinem großen Erstaunen teilte mir das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) nun vor der NUFAM auf Anfrage mit, dass Stand Ende September von den insgesamt 1.589 eingereichten Förderanträgen aus dem Förderprogramm „AAS“ (Abbiegeassistent) bisher lediglich 938.000 Euro mit insgesamt 206 Verwendungsnachweisen abgerechnet und ausbezahlt wurden. Das heißt: „Sämtliche zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel des Förderprogramms „AAS“ sind bereits gebunden. Da ein Unternehmen grundsätzlich auch mehrere Verwendungsnachweise, also maximal bis zu zehn Einzelmaßnahmen, einreichen kann, lässt sich die genaue Anzahl der entsprechenden Unternehmen nicht beziffern.“

Mit anderen Worten: Viele Unternehmen haben Anfang des Jahres, als noch nicht einmal feststand, welches nachrüstbare System überhaupt eine ABE erhalten wird, Anträge gestellt. Eine Frist, bis zu der das Geld abgerufen werden soll, gibt es laut BAG allerdings nicht. Andere Unternehmen, die jetzt, wo die ersten Systeme eine ABE haben, gerne investieren würden, gehen jedoch leer aus. Aufgestockt wird der Topf vorerst nicht mehr.

In Baden-Württemberg gibt es noch Geld

Vor ziemlich genau einem Jahr, am 1. Oktober 2018, gab Winfried Hermann bereits offiziell bekannt, dass sein Ministerium zusammen mit dem Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg e.V. (VSL) erstmals im Bundesgebiet einen Feldversuch mit 500 Lkw durchführen wird. Die Gesamtkosten des Feldversuchs belaufen sich auf rund 670.000 Euro. Das Stuttgarter Verkehrsministerium fördert das Projekt mit 500.000 Euro. Und so wurde auf der NUFAM im Demo-Park zunächst der beeindruckende Film „Rechtsabbiegeassistenten retten Leben“ vorgestellt, gedreht in Kooperation mit dem Steinbeis Transferzentrum Mobilität und Logistik aus Karlsruhe und mit einem Fahrzeug der Spedition Dischinger aus Ehrenkirchen. Der kleine grüne Daimler und zwei weitere Lkw, auch ein Scania der S-Baureihe einer Spedition, mit drei verschiedenen nachrüstbaren Systemen standen für die Demo auch bereit. Der Verein A.i.d.T. um den Lkw-Fahrer Udo Skoppeck hatte hier für die NUFAM die Demonstration mustergültig vorbereitet.

Der Zwischenbericht sieht zwei nachrüstbare Abbiegesysteme vorn

Ohne eine genaue Zahl zu nennen, sprach Andrea Marongiu, Geschäftsführer des VSL, vor der Ministerrunde seine Hoffnung aus, bis zum Endes des Jahres noch weitere fehlende freiwillige Teilnehmer für den Feldversuch mit bislang sieben Anbietern zu finden, um die Verkehrssicherheit schon während der Testphase zu fördern. Hier ist also im Gegensatz zum De-Minimis-Programm offenbar noch Geld da, um die finale Zahl von 500 Teilnehmern bis Jahresende zu erreichen. Zumal laut einem ersten Zwischenbericht bereits zwei Drittel der teilnehmenden Fahrer schon über eine „brenzliche Situation“ berichtet haben. Derzeit liegen die beiden System von Luis und Orlaco vorn.

Luis ist das erste System, das eine ABE erhalten hat, und das in meinem Film „Augen Blicke“ eine entscheidende Rolle spielt. Leider ohne Verkehrsminister Hermann, dafür aber mit dem kompletten Team der Darsteller und Andrea Marongiu als Gast, das als Randbemerkung, konnte ich ihn im Rahmen der FERNFAHRER Road Show erstmals öffentlich zeigen und noch einmal auf die gegenseitige Rücksichtnahme von Lkw- und Radfahrern aufmerksam machen.

Der Minister im Daimler Trainings-Truck

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch ein Verkehrsminister nicht zu jeder Zweit weiß, was er auf welchem Termin nun ganz genau macht. Dafür hat er seine Leute. Und so lag es natürlich auf den ersten Blick auf der Hand, dass Winfried Hermann vor den geladenen Gästen in einen weißen und eindrucksvollen Actros mit der Aufschrift „Trainings-Truck“ stieg, um von dort als Beifahrer vor laufender Kamera – im doppelten Wortsinne - zu beschreiben, wie sicher der radarbasierte Abbiegeassistent des Stuttgarter Konzern, der seine Lkw ja auf der anderen Rheinseite der Messe, in Wörth, baut, funktioniert. Doch in diesem Falle schaute Hermann mit voller Begeisterung auf das Display des neuen Sideguard-Assist, dessen Bild ja über die MirrorCams eingefangen wird. Und das neben der guten Optik, wie ich sie bereits beschrieben habe, den Fahrer ebenfalls akustisch warnt, wenn neben ihm ein Rad- oder Rollerfahrer im „Toten Winkel“ erscheint.

Dennoch: Streng genommen saß der Minister für den Zweck der Veranstaltung im falschen Truck. Denn just dieses System fällt nicht unter seine Förderung für den landesweiten Feldversuch. Das aufmunternde Lächeln des Ministers und den Gästen der Demo auf den Fotos kann Daimler nun für sich verbuchen. Aus Stuttgart heißt es dazu geradezu sybillinisch mit einem kleinen Schuss Marktdominanz: „Es geht um den Abbiegeassistenten und darum, dass Unfälle verhindert werden. Sicher ist der vollintegrierte Abbiegeassistent die bessere Lösung, aber eine Nachrüstlösung geht doch auch in die richtige Richtung. Hier sollten wir nicht unterscheiden. Hauptsache, es wird etwas getan...“

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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
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