Alles über Fernfahrerleben in Nordamerika
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Von Calgary nach Salinas: Mit dem Truck über die Grenze

Werner Stumreiter pendelt oft zwischen Kanada und den USA. Am Zoll gilt es dabei eine Menge Regeln und Papierkram zu beachten. Wie das funktioniert, erzählt er in seiner neuesten Geschichte. Aber auch über Land und Leute erfahren wir wieder viel – und über einen Boxkampf, der ziemlich in die Hose ging.

Meine Frau und ich gehören zur „Feuerwehrabteilung“ unserer Firma, aber manchmal brennts ja auch gar nicht, dann haben wir, wie ich es nenne, einen „Urlaubstrip“, das heißt genügend Zeit um auch ein wenig Sightseeing zu machen, unsere Vorräte im Supermarkt aufzufüllen oder auch nur, um mit dem Hund ausgiebig spazieren zu gehen.

Das bringt zwar weniger Umsatz, muss aber manchmal sein. Genau sowas hatte Phil diesmal im Angebot: Pommes für Sacramento. Also im Yard in Calgary einen leeren Trailer aufsatteln, auswaschen lassen, volltanken und ab zur Pommesbude.

Südwestlich von Calgary ist viel Platz für Kartoffeln

Südwestlich von Calgary, um die Stadt Taber herum, ist eine riesige Kartoffelgegend. Erfunden haben die Gebrüder McCain aus New Brunswick das Gefriertrocknungsverfahren für Kartoffeln. Angeblich jede dritte Fritte weltweit stammt heute von denen. Irgendwo in der endlosen Ebene sind wir bei einer dieser Fabriken der Hausspediteur. Es stehen immer genügend leere Trailer vor der Firma. Unser Shunter driver zieht die Trailer ans Dock, verwiegt die Ladung, besorgt die Frachtpapiere, und wir Long Haul Trucker bringen leere Trailer und ziehen die vollen Trailer vom Platz. Die ganze nordamerikanische Trucking-Industrie funktioniert im Wesentlichen so. Für mich ist das der wichtigste Grund, nur für große Firmen zu arbeiten. Kleinfirmen sind fast alle erstaunlich schlecht durchorganisiert.

Rita und ich haben Arbeitsteilung, ich bin für auf-/um- und absatteln, rangieren, wiegen, Technik und tanken zuständig. Rita macht den Papierkram. Und der ist gar nicht mal wenig. Ich hab bis jetzt nicht begriffen, was da alles geschrieben, getippt, getan und gemacht werden muss. Es gibt im Grenzverkehr zwischen Kanada und USA sehr viele verschiedene Verzollungsarten. Das ist aber alles das Problem unserer Dispatch. Nur in seltenen Fällen muss man das Büro einer Grenzspedition aufsuchen. Phil regelt alles für uns, sagt uns, wann die Verzollung durch ist und wir an die Grenze fahren können. Rita muss einen Sticker mit einem Barcode (wie im Supermarkt) auf die Rechnung kleben und an Phil faxen. An der Grenze liest der Zöllner den Barcode,  genau wie die Kassiererin an der Supermarktkasse, und sein Computer sagt ihm: verzollt! Oder auch: nicht verzollt! Dann kann es auch mal länger dauern.  Die Importverzollung ist eigentlich auch ganz einfach: Papiere an einen Customsbroker faxen. Aber: Mal funktioniert das Fax im Truckstop nicht, mal ist die Nummer falsch, mal sind nur die Hälfte der Papiere angekommen und so weiter. Also erst mal anrufen, ob die Fax-Nummer richtig ist, dann anrufen ob alles angekommen ist, dann anrufen, ob verzollt ist. Manchmal darf mal alles nochmal faxen, weil die Papiere nicht auffindbar sind. Nicht aufregen, wir sind in Amerika. Niemand regt sich wegen Kleinigkeiten auf. Alles harmlos im Vergleich zu dem, was ich früher an Europas Grenzen miterleben durfte.

In Sweetgrass geht es über die Grenze

Unsere Hausgrenze ist Sweetgrass/Montana. Der Grenzverlauf ist einfach nur ein schnurgerader Feldweg zwischen endlosen Getreidefeldern. Sweetgrass ist ein Nest, geduckt in einer Senke. Die Zollstation ist neugebaut, der Rest des Kaffs gleicht einer Geisterstadt.

Man braucht zum Verzollen nicht auszusteigen, sondern nur den Kühler abstellen und die Sonnenbrille abnehmen. Es gibt einen Truckschalter. Unter keinen Umständen sollte man mit lautem Zischen die Handbremse ziehen, sonst hat man verspielt. Die Wartezeit ist selten länger als 10 Minuten. Wir haben ein sehr nettes Verhältnis mit den Officers, etliche haben in Deutschland in der US-Army gedient.

An der Frontscheibe des Trucks ist ein Transponder montiert. Der die Daten des Fahrzeuges gespeichert hat. „Mr. and Mrs. Stumreiter“? meinte mal ein Officer noch bevor ich den Motor abgestellt hatte. Woher er denn das wüsste? Er schmunzelte nur und meinte, „ich könnte euch noch vielmehr über euch erzählen“! Datenschutz auf Amerikanisch.

Hund Lizzy ist Liebling der Grenzer

Mit unserem Hund sind wir inzwischen unverwechselbar. Er ist sozusagen unser Markenzeichen. Das ist gar nicht schlecht. Lizzy bekommt immer ein Stück Hundefutter, jeder Hund bekommt sowas vom Grenzer.  Man soll aber nicht glauben, dass man sich irgendwas erlauben kann nur weil man den Grenzer gut kennt. Die Jungs sind strickt und dulden keinen Widerspruch.

Es ist ratsam, sich mit den Leuten gut zu stellen. In Detroid/Windsor hatten wir mal eine echt brenzlige Situation. Wir kamen von der mexicanischen Grenze mit Broccoli aus Honduras – Durchgangsverzollung hiess das früher als Europa noch keine Zollunion war, Inbond  heisst das hier. Dazu muss man bei der Ausreise nach Kanada irgendwie hintenrum durch ein total vergammeltes Viertel auf den Zollhof von Detroit und sich einen Stempel holen.

Bevor ich mich in stockdunkler Nacht verfahre, dachte ich, steige ich lieber aus und frage nach. Das war ein Fehler. Man verfährt sich besser auf dem dunklen Zollhof, als auszusteigen. Die zwei Officer waren außer Rand und Band als ich da  aus dem Dunkel auftauchte. Wo ich den herkomme? Nach dem Weg ins Amtsgebäude wollte ich fragen. Schnell war klar, dass die beiden bei jemand der an der Grenze der USA aus dem Dunkeln auftaucht absolut keinen Spaß verstehen. Im Nu war ich von mindestens vier Fahrzeugen umringt. Die Jungs hatten die Hände in Gürtelhöhe. Die Situation war nicht mehr lustig. Ich sah mich schon in Handschellen im orangen Overall. Die Officer waren echt hektisch. Dann kam noch einer hinzu mit Rita im Arm. Sie hatte sich auf die Suche nach mir gemacht. Und der Homeland Security Mann hatte sie gefunden.  Dieser Typ schien der einzige Coole zu sein. Zum Schluss gab er meiner Frau den Rat, in solchen Fällen nie wieder die Hände in die Hosentasche zu stecken. Es könnte das letzte sein, was sie in ihrem Leben gemacht hat. Irgendwie versteh ich ja die Leute. Wahrscheinlich haben die mehr Angst als ich.

Zollbeamte in Amerika – manchmal knallhart, manchmal lustig

Aber es gibt auch lustige Erlebnisse mit den Officers. In Emerson/Manitoba gibts einen, der heisst Kautz. Als ich ihm erklärte, was ein „komischer Kautz“ in Deutschland ist, dachte er lange nach und meinte, das träfe genau auf seinen Vater zu.

Irgendwas zu schmuggeln ist nicht zu empfehlen. In den USA ist es grundsätzlich verboten Alkohol im Truck mitzuführen. Ein Kollege hatte mal Kopfwehpillen lose dabei. Der Grenzer hielt sie für Drogen, die mussten untersucht werden, das kann dauern. War nicht lustig, sagte der Kollege später. Und wenn du mal in deren Computer stehst ist es schwierig da wieder rauszukommen.

Mit Fleisch muss man zur Meat Inspection gleich um die Ecke vom Zoll. Etwa jede 10. Fleischladung wird ausgeladen und strengstens kontrolliert. Am Schalter gehts recht familiär zu. Man hat Zeit mit den Kollegen die neuesten Gerüchte auszutauschen.

Besser nachts die Grenze passieren

Wir versuchen immer, schon nachts die Grenze zu passieren, damit wir am Morgen unter den ersten vier sind. Es werden immer nur vier Fahrzeuge abgefertigt. Das Büro macht um acht Uhr auf. Ich hab da schon einen langen Spaziergang mit dem Hund hinter mir.

Sweetgrass ist unbedingt eine Reise wert. Das Kaff war früher mal eine richtige Miitärbasis – ein Grenzfort gegen die Kanadier. Die Amis müssen die Base irgendwann Hals über Kopf verlassen haben. Ob die Kanadier sie erschreckt hatten? Die Kanadier haben ja zwei Kriege, die von den USA angezettelt wurden, gewonnen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte ...

Jede Menge Militärfahrzeuge rotten vor sich hin, die Tribünen des unvermeidlichen Baseballstadions fallen allmählich in sich zusammen. Eine Autowerkstatt sieht so aus, als wäre der Mechaniker nur auf eine Zigarette raus gegangen, der Antiquitätenladen ist voller verstaubter Kuriositäten, ordentlich auf Tischen aufgereiht. Irgendwie eine Geisterstadt. Im Roccamora Hotel unten am Zollplatz, von dem die Buchstaben allmählich abfallen, gibts Kaffee. Die Kneipe sieht echt wüst aus, der Inhaber auch, als wäre er einer Rockergang davongelaufen. Der Kaffee ist fürchterlich, der Kerl aber sehr nett.

Aber heute haben wir kein Fleisch. Es dauert keine fünf Minuten und wir sind abgefertigt, der Hund hat sein Leckerli und wir sind in Montana.

Montana: Land ohne Mehrwertsteuer

Montana ist einfach toll, viel Gegend, einsame Highways, keine Mehrwertsteuer. Das erste größere Kaff heisst Shelby. Die 3.376 Einwohner leben von der Eisenbahn, vom Truckstop und vom neuen Gefängnis oben auf dem Hügel. Dieser Wind zersauste Prärieflecken hat eine interessante Geschichte. 1923 beschloss James W. “Body“ Jackson, Bankierssohn und Immobilienmakler aus  Shelby das ganz grosse Geld zu machen und Shelby zum Mittelpunkt der Boxwelt werden zu lassen.  Er lockte das Management von Boxweltmeister Jack Dempsey mit einer Börse von 300.000 Dollar, um in Shelby den Kampf gegen den unbekannten Herausforderer Tommy Gibbons  zu bestreiten.  Eine Arena für 42.000 Besucher wurde gebaut, Hotels und alles was man sonst benötigt um 40.000 Besucher aus ganz Amerika zu unterhalten.

Aber alles war dilettantisch organisiert und ging schief. Weil Body und die Gemeinde Schwierigkeiten hatten die restlichen 100.000 Dollar zu überweisen, drohte Dempsey mit Absage, und so wurden fast alle Vorverkaufskarten storniert. So waren denn am 4. Juli 1924 eine Handvoll zahlender Boxfans im riesigen Stadion. Aber da die Arena nur mit einem Stacheldraht eingezäunt war, gelang es 2.000 neugierigen Einheimischen das Stadion pünktlich zum Gong zur ersten Runde zu stürmen. Es soll ein ausgezeichneter Boxkampf gewesen sein, immerhin gelang es Thommy Gibbons bis zur 12 Runde durchzuhalten. Aber Shelby war pleite und vier Banken ebenso, darunter die von Bodys Vater.

Viele sagen, Amerika hat keine Geschichte, ich entdecke immer wieder solche witzigen Begebenheiten von der Besiedelung dieses Kontinents.

Bei Susan in Brady zahlt man mit Holzchips

Heute wollen wir bei Susan frühstücken, in Brady, einem öden Nest  etwa 30 km südlich. Wir haben da mal ein Wochenende gestanden. Kurz vor Brady war eines Samstagnachmittags ein Radlager am Auflieger heissgelaufen. Wir haben uns in Schrittgeschwindigkeit auf den Parkplatz vor Susans Bar gerettet. Mir graute vor einem langen Wochenende. Alle halbe Stunde fuhr ein alter Cadillac an der Bar vor und der Altbürgermeister, wie ich später erfuhr, kam mit einer Flasche Bier, verpackt in Packpapier wieder heraus. Sonst rührte sich nichts, gar nichts. So hatte ich mir in etwa das Ende der Welt vorgestellt.  Na immerhin, es gab Bier.
 
Es wurde ein schöner Abend. Bei Susan treffen sich am Samstag Nachbarn von weither zum Plausch und Umtrunk, und gestrandete kanadische Trucker sind „most welcome“. In der linken Ecke der Bar saßen zwei verschmitzt grinsende ältere Herren, ähnlich den beiden Alten auf dem Balkon der Muppet Show. Sie rollten erstmal zwei hölzerne Chips rüber.“Welcome Stranger“, willkommen Fremder!  In Susans Bar wird mit Chips bezahlt. Alles kostet einen Chip, oder zwei. Beim Eintritt in die Bar lässt man sich eine Anzahl von Chips geben, abgerechnet wird hinterher. Irgendwann lies ich mir auch Chips geben und wir spendierten uns alle hin und her. Der Sheriff trank auch mit, und Tommy ein Arbeiter an den Getreidesilos meinte, der Sheriff hier habe noch niemanden wegen Trunkenheit verhaftet, ganz im Gegenteil, er würde einem helfen, das Auto wieder flottzukriegen, wenn man im Graben gelandet sei. Was der Sheriff auch gerne bestätigte.

Es muss mal richtig viel los gewesen sein hier, Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber die Regenwolken schafften es immer seltener vom Pazifik über die Rockies, viele Siedler gaben wegen der Dürre auf. Nur der harte Kern ist noch da.

Untypisch für Amerika: Frischer Kaffee der schmeckt

Aber Susan hat heute zu und so geben wir Gas. Bis Sacramento sind es noch 1.900 Kilometer und wir haben 24 Stunden Zeit. Pünktlich um neun Uhr morgens sind wir am Ziel. Vier Trucks von unserer Firma sind vor mir da. Kein Problem, wir werden alle gleichzeitig eingelassen. Die freundliche Dame am Empfang hat extra frischen Kaffee gebrüht, der sogar schmeckt. Wir stellen die beladenen Trailer ab und suchen uns einen leeren Trailer. Um zehn sind wir wieder auf dem Highway zum nächsten Truckstop. Phil braucht etwas „Bedenkzeit“, dann schreibt er uns „fahrt mal Richtung Salinas!“

Salinas in Kalifornien nennt sich stolz die Salatschüssel Amerikas. An guten Tagen laden hier bis zu 4.000 Trucks Gemüse für ganz Nordamerika. Aber es sollte anders kommen. Das Mäusekino unseres Peterbilt teilte uns mit, dass unsere Harnstoffpumpe defekt sei und wir die nächste Vertragswerkstatt aufsuchen sollten. Es ist Donnerstagmorgen und die nächste Peterbilt Werkstatt ist gleich in der Nähe, in Tulare. Es ist eine Werkstatt vom Feinsten, alles neu, riesige Werkstatt in einem riesigen Industriegebiet, ansonsten nur Rebstöcke, soweit das Auge reicht.
 
Der Typ an der Reparaturannahme erklärt, sie seien leider ausgebucht. Nichts wirklich Neues in Amerika. Aber wann kann er uns drannehmen? Er blättert lange in seinen Unterlagen, stellt dumme Fragen und meint dann: Samstag gegen zehn? 48 Stunden in der Hitze Kaliforniens im Nowhereland ohne Internet und Verpflegung Däumchen drehen und schmoren? Ich entschied mich, die Firma nicht zu verständigen und einfach die 150 Kilometer weiter zu fahren bis Salinas. Da gibt es Hotels und so weiter. Hoffentlich stellt mich der Computer nicht ab. Einfach den Motor laufen lassen, damit er es sich nicht anders überlegt. Es ist ein komisches Gefühl, wenn du nicht weisst, schaffst du es bis Salinas oder brauchst du einen Abschlepper? Aber Adelheid, so nennen wir alle unsere Trucks, war gnädig und hielt durch bis zum Pilot Truckstop in Salinas. Gerettet!

Truckstops sind auch in einem anderen Beitrag von Werner Stumreiter das große Thema. In "Das große Geschäft mit den Highway-Königen" erzählt er uns alles über die nordamerikanischen Autohöfe.

Autor

Foto

Werner Stumreiter

Datum

13. August 2014
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