Crashanalyse, Lkw-Unfall, MAN 15 Bilder Zoom

Unfallaufnahme: Supercops klären die Schuldfrage

Schwere Lkw-Unfälle erfordern eine detaillierte Aufklärung - die Kölner Polizei hat dafür eigens ein Spezialistenteam auf die Beine gestellt.

Für die Häufung von schweren Lkw-Unfällen auf Autobahnen hat die Polizei eine simple Erklärung: Je mehr Verkehr es gibt und je mehr Baustellen sich als Hindernis in den Weg stellen, desto größer ist die Gefahr, dass es am Stauende kracht. Diesen traurigen Trend geben die neuen Zahlen der Polizei Köln für das erste Halbjahr 2011 wieder: Verkehrsunfälle (aller Teilnehmer) an Stauenden sind um 26,3 Prozent von 271 auf 342 gestiegen.

Der Einzugsbereich der Autobahnpolizei Köln umfasst rund 600 Kilometer. Vor allem der extrem belastete Kölner Ring macht weiterhin erhebliche Probleme. Einerseits, weil zu viele Lkw-Fahrer trotz regelmäßiger Videoüberwachung viel zu dicht auffahren, andererseits, weil noch lange kein Ende der Großbaustellen in Sicht ist. In der Lärmschutzeinhausung an der A  1 wird derzeit in der Weströhre das Glasdach eingesetzt, eine Spur ist gesperrt. Auf der A  3 soll nach der momentanen Verbreiterung auf acht Spuren das Kreuz Leverkusen zur A  1 modernisiert werden. Was die Verkehrsdirektion um Leiter Georg Dissen besonders beunruhigt: Die Anzahl der Verunglückten stieg bei Unfällen mit Lkw als Verursacher im Vergleich zu 2010 von 149 auf 180 um 20,8 Prozent.

15 Spezialisten kümmern sich um die Unfallaufnahme

Es sind meist die schweren Lkw-Unfälle, die für erschütternde Bilder in den Medien und für lange Vollsperrungen sorgen. Dann stellt sich die Frage, wer letzten Endes die Schuld trägt, wessen Versicherung eintreten muss. Deswegen hat die Kölner Polizei als erste in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 ein Team für eine qualifizierte Unfallaufnahme vor Ort vorgestellt. 15 Spezialisten halten sich bereit, um bei einem Unfall mit Toten oder Schwerverletzten mit ihrem Fahrzeug,  einem Sprinter, sofort zur Unfallstelle zu fahren. Im vergangenen Jahr waren es fast 300 Einsätze auf Autobahnen und im Stadtgebiet. Nichts hält die Beamten auf - auch der FERNFAHRER nicht. Am 15. September, mitten im Gespräch, musste Polizeihauptkommissar Oliver Fuchs, 48, mit dem Team ausrücken - auf der A  4 raste ein Lkw ins Stauende.

Im Heck des Sprinters sind die entscheidenden Gerätschaften verstaut: Ein Tachymeter, wie es auch Landschaftsvermesser einsetzen, sowie ein 5,50 Meter hoher Teleskopmast mit einer Spiegelreflexkamera für Aufnahmen von oben. Dazu eine CAD-Software zur Fertigung von Unfallskizzen, ein Lichtmast sowie ausreichend Material zur Absicherung einer Unfallstelle. Etwa 25.000 Euro kostet die Ausstattung. "Wir haben alles doppelt", erläutert Polizeihauptkommissar Achim Schulze-Schwanebrügger, 56, der Teamleiter, "bis auf den Lichtmast und den Sprinter." Der ist zu einem mobilen Büro umgebaut, mit einem Tisch für den Laptop und Zeugenvernehmungen direkt vor Ort.

Das VU-Team sammelt Sachbeweise

Hauptaufgabe des VU-Teams: der detaillierte Sachbeweis am Tatort, den dann später die Sachverständigen auswerten. So wie Mitte Mai auf der A  1. Am Nachmittag fuhr ein Sattelzug aus Norddeutschland nahe der Anschlussstelle Bocklemünd in ein Stauende. Die Wucht des Aufpralls schob vier Pkw über 30 Meter nach vorne und verformte sie zu einem wüsten Blechknäuel. Es gab zum Glück "nur" Schwerverletzte. "Die Unfallaufnahme vor Ort dauerte fast vier Stunden", erinnert sich Fuchs. "Erst um 21 Uhr konnte der Verkehr in Südrichtung wieder fließen."

Zum sogenannten Sachbeweis des dreiköpfigen Teams vor Ort gehören: die Fertigung von Fotografien von Spuren, Beschädigungen, der gesamten Örtlichkeit sowie die den Verkehr beeinflussenden Faktoren und besonders die Fahrzeug-Endstände. Dazu kommt das Herstellen von Übersichtsaufnahmen aus dem Polizeihubschrauber, Videoaufzeichnungen an der Unfallstelle, das Auslesen und Auswerten des digitalen oder analogen Kontrollgerätes, eine millimetergenaue Vermessung der gesamten Unfallstelle mit dem Tachymeter sowie die Produktion sogenannter Monobilder aus 5,5 Meter Höhe.

200 Fotos pro Unfall

Pro Unfall entstehen bis zu 200 Fotos aus allen möglichen Perspektiven. "Bei uns in der Dienststelle erfolgt die fotogrammetrische Auswertung der Monobilder und Fertigung einer verzerrungsfreien Gesamtdarstellung der Fahrbahnoberfläche der Unfallstelle", so Oliver Fuchs. "Daraus fertigen wir eine maßstabsgerechte Unfallskizze und stellen je nach Notwendigkeit auch den Unfallverlauf dar."

Der sieht hier leider zweifelsfrei den Lkw-Fahrer als alleinigen Verursacher: "Nach bisherigem Sachstand hatte der Lkw-Fahrer durch Unachtsamkeit das Stauende nicht oder zumindest deutlich zu spät erkannt", so Fuchs. "Nach seiner Aussage hatte er etwas in seiner Fahrerkabine gesucht, war abgelenkt und war somit nicht auf die Fahrertätigkeit konzentriert."

Hauptursache für Lkw-Unfälle: zu geringer Abstand

Die Unfallstatistik der Kölner Polizei sieht als Hauptunfallursache bei Lkw-Unfällen den zu geringen Abstand bei zu hoher Geschwindigkeit. "Gerade bei Unfällen am Stauende stellen wir immer öfter eine Unaufmerksamkeit des Fahrers fest", so Schulze-Schwanebrügger. Handy, Navigationsgerät, Bordcomputer oder der schnelle Blick zum Tacho fordern nach seiner Interpretation ihren Tribut. "Hinzu kommt die immer größere Monotonie am Steuer eines technisch immer besser ausgestatteten Lkw mit Tempomat und Automatik, der dem Fahrer beinahe jede Tätigkeit abnimmt. Nur Abstandstempomaten können für mehr Sicherheit sorgen, wenn der Fahrer nicht aufpasst."

Manchmal sind es ganz profane Dinge, die den Fahrer ablenken. Neben Zeitungen, Laptop, Frachtbriefen und Landkarten hat Polizeioberkommissar Hans-Joachim Diegel, 47, ebenfalls langjähriges Mitglied des Teams, immer wieder umgefallene Kaffeebecher gefunden. Einmal sogar einen noch heißen Gyrosteller neben dem Sitz. Tausendmal geht das gut, doch irgendwann kommt es dann zu einer Verkettung unglücklicher Umstände. Wie am 17. August auf der A  61 zwischen Kreuz Kerpen und Bergheim. Es bildete sich ein Stau, ein 7,5-Tonner hielt noch hinter einem Baustellenfahrzeug, ein anderer Lkw krachte rein. Ungebremst, wie der Fahrer des Sattelzug dahinter später als Zeuge aussagt. Er konnte seinen Zug rechtzeitig anhalten. Am Ende fordert der Crash das Leben zweier Lkw-Fahrer.

Diegel schließt nicht aus, dass der enorme Zeitdruck, den der digitale Tacho heute auf die Fahrer ausübt, auch eine Ursache sein könnte, dass ein Fahrer in einen Sekundenschlaf fällt - nur beweisen lässt sich das nicht. Der Unfallverursacher auf der A  61 kam aus der Region, der Tacho war sauber. "Bei keinem der von uns bislang aufgenommenen Lkw-Unfälle konnte eine Übermüdung der Fahrer ermittelt werden", so Diegel, "und freiwillig sagt natürlich kein Fahrer, dass er kurz eingeschlafen ist."

Autor

Foto

Jan Bergrath, VU-Team Köln

Datum

8. November 2011
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