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Foto: Jan Bergrath

Ladungssicherung

Verschärfung der Kontrollen

Nach einem Bremsmanöver landen 50 Stahlplatten aus einem rumänischen Sattelzug auf der A3. Auch um solche Unfälle in Zukunft zu verhindern, will der neue Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies die Lkw-Kontrollen der Autobahnpolizei ausweiten.

Das hätte viel schlimmer ausgehen können: Ein 24 Jahre alter Lkw-Fahrer aus Rumänien musste Ende November auf dem dicht befahrenen Teilstück der A 3 bei Köln-Dellbrück hart bremsen, um einen Auffahrunfall zu vermeiden. Dabei lösten sich 50 schwere Stahlplatten von seinem Auflieger  und knallten auf den Asphalt. Unvorstellbar, was hätte passieren können, wenn sich dort in diesem Moment ein Auto befunden hätte. Schnell gab es in den lokalen Medien Spekulationen um gefälschte Prüfsiegel der Spanngurte. Das bestätigte die Pressestelle der Polizei auf meine Nachfrage jedoch nicht. Augenscheinlich war die Ladung aber nicht ausreichend gesichert. Dieser Umstand brachte dem Fahrer lediglich eine Sicherheitsleistung von 100 Euro (das Bußgeld laut Katalog plus Gebühren) ein. Das ist die für diesen Fall laut Bußgeldkatalog höchstens mögliche Strafe.

Polizeipräsident kündigt mehr Kontrollen an


Vor allem die Beamten der Autobahnpolizei waren, auch aus Mangel an Personal, die vergangenen drei Jahre mit vielen anderen Aufgaben beschäftigt. Das ist nun anders geworden. Seit Mitte Januar hat die Kölner Polizei mit Jürgen Mathies einen neuen Präsidenten. Mathies leitete bislang das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD) in Duisburg, das unter anderem für die landesweite Koordinierung der Einsätze von Bereitschaftspolizei und Spezialeinheiten zuständig ist. Durch ihn, aber auch durch den neuen Leiter der Autobahnpolizei, Polizeidirektor Hermann Schiffer sowie Polizeihauptkommissar Johannes Holl, den neuen Leiter der Schwerlastkontrollgruppe der Autobahnpolizei, ist bei der Lkw-Kontrolle eine andere Philosophie erwachsen: "Wir hoffen nicht mehr, dass es hier immer weiter gut geht. Wir kontrollieren noch intensiver, damit nicht mehr passiert", lautet nun die Devise.


Bestes Beispiel für den Nutzen dieses Vorgehens war ein gefährlicher Beifang beim Tag der Verkehrssicherheit der Kölner Ordnungspartnerschaft: Ein Fahrer aus Polen war mit 24 Tonnen ungesichertem Leergut auf dem Weg von England nach Bayern. Die vergammelten Gurte baumelten schlaff von den Einsteckbrettern. Erst Anfang November hatte Mathies als aufmerksamer Gast und Zuhörer auf dem Fernfahrer-Stammtisch der Autobahnpolizei Köln auf der Raststätte Aachener Land Süd vor Fahrern und Unternehmern angekündigt: "Auch Lkw-Fahrer müssen in unserem Zuständigkeitsbereich wieder jederzeit mit einer Kontrolle rechnen."


Lkw sind häufig an Unfällen beteiligt


Was Mathies und seine Kontrollmannschaft besonders besorgt: Der durchschnittliche Anteil des Schwerlastverkehrs auf Autobahnen im Regierungsbezirk Köln beträgt knapp elf Prozent. Indes verursachte der Schwerlastverkehr von Januar bis September 2016 21,1 Prozent der tödlichen Unfälle und 16,9 Prozent der Unfälle mit Schwerverletzten. "In solche Fällen ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu schwerwiegenden Folgen mit Schwerverletzten und Getöteten kommt, deutlich höher, als bei der Verursachung durch andere Kraftfahrzeuge", sagt Mathies. Um gleich einem häufig gehörten Vorurteil entgegen zu wirken: Der Anteil der verursachenden Lkw bei diesen Unfällen liegt je zur Hälfte bei Fahrzeugen mit deutscher und ausländischer Zulassung. Das belegt zumindest für A 2 eine Studie aus Niedersachsen, die ich im Thema des Monats in FERNFAHRER 1/2017 veröffentlicht habe. Das neue Heft ist seit 5. Dezember im Handel.


Zusammenarbeit bei der Verkehrskontrolle


Die kooperative Verkehrskontrolle  der Kölner Ordnungspartnerschaft Mitte November im Verteilerkreis am Autobahnkreuz Köln-Süd ist daher im Sinne der neuen Konsequenz ein "Erfolgserlebnis" und zeigt, wie hoch die Dunkelziffer wohl ist. Insgesamt 27 Fahrzeuge wurden kontrolliert. Neun Lkw-Fahrer wurden angezeigt, da sie die erforderlichen Lenk- und Ruhezeiten überschritten hatten. Bei sechs Lastwagen war die Ladung nicht ausreichend gesichert, zwei Fahrzeuge waren überladen. Drei Lastwagen wurden zunächst stillgelegt. Sie durften erst weiterfahren, als die Mängel behoben waren.
In fünf weiteren Fällen brachten die Beamten Verstöße wegen technischer Mängel, der Benutzung von Mobiltelefonen, Überschreitung der zulässigen Fahrzeughöhe, Geschwindigkeitsüberschreitung und verbotswidrigem Überholen zur Anzeige. In drei Fällen wurde Gefahrgut nicht vorschriftsmäßig transportiert. "Die hohe Anzahl der Verstöße zeigt, dass wir die Kontrollen flächendeckend fortsetzen müssen", erklärte Polizeidirektor Hermann Schiffers. "Das werden wir tun und Verfehlungen weiterhin konsequent ahnden. Lkw, die nicht den Vorschriften entsprechen, werden wir aus dem Verkehr ziehen."


Besorgniserregende Statistik


In diesem Zusammenhang liefert das Bundesamt für Güterverkehr, der Kooperationspartner der letzten Großkontrolle, eine besorgniserregende Statistik zum Thema Kontrolle der Ladungssicherung: Insgesamt wurden 2015 auf den deutschen Autobahnen 83.341 Fahrzeuge vom BAG kontrolliert, davon 27.167 deutsche und 56.174 gebietsfremde Lkw. Das Ergebnis: Bei einer gesamten Quote von elf Prozent wurden 2.573 der deutschen Lkw beanstandet (9,5 Prozent) und 6.630 der gebietsfremden Lkw (11,8 Prozent).


Frage nach der richtigen Schulung


Seit September 2009 gehört auch die Ladungssicherung zum erforderlichen Kenntnisbereich der Berufskraftfahrer-Qualifikation. Mittlerweile geht die Modulschulung bereits in die zweite Runde. Doch in den sozialen Medien ist aus den Kreisen der Fahrer immer wieder zu hören, dass besonders die Kurse zum Thema Ladungssicherung kaum Lernerfolge erzielten, weil sie rein theoretisch absolviert werden können. Die Profis rufen daher immer lauter nach einer praxisorientierten Weiterbildung.


Zwar wird nun vor allem der Praxisteil der Modulschulungen durch das BAG gefördert, Prüfungen sind aber weiterhin nicht vorgesehen. Dafür soll nun ein neues Gesetz dem Missbrauch bei der Ausbildung vorbeugen. In der Vergangenheit konnten vor allem in Bayern die Kurse in Kneipen gekauft werden.


Gefälschte rumänische Führerscheine


Ob das auf einer EU-Vorgabe basierende Gesetz aber auch in den nachweislich von Korruption befallenen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien greift, wage ich zu bezweifeln. Das hat Folgen: Mittlerweile kommen laut einer anderen Statistik des BAG 13,5 Prozent (Stand 2015) der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fahrer der deutschen Transportunternehmen aus dem EU-Ausland. Das heißt: überwiegend aus Osteuropa. Gerade erst wurde bekannt, dass bei einer Spedition aus dem Raum Bamberg etwa 20 Fahrer aus Rumänien aufgeflogen sind, die alle dieselbe Nummer auf dem Führerschein eingetragen hatten. Praktisch einmal pro Woche bekomme ich Anrufe von Ausbildern oder Fahrlehrern, die mir von Mauscheleien mit osteuropäischen Führerscheinen berichten. Angeblich soll man in Rumänien also auch die für den Eintrag der Kennziffer "95" erforderlichen Bescheinigungen der Modulschulungen ohne große Mühe im Internet kaufen können. Wundern würde es mich nicht. Das würde auch erklären, warum manche Fahrer aus Osteuropa mit dem Thema Ladungssicherung offenbar überfordert sind.


Immer wieder gefälschte Bescheinigungen


Und was die angeblich gefälschten Etiketten der Sicherheitsgurte betrifft: Auch das halte ich für möglich. Noch einmal verweise ich in diesem Zusammenhang auf die Erkenntnisse der belgischen Polizei, die immer wieder gefälschte Dokumente der Lkw-Hauptuntersuchung bei ihren Kontrollen entdecken. Mittlerweile sind es nahezu 150 Betrugsfälle in zwei Jahren. Neulich war ein in Rumänien zugelassener Sattelzug einer Spedition aus dem Raum Nürnberg betroffen. Die Antwort auf meine Anfrage an das bayerische Innenministerium, ob die Polizei die Kontrollen verschärfen würde, lautete: "Im Rahmen der Kontrollen wird grundsätzlich auch die Gültigkeit der Hauptuntersuchung (HU) des Fahrzeugs überprüft. In der Regel erfolgt hierzu die Überprüfung der entsprechenden HU-Plakette auf dem amtlichen Kennzeichen. Eine Mitführpflicht bezüglich der schriftlichen HU-Bescheinigung existiert in Deutschland nicht. Daher wird diese vor Ort nur kontrolliert, wenn sich beispielsweise besondere Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit ergeben. Dies setzt wiederum voraus, dass die Bescheinigung tatsächlich im Fahrzeug mitgeführt wird."


Mein Wusch an den Polizeipräsidenten


Daher mein Wunsch an die Kölner Autobahnpolizei: Fast alle Fahrzeuge aus Osteuropa, die ohne eine gültige Hauptuntersuchung in Belgien aufgegriffen werden, fahren vorher über die A 4 und somit an Köln vorbei. Vielleicht können Sie, lieber Herr Mathies, im Zuge einer grenzübergreifenden, kooperativen Kontrolle bereits auf deutschem Gebiet einige der rollenden Zeitbomben mit gefälschter HU-Bescheinigungen aus dem Verkehr ziehen. Die nötigen Bescheinigungen haben die Fahrer nämlich auf Grund eines königlichen Erlasses des Nachbarlandes auf dem Weg nach Belgien dabei.


Die schiere Masse des Verkehrs


Was den Erfolg selbst von drastisch verschärften Kontrollen angeht, bin ich allerdings skeptisch. Das liegt an der schieren Masse des Verkehrs auf deutschen Autobahnen. Nach einer Schätzung sind hier pro Tag bis zu 800.000 Lkw aus dem In-und Ausland (40 % Marktanteil laut Mautstatistik) unterwegs. Das BAG und die Polizei der Bundesländer kontrollieren dagegen nur rund 800.000 Lkw im Jahr. Die Chance, dass sich so ein Unfall wie auf der A 3 wiederholt, ist damit wahrscheinlicher, als das so ein Lkw vorher aus dem Verkehr gezogen wird.

Datum

6. Dezember 2016
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