Niedrigwasser bremst Binnenschifffahrt
Regen bringt Segen, so könnte man das Sprichwort ummünzen: Das Niedrigwasser als Folge der langen Dürreperiode hat Politik und Gesellschaft gezeigt, wie wichtig das Thema Logistikkapazitäten ist. Die Politik hat entsprechend reagiert.
Graue Steinwüste statt grünes Flussufer - von Juli bis Mitte August machten solche Motive in den Medien sowie auf Social Media die Runde: Anhaltend trocken-heißes Wetter hatte die Wasserstände an den Bundeswasserstraßen reduziert; an Rhein, Donau und Elbe, wo bereits zuvor niedrigste bekannte Wasserstände (NNW) unterschritten wurden, sanken Anfang August die Pegelstände dann um weitere Zentimeter. Laut dem Bundesamt für Gewässer (BfG) wurden auch an Weser, Ems und Oder extrem niedrige Pegelstände beobachtet. Die extremen Niedrigwasserbereiche wurden durch etwas ausgedehntere Regenfälle inzwischen vielerorts verlassen, laut dem BfG ist eine nachhaltige Erholung der Niedrigwassersituation damit aber noch nicht in Sicht.
Bund stellt Geld für Binnenschiffe bereit
Immerhin: die Politik hat reagiert. Für den Aufbau grüner Binnenschifffahrtskorridore stellt der Bund zunächst bis zu 70 Millionen Euro bereit, gleichzeitig machte das Bundesministerium für Verkehr (BMV) 14 Millionen Euro für klimafreundliche Binnenschiffe locker – Antragsfrist für die Förderung ist vom 1. September bis 19. Oktober (siehe auch trans aktuell 16/2026). Transporte sollten statt über die Wasserstraßen per Bahn und auch per Lkw stattfinden, dafür wurde in manchen Bundesländern das Sonntags- und Ferienfahrverbot ausgesetzt.
Kombiverkehr baut Zugangebot aus
Nägel mit Köpfen machte gleich der Operateur im Kombinierten Verkehr Kombiverkehr: Für Transporte, die bislang auf dem Rhein mit dem Binnenschiff durchgeführt wurden, erweiterte das Frankfurter Unternehmen das Angebot bei verschiedenen Zugverbindungen im Kombiverkehr-Netz mit insgesamt 46 wöchentlichen Rundläufen und innerdeutschen Weiterleitungen. Dazu gehören die Relationen Antwerpen–Duisburg, Antwerpen–Ludwigshafen, Duisburg–Ludwigshafen, Köln–Ludwigshafen, Köln–Basel, Rotterdam–Duisburg, Rotterdam–Köln, Rotterdam–Ludwigshafen und Rotterdam–Basel.
Bahn übernimmt Transporte vom Rhein
"Auf den genannten Verbindungen stehen dem Markt somit Gesamtkapazitäten von rund 2.000 TEU zur Verfügung, die kurzfristig für eine Verlagerung von der Wasserstraße auf die Schiene genutzt werden können", so ein Sprecher. "Anfang September werden wir die Beförderungsmengen auf der Relation Köln–Basel und zurück um zwei Drittel des heutigen transportierbaren Volumens, also um weitere 400 TEU, erhöhen. Bei Bedarf erhöhen wir Abfahrtsfrequenzen auf jeder der genannten Relationen", teilte Geschäftsführer Dirk Steffes mit.
Zusätzliche Züge für die Industrie
Direkt für die Rohstoffversorgung der Industrie bot auch Captrain seine Unterstützung bei der Verlagerung von Transporten auf die Schiene an. Ab Anfang August wurden etwa drei bis vier zusätzliche wöchentliche Umläufe zwischen Wilhelmshaven und dem Ruhrgebiet eingeführt sowie eine bestehende Verbindung zwischen Wilhelmshaven und dem Ruhrgebiet durch die Erhöhung der Anzahl der Wagengruppen sowie der Zahl der Wagen pro Gruppe erweitert. Auch der Kokstransport zwischen Deutschland und Frankreich ist demnach von wöchentlich vier auf fünf Umläufe erweitert worden. Und auch RheinCargo brachte für die Rohstoffversorgung der Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg nach eigenen Angaben zusätzliche Bahnverkehre auf die Schiene, als Ergänzung der Eisenerz- und Kohle-Transportleistungen der Schwestergesellschaft HGK Dry Shipping auf der Wasserstraße. Die Zusatzleistung besteht zunächst bis Ende September und beinhaltet drei Güterzug-Rundläufe pro Woche zwischen Rotterdam und Duisburg.
Lkw können Engpässe nicht einfach auffangen
Durch die stark eingeschränkten Transportmöglichkeiten der Binnenschifffahrt rückte zudem auch der Straßengüterverkehr in den Fokus. "Der Straßengüterverkehr kann helfen – zusätzliche Kapazitäten gibt es aber nicht auf Knopfdruck", warnte aber der Verband MOLO – Mobilität & Logistik Rheinland-Pfalz. "Wir dürfen uns nichts vormachen: Zusätzliche Lkw-Kapazitäten entstehen nicht auf Zuruf. Vor allem fehlen uns seit Jahren die Fahrer. Und ein Lkw, für den kein Fahrer zur Verfügung steht, hilft uns auch in einer solchen Situation nicht weiter", sagte MOLO-Geschäftsführer Guido Borning.
Gerade während der Ferien- und Urlaubszeit seien Personal und Fahrzeuge vielerorts ohnehin stark gebunden. Hinzu kommen die gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten, die selbstverständlich weiterhin einzuhalten sind. Heiko Nagel, ebenfalls MOLO-Geschäftsführer, verwies auf die praktische Situation in den Betrieben: "Unsere Unternehmen disponieren ihre Fahrzeuge und ihr Personal nicht mit großen Reserven für den Fall, dass kurzfristig zusätzliche Mengen auf die Straße kommen. Die vorhandenen Kapazitäten sind weitgehend im Tagesgeschäft gebunden."
Auch der Bundesverband für Eigenlogistik & Verlader (BWVL) warnte davor, die Möglichkeiten einer kurzfristigen Verlagerung auf Straße und Schiene zu überschätzen. Binnenschiffskapazitäten ließen sich nur eingeschränkt auf andere Verkehrsträger verlagern. Das gelte insbesondere für Massengüter, deren Mengen nicht kurzfristig durch Lkw oder Bahn ersetzt werden können; bei Großraum-, Schwer- und Gefahrguttransporten kommen infrastrukturelle und regulatorische Grenzen hinzu.
Branche fordert 44-Tonnen-Positivnetz
Die Lockerung des Sonntags- und Ferienfahrverbots begrüßt der Verband ausdrücklich. Als weitere Maßnahme schlägt der BWVL vor, Fahrzeuge mit bis zu 44 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht befristet auf einem definierten Positivstreckennetz zuzulassen, also auf Strecken, deren Infrastruktur und insbesondere deren Brücken für entsprechende Belastungen geeignet sind. Die bestehenden Achslastgrenzen sollen unverändert bleiben. "Bei gewichtssensiblen Gütern könnten dadurch mit den vorhandenen Fahrzeugen größere Mengen transportiert beziehungsweise die Zahl notwendiger Fahrten reduziert werden. Das würde zugleich helfen, knappe Fahrzeug- und Personalkapazitäten effizienter einzusetzen", so der BWVL.
Resilienz braucht vorbereitete Lösungen
Auch im Vorfeld der letzten Bundestagswahl habe der BWVL ein 44-Tonnen-Positivnetz auf geeigneter Infrastruktur gefordert. "Die aktuelle Situation zeigt, welchen Wert es hätte, wenn ein solches Netz heute bereits zur Verfügung stünde. Wir könnten auf vorab geprüfte Strecken zurückgreifen, anstatt die Voraussetzungen erst unter dem Druck einer Krisensituation schaffen zu müssen. Resilienz bedeutet auch, Instrumente vorzubereiten, bevor man sie braucht", sagt BWVL-Hauptgeschäftsführer Markus Olligschläger.
Eigenlogistik stärkt Lieferketten
Um einen Informationsengpass zu verhindern, soll zudem das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) als zentrale Informations- und Koordinierungsstelle eingebunden werden, meint der Verband. Gleichzeitig zeige die aktuelle Situation, welche Bedeutung eigene Transportkapazitäten für die Resilienz von Lieferketten haben können. Unternehmen mit eigenen Fahrzeugen, eigenem Fahrpersonal und eigenen logistischen Strukturen sind nicht ausschließlich auf kurzfristig verfügbare Kapazitäten am Transportmarkt angewiesen. "Eigenlogistik ist ein wichtiger Baustein resilienter Lieferketten. Eigene Kapazitäten können Unternehmen dabei helfen, ihre Versorgung zumindest teilweise selbst abzusichern, wenn am Markt kaum noch zusätzliche Transportkapazitäten verfügbar sind", so Olligschläger.





