Auf Tour mit dem eActros 600: Elektrisch im Fernverkehr? Aber sicher!

Auf Tour mit dem eActros 600
Elektrisch im Fernverkehr? Aber sicher!

Wörth am Rhein, Paris, Brüssel – wir haben uns am Steuer des Mercedes eActros 600 Safety-Truck einmal quer durch Westeuropa gewagt. Auf der Tour mit Ladeanbieter Milence zeigte sich dabei: Die wahren Herausforderungen haben wenig mit dem Elektro-Antrieb zu tun.

Milence eActros Tour 2026
Foto: Julian Hoffmann

Die Abfahrtskontrolle wird im eActros für uns noch um einen Punkt ergänzt: die Reichweiten-Kartoffel. Auf diesen schönen Namen haben die Testingenieure von Daimler Truck die Visualisierung des Aktionsradius auf der Navigationskarte in ihrem Elektro-Flaggschiff getauft – und dabei voll ins Lilane getroffen. Dieser lila eingefärbte Bereich auf der Karte hat nämlich tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Erdapfel, weil die Software nicht einfach nur einen Kreis auf Basis des Batterieladestands zieht um den Standort des Lkw, sondern auch die Topographie miteinberechnet.

Immer im Bild mit der Reichweiten-Kartoffel

Wo es runtergeht, ist der Aktionsradius größer. Und wo Steigungen erklommen werden müssen, schrumpft er zusammen wie eine alte Kartoffel. Im Falle des eActros mit seinen quer unter dem Rahmen liegenden 600-kWh-LFP-Akkus ist er aber, frisch abgestöpselt von der Ladesäule, immer erfreulich weit. So auch an dem Morgen in Wörth am Rhein, an dem wir uns aufmachen vom Entwicklungs- und Versuchszentrum von Daimler Truck über Nancy in Richtung des Milence-Ladeparks Saint-Witz vor den Toren von Paris.

Gute 560 Kilometer liegen damit vor uns – und gerade die Schlussetappe ist dank eines kleinen Auswuchses besagter Reichweiten-Kartoffel sogar noch drin. Nur: Wer will das schon ausreizen mit einem ausgewachsenen Sattelzug? Und warum auch, ohne Not? Wir müssen zwischendurch eh zur obligatorischen 45-Minuten-Pause stoppen, das können wir auch gleich mit einem Ladezwischenstopp verbinden. Unser Halt der Wahl: der Milence-Ladepark in Gondreville – der schaut im Netz nach angenehm wenig Rangierarbeit aus und passt zum Thema, fahren wir den eActros doch für eine Milence Promo-Tour in die französische Hauptstadt.

Der eActros ist ein Nichtraucher-Lkw – trotz Raucherpaket

Keine halbe Stunde am Steuer, schon passieren wir den weitgehend verwaisten Grenzübergang nach Frankreich und erfreuen uns an den landestypischen Autobahnen. Kein Stress, kein Stau. Nur wir, der Asphalt und die übliche E-Lkw-Stille in der voluminösen Gigaspace-Hütte – so dürfte der Alltag gern häufiger ausschauen. Auch wenn der eActros Safety-Truck plötzlich auf überraschende Weise unsere Gesundheit in den Fokus rückt: Ausgerechnet beim Anstecken einer Zigarette nämlich meldet sich der Aufmerksamkeitsassistent – und zwar mit dem Symbol einer durchgestrichenen Kippe auf dem Kombiinstrument. Die Infrarotkamera, die den Lidschlag und die Blickrichtung checkt, kann also auch die typischen Bewegungen beim Anzünden einer Zigarette erkennen und zeigt sich wenig begeistert.

Wir nehmen es mit Humor! Der Mercedes meint‘s ja nur gut. Nur verleitet der eActros gewissermaßen sogar dazu, die eigentliche Fahrerei locker zu nehmen, arbeiten der PPC-Tempomat und die Navigation doch so harmonisch zusammen, dass man beispielsweise durch Autobahnkreuze segeln kann, ohne vor oder nach der Kurve die Geschwindigkeit regeln zu müssen. Unser auf 31,2 Tonnen ausgeladener Testzug weiß selbst, wie sehr er für die nächste Kurve verzögern sollte und auf welche Geschwindigkeit er danach wieder beschleunigt.

Das Engelchen schreit: Spinnst du? Reichweite!

Da können wir uns also der Beurteilung des E-Antriebs widmen, der einmal mehr ernsthaft Spaß macht: Wenn es über leichte bis mäßige Steigungen ganz ohne Geschwindigkeitsverluste geht und nur eine Mini-Rückschaltung vom vierten in den dritten Gang die Zugkraft unterbricht – das hat was. Gerade im Power-Modus mit durchgetretenem "Strompedal". Dann nämlich gibt der eActros seine vollen 816 PS frei und zieht fröhlich durch, während er im Eco-Modus mit gesetztem Tempomat gefühlt auf dem Niveau eines 480er oder 510er Actros performt.

"Spinnst du? Reichweite!", schreit einen bei besagter sportlicher Fahrweise nur das eigene Kontrollfreak-Engelchen auf der linken Schulter ins Ohr. Entspann dich! Auch in einer Power-Steigung frisst die Anzeige nicht wie ein Countdown die Kilometer im Sekundentakt. Die Akkus packen das, böse Überraschungen bleiben auf unserer Tour aus und der Puffer ist eh üppig bemessen. Die im politischen Kontext so oft bemühte Planungssicherheit, an Bord des eActros ist sie zu greifen. Eine Wohltat, gerade in Zeiten, in denen der Wechsel auf den E-Lkw noch nicht locker von der Hand geht.

Der erste Stopp: Volle Leistung an der Ladesäule

Was schade ist. Denn hat man erstmal einen E-Lkw auf dem Hof und die passende Ladesäule in Betrieb, läuft‘s. Wie bei unserem Stopp nach 230 Kilometern in Gondreville. Hier erwartet uns der erste Milence-Ladepark der Tour, frisch aus dem Boden gestampft und mit einem weiten Bogen über die Zufahrt problemlos zu erreichen. Vor dem Tor drücken wir auf die Ruftaste, erbitten Einlass und rollen an die äußerste der vier freien 400-kW-Stationen. Ladekarte drangehalten, den Knopf für den richtigen "Zapfhahn" ausgewählt, den Stecker in den Anschluss gedrückt und zack – der Strom fließt. Innerhalb von Sekunden baut sich die Ladeleistung auf, bis sie bei 399 kW verharrt und durchzieht bis zu einem Batteriestand von über 90 Prozent. Erst dann regelt sie wieder runter, schafft in unserem Fall die 100 Prozent aber trotzdem innerhalb der 45-Minuten-Pause, weil die Akkus schon zu Beginn der Zwischenmahlzeit noch mehr als halbvoll waren.

Die Regeneration der Energiespeicher des eActros ist aber nur die halbe Miete. Wir tanken auch auf, mit Wasser, Wurst und Weichkäse. Und leeren unsere Blase für sage und schreibe 10 Cent in den sich selbst reinigenden WC-Boxen des Milence-Geländes, in denen man sich wirklich wohlfühlen kann. Eine Wohltat! Und ein unerwarteter Pluspunkt für Milence und den E-Lkw.

Früher war alles besser? Mit dem Dampfwagen nicht unbedingt.

Weiter geht‘s: Wir wechseln auf die N4 und später die N44, bahnen uns unseren Weg über sanfte Hügel, vorbei an Rapsfeldern und der Geburtsstadt des vielleicht ersten Automobilisten überhaupt, der weder auf Verbrenner-, noch auf E-Motoren setzte: Nicholas Cugnot aus Void nämlich entwurf 1769 stattdessen einen Dampfwagen.

Zurück in der Moderne fahren wir unter der Start- und Landebahn des Flughafens Charles-de-Gaulle im Nordosten von Paris zu unserem Tagesziel: dem Milence-Ladepark in Saint-Witz. Wieder stehen noch über 200 Kilometer Restreichweite auf der Uhr, wieder lädt der eActros zuverlässig mit 400 kW.

Das Milence-Netzwerk: Gar nicht übel

Zeit für ein Gespräch mit Anja van Niersen, der CEO von Milence, die wir hier treffen. Sie gibt sich zuversichtlich: "2026 werden wir einen Hochlauf sehen bei den E-Lkw, auch wegen der volatilen Dieselpreise." Aber: Ohne Ladeinfrastruktur gehe gar nichts. Und daher ist sie mit Milence auch in Vorleistung gegangen. 34 Ladeparks in acht Ländern umfasst das Netzwerk inzwischen, zuletzt ist am wichtigen Lohfeldener Rüssel bei Kassel eine neue Station eröffnet worden.

So viele Sorgen darum, dass man keine Ladesäule für seinen E-Lkw findet, muss man sich aktuell also wirklich nicht mehr machen. Das haben auch wir schon erleben dürfen auf unseren vielen E-Lkw-Fahrten. Mit etwas Planung ist zumindest Westeuropa gut zu befahren. Was auch unser Gespräch mit Anders Larsen gut aufzeigt, einem eActros-Fahrer für Dania Connect aus Dänemark, den wir zufällig in Saint-Witz treffen.

Der E-Antrieb? Für Fahrer Anders kein Thema.

Anders fährt Container vom Norden Dänemarks bis Zentralfrankreich, gut 100.000 Kilometer hat er mit seinem E-Mercedes bereits abgespult. Was also sagt er zum Thema? "Der eActros ist vielleicht der beste Lkw, den ich je hatte. Eigentlich bin ich ein Volvo-Fan, aber das Bett im Mercedes ist klasse und der gleichmäßig kühlende Kühlschrank gefällt mir auch sehr gut", erzählt er – zu unserer Verwunderung, wollten wir doch von seinen Erfahrungen mit dem E-Antrieb hören. Wir fragen also konkreter nach. Probleme mit der Technik? Nein, die hatte er noch nicht. Sorgen um die Ladeinfrastruktur, Reichweitenangst? Nein, die kenne er nicht. Die Stationen zwischen Dänemark und Frankreich habe er im Kopf. In Schwierigkeiten sei er noch nie gekommen. Er merke nur, dass mehr und mehr E-Lkw dazukommen und die Auslastung steige – da müsse der Ausbau der Ladeinfrastruktur mitziehen.

Kurzum: Die Elektrifizierung ist für Anders gar nicht wirklich ein Thema. Und genau das ist für den Antriebswandel das größte Kompliment. Und ein Stück weit ist das auch das Fazit, das wir nach unserer zweiten Etappe von Paris über Gent nach Brüssel ziehen.

Fazit: Der wahre Stress? Die üblichen Alltagssituationen.

Die Ladeparks – ja, die fahren wir eben an, wie es gerade passt. Und sie funktionieren. Der wahre Stress steckt vielmehr in Alltagssituationen. Morgens für Fotofahrten in die Pariser Innenstadt – das ist Wahnsinn, auch ohne Auflieger. Die engen Zufahrten zu den Ladeparks in Saint-Witz und am Volvo Trucks-Werk in Gent – die erfordern Geschick. Das Gezuckel durch Brüssel, mit einem Pulk von Radfahrern – da wird uns selbst mit Abbiegeassi angst und bange.

Aber das elektrische Fahren und Laden? Das war von Wörth über Paris nach Brüssel keine wirkliche Herausforderung mehr.