Lkw-Fahren in den 80ern

Die gute alte Zeit

Karel Sefrna Foto: Karel Sefrna
Meinung

Viele ältere deutsche Lkw-Fahrer schwärmen von der großen Freiheit der 80er Jahre, vor allem im internationalen Fernverkehr. Fast täglich werden Fotos aus dieser Zeit auf Facebook gepostet und geliked. Doch wie gut war diese alte Zeit wirklich?

Das Bild mit dem vierachsigen Gliederzug zeigt mich Ende der 80er Jahre an der irischen Westküste, irgendwo bei Galway. Ich war etwa 30 Jahre alt und mochte schon damals irische Kappen als Kopfbedeckung, habe noch Pfeife geraucht und trug während der Fahrt Sandalen, bevor ich kurz danach auf echte holländische Clogs mit Fellbezug umstieg, auch wenn ich mir damit beim Eintritt ins Zollgebäude in Dover regelmäßig den Kopf angestoßen habe. Wenn ich mich recht erinnere, sollte ich am nächsten Tag bei Thermo King eine komplette Ladung Kühlaggregate für Deutschland abholen. Es blieb am Vortag noch genug Zeit für einen kleinen Abstecher an die wilde irische Küste.

Ich studierte zu dieser Zeit in Köln immer noch Englisch und Geographie, damals war das noch ohne Regelstudienzeit möglich, ich war mit meinem 1979 umgeschriebenen Lkw-Führerschein von der Bundeswehr (15 Monate Wehrdienst) zuerst für die Spedition Emons mit Wechselbrücken im Kombinierten Verkehr im Raum Köln unterwegs, dann habe ich für die Kölner Fruchthansa mit weißen Gliederzügen aus Italien und Spanien Obst und Gemüse zum Großmarkt geholt, belieferte bald jeden Sonntag mit Braunkohlenstaub im „Bananensilo“ für Freund aus Frechen Zementwerke, bis ich schließlich an einer Ladestelle in Troisdorf meinen damaligen „Traumjob“ im Irland-Verkehr gefunden habe. Zuerst ab 1981 für Waldor aus Krefeld, zwei Jahre später für Brabender aus Neuss.

Einstieg in den Journalismus

Es war die Zeit der 80er Jahre, als ich mit Begeisterung die heutige Kultserie „Auf Achse“ gesehen habe, das große Versprechen von Freiheit und Abenteuer im Lkw, in deren Folge „In der Höhle des Löwen“ ich dann Anfang der 90er Jahre sogar mitspielen durfte (inklusive der vorherigen richtigen Tour mit Kugellagern aus Schweinfurt in einem grünen Scania mit CAG-Getriebe in die Türkei), und es war die Zeit, als es in Deutschland noch drei Fachmagazine für Lkw-Fahrer gab, den FERNFAHRER, den TRUCKER und TRUCK LIFE. Sie waren voll mit allerlei Abenteuerreportagen aus dem internationalen Fernverkehr. Das kann ich auch, dachte ich mir.

Und so lag es auf der Hand, dass ich 1988 allen drei Magazinen eine Reportage über meine eigenen Touren nach Irland anbot, bei denen ich unter anderem mit einem anderen Gliederzug der Spedition Barbender, halb Kühler, halb Plane, gekühlte Schwangerschaftstests aus dem katholischen Irland ebenfalls nach Deutschland geholt hatte. Kürzlich habe ich meine allererste Reportage überhaupt, für die sich damals TRUCK Life zuerst entschieden hatte, noch einmal mit großer Freude und, ja, etwas Wehmut selbst gelesen.

Ich gebe es gern zu: es war für mich und ganz besonders auf diesen Touren nach Irland und Schottland trotz Grenzen und Zoll und gelegentlich verpassten Fähren in der Tat so etwas wie die große Freiheit, ich konnte Land und Leute entdecken. Wenn auch, zugegeben, immer nur im Sommer (in der Zwischenzeit hatte ich ja noch die beiden anderen Jobs). Dafür bald zehn Jahre lang. TRUCK LIFE gab mir seinerzeit eine Kamera mit und zehn Filme. Ich hielt einfach alles fest, was sich als mögliches Motiv anbot, auf jeder alten Brücke ließ ich den Lkw stehen und machte Fotos. Heute undenkbar.

Da das Magazin TRUCK Life Ende der 80er eingestellt wurde und ich zwischenzeitlich vom FERNFAHRER und dessen damaligem Chefredakteur Udo Wüst auf Grund dieser Reportage über Irland „entdeckt“ wurde, haben wir uns nun entschlossen, diese umfangreiche Reportage aus den drei Heften, die uns der langjährige Lkw-Fahrer Kai Hülsiepen aus Heiligenhaus dankenswerterweise aus seiner umfangreichen Sammlung ausgeliehen hat, eingescannt und für die Fans der 80er Jahre hier online gestellt. Viel Vergnügen dabei.

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Wie groß war die Freiheit wirklich?

Doch wie groß war die Freiheit der Fahrer in den 80er Jahren wirklich? Ich habe damals natürlich auch die beiden kritischen Bücher über die Transportbranche gelesen, zum einen „Das bisschen Fahren - Arbeits- und Lebensbedingungen von Fernfahrern“ von Günther Plänitz, einer soziologischen Studie, und „Giftig! Ätzend! Explosiv“ von Michael Schomers, der, wie später ein Günter Wallraff, als Fahrer einer renommierten Tankspedition undercover vor allem von überlangen Arbeitszeiten, die Willkür der Unternehmer und ihrer Disponenten sowie die Einsamkeit des Langstreckenfahrers berichtet, von Arbeitszeiten bis zu 80 Stunden und länger pro Woche, von gefälschten Urlaubsbescheinigungen und von Lenkzeiten bis zum Umfallen beziehungsweise zum Abkommen von der Autobahn. Unfälle am Stauende gab es dagegen kaum – weil es auf Grund des geringeren Verkehrs auch kaum Staus gab.

Im großen Fahrerstreik der ÖTV von 1983 hat sich der ganze Frust dann gezeigt – und entladen. In diesem Sinne hat sich mit der Einführung der neuen Sozialvorschriften mit der EU-Verordnung 561/2006 meiner Meinung nach doch vieles zum Besseren gewandelt. Manches zum Schlechteren. Aber das sind die Probleme, über die ich heute als freier Autor des FERNFAHRER regelmäßig berichte.

Es bleiben die schönen Erinnerungen

Wie ich in meinem Blog zum Thema Fahrermangel ausführlich geschildert habe, bilden viele Fahrer, die in den 80er Jahren in den Beruf fanden, nach wie vor die Basis des vor allem sehr zuverlässigen Stammpersonals der meisten deutschen Frachtführer. Aber sie gehen nun nach und nach in Rente. Viele können es sich allerdings gar nicht leisten, in Rente zu gehen, weil sie damals zu viele Spesen bevorzugt haben statt in die Rentenkasse zu zahlen. Und einige leiden heute an den Spätfolgen des auf Dauer wenig gesunden Berufs.

Dennoch: Die von vielen offenbar trotz aller Widersprüche als schön empfundene Zeit der 80er Jahre bleibt in der kollektiven Erinnerung und kommt angesichts der heutzutage immer krasseren Zustände auf den Autobahnen immer wieder hoch oder wird bewusst gehegt. Ich kann das, weil auch ich diese „gute alte Zeit“ persönlich erlebt habe, absolut nachvollziehen.

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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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